Die Pharmaindustrie rühmt sich dafür, dass sie ihre Zahlungen an Ärzte und Spitäler veröffentlicht. Aber: Bei fast der Hälfte dieser Gelder bleibt intransparent, wer sie bekommt.

Dieser Text erscheint auch beim Schweizer Beobachter und begleitet die Aktualisierung unserer „Euros für Ärzte“-Datenbank für die Schweiz.


Rund 155 Millionen Franken zahlten Pharmafirmen in der Schweiz im vergangenen Jahr an Ärzte, Spitäler und Gesundheitsorganisationen. Das sind gut 16 Millionen Franken mehr als im Vorjahr. Solche Pharmazuwendungen an Ärzte sind problematisch. Sie beeinflussen den Entscheid, welche Medikamente verschrieben werden. Das haben verschiedene Studien klar nachgewiesen. 

Die 59 in der Schweiz tätigen Pharmafirmen haben den sogenannten Pharma­Kooperations­Kodex unterzeichnet. Darin verpflichten sie sich, alle Geldzahlungen an medizinisches Personal und Einrichtungen offenzulegen. Mit diesem Kodex kamen sie einer gesetzlichen Regelung zuvor. Jetzt wurden die Zahlen zum zweiten Mal publiziert. 

Doch wer wissen möchte, ob sein Arzt oder sein Spital Zahlungen von der Pharma entgegengenommen hat, muss fast 60 Websites aufrufen und sich durch jede einzelne durchackern. Denn jede Firma publiziert die Zahlen für sich. Aus diesem Grund hat der Beobachter in Zusammenarbeit mit der Stiftung für Konsumentenschutz und dem deutschen Recherchezentrum correctiv.org alle Zahlen, Namen und Bezeichnungen zusammengetragen. In der Datenbank kann man die Schweizer Zahlen ab sofort nachschlagen. 

Ärzte kassieren Millionen

9,4 Millionen Franken flossen 2016 direkt an insgesamt fast 5.000 Ärzte in der Schweiz. Novartis, Pfizer, Roche & Co. zahlten etwa Gebühren für Fachtagungen oder übernahmen Reise­- und Übernachtungskosten sowie andere Spesen. Geld gab es auch, wenn Ärzte als Referenten auftraten oder Pharmafirmen beraten haben – zum Beispiel in einem sogenannten Advisory Board, einem Beirat. 

Wie viele Ärzte an der Transparenzoffensive mitmachen und die Pharmagelder veröffentlichen lassen, ist allerdings unklar. Die Industrie regelt das so kompliziert, dass es nicht rekonstruiert werden kann. Bekannt ist nur, dass zusätzlich 4,6 Millionen Franken an geschätzt 3.500 namentlich nicht genannte Ärzte fließen. Sie weigerten sich, mit ihren Namen zu den Geldern zu stehen. 

Rund ein Viertel der Ärzte wollten ihren Namen geheimhalten, sagt der Branchenverband Scienceindustries. Die Auswertungen des Beobachters und des Konsumentenschutzes legen aber den Schluss nahe, dass dieser Anteil höher ist. Demnach dürfte fast jeder dritte Arzt nicht mit seinem Namen dazu stehen, dass er von der Pharmaindustrie Geld nimmt. 

Jürg Granwehr, Leiter Pharma bei Scienceindustries, zieht trotzdem ein positives Fazit: „Was den Anteil der Zuwendungsempfänger betrifft, die ihren Namen veröffentlichen, stellen wir eine positive Entwicklung fest. Trotzdem sind wir noch nicht flächendeckend am Ziel. Nach wie vor müssen wir Überzeugungsarbeit leisten.“ 

Sponsorengelder für Institutionen

Der grösste Teil der Gelder – 92 Millionen Franken – ging aber an Spitäler sowie an Organisationen wie Ärztenetzwerke, Weiterbildungsveranstalter oder Patientenorganisationen. In den meisten Fällen handelt es sich um sogenannte Sponsorengelder. Wofür sie genau eingesetzt wurden und wer im Einzelnen davon profitiert hat, ist nicht klar. Immerhin sind bei 4.148 Zahlungen die Institutionen namentlich aufgeführt. In mehr als 900 Fällen aber haben Organisationen verhindert, dass ihr Name publik wird. 

Das führt teils zu skurrilen Situationen. So legt Pfizer Sponsorenbeiträge an Spitäler und Institutionen im Umfang von mehr als drei Millionen Franken nur anonymisiert offen. Und der Schweizer Ableger der Pharmafirma Servier zahlte einer nicht bekannten Institution 123.394 Franken Reisekosten und Übernachtungsspesen. Ob für eine oder mehrere Personen, ist unbekannt. 

