Eine ARD-Dokumentation beleuchtet erstmals, wie verbreitet Doping in Brasilien ist. Im Zentrum steht dabei der Verdacht, dass sich Fußball-Weltmeister Roberto Carlos von einem dubiosen Doktor hat behandeln lassen. Der Arzt, der Sportlern verbotene Substanzen verkauft, macht selbst vor Kinderdoping nicht Halt.

Die Dokumentation „Geheimsache Doping - Brasiliens schmutziges Spiel“ ist auf Deutsch und Englisch in der Mediathek der ARD abrufbar.

Im Mittelpunkt der TV-Doku steht ein Dossier, das die brasilianische Anti-Doping-Agentur ABCD im Herbst 2015 an die Staatsanwaltschaft von São Paulo übergeben habe. Auf hunderten Seiten gehe es um die zweifelhaften Praktiken des Arztes Júlio César Alves. Behandlungsbelege, Rezepte und Zeugenaussagen. Auf zahlreichen Seiten sollen sich Dopingbezüge finden, erklären die ARD-Reporter. Ein Patient dieses Arztes habe Fussballstar Roberto Carlos im Juli 2002 in der Praxis gesehen. Wenige Tage nachdem Brasilien mit Carlos das deutsche Team im Finale in Yokohama besiegte. Die Seleção wurde zum fünften Mal Weltmeister.

Konsequenzen hatte der Bericht für Alves und seine Patienten keine. Die Staatsanwaltschaft selber gibt gegenüber der ARD an, den Stand des Verfahrens nicht zu kennen. Die Journalisten nehmen die Spuren des Berichts auf und zeigen in ihrer Dokumentation, wie schwerwiegend die Vorwürfe sind.

Verdeckte Aufnahmen in einer Praxis

Die Journalisten treffen sich gleich mehrmals undercover mit Alves. Sie nutzen dabei verschiedene Identitäten. Sie geben sich aus als an Doping interessierte Sportler und Berater europäischer Profifußballer. Dem vermeintlichen Sportler stellt Alves ein Dopingprogramm zusammen. Vor den Beratern beginnt der Mediziner über seine Kunden zu plaudern.

So gehörten Tour-de-France-Radsportler ebenso zu seinen „Patienten“ wie Profi-Fußballer. Auch aus Europa. Er spricht davon, dass unter seinen Patienten 2013 „zwei Spieler aus der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft” gewesen seien.

In einer Skype-Schalte mit den vermeintlichen Kunden prahlt er von der Zusammenarbeit mit Roberto Carlos. „Er kam schon mit 15 Jahren zu mir. Ich habe seine Oberschenkel entwickelt“, behauptet Alves. Neben der Zeugenaussage im Dossier, was an die Staatsanwaltschaft ging, ist diese Aussage ein weiterer Beleg, dass der Arzt den Spitzenfußballer Carlos behandelte.

Fußballer Carlos selber wollte sich zu den Vorwürfen gegenüber der ARD nicht äußern und meldete sich erst nach dem Bericht auf seiner Facebook-Seite zu Wort. Er kenne den Arzt nicht und habe sich zu keinem Zeitpunkt künstlich einen Vorteil gegenüber anderen Sportlern verschafft, sagt Carlos.

Hat Alves Kinder gedopt?

Alves scheint selbst vor Kinderdoping nicht zu scheuen. Das beste Alter sei 13 bis 14 Jahre, um mit einer Behandlung anzufangen, sagt Alves im Gespräch mit den verdeckten Reportern. Er verzögere die Pubertät mit Antiöstrogenen. „Dann entwickele ich die Muskeln“, sagt Alves in der Dokumentation. Antiöstrogene werden in der legalen Medizin eigentlich genutzt, um bei Krebspatienten das Wachstum von Tumoren zu hemmen. Eine ehemalige Leichtathletin berichtet, wie sie von Alves gedopt wurde und als 19-jährige die Südamerika-Meisterschaft gewann. Alves hätte ihr auch beigebracht, wie sie Dopingproben verfälsche.

Welche negativen Auswirkungen Doping gerade bei Kindern und im Jugendalter haben kann, verschweigt der Arzt.

Die Journalisten berichten zudem über eine Fabrik in Paraguay, die sich auf die Produktion von Dopingmitteln spezialisiert hat. Wieder ist eine Scheinidentität der Türöffner. Als „Vertreter europäischer Profifußballer“ bekommen sie eine Führung durch die Produktionsstätte und sehen wie Pillen und Dopingflüssigkeiten im Sekundentakt übers Laufband rollen. Der Geschäftsführer erklärt, zu seinen Kunden würden auch Fußballer aus Brasilien und Argentinien zählen. Physiotherapeuten würden für eine ganze Mannschaft einkaufen. Gerade in der Aufbauphase nach Verletzungen seien die Mittel der Dopingfabrik gefragt.

Der Film zeigt auch, wie löchrig das Kontrollsystem in Brasilien ist. Ein weltweites Problem im Fußball. Auf fussballdoping.de haben wir berichtet, wie lückenhaft die Kontrollen bei der Weltmeisterschaft 2014 und Europameisterschaft 2016 waren. Besonders schlampig scheint es dabei in den höchsten brasilianischen Fußballligen zuzugehen. Die ARD-Journalisten beobachten den Ablauf einer Dopingkontrolle nach einem Spiel des Erstligisten Palmeira. Nach dem Abpfiff können Spieler unbeobachtet zum Kontrollraum laufen, werden während der Kontrolle von Betreuern besucht und bekommen von ihnen Getränke und Essen gereicht. Viele Lücken, die den Fußballern Chancen eröffnen, ihre Probe zu manipulieren.

Obwohl mangelhaft kontrolliert wird, wurden in den vergangenen Jahren immer wieder auch Fußballer positiv getestet. Seit 2003 flogen mindestens zehn Fußballer in den brasilianischen Top-Ligen auf. Darunter prominente Namen, wie Champions League Sieger Deco.

Inzwischen melden Medien, die Welt-Anti-Doping-Agentur habe nach der Ausstrahlung der Dokumentation eine Untersuchung eingeleitet.


Auf fussballdoping.de berichten wir seit 2012 über Doping im Fußball. Haben Sie Hinweise? Kennen Sie Missstände im Sport, die an die Öffentlichkeit gehören? Oder Ideen für Recherchen im Fußball? Dann kontaktieren Sie unseren Reporter Jonathan Sachse.

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