Jedes Jahr infizieren sich rund 2,6 Millionen Europäer im Krankenhaus. Rund 90.000 sterben. Das haben Forscher um Alessandro Cassini von der Europäischen Infektionsschutzbehörde ECDC in einer weit angelegten Studie herausgefunden.

Zum ersten Mal haben die Forscher auch berechnet, wie viel Lebenszeit durch Krankenhausinfektionen verloren geht. Pro Europäer sind es rund zwei Tage pro Jahr. Sie veröffentlichen die Ergebnisse am Dienstag im Fachblatt „Plos Medicine“.

Die Forscher fanden auch heraus: Krankenhausinfektionen belasten das Gesundheitssystem inzwischen mehr als Tuberkulose, Grippe und AIDS zusammen. Krankenhausinfektionen sind damit schlimmer, als alle anderen von der ECDC beobachteten Infektionen zusammen.

Infektionen sind vermeidbar

Ein Großteil der Krankenhausinfektionen liegt in mangelnder Hygiene begründet: Weil nicht gründlich genug geputzt wird, Ärzte sich nicht die Hände desinfizieren oder OP-Besteck unrein ist. Mit anderen Worten – Krankenhausinfektionen sind vermeidbar.

Die Forscher haben sechs Arten von Krankenhausinfektionen genauer unter die Lupe genommen. Die meisten Todesfälle entstehen durch krankenhausbedingte Lungenentzündungen und Blutvergiftungen. Auf den weiteren Plätzen folgen krankenhausbedingte Harnwegsentzündungen, Wundentzündungen nach Operationen, Infektionen durch den oft resistenten Krankenhauskeim Claustridium difficile und Blutvergiftungen bei Neugeborenen. Insgesamt verursachten diese Erkrankungen mehr als 90.000 Todesfälle im Jahr in Europa. Besonders bedroht sind Neugeborene und Menschen im Alter von 65 bis 74 Jahren.

„Ein Riesenproblem“

„Diese Studie ist sehr wichtig“, sagt Axel Kramer, Hygieneleiter am Uniklinikum Greifswald. Vor allem lobt er die Umrechnung auf verlorene Lebensjahre. „Der Artikel belegt, dass Krankenhausinfektionen ein Riesenproblem sind“, sagt Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Wobei er glaubt, dass die tatsächliche Zahl der Infektionen und Todesfälle sogar noch höher ist.

Petra Gastmeier, Hygienikerin an der Berliner Uniklinik Charité, wertet die Studie als „die belastbarste zum Thema“. Aber: Man dürfe auch diesen Zahlen nicht blind glauben, weil sie zum Teil auf Hochrechnungen beruhen. Und: Studien wie diese zählten alle Infektionen, die ab dem dritten Tag im Krankenhaus auftreten, zu den Krankenhausinfektionen. Tatsächlich kann ein immungeschwächter Mensch sich auch im Krankenhaus noch von allein anstecken – durch die Bakterien, die jeder Mensch immer auf seiner Haut trägt.

Wir recherchieren seit Herbst 2014 zu resistenten Keimen: correctiv.org/keime. Hinweise bitte an hristio.boytchev@correctiv.org. Wollen Sie Erfahrungen mitteilen? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil.

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