Manche Flüchtlinge leben ohne gültige Papiere in Deutschland, bei anderen wird der Asylantrag abgelehnt. Wer nicht freiwillig ausreist, landet schnell in einem Abschiebegefängnis. Eines der größten liegt in Büren, Westfalen. Hier sitzen zur Zeit knapp 50 Menschen ein. Was denken sie dort kurz vor der Abschiebung?

In einem Wald bei Paderborn steht ein ehemaliges Gefängnis. Offiziell hat es den sperrigen Titel: Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige Büren, viele nennen es einen Abschiebeknast. Er ist einer der größten der Republik. Hierher werden jene Flüchtlinge gebracht, die Deutschland nicht da haben will. Weil sie ohne Papiere – unsichtbar – hier gelebt haben. Weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Manche auch weil sie straffällig wurden. Vor allem Männer sitzen hier ein, durchschnittlich zwei Wochen lang. Wer im Bus zurück auf den Balkan muss, wartet nicht so lange wie jemand, der im Flugzeug nach Westafrika gebracht wird. Einige kommen kurz vor knapp wieder frei, etwa weil sie in Büren erst einnen Asylantrag gestellt haben.

Knapp 20.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus Deutschland abgeschoben worden, doppelt so viele wie in 2014. Die Bundeskanzlerin, ihr Innenminister, der SPD-Justizminister und viele andere finden, es seien immer noch zu wenige gewesen. „Die Zahl der Menschen, die wir zurückgeführt haben mit einem abgelehnten Asylbescheid, war viel zu gering“, sagt Angela Merkel.

Was sind das für Menschen, die die Politik gerne abschieben will? Was denken die Betroffenen kurz vor ihrer Abschiebung? Wen werden sie vermissen? Wer wird sie daheim in den Arm nehmen? Was ist ihre Botschaft an uns? Und wie gerecht finden Sie Abschiebungen?

CORRECTIV hat mehrere Insassen in Büren kurz vor ihrer Abschiebung mit der Kamera interviewt. Es war ein schwieriges Projekt, dem ein monatelanges Ringen mit den örtlichen Behörden vorausging. Abschiebungen sind ein brisantes Thema – das unser Land noch lange begleiten wird.

Fünf Abschiebehäftlinge haben uns ihre Geschichte erzählt:


Azar, 26, aus Azerbaidschan

Die Kämpfe zwischen Azerbaidschan und Armenien um den Berg Karabach sind kürzlich wieder entfacht. Für den 26-jährigen Azar aus Azerbaidschan war der schwelende Konflikt vor einem Jahr der Grund für die Flucht. Er sagt, er habe schlimme Dinge erlebt, er sei verfolgt worden, er habe Dokumente, die das beweisen. In Deutschland habe er sich fast ein Jahr mit einer falschen Identität als Paketzusteller durchgeschlagen. Dann kam die Polizei. Jetzt soll er zurück nach Azerbaidschan. Er sagt, er schlafe sehr schlecht.

Azar ist unmittelbar nach unserem Interview entlassen worden. Seine Ausreisepflicht wurde aufgehoben.

Yunus, 32, aus der Türkei

Yunus kommt aus dem Osten der Türkei. Er habe als Kurde gegen den IS gekämpft, erzählt er, zusammen mit der Miliz YPG, bevor er vor über zwei Jahren habe fliehen müssen. In Deutschland lebte er unter bulgarischer Identität. Für Menschen, die ebenfalls nach Deutschland fliehen, hat Yunus eine deutliche Botschaft.

Aboubacar, 29, aus Guinea

Abdolaye heißt eigentlich Aboubacar und kommt aus Mali, sagt er. Er ist vor acht Jahren nach Westdeutschland gekommen, hat sich als Guineer ausgegeben und seinen Pass versteckt, wie so viele Westafrikaner. Aboubacar wurde geduldet, doch nun hat es ihn erwischt: Bei einer Vorführung habe der guineeische Botschafter ihn als Landsmann ausgewiesen – obwohl er aus Mali komme. Jetzt sei sein Leben zerstört, Aboubacar rechnet mit dem Schlimmsten.

Andis, 27, aus Albanien

Andis aus Albanien befindet sich wie viele Geflüchtete vom Balkan im europäischen Verschiebe-Kreislauf: Von Albanien ging es über Schweden nach Deutschland. Dann wurde er zurück nach Schweden überstellt und von dort an den Anfang, nach Albanien abgeschoben. Mit falschem Namen war er noch einmal in Westdeutschland unterwegs – samt Frau und Sohn. Nun muss die Familie zurück nach Albanien. „Nicht normal“, findet Andis.

Farhan, 28, aus Pakistan

„Fanny“ aus Pakistan hat drei Jahre in Westdeutschland Asyl gesucht. Die Liebe aber zog ihn in den Norden. Seinen Papierkram im Westen hat er schleifen lassen – als er doch einmal seine Duldung verlängern wollte, hat man schon auf ihn gewartet. Jetzt steht seine Liebe auf dem Spiel.

Wir danken dem Team der UfA Büren. Zu den Betroffenen kann benedict.wermter@correctiv.org ggf. Kontakt herstellen.

 

Kamera: Carl Gierstorfer
Übersetzung: Serkan Deniz