Auf den Internetseiten vieler Medien toben sich menschenverachtende Kommentatoren aus. Immer mehr Online-Medien schränken deshalb die freie Kommentarfunktion ein. Was früher mal ein Segen war, der unmittelbare Kontakt zu den Nutzern, wird heute mehr und mehr ein Problem.

Es waren nur ein paar Zeilen in der Online-Ausgabe des „Münchner Merkur“: „Am Samstag mittag sprang ein 28jähriger Asylbewerber während seines Badeaufenthalts  im Landsberger Inselbad in den tiefen Schwimmbereich des Freibades und ging nach kurzen, hektischen Schwimmbewegungen unter….Er verstarb wenig später.“

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„Asylbewerber springt in Landsberger Bad in den Tod"

So lautete die Schlagzeile auf merkur.de, unter der sich der unzivilisierte Hass entlud

Ob dieser Mann Christ war, Moslem, Jude, Buddhist, Atheist, oder Anhänger des „Fliegenden Spaghettimonsters“, das stand nicht in dem Polizeibericht, auf den sich die Zeitung beruft. Fest steht: Asylbewerber und tot. 

Für Claudia Witschen die Gelegenheit, ein einziges Wort in die Kommentarliste des Merkur zu posten: „Juhuuuu“. Silke Bauerschmidt nahm sich dafür mehr Zeit: „Schade, dass nur einer verreckt ist. Sieht so aus als ob unsere Schwimmbäder die besten Waffen gegen diese Untermenschen sind.“ André Jap schickte ein Hakenkreuz und den Hinweis: „Die hätten bestimmt auch geholfen“. Gerd Berger sprach davon, „Mitleid“ zu haben. Aber: „Nicht für dieses Pack. Wegen mir können noch mehr ersaufen“. „Die Nigger“, postete er, „sollen alle springen“. „Nur einer“, fragte Frank Seidel bedauernd, und fügte hinzu: „Schade eigentlich“,

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Claudia Witschen, Silke Bauerschmidt und die anderen, sind natürlich anonym und das wollen sie auch bleiben. Man findet die gleichen Personen mit Namen und Fotos auch auf Facebook. Anfragen über Facebook an 20 dieser Hasskommentatorinnen und -kommentatoren blieben ohne Antwort. Ihre Wohnorte sind fast immer geheim, die Namen offenbar oft erfunden, auf ihren Facebook-Accounts wehen deutsche oder Reichskriegsflaggen. Man kennt und liked sich untereinander. Bei einem zweiten tödlichen Badeunfall eines Asylbewerbers waren die Kommentare weitgehend identisch.

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An die 200 Hasskommentare oder rassistische Postings innerhalb von 24 Stunden, für die Online-Redaktion des Münchner Merkur war das zuviel des Bösen. Die Journalisten, die ihren Lesern bisher eine offene Plattform geboten hatten, schlossen den freien Kommentarbereich unter dem Bericht über den ertrunkenen Asylbewerber. Mehr noch: Der bisher offene Bereich für Postings wird endgültig geschlossen. Wer in Zukunft Artikel kommentieren möchte, muss sich zuvor registrieren lassen. 

Für Caren Berger, Community Managerin bei Merkur.de und tz.de, sind das „nicht schöne, aber notwendige Maßnahmen“. Schon seit einiger Zeit registriert sie „extreme Probleme mit Gastusern, die unsere anderen User stören oder belästigen“. Gleichzeitig will man „auf Vormoderation umstellen“. Im Klartext: Die Redakteure wollen wissen, was ihre Leser posten, bevor sie es auf ihre Kommentarseiten stellen. 

