Wie leben Menschen hinter Gittern? Wir haben acht Männer nach ihrem Alltag im Knast befragt. Wir begleiten sie bei der Aufnahme und spüren ihre Einsamkeit und ihr Ausgeliefertsein. Sie berichten von den Hierarchien unter Gefangenen, von Gangs, Gewalt, Drogen und der medizinische Versorgung. Täglich veröffentlichen wir eine neue Geschichte. In der ersten Folge: Ankommen im Strafvollzug. Das Beispiel Karl.

Dinge, auf die Karl* jetzt verzichten muss: Rinderrouladen.

Rouladen gehen direkt auf die Hüfte, sagt Karl, der, kurz nachdem er mit dem Alkohol vor etwa 15 Jahren aufgehört hat, mit dem Essen anfing. Dann war er zur Kur, Bluthochdruck und Asthma. Und so gesehen, sagt Karl, wird das alles gut im Gefängnis, auf keinen Fall will er da zunehmen.

Sport hat Karl bisher einmal die Woche im Fitnesscenter gemacht – Karl sagt: „Fitnesszentrum“ –, von der AOK finanziert. War beides immer recht anstrengend, das mit dem Sport, aber auch das mit der AOK.

Schwieriger: Zitronensaft. Seit Karl zur Kur war, trinkt er ausschließlich Mineralwasser mit Zitronensaft. Nicht den aus Zitronen, sondern das Konzentrat aus den Plastikflaschen, die wie Zitronen aussehen. Die im Knast? Sicher nicht. Übrig bleibt also nur Wasser.

Aber am schwersten wird: Handy und Internet.

Es sind typische Gedanken vor dem Haftantritt, die Karl hat. Mit ihnen betritt er um Punkt 13 Uhr, wie es auf der Ladung steht, die Justizvollzugsanstalt, die einst ein Schloss war und dieser Zeit noch hinterhertrauert. Was wird aus mir, was wird aus den anderen? Karl denkt an seine Freunde, sie sind seine Familie. Seine Eltern sind beide tot, eine Frau hat er nicht, Kinder auch nicht, er hat seine Gründe.

Wird, denkt Karl. Wird schon werden.

Aber was wird? Was bedeutet das überhaupt: Strafvollzug? Wie ist es, die Freiheit zu verlieren? Was macht das mit den Menschen, die in den Zellen sitzen – und jenen, die draußen warten?

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

Gefängnisse sind tote Winkel unserer Gesellschaft, Menschen verschwinden hinter Mauern – und damit aus unserer Wahrnehmung. Sie haben keine Stimme, weil die Gesellschaft sich draußen vor ihnen fürchtet. Aber sie haben viel zu erzählen, über ihr Schicksal, ihre Sorgen und Ängste und über das System, das sich Strafvollzug nennt. Ein Mikrokosmos, der sich Blicken von außen fast vollständig entzieht.

In Deutschland gibt es 166 Haftanstalten für Erwachsene. Etwa 63.000 Menschen sitzen ein, darunter 3.600 Frauen. Das sind die offiziellen Zahlen der Behörden. Rechnet man die Zu- und Weggänge mit, leben pro Jahr etwa 200 000 Menschen in Haftanstalten, weil dadurch die Gefängnisbetten mit dem Faktor 3,6 pro Jahr belegt werden.

Zahl der Justizvollzugsanstalten

Das Gefängnisnetz ist ein neuronales: Kleine Haftanstalten in der Provinz haben etwa 200 Plätze. Große, die in Ballungszentren der Bundesrepublik als Knotenpunkte dienen, haben mehr als tausend Insassen. Sie sind spezialisierte Städte in den Städten, in sich geschlossene Gesellschaften, die eine eigene Mülltrennung haben, Bäckereien und Zeitungsredaktionen. Manche stehen im Nichts, auf Wiesen, andere in Innenstädten. Und wenn man den Haftanstalten näher kommt, sieht man die Polizeiautos und die großen Busse mit ihren Gitterfenstern, die an den Wochentagen über das Land fahren und Häftlinge bringen wie der Schulbus die Kinder.

Das größte Gefängnis Deutschlands ist die JVA München. Dann kommt Köln. Dann Berlin-Tegel. Die Zahlen variieren je nach Quelle.

Karl ist auf dem Land, im Süden der Republik.

