Jedes Jahr steigt das Meer weltweit um durchschnittlich rund drei Millimeter. Daten aus Südafrika deuten aber darauf hin, dass der Anstieg hier deutlich stärker sein wird. Auch dort trifft der Klimawandel alle: Bars und Bretterbuden, Surfclubs und Slums werden weichen müssen

Darryl Colenbrander verbringt sein Leben mit dem Meer. In seiner Freizeit geht er Wellenreiten, sein Job aber ist es, Kapstadt auf den Anstieg des Meeresspiegels vorzubereiten. Colenbrander leitet das Küstenschutzprogramm. Auf einer Karte hat er eine Linie um die Vier-Millionen-Metropole gezogen, seine „set back line“. Dahinter drohen schon jetzt Überschwemmungen bei Hochwasser oder Sturm. Langfristig wird diese Zone unter Wasser stehen. Bereits heute darf jenseits dieser Linie nicht mehr neu gebaut werden. Mittelfristig werden die Menschen, die dort leben, umgesiedelt.

Das sei eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordere, sagt Colenbrander. Er ist gelernter Philosoph, nicht Ingenieur oder Naturwissenschaftler, und versucht, auch gesellschaftliche und soziale Aspekte bei seinen Planungen zu berücksichtigen. „Jede Küste ist ein komplexer Raum“, sagt er. „Wer sie verändern möchte, muss die Tradition und Geschichte ihrer Bewohner achten. Wenn wir sagen, wir wollen Euch schützen – dann versteht darunter jeder Bürger etwas anderes.“

Colenbrander hält die Ratschläge des Weltklimarates IPCC für wichtig und richtig. Aber sie müssten vor Ort jeweils neu verhandelt und umgesetzt werden. „In Südafrika haben wir das Erbe der Apartheid. Einige Küstenstreifen waren nur Weißen zugänglich, andere für Schwarze reserviert. Diese historischen Ungerechtigkeiten müssen wir für unsere Schutzpläne beachten.“ Bis heute wohnen gerade die Armen in der Nähe des Meeres. Es wäre ein fatales Signal, deren Unterkünfte als erste abzureißen, sagt Colenbrander, und: „Es kann keine Lösung für alle geben.“

Dürftige Datenlage

Insgesamt ist die Datenlage für Afrika nicht sehr gut. Unsere Visualisierung stützt sich nur auf wenige Messpunkte. Nur aus Häfen, die für den Welthandel bedeutsam sind, liegen Daten vor. Sechs Messpunkte liegen in südafrikanischen Häfen. Hier ist das Meer in den vergangenen 30 Jahren um mehr als zehn Zentimeter angestiegen. Etwa in dem großen Industriehafen Port Elizabeth, in der nahe Kapstadt gelegenen Simons-Bucht, in der viktorianische Häuser an die britische Kolonialzeit erinnern. Auch in Port Nolloth, wo Kupfererze umgeschlagen werden, oder in East London, wo früher Leder gehandelt wurde und heute die Daimler Benz AG Autos und LKW bauen lässt.

Einzig im Hafen von Sansibar in Tansania ist der Pegel mehrere Jahre lang gesunken, möglicherweise beeinflusst durch zahlreiche Bauten in der Nähe der Messstellen. Zuletzt stieg aber auch hier das Meer um rund zwei Zentimeter.

Kein Geld für Schutzmaßnahmen

„Das Fehlen der Daten aus Afrika behindert wissenschaftliche Prognosen über den Klimawandel“, sagt Sally Brown, Umwelt- und Meereswissenschaftlerin in Southampton. Brown sagt schwere Zeiten für die afrikanische Bevölkerung vorher: „Das Meer wird nicht so stark steigen wie in Südasien. Aber die Menschen in Afrika sind viel weniger geschützt als in den Industriestaaten.“ Es gebe nur sehr wenige Studien und noch weniger ausgearbeitete Bauprojekte, mit denen die Staaten die steigenden Meere eindämmen könnten. Brown hat Verständnis dafür: „Wenn es in einem Staat erst einmal darum geht, Krankenhäuser und Schulen zu bauen, ist für den Schutz vor potentiellen Klimaschäden keine Zeit und kein Geld da.“ 

Bisweilen wollen Reiseunternehmer Strände mit umstrittenen Bauprojekten schützen. So haben auf Sansibar einige Luxusresorts Schutzwälle vor ihre Sandstrände gesetzt, die Strömungen oder Wellen nun zu anderen Küsten der Insel leiten. Fischer und Anwohner protestierten gegen die eigenmächtigen Aktionen, die Strände jenseits der Touristenzentren anschwellen oder wegspülen lassen. Laut Sally Brown werden in den kommenden zehn Jahren rund 1,6 Millionen Menschen in Tansania von Überschwemmungen betroffen sein.

Zwischen 60 und 70 Millionen Afrikaner leben in Zonen, die bis zu zehn Meter über dem Meeresspiegel liegen – und bald im salzigen Wasser versinken könnten. Bei einem durchschnittlichen Szenario der Klimaforscher wird der indische Ozean bis zum Jahr 2100 um 43 Zentimeter ansteigen und 16 Millionen Menschen aus Häusern und Wohnungen vertreiben. Am schwersten betroffen sein werden Mosambik, Guinea, Nigeria, Guinea -Bissau und Südafrika. Aber bisher entwickelt nur Kapstadt einen Schutzplan für seine Küsten.

Mehr als eine Milliarde Euro jährlich werden Länder wie Algerien, Marokko, Kamerun, Tunesien und Libyen in 2100 ausgeben müssen, um an den Küsten zu reparieren, was das steigende Wasser zerstört hat, so hat es Sally Brown mit Kollegen berechnet. Noch teurer wäre es allerdings, keine Schutzmaßnahmen zu ergreifen – und die Schäden durch das Hochwasser zu ertragen.

Das Gute im Schlechten

Bei allen Schreckensszenarien: In Kapstadt hofft Darryl Colenbrander auch, dass der Klimawandel alte Trennungen zwischen Schwarz und Weiß hilft aufzuheben. „Wir haben jetzt die Chance, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen“, sagt er. Denn alle müssten ja nun mehr Abstand zur Küste nehmen. Arme und Reiche. Rund 75 Prozent der risikoreichen Zonen seien derzeit bebaut. Mit Surfclubs und Slums, Bars und Bretterbuden. Vor dem Klimawandel aber sind alle gleich – und müssen weichen.

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