Das flache Bangladesh wird zu den ersten Opfern eines steigenden Meeresspiegels gehören. Besuch bei den Bauern im Ganges-Delta – wo zudem Garnelenteiche die Reisfelder verdrängen.

Im Ganges-Delta, dem größten Flussdelta der Welt, leben rund acht Millionen Menschen auf künstlichen Inseln. In den 1960er Jahren wurden sie aufgeschwemmt, um die wachsende Bevölkerung Bangladeschs zu ernähren. So entstanden 139 durchnumerierte, von Deichen eingefasste „Polder“, benannt wie in den Niederlanden.

Auf Polder 22 bewirtschaftet Shondha Rnai ein kleines Stück Land. Sie ist 34 Jahre alt und trägt einen rot-grün gemusterten Sari. Ihr Feld ist üppig bewachsen mit Mango- und Guavenbäumen. Kurkuma baut sie an, Salat und Reis. Und die im Ganges-Delta gefragten Wassermelonen. Ihr Haus ist mit Stroh gedeckt, die Wände sind mit Lehm verkleidet, sie sagt, sie komme gut über die Runden.

Allein, die Erträge sinken. Weil viele Bauern in der Gegend ihr Land mit Meerwasser fluten, um in den Brackwasserteichen Garnelen zu züchten. Das Grundwasser, mit dem Shondha Rnai ihre Felder bewässert, wird immer brackiger. Während der Trockenzeit liegen Teile ihres Landes brach. „Mir fehlt es an Süßwasser, um zweimal pro Jahr Reis anbauen zu können“, sagt sie. „Meine Ernte leidet unter der Wasserknappheit.“

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Shonda Rnais Wassermelonen wachsen heute schlechter - weil die Garnelenfarmen ihren Boden mit Salzwasser überschwemmen

Eduardo Garcia

Ein gefährdetes Land

Bangladesch ist flach, es wird durchströmt vom Ganges, Brahmaputra und Meghna, von deren zig Nebenflüssen. Es wird eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder sein – wenn sich die Ozeane erwärmen, die Polkappen abschmelzen, der Meeresspiegel weiter steigt.

Unsere Daten zeigen, dass der Meerespegel im südwestlichen Bangladesch von 1980 bis 2003 um rund 7 Millimeter pro Jahr angestiegen ist, weit mehr als der globale Durchschnitt von 3 Millimetern. Auch wegen der Polder, die umgeben sind von insgesamt 6.000 Kilometer langen Deichen. Sie hemmen den Fluss der Gezeiten, das Wasser wird landeinwärts gedrückt. In Khulna, jener Region, in der auch Shondha Rnai lebt, steigt der Meeresspiegel darum sogar um etwa 17 Millimeter pro Jahr. Das fand Julian Orford heraus, emiritierter Professor an der Queen's Universität in Belfast. „Der Versuch, das Land durch Dämme zu schützen, trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei“, sagt Orford.

Es fehlt an Langzeitmessungen in der Region. Sollte der Meeresspiegel bis 2100 tatsächlich um einen Meter ansteigen, wäre das für die tief liegende, dicht besiedelte Region katastrophal. „Die Veränderungen werden schon in den nächsten 20 bis 25 Jahren bis zu 16 Millionen Menschen betreffen. Darauf zu reagieren, ist das drängendste Problem an allen Küsten der Welt“, sagt Orford.

Auch die Bauern auf den Poldern erleben die allmähliche, unaufhörliche Umarmung des Meeres. Zugleich sind sie von einer viel unmittelbareren Veränderung betroffen: der Zunahme der Garnelenzucht. In der Region Khulna sind die Brackwasserteiche schier überall. Schaut man über die Polder, verschwimmen die Grenzen. Wo beginnt das Land, wo beginnt der Fluss, wo das Meer?

Inzwischen ist Bangladesch der siebtgrößte Exporteur von Zuchtgarnelen, hinter China, Indonesien, Vietnam, Indien, Ecuador und Thailand. Aquakultur ist der Sektor in der Nahrungsmittelbranche, der weltweit am schnellsten wächst.

Auf die Grüne Revolution, die Einführung von Hochertragssorten in den 1960er Jahren, folge nun „die Blaue Revolution“, sagt Kimberly Rogers, der an der University von Boulder, Colorado, das menschliche Leben in Flussdeltas erforscht. „Die Delta-Länder sind nicht mehr nur die Reisschalen der Welt, sie sind längst zu den Proteinversorgern der Welt geworden.“

Ganze Landstriche im Ganges-Delta haben die Garnelenfarmer mit Meerwasser überschwemmt. Auch ein Großteil des Ackerlandes in Polder 23 - eine Insel neben Rnais – wird jetzt von Garnelenzüchtern kontrolliert. Wo einst Reis wuchs, ist alles unter Wasser gesetzt, um in den Brackwasserteichen Garnelen zu vermehren.