Sechs Monate ohne Handy

Wegen der Sache mit dem Handy wäre er fast zu spät gekommen, dann hätten sie Karl zur Fahndung ausgeschrieben. Karl ist Selbststeller, das bedeutet: Er reist selbst an, weil keine Gefahr besteht, dass er fliehen könnte, Zeugen einschüchtert oder Beweise vernichtet. Er wird nicht von der Polizei abgeholt oder aus dem Gerichtssaal geführt, sondern bekommt einen Stichtag und eine Uhrzeit auf einem streng aussehenden Stück Papier und muss sich dann melden. Ausgenommen von dieser Regelung sind nur Häftlinge, die vorsätzliche Tötungsdelikte, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Sexualstraftaten begangen haben.

Karl ist lange vor der JVA auf- und abgelaufen. Er ist 60, klein und ein bisschen rund – Karl würde sagen: Idealgewicht! – mit lichtem Haar auf dem Kopf und einer Hand am Ohr. Er hat all seine Freunde noch einmal abtelefoniert, weil er gleich für sechs Monate kein Handy mehr hat. Sechs Monate. Jesusmaria.

Karl hat sich geschworen, wie es auch kommt, zuversichtlich zu bleiben. In seiner Abwesenheit würde sich alles regeln. Zehn Freunde haben versprochen zu kommen, der Rest will schreiben. Und diese Versprechen, das hat Karl allen noch mal gesagt, zählten jetzt doppelt. Sonst würde er da nämlich ganz allein sein. Das haben seine Freunde verstanden. Hofft er. Und irgendwann käme die Entlassung, und sein Leben, es würde da warten, verständnislos vielleicht, aber geduldig. Nicht alle hat er noch erreicht.

„Willkommen in der JVA“, sagt der junge Beamte in hellblauer Uniform ohne Spott, er sitzt hinter Glas und nimmt Karls Ladung und den Personalausweis durch eine Schublade entgegen. Karl hat sich mitsamt Rollkoffer, Reisetasche und Rucksack durch die Tür drücken müssen; erst ging der Summer, dann nahm Karl den Griff, aber nichts tat sich, er rüttelte – und schlussendlich musste er sein ganzes Gewicht dagegendrücken, bevor dieses Mistding von Tür endlich nachgab. Ein Vorgeschmack? Auf was eigentlich?

Im Prinzip, denkt Karl, ist es wie eine Reise in ein diktatorisches Land. Und mit der Freiheit gehen verloren: der Status, der Beruf, die Rolle, die man bisher im Leben gespielt hat; das Ansehen bei den Mitmenschen natürlich und jene vertraute Umgebung, die etwas zur Heimat macht. Karl denkt: Zum Glück ist mein Boden unter den Füßen halbwegs stabil.

„Spielen Sie Fußball?“, fragt der Beamte und blickt auf.

Karl stellt seine Sachen auf dem Linoleumfußboden ab. Ist es besser, Fußball zu spielen – oder könnten ihm daraus Nachteile erwachsen? Immerhin will er nicht am ersten Tag gleich auffallen. Warum nicht Fußball?

„Ja“, sagt Karl entschlossen, und fügt hinzu: „Natürlich.“ Er würde rauskommen und – locker – zehn Kilo weniger wiegen.

„Das ist gut“, sagt der Beamte, während er Karls Sachen durchsucht. „Wir haben einen ausgezeichneten Sportplatz. Ich spiele auch.“

2006 ging die Hoheit im Strafvollzug vom Bund an die Länder über. Experten befürchteten, es würde einen Wettlauf der „Schäbigkeit“ geben: um die günstigste JVA im Land. Das ist nicht eingetreten. Viele Länder haben investiert, andere allerdings hinken diesen Ansprüchen weit hinterher.

Welche Haftbedingungen man vorfindet, liegt – letztendlich ist das „justice by geography“ im Wortsinn – am Wohnort.

Der Begriff „justice by geography“ – der aus der Kriminalistik, Soziologie und Sozialgeografie stammt und von verschiedenen Wissenschaftlern geprägt wurde – beschreibt den Einfluss, den der Geburtsort und der Ort des Aufwachsens und Lebens auf das Individuum hat. Er differenziert soziale Einflüsse zwischen Stadt und Land – und die Unterschiede, die somit auf den Menschen hinsichtlich einer sozialen Gerechtigkeit wirken. In Deutschland ist dieser Begriff verrechtlicht: Nach § 24 Abs. 2 der Strafvollstreckungs­ordnung wird die Strafe, wo immer sie auch ausgesprochen wird, grundsätzlich am Wohnsitz vollstreckt. Darunter verstehen die Gerichte den Ort, an dem eine Person den „Mittelpunkt ihrer Lebensverhältnisse hat“.

