In der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag geht die Angst um. Wenn die Union bei der Wahl 2017 so viele Stimmen bekommt, wie derzeit in Umfragen (minus 10 Prozent), verlieren bis zu 80 CDU/CSU-Abgeordnete ihren Job. Immer mehr Unions-Abgeordnete reden inzwischen so radikal wie die Rechtspopulisten. Spekulieren sie auf eine Karriere in der AfD?

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla kämpft ums politische Überleben. Am 22. Oktober muss sie sich in ihrem Wahlkreis in Leipzig gegen zwei Mitbewerber bei der Kandidatenaufstellung zur Bundestagswahl behaupten. Ihre Chancen sind jedoch gering, ihre Einlassungen auf Twitter werden seit Wochen radikaler. 

Vor zwei Wochen schrieb Kudla eine Kurznachricht, dass Deutschland eine „Umvolkung” drohe – ein Nazibegriff, für den sie auch aus den eigenen Reihen scharf kritisiert worden war. Kurz zuvor hatte sie den Nachnamen des türkischen Exiljournalisten Can Dündar, der im Mai diesen Jahres von einem türkischen Gericht wegen Verrats von Staatsgeheimnissen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, als „Dünschiss” verballhornt . Beide Tweets löschte die CDU-Politikerin inzwischen, bei Dündar entschuldigte sie sich sogar, aber in Medien wurde spekuliert, dass Kudla ihren Absprung zur AfD plane. 

Beatrix von Storch bietet CDU-Abgeordneter den Übertritt zur AfD an

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch bot Kudla den Parteiübertritt an. „Jeder kann sich mal im Ton vergreifen, aber grundsätzlich sind konservative Abgeordnete bei uns willkommen“, sagte von Storch der „Bild“-Zeitung.

Kudla ist nicht die einzige CDU-Abgeordnete, die derzeit Lockerungsübungen in Richtung AfD unternimmt. Der CDU-Europaabgeordnete Hermann Winkler forderte vergangene Woche seine Partei auf, mit der AfD zu koalieren. Kudla und Winkler kommen aus Sachsen.

Hat die CDU speziell in Sachsen ein AfD-Problem? Der dortige CDU-Generalsekretär und Bundestagabgeordnete Michael Kretschmer wiegelt gegenüber correctiv.org ab. „Je mehr man mit der AfD zu tun hat, desto klarer wird, dass man mit ihnen nicht zusammenarbeiten kann“, sagt Kretschmer. Kudla habe eingesehen, dass sie mit den Tweets einen Fehler gemacht habe, und der sei korrigiert. Jeder, der die Politikerin kenne, wisse, dass die gebürtige Bayerin „nichts mit der AfD gemein hat“, sagt Kretschmer. Und ergänzt: Die AfD ist „unpatriotisch“.

Absturz in der Wählergunst

Der Aufstieg der AfD ist eine ganz direkte Bedrohung für viele Bundestagsabgeordnete der CDU. Je stärker die Rechtspopulisten werden, desto weniger CDU-Abgeordnete wird es im nächsten Bundestag geben. Bei der letzten Bundestagswahl im Jahr 2013 kamen CDU/CSU auf 41,5 Prozent der Stimmen. Derzeit sehen Meinungsumfragen verschiedener Institute die Union zwischen 30 und 33 Prozent – ein Rückgang von rund zehn Prozent. Die Wählerabwanderung spüren zwar auch die anderen Parteien, aber nirgends sonst wildert die AfD so erfolgreich wie unter den Wählern der CDU/CSU . Mit einem „Mandatsrechner“ kann jeder Abgeordnete die Fieberkurve nachmessen. Entwickelt hat ihn Christian Brugger, er sagt, dass die genaue Rechnung von vielen Unsicherheiten abhängt, etwa der Zahl der Überhangmandate. Aber wenn es schlecht laufe, könne die CDU durchaus auch mehr als 80 Mandate verlieren.

Die Existenzangst der Unionspolitker führe zu „einer thematischen Annäherung, um Wähler zurückzugewinnen“, sagt die konservative Publizistin Liane Bednarz. Im Endeffekt mache man so aber nur das Original salonfähig. Also die AfD. Der CDU-Abgeordnete Kretschmer sagt dagegen, dass er eine Angst innerhalb der CDU/CSU-Fraktion nicht erkennen könne. Offiziell reden will darüber aber kaum ein Abgeordneter. Man wolle sich nicht an „Spekulationen oder Gedankenspiele“ beteiligen, teilt etwa die CDU-Abgeordnete Christina Schwarzer aus Berlin-Neukölln mit.

