Weltweit steigt aufgrund der Klimaerwärmung der Meeresspiegel. An den Küsten Finnlands und Schwedens sinkt er. Aber nur scheinbar. Tatsächlich hebt sich das Meer auch hier. Allein - das Land ist schneller.

Bis heute dauert in Skandinavien der nacheiszeitliche Landauftrieb an. Er begann mit dem Abschmelzen der riesigen Eispanzer vor rund 10.000 Jahren. Seither hebt sich das Land. In Finnland und Schweden um bis zu 7 Millimeter pro Jahr. Inseln, die bislang getrennt waren, sind nun verbunden. Und „die Verhältnisse für den Schiffsverkehr werden zunehmend komplizierter“, sagt Sven Knutsson, Professor für Bodenmechanik an der Technischen Universität Luleå in Schweden. Die Stadt liegt am nördlichen Zipfel der Ostsee.

Luleås Hafen ist bedeutsam. Vom leichten Zugang zur Ostsee profitiert unter anderem die Eisenerzindustrie in der Region.

„Weil sich das Land hebt, sinkt der Pegel im Hafen“, sagt Henrik Vuorinen, Geschäftsführer der Hafenbetriebe in Luleå; inzwischen können ihn größere Schiffe nicht mehr anlaufen. „In den vergangenen 40 Jahren ist das Land hier durch die nacheiszeitliche Hebung um rund anderthalb Meter gestiegen“, sagt er. Diese anderthalb Meter fehlen den Schiffen nun.

Binnenseen verlanden

Darum wird der Hafen von Luleå demnächst vertieft. „Wir planen umfangreiche Baggerarbeiten, um die Fahrrinne zu vertiefen“, sagt Vuorinen. Er hofft, dass die Arbeiten bis 2023 beendet sein werden. Das Projekt „Eisenhafen“ wird rund 1,7 Milliarden schwedische Kronen kosten (178 Millionen Euro) und mit Mitteln der Europäischen Union gefördert.

Nicht nur der immer niedrigere Pegel der Ostsee verwundert die Menschen in der Region, sagt Professor Knutsson. Schweden lieben es, im Sommer in ihren zahllosen Seen zu baden. Wobei die Seen um Luleå zunehmend verlanden. „Wo es früher offene Wasserflächen gab, haben wir nun zunehmend kleinere, sumpfigere Teiche“, sagt Knutsson. „Es wird darüber diskutiert, ob die Stadtverwaltung eingreifen und möglicherweise die Seen vertiefen und frei halten sollte. Aber das wäre nicht nur teuer. Am Ende würde man der Natur ohnehin unterliegen.“

Finnland wächst

Auch in Finnland ändern sich die Verhältnisse. In Ostrobothnia, in Westfinnland, haben Überschwemmungen zugenommen. Weil sich das Land nicht gleichmäßig hebe, sondern unregelmäßig, was den Lauf der Flüsse ändere, erläutert Martin Vermeer, Professor für Geodäsie in Helsinki. „Die großen Flüsse Finnlands fließen von Osten aus in den Bottnischen Meerbusen. Doch das ändert sich nun, weil das Land im Westen stärker ansteigt“, sagt er.

An den Küsten gewinnt Finnland durch die Landhebung Flächen, pro Jahr rund 700 Hektar, erläutert Vermeer. Neu hinzugekommenes Land geht geht standardmäßig in den Besitz des Staates über, kann dann aber von Anliegern beansprucht werden. Wobei es vorkommt, dass mehrere Nachbarn das gleiche Stück Land beanspruchen. Dann entscheiden die Gerichte.

Vorerst müssen sich die Menschen in Finnland und Schweden keine Gedanken machen über die Auswirkungen des weltweiten Meeresspiegelanstiegs. Mittelfristig aber doch – dann nämlich, wenn die Pegel schneller steigen als sich das Land hebt. 

„Vorerst sind wir sicher“, sagt Professor Vermeer, „aber nicht für immer“.

Jòn Bjarki Magnússon ist Isländer und war Stipendiat der Internationalen Journalisten Programme (IJP) bei correctiv.

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