In manchen Fällen mieten sich Straftäter vorher einen Wohnsitz in Berlin, um die Strafe dort und nicht etwa in Bayern antreten zu müssen, das für eine rigidere Strafpraxis steht.

Im Internet hat Karl sogenannte „Hotel-Führer“ gelesen – Online-Plattformen, auf denen sich Ex-Häftlinge und deren Angehörige über ihre Gefängnisse austauschen. Dabei erfuhr er, dass die meisten Anstalten in den großen Flächenländern stehen: in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Hessen; darüber hinaus hat Karl gehört, dass es neue und alte Anstalten gibt – und dass es einen großen Unterschied macht, in was für eine man kommt.

Die neuen – aus den 2000er Jahren –, sind hell, freundlich und leblos-schön. Die alten, Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert oder noch älter, sind dunkel und eng wie der Bauch eines Tieres. Diese hier kam im Internet ganz passabel weg. In „seiner“ JVA gibt es sogar einen Bauernhof, einen Ort außerhalb der Gefängnismauern, auf dem Häftlinge arbeiten dürfen. Karl mag Arbeiten an der frischen Luft, er sagt sogar, er habe „eine Schwäche für Ackerbau und Viehzucht“.

In Gefängnissen gibt es den geschlossenen Vollzug, mit Hofgang und Einschluss, und den offenen. Dort wohnen Häftlinge in Wohngruppen und können in der Stadt arbeiten. Zudem gibt es ein Lockerungsprogramm, um Inhaftierte wieder an das Draußen zu gewöhnen: dazu gehörten – zunächst meist begleitete – Freigänge in die Stadt. Im offenen Vollzug kommt man nur zum Schlafen zurück.

„Einzelzelle haben wir nicht“

Noch bevor sich der Smalltalk fortsetzen kann, zieht der Beamte, der in Karls Sachen kramt, ein Buch aus der Tasche hervor: das Strafvollzuggesetz. Karl will vorbereitet sein. Das Strafvollzugsgesetz regelt unter anderem, was einem Häftling in Haft zusteht und was nicht. Mit der Freundlichkeit ist es vorbei: „Sie wissen vermutlich, dass Sie laut EU-Bestimmungen einen Anspruch auf eine Einzelzelle haben“, sagt der Beamte. Er legt Karl Zettel und Stift hin. „Einzelzelle haben wir nicht. Mit dieser Erklärung können Sie darauf verzichten – oder in die Hauptanstalt weitertransportiert werden.“ Einen Anspruch auf Einzelunterbringung hat jeder Gefangene auch nach fast allen Landesstrafvollzugsgesetzen. Einzige Ausnahmen: Bayern und Baden-Württemberg.

Karl ist irritiert. Wieso Hauptanstalt? Vielleicht ist es besser, auf die Zelle zu verzichten, zu sagen: Kann ja vorkommen, dann eben nicht. Es sind sechs Monate und keine Ewigkeit, und am Ende wird alles gut. Karl war selbst Polizist, das war zwar lange vor seiner Verurteilung, aber die Leute hier machen auch nur ihren Job.

Karl nimmt den Stift und denkt an den Bauernhof. Die unterschriebene Erklärung lässt er auf dem Tisch liegen.

Dann klingeln die Schlüssel. Ein Geräusch, das Ex-Häftlinge immer wieder erwähnen, weil es sie – auch lange nach der Haft – noch in ihren Träumen verfolge.

Suizidgefahr wegen Knast-Koller

Zuerst werden Karls persönliche Sachen weggeschlossen: Handy, Geld, Ausweis. All das bekommt er wieder, wenn er entlassen wird. Im Gefängnis herrscht in vielen Bundesländern Arbeitspflicht. Einen Teil des Geldes kann man zum Einkaufen verwenden, ein anderer wird auf einem Konto für den Tag der Entlassung angespart, damit Inhaftierte nicht völlig mittellos vor den Gefängnismauern stehen.

