In der Philippinensee, rund 1700 Kilometer südlich von Tokio, gibt es ein winziges Atoll – von großer strategischer Bedeutung für Japan. Mit dem steigenden Meeresspiegel droht es vollends zu versinken. Weshalb japanische Forscher nun Korallen züchten.

„Okinotorishima“, Entfernte Vogelinsel, haben die Japaner die beiden Erhebungen genannt, die bei Ebbe aus dem Meer ragen. Sie gehören zu einer Lagune, die 1700 Kilometer südlich von Tokio in der Philippinensee liegt und dem Land Anspruch auf ein Seegebiet von mehr als 400.000 Quadratkilometern Größe sichert.

Doch der Anspruch ist umstritten. Vor allem China argumentiert, dass die Entfernte Vogelinsel keine Insel sei, sondern ein „Felsen“. An diesem Unterschied hängt viel. Laut UN-Seerechtsübereinkommen haben nur „Inseln“ einen Anspruch auf das umliegende Meer.

Inseln, so die Definition, sind „natürlich entstandene Landflächen, die vom Wasser umgeben sind und bei Flut über den Wasserspiegel herausragen.“ Während „Felsen für die menschliche Besiedlung nicht geeignet sind oder ein wirtschaftliches Eigenleben nicht zulassen“.

Eigentlich waren die beiden Erhebungen kaum größer als eine Tischtennisplatte. Doch dann investierte Japan Ende der 1980er Jahre Millionen Yen, um jede der Erhebungen mit einem Befestigungsring von 60 Metern Durchmesser zu umgeben; zusätzlich errichtete man im flachen Wasser der Lagune einen aufgestelzten Hubschrauberlandeplatz samt meteorologischer Beobachtungsstation.

Und nun sinkt das Atoll ab und steigt der Meeresspiegel – und macht Japans territorialen Anspruch zunehmend unhaltbar. Prognosen des Weltklimarats IPCC besagen, dass im Jahr 2100 die Ozeane um rund einen Meter steigen könnten.

CORRECTIV und ein Team der Columbia School of Journalism sind der Frage nachgegangen, welche Folgen der weltweite Anstieg der Meere haben wird. In Japan bewirkt er unter anderem, dass man die Anstrengungen vervielfacht hat, das Vogelinsel-Atoll nicht untergehen zu lassen. Japanische Forscher erproben, wie sie Okinotorishima vergrößern können – um eine „natürlich entstandene Landfläche“ zu schaffen, geeignet für „menschliche Besiedlung“.

Das Gewächshaus-Experiment

In Kumejima, auf der Insel Okinawa, ist ein Meeresforschungszentrum beheimatet, in dem in einem Gewächshaus Kübel voll glänzender Korallen stehen. Ryota Nakamura, einer der Forscher, macht eine ausladende Geste und sagt: „Das ist der erste Schritt.“ Nakamura und sein Team züchten Korallen im Labor – und pflanzen sie später wieder ein auf dem Atoll. Wo die Korallen irgendwann zu Kies zerfallen und jene „Terra firme“ bilden sollen, aus denen eine „natürliche“ Insel entsteht.

Einmal pro Jahr ernten die Forscher Korallen auf der Vogelinsel und transportieren sie per Schiff in das Labor. Es sei anspruchsvoll, dafür zu sorgen, dass die Korallen die zweieinhalbtägige Reise unbeschadet überstehen. Die Forscher lagern sie für den Transport in rechteckigen Becken, dreimal täglich wird ein Drittel des Meerwassers erneuert. Über den Becken hängt ein Netz, mit dem die Sonneneinstrahlung kontrolliert werden kann. Pumpen sorgen für eine konstante Strömung, die Wassertemperatur wird zwischen 22,5 und 28,4°C gehalten

Am Ziel angelangt, werden die Korallen im Gewächshaus in blauen, runden Kübeln gelagert. Wenn der Sommer naht, stoßen die erwachsenen Korallen schwimmende, glänzende Bündel mit Eiern und Spermien ab, die an die Oberfläche treiben und aussehen wie atmender Schnee. Die Forscher trennen die Spermien von den Eiern und befruchten sie. Nach einigen Tagen, sobald die jungen Larven sich aktiv bewegen, werden sie von ihren Koralleneltern getrennt und in neue Kübel gesteckt.

Rund ein Jahr lang züchten die Forscher den Korallennachwuchs auf keramischen Oberflächen, ehe sie ihn zurück nach Okinotorishima bringen. Wo sie ihn zunächst auf einem künstlichen Riff anbringen und erst nach zwei Jahren auf dem Atoll. „So können wir sie vor Raubtieren schützen, bis sie groß genug sind“, erklärt Nakamura. Vor Fressfeinden wie Schnecken und Seesternen.

Seit 2006 wurden rund 100.000 junge Korallen zurück nach Okinotorishima gebracht. Obwohl der Bereich, indem sie angepflanzt werden, sich vergrößert hat, liegt ihre Überlebensrate bei gerade einmal 30 Prozent. Weshalb so viele Korallen sterben, ist bislang unklar. Weil die Insel so abgelegen ist, sei es schwierig und teuer, das Experiment regelmäßig zu überwachen. Wenn die Forscher drei Wochen vor Ort verbringen wollen, kostet das 26 Millionen Yen (210.000 Euro). „Ziemlich teuer, oder etwa nicht?“, merkt Nakamura an.

