Laurence Tubiana war französische Verhandlungsführerin bei der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 und ist heute Geschäftsführerin der European Climate Foundation. Das Abkommen wirke schon jetzt, sagt sie in diesem Meinungsbeitrag für CORRECTIV. Auch wenn einzelne ausscheren: Die Zusammenarbeit der Nationen sei beeindruckend

Der französische Präsident Emmanuel Macron hob ein Thema besonders hervor, als er gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump den Jahrestag der Französischen Revolution feierte und der Opfer der Terror-Anschläge von Nizza am 14. Juli 2016 gedachte: den Klimawandel.

Laurence Tubiana, Chefin der European Climate Foundation

Laurence Tubiana, Chefin der European Climate Foundation

Neben Macron haben in den letzten Wochen und Monaten eine Vielzahl an Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft ihre Unterstützung für das Abkommen immer und immer wieder bekräftigt – zuletzt auf dem G20-Gipfel. Aber angesichts der Bedeutung der USA auf der Weltbühne stellen sich trotzdem viele die Frage: Wird das Pariser Abkommen Bestand haben?

Vieles deutet darauf hin. Das Pariser Abkommen ist mehr als nur ein internationaler Vertrag. Es wurde als Katalysator für die Weltwirtschaft konzipiert. Es soll Investoren und Unternehmen ein klares Signal geben, in welche Richtung sich die Wirtschaft in Zukunft entwickeln wird. Weniger als zwei Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens liefert es bereits beeindruckende Ergebnisse.

Der chinesische Präsident Xi Jinping machte beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres seine Absicht deutlich, eine Vorreiterrolle beim weltweiten Kampf gegen den Klimawandel zu übernehmen. Rund 50 weitere Länder haben das Pariser Abkommen seit der US-Wahl ratifiziert.

Die Antwort auf die Frage nach dem Fortbestehen des Abkommens liegt jedoch nicht nur in der Politik: Es sind auch Städte, Regionen und die Wirtschaft, die hier die Richtung vorgeben.

Seit 195 Staaten, inklusive der EU, das Pariser Abkommen im Dezember 2015 verabschiedet haben, werden überall auf der Welt große Kohleprojekte eingestellt: In Australien hat der Energiekonzern Engie beschlossen, das Kohlekraftwerk mit den weltweit höchsten Emissionswerten stillzulegen. Deutschland plant, in den kommenden Jahrzehnten Kohlekraftwerke abzuschalten. China hat seinen Kohleverbrauch stark reduziert, und in Indien wurden zahlreiche Kohleprojekte gestoppt.

Weltweit ist der Zubau neuer Kohlekapazitäten in den vergangenen zwei Jahren um 62 Prozent zurückgegangen, was die Begrenzung der Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius in greifbare Nähe rückt. Insgesamt sind die globalen Treibhausgasemissionen des Energiesektors das dritte Jahr in Folge nicht mehr gestiegen.

Einen großen Beitrag dazu hat der Preissturz bei erneuerbaren Energien geleistet – mit fast monatlichen Tiefstpreisrekorden. Erneuerbaren Energien werden laut Studien bis 2030 die billigste Stromquelle in G20-Ländern sein – in einigen Regionen ist dies bereits heute der Fall.

Auch Autohersteller setzen zunehmend auf klimaverträgliche Lösungen wie Elektro- und Hybridfahrzeuge. Neben den internationalen Klimazielen geht diese Entwicklung auch auf große Probleme mit Luftverschmutzung in Städten zurück. Indien plant bis 2030 vollständig auf Elektroautos umzustellen. Volvo will nach 2019 nur noch Elektro- und Hybrid-Autos verkaufen, und Frankreichs neuer Klimaplan sieht ab 2040 ein Verbot für alle Diesel- und Benzin-Fahrzeuge vor. Solche Entwicklungen eröffnen Unternehmen unglaubliche Möglichkeiten – wenn sie bereit sind, sich darauf einzustellen.

Das Pariser Abkommen ist seit den US-Präsidentschaftswahlen in unruhiges Fahrwasser geraten. Doch Bundesstaaten und Städte wollen nicht zulassen, dass Amerikas einst so ambitionierte Klimapläne zurückgefahren werden. Bundesstaaten investieren nach wie vor in erneuerbare Energien oder klimafreundliche Innovationen wie Batteriespeicher.

Städte und Regionen haben sich als Schlüsselakteure etabliert: Sie treiben die Umsetzung von nachhaltiger Infrastruktur voran – nicht zuletzt, weil sie die Folgen des Klimawandels mit als erste spüren werden. US-Bürgermeister haben gemeinsam mit Gouverneuren, Unternehmen, Investoren und einflussreichen Wissenschaftlern in einem offenen Brief deutlich gemacht: „We’re still in“. Der US-Bundestaat Kalifornien kündigte jüngst an, im kommenden Jahr zu einem weltweiten Klima-Gipfel für nichtstaatliche Akteure einzuladen.

Das Pariser Abkommen wurde auf die Probe gestellt – und hat bewiesen, wie widerstandsfähig es ist. Das wurde auch deutlich, als 19 von 20 Staats- und Regierungschefs der größten Industrienationen beim G20-Gipfel in Hamburg das Pariser Abkommen als „unumkehrbar“ bezeichneten und Trump damit isolierten. Das ist nicht ganz ohne Ironie: Die Entscheidung Trumps gegen das Pariser Abkommen hat Klimapolitik wieder hoch auf die öffentliche und politische Agenda gesetzt.

Das alles bringt uns näher an das Ziel des Pariser Abkommens heran, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen – doch die Arbeit ist noch nicht getan: Es besteht noch immer eine beträchtliche Lücke zwischen dem aktuellen Emissionspfad und dem, den wir erreichen müssen, um die Grenze von 1,5 Grad Celsius nicht zu überschreiten.

Um diese Lücke zu schließen und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, müssen Länder bei der Entwicklung von Lösungen zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit ist Grundlage für Investitionen in bestehende Technologien sowie in Forschung und Entwicklung, die für Innovationen und den damit verbundenen gemeinsamen Erfolg notwendig sind.

Alle Staaten, auch die europäischen, müssen zur Erreichung der Klimaziele deutlich nachlegen. Wenn Europa beim weltweiten Klimaschutz wieder eine Führungsrolle einnehmen möchte, muss es zeigen, dass es ambitionierte und kohärente Ziele in der eigenen Gesetzgebung vorantreiben kann.

Auch die kommenden Monate bieten Gelegenheit zu zeigen, dass kein Land allein Zwietracht zwischen einer geeinten Gruppe von Nationen säen kann, die zum Wohle aller zusammenarbeiten. Bei der UN-Klimakonferenz in Bonn (COP 23) im November und beim internationalen Klimagipfel in Paris, den Macron ausrichten wird, können Staats- und Regierungschefs ihren Bürgerinnen und Bürgern zeigen, dass sie ihre Zukunft und Sicherheit ernst nehmen – und dass sie ihre Worte mit konkreten Taten untermauern wollen.

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