Seit Wochen fahre ich durch Deutschland, durch Dörfer und Städte, alten und neuen Ängsten auf der Spur. Nun möchte ich einen Schritt zurücktreten. Wie entsteht aus den Emotionen Einzelner eine politische Stimmung, ein gesellschaftlicher Wandel? An der Hochschule Stendal treffe ich den Politikpsychologen Thomas Kliche. Er empfängt mich in seinem Büro.

Herr Kliche, was hat die politischen Veränderungen der vergangenen Monate eigentlich ausgelöst?

Kliche: Das Jahr 2015 wird im Rückblick wahrscheinlich als doppelter Geschichtsbruch wahrgenommen werden. Es gab eine ganze Serie von Ereignissen, die den Deutschen auf die Nase bindet, dass wir eingebunden sind in ein internationales Geflecht. Die Griechenlandkrise, die TTIP-Diskussionen, Terroranschläge in Paris, Klimagipfel in Paris, und dann hatten wir die Flüchtlinge. Globalität bedeutet Veränderungsbedarf und die Frage: Müssen wir teilen? Und vor nichts hat ein raffgieriger Abkömmling des Spätkapitalismus mehr Angst als vor der Vorstellung, etwas von seinem Reichtum abgeben zu müssen.

Wieso war der Geschichtsbruch gleich doppelt?

Kliche: Der zweite Punkt ist ein Bruch des psychologischen Kontrakts zwischen Kanzlerin Merkel und dem Volk: Diese Idee von Politik als ein unaufwändiges Konsumgut war Merkels bisheriges Erfolgsrezept. Und diese Frau hat jetzt in einer historischen Situation eine intuitive, kluge, richtige, begründbare und keineswegs nur moralisch getriebene Entscheidung getroffen, die diesen alten Kontrakt in Frage stellt.

Wie kann die Politik, wie kann die Gesellschaft gegensteuern?

Kliche: Die Parteien, indem sie Mut haben. Die Politiker, indem sie bereit sind, sich unbeliebt zu machen und ihre Karriere zu opfern. Und die gutwilligen und weit blickenden Menschen, indem sie sich zusammen schließen und neue Organisationen gründen. Und das ist keine kurzfristige flashmobartige Facebook-Aktion, sondern etwas Langfristiges, so wie die Arbeiterbewegung. Quasi Volksbewegungen, die sich als Interessengemeinschaft organisieren.

Aber genau das ist doch auch Pegida.

Kliche: Pegida ist eine militante und spontanistische Variante davon. Ich denke eher an die Bürgerrechtsbewegung in den USA, eher an die Friedensbewegung.

Zumindest aktuell ist aber Pegida die lautere Stimme in der Gesellschaft. Wie sollte man darauf reagieren?

Kliche: Geduld haben, Nerven behalten, dranbleiben, sich äußern. Der Nazi-Vergleich ist irreführend, aber es gibt eine große Ähnlichkeit, nämlich im Klang. Pegida kommuniziert Aufbruch, Jugendkraft und die selbstverständliche Naivität, man spräche für DAS Volk.

Wie kann man diejenigen, die jeden Montag „das Volk“ sind, wieder in die Gesellschaft integrieren?

Kliche: Die kriegt man genauso wenig zurück wie die abgedrehten Salafisten. Das ist ein Kampf, der ausgetragen werden muss. Wenn sie verlieren, dann werden sie zwar ihre Überzeugung nicht verlieren, aber in der Bedeutungslosigkeit versacken.

Ist die Zivilgesellschaft entschlossen genug, um diesen Kampf aufzunehmen?

Kliche: Ich war verblüfft und verwundert, was im vergangenen Jahr in Deutschland an Zivilgesellschaft unterwegs war. An der unglaublichen Menge an Helfern im August, September konnte man ablesen, dass die Gesellschaft selbst intuitiv eine Entscheidung getroffen hatte.

Diese Entscheidung trägt ein lauter Teil aber nicht mit.

Kliche: Wenn Deutschland gespalten ist, dann nicht zwischen rechts und links – sondern zwischen denen, die bereit sind, etwas für die Gemeinschaft und Menschlichkeit zu tun, und denen, die nur für sich selbst etwas tun. Auch das wird ausgetragen werden, und das bedeutet, da wird es Gewinner und Verlierer geben.

Sie haben analysiert, wer in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt hat. Mit welchen Wählertypen haben wir es zu tun?

Kliche: Da haben wir einerseits einen soliden Bodensatz an bekennenden Rechtsextremen mit einer rassistischen, völkischen Grundüberzeugung. Ein zweites Potenzial sind CDU-Wähler, die wollen, dass die CDU wieder konservativer wird und sich nicht mehr recht vertreten fühlen. Und gerade in Sachsen-Anhalt haben wir eine dritte Gruppe: Nämlich die, die vollkommen entfremdet von jeder Art von Politik und Gesellschaft sind. Das sind zum Beispiel Leute, die in der schönen bunten Welt der Verschwörungstheorien im Internet leben.

Welche Rolle spielt Angst dabei?

Kliche: Angst ist für eine vierte Gruppe von Bedeutung: Die der sozial Benachteiligten, die signalisieren will: „Wir haben Angst, noch weiter benachteiligt zu werden, wenn sich die Solidarität an die falschen Leute wendet.“ Der Prozentsatz ist unklar, aber es reicht ja, wenn aus jeder Ecke drei, vier, fünf Prozent zusammenkommen.

Warum wählen derart unterschiedliche Gruppen dieselbe Partei?

Kliche: Der gemeinsame Nenner für diese vier Gruppen ist die Ausgrenzung: Die Rechtsextremen freuen sich über Ausgrenzung prinzipiell, die CDU-Erziehungswähler freuen sich, wenn sexuelle Minderheiten ausgegrenzt werden, die Protestwähler finden toll, wenn in diesem System überhaupt irgendetwas knirscht, wenn etwas schadet. Und die Wirtschaftsangst-Wähler freuen sich, wenn ihr Deutschsein so wichtig ist, dass dafür andere warten müssen.

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