Japan hat in den vergangenen elf Jahren fast 2,4 Milliarden Yen (19 Millionen Euro) für das Korallenprojekt ausgegeben. Doch Makoto Omori, emeritierter Professor an der Ozeanographischen Hochschule Tokio, bezweifelt, ob man die Schlacht gegen das Meer gewinnen kann.  

Das Atoll liegt auf einem ozeanischen Grat, der sich von der japanischen Insel Kyushu im Norden bis zu Palau im Süden zieht. Im Miozän, vor rund 20 Millionen Jahren, begann der Grat abzusacken, weil sich die Pazifische Platte verschob.

„Das Atoll sinkt nach und nach ab. Zwar um weniger als einen Zentimeter in 100 Jahren, aber es sinkt“, sagt Omori. Zumal der Meeresspiegel zugleich ansteige.

„Weltweit gibt es fast 500 Atolle“, sagt Hajime Kayanne, der an der Universität Tokio zu Korallenriffen forscht. „Bei einigen von ihnen, wie den Malediven, Tuvalu oder Kiribati, besteht die Landmasse gänzlich aus Korallenriff-Kies. Wenn sich das Verfahren auf Okinotorishima bewährt, könnte es vielleicht auch diesen Inseln helfen, sich gegen Überschwemmungen zu wappnen.“

Kayanne war im Zuge des Korallenzucht-Projekts zwei Mal auf Okinotorishima. „Momentan ist es unbewohnbar“, sagt er. „Aber es gibt weltweit Beispiele, dass Menschen auf Atollen aus Korallen-Kies leben können. Wir wissen, dass es möglich ist. Inselbildung ist innerhalb von einer Generation zu schaffen.“

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Seit 2006 wurden rund 100.000 junge Korallen zurück nach Okinotorishima gebracht - aber nur ein Drittel von ihnen überlebt.

AFP

Ein Fels, Keine Insel

China hat ein wachsames Auge auf das ehrgeizige Projekt der Japaner. China beansprucht das Atoll nicht für sich; aber es hat ein militärisches Interesse daran, dass die Gewässer in der Philippinensee keinem anderen Land zugesprochen werden. Das Atoll befindet sich auf einer Route, die chinesische U-Boote befahren, wenn sie sich im Pazifik positionieren wollen.

„Wird Japans Anspruch anerkannt, können die chinesischen U-Boote nicht mehr so frei herumfahren wie jetzt“, sagt Jeffrey Hornung, der als Politikwissenschaftler für den Think-Tank RAND Corporation arbeitet. Im Jahr 2004 nannten die Chinesen Okinotorishima einen „Felsen“, der keinen Anspruch auf das ihn umgebende Seegebiet rechtfertigen würde.

Chinas Nichtanerkennung von Okinotorishima führte seinerzeit zu einer nationalistischen Aufwallung in Japan. Im Mai 2005 eilte Tokios Rechtsaußen-Bürgermeister Shintaro Ishihara zu den Zwillingsklippen, hisste die japanische Flagge und brachte ein Adressschild an: „One Okinotori Island, Ogasawara Village, Tokyo.“ Für etwa 330 Millionen Yen (2,7 Millionen Euro) gab er ein Radarsystem in Auftrag, das nun das Atoll überwacht.

China ist nicht das einzige Land, das Japans Ansprüche anzweifelt. Auch Südkorea und Taiwan haben verkündet, eine japanische Wirtschaftszone um Okinotorishima nicht anzuerkennen.

Japan trat dem UN-Seerechtsvertrag 1983 bei. Es argumentiert, dass Okinotorishima – anders als Chinas künstlich angelegte Inseln im Südchinesischen Meer – ein „natürliches Korallenriff“ ist, das seit 1931 unter der Zuständigkeit des Landes steht. Im Gegensatz zu einem Felsen könne ein Korallenriff wachsen.

 „Die Wirtschaftszone ist für uns wichtig“, sagt Wissenschaftler Omori, „und internationalem Recht zufolge gibt es nur eine Option, die Insel zu behalten: Indem wir natürliche Materialien von der Insel verwenden. Das wären die Korallen.“

Jeffrey Hornung von der RAND Corporation glaubt nicht, dass diese Argumente vor Gericht ausreichen würden. „Wenn ein Mitgliedsstaat des UN-Vertrags Anklage erhebt, bezweifle ich, dass Japan mit seinem Anspruch Erfolg haben wird“, sagt er. „Ich bezweifle, dass auf diesen Felsen menschliches Leben möglich sein könnte.“

In Japan gibt man sich dennoch optimistisch. Und sollte es dem Land tatsächlich gelingen, aus Okinotorishima auf natürlichem Weg eine „Insel“ zu bauen – dann könnten Korallenriffe weltweit davon profitieren.

Übersetzung: David Wünschel / Ariel Hauptmeier

Die Autorin nimmt am "Energy and Environmental Reporting" -Projekt der Columbia Journalismus-Schule in New York teil. Unterstützt wird dieses Programm vom Blanchette Hooker Rockefeller Fund, Energy Foundation, Open Society Foundations, Rockefeller Brothers Fund, Rockefeller Family Fund, Lorana Sullivan Foundation und der Tellus Mater Foundation. Die Stifter haben keinen Einfluss auf die Artikel.

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