Mit Transparenz hat das wenig zu tun. Das findet auch Walter Reinhart, ehemaliger Chefarzt des Kantonsspitals Graubünden. „Wenn die Reisespesen das Zehnfache des Vortragshonorars betragen, wirft das Fragen auf“, sagt der Vorsitzende der Kommission Zusammenarbeit Ärzteschaft – Industrie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Er engagiert sich seit vielen Jahren für mehr Transparenz. Trotzdem will Reinhart der Selbstregelung der Pharmaindustrie die Chance zugestehen, sich zu verbessern. Er erwarte grundsätzlich vollständige Transparenz, sagt er. Aber: „Wenn sich der Anteil der offengelegten Zahlungen nicht verbessert, wird die Transparenz­initiative zur Alibiübung.“ 

Leidiges „Forschungsgeheimnis“

Die Pharmaindustrie macht nur halbherzig mit. Nur bei rund 85 der 155 Pharmamillionen legt sie die Empfänger offen. Denn in den Listen der Industrie gibt es neben den anonym ausgewiesenen Geldern für Ärzte und Gesundheitseinrichtungen eine weitere Rubrik: „Forschung und Ent­wicklung“. Darunter fallen 48,7 Millionen Franken, die an nicht namentlich bekannte Spitäler, Organisationen und Institutionen geflossen sind. 

Bei der Pharmabranche heisst es dazu, man könne das wegen des Forschungsgeheimnisses nicht einzeln offenlegen. Unter „Forschung und Entwicklung“ fallen aber nicht nur klinische Studien, sondern auch die für Marketingzwecke gern benutzten ärztlichen „Erfahrungsberichte“ oder „Anwendungsbeobachtungen“ – sprich: unwissenschaftliche Erhebungen. 

Dabei erkundigen sich die Ärzte bei ihren Patienten im Zuge einer Therapie nach Wohlbefinden und Nebenwirkungen. Was die Patienten nicht wissen: Den Fragebogen liefert die Pharmafirma, der Arzt wird entschädigt. Wie viel Geld in wissenschaftliche Studien und wie viel in Marketingerhebungen fließt, verschweigen die Pharmafirmen. 

Auch wenn Zuwendungen an Institute und Organisationen gehen, bleiben Fragen offen. Die Europäische Lungenliga (ERS, in Lausanne) etwa erhält 2,3 Millionen Franken, die Europäische Krebs­Gesellschaft (ESMO, in Lugano) gar 10,3 Millionen. Welche Ärzte profitieren letztlich davon? Werden mit diesen Geldern Kongresse und Tagungen für Ärzte vergünstigt? Oder Beratungs-­ und Referentenhonorare an Mediziner verschleiert? 

Furcht vor dem Transparenzgesetz 

Jürg Granwehr vom Branchenverband Scienceindustries sagt dazu lediglich: „Wir sehen gewisse Herausforderungen.“ Man wolle mit „adäquatem Aufwand möglichst große und verlässliche Transparenz“ schaffen. Der Branchenverband prüfe, die eigene Regelung zu  „optimieren“.

Einige Pharmafirmen beginnen umzudenken. Sie geben nur noch Gelder, wenn Ärzte und Spitäler namentlich dazu stehen. Das tun sie nicht ganz freiwillig. Im Hintergrund droht eine gesetzliche Regelung, falls mit der Selbstregulierung keine wirksame Transparenz durchsetzbar ist. Wie etwa in den USA, wo alle Pharmazuwendungen in einer zentralen Datenbank veröffentlicht werden. Einer solchen Regelung möchten Pharmafirmen in der Schweiz zuvorkommen. 

Die Stiftung für Konsumentenschutz hat eine klare Forderung. „Die Pharmafirmen müssen alle Empfänger aufführen, auch wenn diese nicht einverstanden sind“, verlangt Ivo Meli, Leiter Gesundheit. „Leider hat die Selbstregulierung zu viele Schlupflöcher.“ Deshalb müsse der Bund nun eine verbindliche Regulierung ein­führen. Intransparente Geldflüsse im Gesundheitswesen seien besonders heikel, weil nicht nur die Gesundheit von Patienten betroffen sein könne, sondern auch die Sozialkosten der Allgemeinheit.

Weitere Mitarbeit: Anina Frischknecht, Elio Bucher, Romain Ghibellini (Stiftung für Konsumentenschutz) und Datalets.ch.

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