„Sie werden jetzt in die Zugangszelle gebracht“, sagt der Beamte. In einer Zugangskonferenz werde dann über den weiteren Strafvollzug entschieden: Welche Therapien soll er besuchen, was könnte er arbeiten, wie soll das weitere Vorgehen sein. In den Zugang kommen alle „Neuen“ – auch die, die schon drin waren. Wer eine Strafe von mehr als einem Jahr zu verbüßen hat, für den wird ein ausführlicherer Plan für den Vollzug entwickelt. Auch das handhaben die Länder unterschiedlich.

Das Making-Of zur Recherche:

Die ersten Wochen im Gefängnis gelten als besonders kritisch. Die Gefangenen müssen sich erst an ihre neue Umgebung, die neuen Regeln, die verlorenen Freiheiten gewöhnen. Daher stehen sie unter besonderer Beobachtung. Ihnen werden Dinge wie Gürtel abgenommen, damit sie sich nicht erhängen; diese Gefahr ist am Anfang groß. Man spricht vom sogenannten „Knast-Koller“. Suizidgefährdete Gefangene werden in Doppelzellen untergebracht – der sozialen Kontrolle durch den Mitbewohner wegen. Ansonsten haben die Gefangenen theoretisch Anspruch auf eine Einzelzelle, der persönlichen Ruhe und Privatsphäre wegen. Vor wenigen Jahren rügten Experten die Länder noch, dass es viel zu wenige davon gäbe. In vielen Anstalten gibt es daher Formulare, mit denen die Häftlinge von vornherein „freiwillig“ eine Einzelzelle abtreten können. Die Lage hat sich mittlerweile entspannt. Allerdings liegt dies womöglich auch daran, dass die Gefangenenzahlen seit Jahren gesunken sind und somit insgesamt mehr Platz ist. Seit 2016 steigen sie wieder. Und wo Mangel herrscht, wird mit zusätzlichen Betten aufgestockt. Die meisten Übergriffe finden in Gemeinschaftszellen statt.

„Gehen Sie mit Ihrem Delikt hier auf keinen Fall hausieren“, erklärt der Beamte. „Ein Gefängnis ist ein großer Schulhof.“ Alle Papiere, die seine Straftat ausweisen, blieben aus Sicherheitsgründen bei seinen Sachen und sollten unter keinen Umständen im Zelltrakt landen. Karl nickt. Er trägt ein höheres Risiko als andere Gefangene, das weiß er. Karl ist pädophil. Bei einer Hausdurchsuchung haben Fahnder bei ihm Datenträger mit Bildern von nackten Kindern entdeckt. Gefangene, die sogenannte Sittlichkeitsdelikte begangen haben, werden abfällig „Sittiche“ genannt – sie gelten bei den Mitgefangenen als Abschaum.

Als sich die Tür zur Zugangszelle öffnet, blickt Karl auf die Hochbetten; Blicke treffen ihn. Sieben Gesichter.

„Hallo“, sagt Karl, und das Abstellen seiner Sachen klingt lauter als sonst. Die Zelle ist für eine Anstalt riesig: 25 bis 30 Quadratmeter. Eine Einzelzelle hat im Durchschnitt nicht mehr als zehn.

„Warum bist du hier?“, fragt einer, als sich die Tür schließt, und blickt kaum vom Fernseher auf.

Karl antwortet nicht.

„Gib uns deinen Haftzettel“, sagt der Häftling.

„Ich habe keinen“, sagt Karl und versucht, seine Sachen aufs Bett zu hieven. Einer stellt sich ihm in den Weg: „Warum nicht?“

Für einen Moment hat jemand die Pause-Taste gedrückt. Wie lange, denkt Karl, darf Stille dauern, bis sie verräterisch wird?

„Was ist?“, fragt der Häftling. „Bist du taub? Oder ein Kinderficker?“

„Nein“, sagt Karl. „Es ging nur um Bilder, einen Link und eine Website.“

Im Dienstzimmer hören die Beamten Schreie. Sie eilen heran. „Hier ist ein Kifi“, ruft einer der Häftlinge in den Flur. „Kinderficker!“

Die Beamten zerren Karl heraus, noch bevor etwas passieren kann. Mein Aufenthalt in der Zugangszelle hat keine zehn Minuten gedauert, denkt Karl, von Armen umfasst, vermutlich eine Art Rekord.

„Es sind noch andere mit Ihrem Delikt hier“, sagt der Beamte ernst, während sie Karl in eine andere Zelle bringen. „Diese Leute leben auch unerkannt. Also: Ruhig bleiben! Wenn etwas ist, drücken Sie den roten Knopf.“

Zugangszelle 118. Tür auf. Karl rein. Tür wieder zu.