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In Polder 23 wurde einst Reis angebaut. Nun werden auch hier Garnelen im Salzwasser gezüchtet

Eduardo Garcia

Die Bauern auf Polder 22 haben die Garnelenzüchter bislang von ihrer Insel fernhalten können. Doch die Qualität ihres Wassers nimmt weiter ab. „Ich kenne viele Kleinbauern, die von Reis auf Garnelen umzusteigen mussten, weil die Verunreinigungen von angrenzenden Garnelenfarmen, durch Chemikalien, Kot und Salz, ihre Böden degenieren ließen“, sagt Forscher Kimberly Rogers von der Universität Boulder.

Auch Daten, die Auskunft geben über die Versalzung der Böden, gibt es kaum. Eine Studie des staatlichen Bodenforschungsinstituts von 2009 wies nach, dass rund 1,1 Millionen Hektar Ackerland im Küstengebiet von Versalzung betroffen waren, eine Steigerung von 27 Prozent binnen 35 Jahren. Schuld sind höhere Meerespegel, Überschwemmungen, erhöhter Tidenhub und die Garnelenteiche, sagt Khandker Moyeenuddin, Direktor des Instituts. Und fügt hinzu: Auch wenn die „Garnelenzucht die Umwelt belastet“, weil sie die Böden versalzt, solle die Branche weiter wachsen, weil sie dem Land wichtige Devisen beschere.

Verschärft wird die Versalzung durch ein großes Staudammprojekt in Indien, das Flusswasser während des Monsuns durch ein Netz von Stauseen und Kanälen in trockene Gebiete umlenkt. Dadurch kommt weniger Süßwasser in Bangladesch an.

Wissenschaftler und Funktionäre ringen um Lösungen. Das heimische Reisforschungsinstitut hat Sorten entwickelt, die auch auf salzigen Böden gedeihen. Das hilft den Landwirten, bessere Ernten zu erzielen. Aber:„Sobald sie eine Sorte haben, die drei Gramm Salz pro Liter Wasser toleriert, steigt der Salzgehalt im Küstengebiet auf vier“, sagt der aus Bangladesch stammende Klimatologe Saleemul Huq, einer der federführenden Autoren des vierten Berichtes des Weltklimarates IPCC. „Sobald eine Sort fünf aushält, steigt der Salzgehalt auf sieben. Das Problem verschärft sich schneller als die Lösung.“

Für Huq ist Garnelenzucht eine „maladaptation“, eine fehlgeleitete Anpassung an den Klimawandel. Huq sagt, dass Aquakulturen und Reisanbau sehr wohl koexistieren können. Garnelenzüchter könnten den Bauern erlauben, nach dem Monsun eine Reisernte einzuholen, ehe sie das Land mit Brackwasser überschwemmen, um die Krebstiere für den Rest des Jahres zu pflegen. Huq räumt ein, dass viele Garnelenzüchter sich weigerten, ihr Land mit Reisbauern zu teilen. Und noch weiß niemand, ob der Boden Garnelenfarmen und Reis langfristig gemeinsam erträgt.

Zu befürchten steht, dass in den kommenden Jahren Millionen Menschen wegen der Veränderungen im Ganges-Delta ihre Heimat verlieren werden. Wegen versalzender Böden, Gezeitenfluten, Überschwemmungen und den Zyklonen, die regelmäßig diese Region treffen. Der jüngste Zyklon, Mora, der die Küste im Mai 2017 traf, zwang die Regierung, rund eine Million Menschen zu evakuieren. Sechs Menschen starben.

Klimatologe Huq forrdert einen Prozess der „erleichterten Anpassung“: Der Staat solle Landwirten helfen, sich auf die veränderte Situation einzustellen, und zugleich die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren, damit „sie nicht am Ende Landwirte und Fischer werden wie ihre Eltern, sondern Arbeit finden in den Städten. Und wenn sie dann umziehen, können sie ihre Eltern mitnehmen.“

Der Autor nimmt am "Energy and Environmental Reporting" -Projekt der Columbia Journalismus-Schule in New York teil. Unterstützt wird dieses Programm vom Blanchette Hooker Rockefeller Fund, Energy Foundation, Open Society Foundations, Rockefeller Brothers Fund, Rockefeller Family Fund, Lorana Sullivan Foundation und der Tellus Mater Foundation. Die Stifter haben keinen Einfluss auf die Artikel.

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