Unzufriedenheit im Wahlkreis 

Die Gegenkandidaten der CDU-Politikerin Kudla im Leipziger Wahlkreis sind unterdessen siegessicher. Der Lehramtsstudent Michael Weigert und der ehemalige Olympiasieger im Radrennen, Jens Lehmann, berichten gegenüber correctiv.org, dass die Ortsverbände im Wahlkreis mit der Arbeit der Abgeordneten unzufrieden seien. „Das war schon lange vor der Twitter-Affäre so“, sagt Lehmann, der heute als Erzieher arbeitet. Die Tweets seien für ihn überraschend gekommen, denn davor habe Kudla in der Flüchtlingspolitik Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt.

Weigert entschied sich zur Kandidatur gegen Kudla, nachdem diese als einzige CDU-Abgeordnete gegen die Armenien-Resolution des Bundestags gestimmt hatte. Die Resolution bewertet die Ermordung der Armenier in der Türkei als Genozid. Die jetzigen Tweets der CDU-Abgeordneten werden von beiden Kandidaten als hoffnungsloser Versuch gesehen, das Ruder im letzten Moment rumzureißen.

Die CDU-Politikerin sieht sich derzeit auch handfesten Attacken ausgesetzt. Vergangene Woche wurde ein Brandanschlag auf ihr Wahlkreisbüro verübt. Auf Fragen von correctiv.org, ob die AfD ihre neue politische Heimat werden könne, will sich Kudla nicht äußern.

Aber so hundertprozentig passt Kudla sowieso nicht zur AfD. So verteidigt sie in ihren Mitteilungen auf Twitter immer wieder die türkische Regierung unter Erdogan, und fordert auch die Visafreiheit für Türken.  "#Türkei. #Visafreiheit mit #EU muss kommen! Ist zu trennen von innenpolitischer Situation in Türkei. Verträge sind einzuhalten!“, twitterte sie zum Beispiel noch am 2. August.

Jens Lehmann, ihr Gegenkandidat in der CDU Leipzig, wundert sich über Kudlas Nähe zur türkischen Regierung. Wenn die deutsche Regierung mit Ankara diplomatisch behutusam umgehen müsse, könne er das verstehen, sagt Lehmann. „Aber ein Parlamentarier muss offen Missstände ansprechen.“

Für die AfD-Progammatik sind Kudlas Positionen zur Türkei unvereinbar. „Wir sind dagegen, dass die Türkei in die EU kommt“, sagt der Pressesprecher der AfD in Sachsen Thomas Hartung gegenüber, deshalb sei die Partei auch gegen die Visafreiheit für Türken.

Dass Beatrix von Storch Kudla den Übertritt angeboten habe, kam unter den AfD’lern gar nicht gut an, sagt Hartung. In der AfD entscheiden einzig die Kreisverbände über die Aufnahme. Von Storch sei mit ihrem Angebot über das Ziel hinausgeschossen, sagt der AfD-Mann.

Hartung will nur CDU-Mitglieder, die auch inhaltich voll zur AfD passen. Als Beispiel nennt er das ehemalige CDU-Mitglied Maximilian Krah aus Dresden. Der Jurist Krah war im September aus der CDU ausgetreten. Er wollte eigentlich für eines der Direktmandaten in Dresden für die Union antreten. Nun liegt sein Eintrittsgesuch bei dem Kreisverband der AfD vor, sagt AfD-Sprecher Hartung.

Auch Krah hatte einst wie Kudla mit einem Tweet für Aufregung gesorgt. Nach dem Amoklauf in München twitterte der Rechtsanwalt „Ich bin in München. Das muss der Wendepunkt sein: Die Willkommenskultur ist tödlich. Es geht um unser Land!“. Der Tweet brachte dem Anwalt heftige Kritik seiner Parteifreunde aus der Union ein.

Nach Aussagen seiner Kanzlei befindet sich Krah zur Zeit im Urlaub und war für Fragen von Correctiv.org nicht zu erreichen. Die Zahl der aussichtsreichen Plätze für die AfD in Sachsen könne zweistellig werden, sagt der AfD-Politiker Hartung, „wir sind voller Zuversicht“.


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