Überflutete Keller, gesperrte Straßen, versalzenes Grundwasser: Von New York bis Miami sind die vielen kleinen Überschwemmungen bald teurer als die Folgen der extremen Stürme.

Man könnte von der Krake erzählen, die 2016 nach einer Überschwemmung in einem Parkhaus in Miami gefunden wurde. Von der Achterbahn in New Jersey, zerstört, als 2012 Hurrikan Sandy die Ostküste der USA heimsuchte. Von Inseln wie Lennox an der Ostküste Kanadas oder Kivalina in Alaska, die vom Meer verschluckt zu werden drohen. Von zig weiteren Begebenheiten und Orten, die alle dokumentieren: Auch in Nordamerika bedroht der steigende Klimawandel die Küsten. 

„Der Meeresspiegelanstieg ist ein weltweites Phänomen“, sagt Gavin Schmidt, Direktor des Goddard-Instituts für Weltraumwissenschaften der NASA. „Aber einzelne Orte sind unterschiedlich stark davon betroffen“. Besonders betroffen: „Die Ostküste der USA, von Massachusetts bis Florida, und weiter die Golfküste entlang.“ Das belegt die interaktive Karte, auf der wir die Pegelmessungen im Zeitraffertempo eingetragen haben.

Zweierlei kommt an der Ostküste zusammen: Das Meer steigt, das Land sinkt. An einigen Orten, weil Grundwasserspeicher leergepumpt wurden, andernorts sinkt es aus natürlichen Gründen. Städte und Häfen, Verkehrswege und Raffinerien sind bedroht.

Miami ist zunehmend häufiger von Überschwemmungen betroffen. Hier hat die Stadt rund 100 Millionen Dollar bereitgestellt, um Straßen höher zu legen, Pumpen einzurichten und Abwasserkanäle vor eindringendem Meerwasser zu schützen.

Von Key Largo, der Inselkette südlich von Miami, wurde kürzlich berichtet, dass sich Bewohner Geländewagen mieteten, um nach Hause zu fahren, weil sie befürchteten, ihre Autos würden den Weg über den häufig überfluteten Highway nicht schaffen. Der „Miami Herald“ zitierte einen Bezirksbeamten mit den Worten: „Es wird Zeit, dass die Anwohner ihr Autos gegen Boote eintauschen."

„Überschwemmungen, die Versalzung des Grundwassers und die Erosion der Strände kosten die Gemeinden Millionen Dollar“, sagt Gavin Schmidt von der NASA.

Forscher der Universität Irvine haben berechnet, dass die Gesamtkosten für all die kleineren Überschwemmungen bald die Kosten für extreme Wetterereignisse übersteigen könnten.

„Wie hoch muss das Meer steigen, ehe die Überschwemmungen ,chronisch’ werden?“, fragt Billy Sweet, Ozeanograph bei der Wetterbehörde NOAA. „Es wird Zeit, von überfluteten Kellern zu sprechen, über die Kosten für Straßensperrungen, die Kosten durch die Wertminderung von Immobilien, die Kosten für kaputte Automotoren.“

Billy Sweet leitet ein Team seiner Behörde, dass ein Informationssytem entwickelt, mit dem Gemeinden auf aktuelle Berichte über Überschwemmungen zugreifen können.

Die Folgen der steigenden Pegel dürften in Nordamerika dramatisch sein. Einige der größten Städte des Kontinents liegen an der Küste. New York City zum Beispiel, wo seit Hurrikan Sandy die Anpassung an den Meeresspiegelanstieg eines der bestimmenden politischen Themen ist. Das Büro des Bürgermeisters hat 20 Milliarden Dollar bereitgestellt, um Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Kläranlagen und Straßen zu reparieren, die das Hochwasser beschädigt hatte.

„Stellen Sie Ihr Notstromaggregat nicht in den Keller – das haben wir in New York gelernt“, sagt Jeffrey Marqusee, ehemals Direktor im Verteidigungsministerium, zuständig für strategische Planung. Unter anderem war er damit befasst, Militäranlagen an der Küste auf den Klimawandel vorzubereiten. „Wir sind nicht gut darin, Gemeinden an den Küsten auf heutige Stürme vorzubereiten“, sagt er. Geschweige denn darin, sie auf künftige Stürme einzustellen.

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Doug Mills / Pool / AFP

Auch in Nordamerika gibt es Gegenden, an denen sich das Land schneller hebt als das Meer – und der Meeresspiegel zu sinken scheint. In Churchill, Manitoba etwa, bekannt als die „Eisbärenauptstadt der Welt“, sank der Meeresspiegel seit 1961 um 10,5 Millimeter pro Jahr. In Skagway, Alaska, fiel er im gleichen Zeitraum um 18 Millimeter pro Jahr. In der Glacier Bay in Alaska steigt, das Land um rund 30 Millimeter pro Jahr, eine der höchsten „isostatische Reboundraten“ der Welt. Der Grund ist das Abschmelzen des eiszeitlichen Gletscherschildes.

„Eis ist schwer, es komprimiert den Boden. Nimmt man das Gewicht weg, hebt er sich“, erläutert Regine Hock, Gletscher-Expertin an der Fairbanks-Universität in Alaska. Und fügt hinzu: Gletscher spielten sehr wohl eine große Rolle beim Anstieg der Meere. „Ich höre oft: Die Gletscher sind eh in ein paar Jahrzehnten verschwunden, sie spielen keine Rolle mehr“, sagt Hock. Nein: Das an den Gletschern abgeschmolzene Wasser trägt zu rund 50 Prozent bei beim Anstieg des Meeresspiegels zwischen 1992 und 2010, sagt Hock.

Die Autorin nimmt am "Energy and Environmental Reporting" -Projekt der Columbia Journalismus-Schule in New York teil. Unterstützt wird dieses Programm vom Blanchette Hooker Rockefeller Fund, Energy Foundation, Open Society Foundations, Rockefeller Brothers Fund, Rockefeller Family Fund, Lorana Sullivan Foundation und der Tellus Mater Foundation. Die Stifter haben keinen Einfluss auf die Artikel.

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