Karl zählt: sieben Gefangene. Zigarettenkippen auf dem Boden.

Er stellt seine Sachen nicht ab und verzichtet auf ein großes „Hallo“. Ein Mithäftling räumt die obere Matratze frei.

Karl schafft seine Sachen aufs Bett, nachdem er festgestellt hat, dass sich die Schränke nicht abschließen lassen. Karl, der überzeugt davon ist, dass es Liebe und Sex zwischen Erwachsenen und Kindern gibt und dass dieser einvernehmlich geschehen kann, führt ein Tagebuch. Viel zu brisant für einen offenen Schrank.

Der Fernseher läuft den ganzen Tag bis spät in die Nacht. Um 19 Uhr wird die Zelle verschlossen, am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder geöffnet. Der rote Knopf ist auf dem Flur. Vor der Tür. Um 24 Uhr gehen automatisch alle Lichter aus.

Karl spürt sein Tagebuch unter dem Kopfkissen, legt seine Hand darauf und schläft irgendwann ein. Was für ein Tag.

Hass auf Pädophile und Sexualstraftäter

Die Mithäftlinge wissen schnell, wen sie da bei sich haben. Der Buschfunk klappt ausgezeichnet.

Den Frühstückskaffee um kurz nach sechs darf Karl schon nicht mehr am Gemeinschaftstisch in der Zelle zu sich nehmen. Der Russe gibt ihm zu verstehen, dass er auf der Fensterbank sitzen müsse. Also sitzt Karl auf der Fensterbank. In der Zelle passieren danach folgende Dinge: Der Chef der Wohngemeinschaft stellt sich vor, ein Mann namens „Andi“, er verbietet Karl, links an ihm vorbeizugehen. Um acht Uhr kommt der Buschfunk auch beim Albaner an, der einen Wutanfall kriegt. Er zieht eine gedachte Linie vor seinem Etagenbett, die Karl nicht übertreten dürfe.

Um Sexualstraftäter zu schützen, gibt es in Haft verschiedene Konzepte: Sie werden beispielsweise in getrennten Trakten untergebracht. Aber viele Anstalten wollen homogene Gruppen vermeiden und Personal und Hafträume sind knapp. Andere Anstalten, wie die JVA Köln-Ossendorf, besprechen einen sogenannten alternativen Lebenslauf mit den Sexualstraftätern. Das verschafft ihnen ein neues, fiktives Leben, von dem sie erzählen können, ohne Angst haben zu müssen, bei den Mithäftlingen wegen ihrer Straftat zur Zielscheibe zu werden. Karl hatte diese Möglichkeit nicht. Aber in den meisten Fällen, sagen Häftlinge, komme eh alles raus. Weil das Gefängnis tatsächlich wie ein großer Schulhof ist. Und tatsächlich landen immer wieder brisante Unterlagen oder Informationen über Sexualstraftäter bei den Häftlingen.

Als Karl die Zelle während der Aufschlusszeiten verlässt, wird sein Tabak geklaut. Karl beantragt ein Vorhängeschloss. Für das Tagebuch und den Tabak. Drei Tage müsse er schon einplanen, sagt der Beamte. Fortan trägt Karl seine Sachen bei sich.

Auch seine Freiheiten in der Zelle schwinden mehr und mehr: Er darf seine Nagelschere nicht mehr im Bett benutzen, nur auf ein bestimmtes Klo gehen und er solle duschen. Die Duschen, das weiß Karl, sind ein sensibler Ort. Dort kommen die Beamten nicht hin und Übergriffe sind zu befürchten. Karl überlegt und drückt den Notknopf.

Karl berichtet den Beamten von den Vorfällen und dass er Angst um sein Leben habe. Er solle warten, sagt ein Beamter. Heute sei schließlich Samstag und bis Montag werde man eine Lösung finden.

Als „Andi“ mitbekommt, dass Karl mit den Beamten gesprochen hat, springt er auf und drängt ihn in die Ecke. „Es gibt hier Regeln“, sagt „Andi“. „Und an die hältst du dich! Sonst nehme ich ein Jahr extra in Kauf, und ich finde dich, Kinderficker – egal, wo sie dich hinbringen. Ich habe überall meine Leute.“

Der Albaner verstellt Karl den Weg zum Knopf.

Karl überlegt und starrt hilfesuchend in die Runde. Alle weichen seinen Blicken aus.

