Ein neues Leak der russischen Hackergruppe „Fancy Bear“ dürfte die Fußballwelt erst einmal in Atem halten. In den Dokumenten finden sich womöglich hunderte unveröffentlichte Dopingfälle. Vier deutsche Nationalspieler sollen bei der WM 2010 dank Ausnahmegenehmigungen umstrittene Substanzen genommen haben. Unklar ist, ob sämtliche Daten echt sind. Wenn ja, bieten sie den bislang tiefsten Einblick in ein Dopingkontrollsystem, das im Fußball zahlreiche Lücken aufweist.

Die Gruppe „Fancy Bear” hat am Dienstag drei Dokumente auf der eigenen Website veröffentlicht.

Darin sind 229 positive Dopingproben von Fußballern erfasst, die Labore im Jahr 2016 entdeckt haben. Dazu finden sich Details zu fast 10.000 Dopingproben, die seit 2015 weltweit in Laboren analysiert wurden. Namentlich werden 25 Nationalspieler genannt, die bei der WM 2010 medizinische Ausnahmegenehmigungen für teilweise verbotene Substanzen erhalten haben sollen.

Dokument 1: Medizinische Ausnahmegenehmigung für WM-Nationalspieler

Unter einem Logo des Fußball-Weltverbandes Fifa stehen in einer Liste die Namen von 25 Nationalspielern aus 13 Nationen, die bei der WM 2010 in Südafrika teilweise verbotene Substanzen für den eigenen Gebrauch ausgewiesen haben sollen. Darunter vier deutsche Nationalspieler.

Demnach sicherten sich die Nationalspieler Ausnahmegenehmigungen, um „Salburtamol“ nutzen zu dürfen. Das ist ein Mittel, das Asthma-Patienten einnehmen, um die Atemwege zu verbessern und das gerade unter Radsportlern sehr beliebt ist. Obwohl sie schier unmenschliche Höchstleistungen bringen, bezeichnen sich zum Beispiel viele Fahrer bei dem Radrennen Tour de France als Asthma-Patienten. Das ermöglicht die Einnahme von mehr leistungssteigernden Substanzen.

Auch bei der argentinischen Nationalmannschaft tauchen in der Liste der russischen Hacker fünf Nationalspieler auf, die alle die Verwendung von „Betamethasone“, ebenfalls ein Asthmamittel, angemeldet haben sollen.

Die deutsche Anti-Doping-Agentur (Nada) hat keine Informationen für die genannten deutschen Fußballer vorliegen, verweist aber auf Anfrage darauf, dass vor einigen Jahren Sportverbände die Anwendung von Asthma-Wirkstoffen noch häufig „für vier Jahre am Stück” genehmigt hätten. Die in der Liste erfassten Nationalspieler könnten somit vor der WM die Medikamente deklariert haben. Heute hat sich der Ablauf verändert. Viele der damals angemeldeten Substanzen können heute frei verwendet werden, solange die Sportler definierte Tageshöchstdosen nicht überschreiten würden. 

Die Fifa reagierte zunächst nicht auf Anfragen. Der DFB nur teilweise:

Update 14:11 Uhr am 24.8.: Als Reaktion auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung hat der DFB in einer Stellungnahme die Echtheit der TUE-Angaben zu den eigenen vier Nationalspielern bestätigt. 

Dokument 2: Über 200 Dopingfälle im Jahr 2016

Am interessantesten im neuen Leak ist eine Tabelle, in der über 9.500 Dopingproben von Fußballern erfasst sind. Diese sollen zwischen 2015 und Februar 2017 in Laboren analysiert worden sein. Nach Angaben von „Fancy Bear” sollen diese Daten von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stammen.

Die WADA wird vermutlich erst im November in einem jährlichen Bericht veröffentlichen, wie viele Fußballer im Jahr 2016 positiv getestet wurden. Bestätigen sich die Angaben in dem Leak von „Fancy Bear“, gab es 229 positive Fälle im Jahr 2016 und noch zwei weitere positive Befunde im ersten Quartal 2017. Das wäre ein deutlicher Anstieg verglichen mit den 160 positiven Tests im Jahr zuvor.

Unklar ist, aus welchen Nationen die positiven Fälle kommen. In der Tabelle sind lediglich die Labore aufgeführt, die für die Analyse der Proben zuständig waren. In einem Kölner Labor wurden demnach 15 positive Proben entdeckt. In einem Labor in Dresden gab es vier auffällige Proben. Da die deutschen Labore auch Dopingproben andere Länder untersuchen, müssen dies nicht deutsche Sportler seien.

Interessant ist ein zweiter Reiter in der Tabelle. Darin sind 4.937 Dopingproben mit zahlreichen Detailangaben aufgeführt, die im Jahr 2015 analysiert wurden. Diese Daten – vorausgesetzt sie sind echt – bieten einen tiefen Einblick in das Kontrollsystem und dessen eklatante Lücken im Fußball.

Die Daten bieten Hinweise, welche Sportverbände und Anti-Doping-Behörden über einen positiven Fall informiert werden. In weiteren Spalten stehen die Dopingsubstanzen, auf die eine Probe analysiert wurde. Sprich: Daraus wäre auch erkennbar, welche Dopingmittel in der Regel nicht untersucht werden und bei welchen Substanzen somit die Chancen groß sind, selbst bei einer Dopingkontrolle unentdeckt davon zu kommen.

