Wohnungslose? Wenn ich mir Wohnungslose vorstelle, denke ich zuerst an Menschen, die auf Parkbänken schlafen, in Hauseingängen, in Fußgängerzonen. Jedenfalls in der Stadt. Aber wer sagt eigentlich, dass es auf dem Land anders ist?

Ich bin in Waldbröl verabredet, einem 19.000-Einwohner-Städtchen zwischen Köln und dem Sauerland. Hinter dem Ortsausgang fahre ich über eine Landstraße, dann biege ich links ab zum Haus Segenborn. Susanne Hahmann leitet die Unterkunft für bis zu 35 Wohnungslose. „Die Situation war noch nie entspannt, aber in den letzten Jahren und Monaten hat sie sich zugespitzt“, erläutert sie. Allein im Oberbergischen Kreis, zu dem Waldbröl gehört, gebe es über 1000 Wohnungslose – bei 271.000 Einwohnern. Drei von ihnen wollen heute mit mir über ihre Situation reden.

Claudia, die 35 Jahre alt ist und eigentlich anders heißt, ist mit ihrer 15-jährigen Tochter seit einem halben Jahr wohnungslos. Ihre gemeinsame Wohnung im thüringischen Saalfeld sei zwangsgeräumt worden, als sie wegen einer Depression behandelt wurde und sich die Mahnungen ungeöffnet stapelten. Also ging Claudia nach Nordrhein-Westfalen, zur Mutter, lernte einen Mann kennen, zog mit ihm und ihrer Tochter nach Gummersbach. Nach weniger als einem Jahr konnte er die Miete nicht mehr zahlen, Claudia und ihre Tochter standen erneut auf der Straße.

Dennis, 29, hat seit zehn Jahren keine Wohnung mehr. Er kam in sozialen Einrichtungen unter, schlief unter freiem Himmel, war zusammengerechnet sechs Jahre im Gefängnis wegen Drogen und Beschaffungskriminalität. Seit anderthalb Jahren lebt er im Haus Segenborn, ist im Methadonprogramm. Bald will er ausziehen – als Dauercamper auf einen Campingplatz.

Steven, 24, heißt ebenfalls anders, hat es im Elternhaus nicht mehr ausgehalten, die erste eigene Wohnung war aber auch nicht von Dauer. Gerade macht er den Führerschein, dann will er in Gummersbach eine Wohnung suchen: „Ohne Obdach, Duschen und Wäsche waschen kannst du einen Job direkt vergessen.“

Womit wir bereits mitten im Teufelskreis stecken, in dem sich viele Wohnungslose wiederfinden. Ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung. Dennis hat nach ein paar Besichtigungen aufgegeben: „Ich wurde gar nicht wahrgenommen.“ Er erzählt, dass Wohnungslosigkeit auf dem Land gar nicht so auffalle, weil viele abwechselnd bei verschiedenen Freunden unterkommen, verdeckte Wohnungslosigkeit nennt man das. Der Markt hat hier die gleiche Schwäche wie in der Stadt: Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum.

Die Schieflage sei mittlerweile bekannt, sagt Susanne Hahmann. „Es gibt mittlerweile einen Konsens, aber da passiert nicht genug.“ Deshalb entsteht eine Konkurrenz, wie Steven sie beschreibt: „Oft prügeln sich Studenten, Hartz-4-ler und Rentner mit wenig Geld um die Ein-Zimmer-Wohnungen.“ Und für dieses Segment des Wohnungsmarktes interessiert sich noch eine wachsende Zielgruppe: Anerkannte Asylbewerber. „Ich höre immer nur Flüchtlinge hier, Flüchtlinge da“, beschwert sich Steven. „Da wird was getan, das kotzt mich an. Die Leute aus dem Inland interessieren die Politik nicht.“ Und das könne man kaum sagen, ohne als rechts und Pegida abgestempelt zu werden.

Hier ist also eine Angst, in direkter Konkurrenz den Kürzeren zu ziehen. Auf das Thema Angst angesprochen, nennen alle drei den weiteren persönlichen Weg. Claudias größte Angst ist, „dass ich in einem Jahr noch mit meinem Kind hier festhänge.“ Dennis hat das konkrete Ziel, dass mit 30 alles in Ordnung ist. Dazu sei der Campingplatz ein guter erster Schritt.

Rainer Schröder hat es geschafft, in eine eigene Wohnung zurückzukehren. Schröder ist 67 und trägt einen langen weißen Rauschebart, den der Schnupftabak unter der Nase gelb-bräunlich verfärbt hat. Er hat ein Arbeitsleben als Konstrukteur im Kraftwerksbau hinter sich, bis die Firma Stellen streichen musste. Er pachtete einen Weinberg an der Mosel, bis der Zoll ihm das untersagte, zurück in der Heimat landete er mittellos im Haus Segenborn. Von dort zog er recht bald in eine WG, seit vier, fünf Jahren wohnt Schröder wieder allein. Trotzdem engagiert er sich im Haus Segenborn, vor allem aber in politischen Gremien wie der Nationalen Armutskonferenz.

Porträt von Rainer Schröder

Rainer Schröder war eine Zeit lang selbst wohnungslos.

David Ehl

In den letzten Jahren ist die Situation für Wohnungslose immer schlechter geworden“, sagt Schröder und führt das auf die Agenda 2010 zurück. Ob der Druck wegen der Flüchtlinge weiter steige, will ich wissen.

Es fehlen nicht Flüchtlingswohnungen, es fehlen bezahlbare Wohnungen“, zitiert Schröder die Aussage eines Architekten im „Spiegel“. Einen direkten Konkurrenzkampf sieht Rainer Schröder bislang nicht, aber: „In Ballungszentren entsteht vielleicht Missmut, wenn man selbst sucht und dann Container für 800 bis 1000 Flüchtlinge aufgestellt werden.“ In der Gesellschaft, sagt Schröder, herrsche eine Einstellung vor: „Die Flüchtlinge können nichts für ihre Situation, unsere Wohnungslosen hingegen sind selbst schuld.“

Auf die Frage, was passieren müsste, antwortet Schröder: „Der soziale Wohnungsbau muss wieder auf die Beine gestellt werden. Gleichzeitig muss man den Heuschrecken einen Riegel vorschieben.“ Unter dem Strich sei es sogar günstiger, wenn die Wohnungen der öffentlichen Hand gehörten und die Ämter somit Wohnbeihilfen an öffentliche Genossenschaften zahlten anstatt an private Eigentümer.

Später, im Auto, stimmt mich ein Gedanke positiv: Wenn in diesem Jahr so viel über Flüchtlingsunterbringung geredet wird, dann wird auch endlich der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, den meine Gesprächspartner in Waldbröl unisono beklagten, offenkundig. Und weil der soziale Frieden für die Politik gerade besonders wichtig ist, ist der richtige Zeitpunkt, das Problem anzugehen. Wenn jetzt die Versäumnisse im Wohnungsbau aufgeholt werden, haben alle etwas davon.

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