Alle reden über Klimaschutz. Aber fast niemand spricht aus, was offensichtlich ist: Der Klimawandel kann nur gebremst werden, wenn wir Bürgerinnnen und Bürger weniger CO2 produzieren. Beim Autofahren, Fliegen, Fleischessen, Handykaufen.

Es gibt eine magische Zahl, die jeder kennen müsste: Um die Welt zu retten, darf jeder Mensch nicht mehr als 2.000 Kilogramm Kohlendioxid (CO2) produzieren. Diese Zahl haben die Klimaexperten der Vereinten Nationen (UN) errechnet. Leider verbraucht jeder Deutsche fünf Mal so viel. Diese Lücke lässt sich nicht nur mit einem Elektro-Auto oder Ökostrom schließen. 2.000 Kilo CO2 entsprechen rund 10.000 Kilometer Autofahren. Dann ist das Budget verbraucht. Und es liegt noch kein klimaschädliches Fleisch auf dem Teller, die Wohnung ist kalt und der Flug in den Urlaub ist auch noch nicht gebucht.

Die gute Nachricht ist aber: Auch mit 2.000 Kilogramm klimaschädlicher Gase wird ein schönes Leben möglich sein. Aber es wird ganz anders aussehen müssen.

Wir haben gelernt, Müll zu trennen und Pfandflaschen zurück zu geben. Aber nicht, klimafreundlich zu leben. Denn die Zahl von 2.000 Kilo hat keine Bundesregierung je verbreiten lassen. Warum? Weil die Wirtschaft schrumpfen würde. Würde jeder sein Auto 20 Jahre lang fahren, sein Sofa so lange benutzen, bis es abgewetzt ist, seine Äpfel im eigenen Garten pflücken, anstatt sie aus Neuseeland zu importieren – dann würde das Bruttosozialprodukt ausgebremst.

Die kanadische Globalisierungskritikerin Naomi Klein sagt: Kapitalismus und Klimaschutz vertragen sich nicht. Ökonomen bestätigen das. Sie rechnen ganz einfach aus, wieviel Produkte wir noch nutzen können, um die Aufheizung der Erde unter zwei Grad zu halten. Die Rechnung ist so simpel wie unbekannt: Wir können ein Fünftel nutzen. Dann sind wir bei 2.000 Kilo pro Kopf. Und immer noch bei einer rund zwei Grad heißeren Erde.

Diese Reduktion kann nicht nur durch Innovationen kommen. Sie sind zwar verheißungsvoll. Aber genauso schüren sie falsche Hoffnungen. In den 1960er Jahren träumten Bauern von Bananen und Südfrüchten auf deutschen Feldern, beheizt mit Kernkraft. In den 1990er Jahren hieß es, gentechnisch veränderte Pflanzen würden die Welt bald ernähren. Heute wachsen sie wegen großer Risiken nur auf drei Prozent der weltweiten Felder. Ende der 2000er sollten Wasserstoff-Jets fliegen. Heute lachen wir darüber. Trotzdem glauben wir weiter daran, mit E-Autos und effizienteren Kühlschränken die kommenden Dürren aufhalten zu können. Aber trotz angeblich besserer Autos stoßen die deutschen PKWs heute nach einer Studie des Bundesumweltamtes zusammen wieder mehr CO2 aus als vor 25 Jahren. Auch die neueste Technik kann niemals so karbonneutral sein wie weniger Technik.

Und die Weltklimaverträge? Sie sind wichtig, um international Regierungen und Industrie zum Umdenken zu bewegen. Sie sind aber nicht allmächtig. Die erste Weltklimakonferenz fand vor 22 Jahren in Berlin statt. Seitdem sind die Treibhausgase bis zum heutigen Tag konstant auf das Anderthalbfache gestiegen. Ausgenommen: eine kleine Delle während der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008. Der technische Fortschritt, die internationalen Verhandlungen werden nicht ausreichen, den Klimawandel zu stoppen.

Die naheliegende Lösung wäre: Alle Bürger zu täglichen Schritten zu ermuntern. Und nicht von wenigen Mächtigen alle paar Jahre große Schritte zu erwarten. Doch Aufrufe, dass von nun an jeder weniger CO2 verbrauchen soll, wurden bisher nicht gehört. Weil das Wirtschaftswachstum wichtiger ist als der Klimawandel.

Die magische Zahl von den 2.000 Kilogramm ist den meisten Menschen unbekannt. Viele Deutsche fühlen sich einerseits dem Klimaschutz verpflichtet. Kaufen andererseits aber T-Shirts von Kohle verbrauchenden Firmen in China. Und wollen alle paar Jahre ein neues Handy aus energieintensiven afrikanischen Minen erstehen. Das passt nicht richtig zusammen.

Wir müssen begreifen: Klimaschutz heißt, wir müssen unser Leben ändern. Unsere Gewohnheiten. Wir müssen lernen, lustvoll und CO2-arm zugleich zu konsumieren. Das ist weiß Gott kein Widerspruch. Wir müssen jetzt etwas tun – ehe die Folgen eines ungebremsten Klimawandels unser Leben mit Gewalt umkrempeln. 

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