Mit manchen Leuten kannste eben nicht reden, denkt Karl. Karl hat einmal vorgeschlagen, doch zusammen die „Tagesschau” oder das „heute-journal” zu sehen, aber das kannte leider keiner, und da hat Karl das Gespräch auch nicht weiter vertiefen wollen. Seien ihm schon damals als Polizist aufgefallen, sagt Karl, diese Leute. Er nennt sie: „bildungsfremd“.

„Ich wollte in die Nicht-Raucher-Zelle verlegt werden: wegen des Asthmas“, sagt Karl. „Ich habe nichts über euch gesagt.“

„Andi“ überlegt, nickt dem Albaner zu und der macht den Weg frei. Karl nimmt seine Sachen, drückt den roten Knopf, und setzt sich daneben auf den Fußboden.

Stress, Angst und ewig gleiche Tage

Es kommt eine Durchsage, jetzt ist Fußball. Kein Fußball für Karl, er hat seine Sportkarte noch nicht. Ohne Karte kein Sport. Dafür hat ihn einer der Beamten – sicherheitshalber – auf ein Doppelzimmer in die Krankenstation verlegt.

Auf den Hof geht Karl seit den Zwischenfällen gar nicht mehr. Er ist abgeschirmt vom Rest.

Im Vergleich zu den Zellen zuvor ist es hier ruhig. Stress und Angst weichen dem Gefühl von Sicherheit. Das Einzige, was Karl hier noch stört, ist die Langeweile. Die ewig gleichen Tage, die er sich mit Lesen vertreibt – seine Freunde schreiben ihm regelmäßig. Weil seine Strafe nicht lang ist, versucht er, sich so wenig wie möglich einzurichten. Sechs Monate lassen einen schnell an das Ende der Haft denken.

Vor wenigen Tagen hat Karl einen weiteren Mithäftling gefunden, der ihm sympathisch ist, mit dem man, wie Karl sagt, „vernünftig reden konnte“. Da hat sich Karl geöffnet. Er wollte dem Flurfunk etwas entgegensetzen. „Die anderen sagen, du bist ein Kinderficker“, hat der Mithäftling erzählt. Also hat Karl seine Sicht der Dinge erzählt: dass er kein Kind missbraucht habe, dass er „nur“ Bilder in seiner Wohnung hatte. Karl wollte einen „Befreiungsschlag“, er hat das Gegenteil bewirkt: Der Mithäftling hat es weitererzählt – und die anderen hatten Gewissheit.

An den Wochenenden ist der Krankentrakt meist verschlossen und getrennt vom Rest. Karl hat gesehen, wie jemand die Fußmatte in die Tür des Krankentraktes eingeklemmt hat, damit sie nicht ganz schließt und man sie wieder öffnen konnte. Vorsorglich hat er die Matte entfernt.

An einem anderen Tag guckt Karl die Nachrichten, als er den Leichenwagen in den Hof fahren sieht. Bestatter tragen einen schwarzen Sarg hinaus. Ein Häftling hat sich umgebracht, in einer Gemeinschaftszelle. Überdosis Tabletten. Man munkelt: Er sei von Mithäftlingen dazu gedrängt worden.

Von solchen Zwischenfällen abgesehen ist Karl zufrieden hier - und erleichtert: So würde er die nächsten Monate schon rumkriegen. Es ist angenehm: Im Bett liegen, lesen und sein Mitbewohner hat schon Freigang und bringt jedes Mal ein halbes Buffet aus der Stadt mit. Denn sonst ist das Essen mager, findet Karl. Ein gutes Kilo hat er schon runter.

Fünf Wochen bleibt Karl im sogenannten Revierbau, wie die Krankenstation genannt wird. Dann wird er plötzlich zurück in eine reguläre Zelle verlegt. Seinen Platz müsse er räumen, sagen die Beamten, für jemanden, „der wirklich krank ist“.

Karl sitzt auf seiner Matratze. Er hat sie in den Flur gezogen, um neben dem Notknopf zu bleiben, zur Not würde er auch hier schlafen. In seiner Zelle wird er getreten, gemobbt und bedroht.

Er blickt auf den Knopf. Diese Haft würde doch etwas länger werden als gedacht.

Karl fühlt sich von der Anstalt im Stich gelassen. Karl fühlt Ohnmacht.

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*Name von der Redaktion geändert.

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.correctiv.org finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

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