Vollständig ist dieser Datensatz auf keinen Fall. Den Jahresberichten der WADA ist zu entnehmen, dass über 30.000 Dopingproben im Jahr 2015 im Fußball untersucht wurden. Der Leak hat aber nur knapp 5.000 Proben in diesem Jahr erfasst. Für die Echtheit der Daten spricht, dass die Angaben sehr detailliert sind und teilweise Kommentare jeweils in den Landessprachen der Labor-Standorte enthalten.

Dokument 3: Neue Details zu bekannten positiven Fällen aus dem Jahr 2015

Die Hacker schreiben noch ein weiteres Dokument der WADA zu. In einer Tabelle sind 160 anonymisierte Dopingproben von Fußballern erfasst, die im Jahr 2015 positiv getestet wurden. Jeder positiven Probe sind Details zugeordnet, wie das Labor, was die Analyse durchgeführt hat, welche verbotene Substanz gefunden wurde und welcher Verband für die Kontrolle verantwortlich gewesen ist.

Für die Echtheit dieser Zusammenstellung spricht, dass die WADA in ihrem jährlichen Bericht „Anti-Doping Testing Figures“ wie im Leak genau 160 positive Dopingfälle im Fußball für das Jahr 2015 auflistet. Die Zahl ist also schon vor dem Leak bekannt gewesen und keinesfalls verheimlicht worden, wie die Hackergruppe andeutet. Zudem ist die Aussage der Hackergruppe irreführend, es würde sich bei jeder positiven Probe auch um einen Dopingfall handeln.

Tatsächlich beginnen mit einem positiven Test erst die eigentlichen Untersuchungen. Ein Athlet kann noch freigesprochen werden, wenn zum Beispiel Proben verschmutzt gewesen sind, eine Ausnahmegenehmigung nachgewiesen werden kann oder der Sportler nachweisen kann, dass er eine Substanz nicht bewusst eingenommen habe.

Auch ein deutscher Fall taucht in der Tabelle auf. Im Mai 2015 wurde ein Fußballer auf „Prednisolon“ getestet. Ein Kortison, was entzündungshemmend wirkt und im Wettkampf verboten ist, aber im Training erlaubt. Derselbe Fall taucht bereits im Jahresbericht der NADA zum Jahr 2015 auf. Auf Anfrage teilt die NADA mit, dass der Fall vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ohne Sanktion eingestellt wurde. Weitere Details könne die NADA nicht nennen und verweist auf den DFB, der über Sanktionen im Fußball entscheide. Bis zur Veröffentlichung hat der DFB unsere Fragen zu dem Fall nicht beantwortet.

Zu den einzelnen Proben finden sich in dem Leak neue Details. So kann jetzt nachvollzogen werden, welches Labor die Proben für welches Länder untersucht. Das brasilianische Anti-Doping Labor verlor bereits vor Jahren seine Lizenz. Seit 2015 untersuchen daher Labore in den USA und Kolumbien das Urin der brasilianischen Fußballer. Sie stießen auf elf positive Proben.

Auch die Dopingsubstanzen lassen sich in der Tabelle erstmals  für jeden einzelnen Fall zuordnen. In Mexiko zählten die Labore gleich 30 positive „Clenbuterol“ Fälle. In Kanada wurde im Januar 2016 gleich in vier Fälle Substanzen aus der Wirkstoffgruppe „SARM“ bei Fußballern entdeckt. Fußballer können damit gezielt bestimmtes Gewebe wie Knochen, Knochenhaut und Muskeln stärken. 

Die WADA teilte auf Anfrage von CORRECTIV mit, dass der Leak mit den 25 WM-Nationalspielern nicht aus den WADA-Systemen stammen würde und ihr System „sicher sei“. Die Behörde verurteile die Veröffentlichung von personenbezogenen Daten, ging aber gleichzeitig nicht auf Fragen zu den restlichen Leaks aus den Laboren ein.

Update 17:30 Uhr am 24.8.: Der Europäische Fußballverband Uefa hat die Echtheit aller fünf positiven Fälle bestätigt, die im Leak die Uefa als zuständige Behörde ausweisen. 

Wer steckt hinter dem Leak?

Die Hackergruppe „Fancy Bear“ hat in den letzten Monaten immer wieder neue Datensätze aus Sportverbänden veröffentlichen, meist mit Dopingbezug. Die Hacker, die auch unter der Bezeichnung APT28 bekannt sind, schreiben sich selbst dem führungslosen Internet-Kollektiv Anonymous zu. Diese Angaben sind irreführend. Die Initiative Wirtschaftsschutz, der auch Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz angehören, verschickte Ende August eine Warnung, in der es hieß: "Bei APT28 bestehen Indizien für eine Steuerung durch staatliche Stellen in Russland."

Dafür spricht auch, dass „Fancy Bear“ erst mit den Veröffentlichungen begann, nachdem in den letzten zwei Jahren Recherchen der ARD nach und nach ein flächendeckendes Dopingsystem in Russland aufdeckten. Russland steht im Verdacht, eigene Athleten systematisch zu dopen und mit Hilfe des russischen Geheimdiensts Dopingproben bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi manipuliert zu haben. Als Konsequenz durften russische Leichtathleten nicht an den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien teilnehmen. Aktuell wird diskutiert, ob die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland ausgetragen werden sollte.

Stimmt die Annahme deutscher Behörden über die Regierungsnähe der Hacker, liegt ihr Motiv auf der Hand: die Leaks machen mehr als deutlich, dass Doping im internationalen Sport nicht auf Russland beschränkt ist. 

Trotz des fragwürdigen Hintergrunds der Hacker bieten die Dokumente einen spannenden Einblick in das Dopingproblem des Fußballs.

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