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Was früher mal ein Segen für den Online-Journalismus schien, wird heute mehr und mehr ein Problem. Der unmittelbare Kontakt der Netz-Redakteure zu ihren „Usern“, die Möglichkeit direkt miteinander zu kommunizieren und damit die Leser-Medium-Bindung zu festigen, stößt schnell an ihre Grenzen, wenn die „User“ sich nicht an Regeln halten und ungebremst ihre Wut über was auch immer in die Tastatur hacken. Was machen, wenn einem „Charly Braun“ zum Tod des Flüchtlings in Landsberg nur einfällt: „Super, ein Schwein weniger“? Das gerade von der Bundesregierung verabschiedete Gesetz gegen Hasskommentare im Netz greift da nicht. Das gilt nicht für die Verfasser dieser Postings, sondern lediglich für Facebook und Co, die die Kommentare nicht zügig entfernen. 

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2000 Leserreaktionen pro Tag, das war bei sueddeutsche.de „normal“, bevor die Redaktion vor etwa zwei Jahren damit begann, diese Flut zu kanalisieren. „Sueddeutsche.de“  gibt inzwischen nur noch drei Themen pro Tag für Leserkommentare frei. Das kann die Ehe für alle sein, oder die Bierpreisbremse für München, aber auch der Flüchtlingzuzug. Wer dazu etwas sagen will, muss sich anmelden, seinen echten Namen nennen, was auch überprüft wird und bei Bedarf einen „Nutzernamen“. Die Kommentare werden, bevor sie freigeschaltet werden, gelesen. Die Redaktion „behält sich vor“, strafrechtlich relevante Postings an die juristische Abteilung oder die Polizei zu übermitteln. Auch bei CORRECTIV wird jeder Kommentar vor Veröffentlichung gelesen und erst danach frei geschaltet, wenngleich man dafür nicht seinen echten Namen nennen oder hinterlegen muss. 

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Sueddeutsche.de kommt nun auf rund 100 Leser-Postings pro Diskussion täglich, sagt Daniel Wüllner, Leiter des achtköpfigen Teams „Social Media / Leserdialog“. Drei Kolleginnen und Kollegen sind täglich im Einsatz und kümmern sich um Leserkommentare und SZ.de und bei Facebook und Twitter. Mit Hasskommentaren auf der eigenen Website muss sein Team sich kaum noch beschäftigen, dort wird  bereits im Vorfeld aussortiert.

SpiegelOnline hat es aufgegeben, bei bestimmten Themen die Leser um ihre Meinung zu fragen. Reportagen, Berichte oder Kommentare etwa, in denen es um Asylbewerber geht, enden mit einer Mitteilung an die Leser: „...finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine  gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist“. „Und das“, sagt Roland Nelles von Spiegel.de, „ist leider auch dann der Fall, wenn es um den Palästina-Konflikt geht“. Auch da gibt es häufig kein Forum für Leser-Postings.

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Nelles will „nicht soweit gehen, nur noch ausgewählten Lesern die Möglichkeit zu geben, Artikel zu kritisieren oder zu kommentieren. Zumal: „Die ganz große Mehrheit schickt sachliche, konstruktive Postings, die uns hoch willkommen sind.“ Ganz offen sind die Diskussionsforen bei SpiegelOnline allerdings auch nicht. Man muss sich registrieren, eine Mailadresse und ein Passwort angeben. 

BILD hat mit unangemessenen Kommentaren offenbar kein Problem. Christian Senft, Leiter der BILD-Kommunikation erlebt, „dass sich Debatten und Kommentare zunehmend auf Plattformen wie Facebook verlagern. Auch der Großteil des Leserfeedbacks zu BILD findet in sozialen Netzwerken statt.“ Man bittet die Leser, sich an die Netiquette zu halten. Hasskommentare sind unter der „überwiegenden Mehrheit der Äusserungen nicht zu finden“, sagt Senft.  

Die WELT prüft. Sie hat dafür, abgesehen vom eigenen Moderatorenteam, eine Maschine mit „computerlinguistischem Filter“. Der findet angeblich in Sekundenschnelle Provokationen, Beschimpfungen, rassistische Tweets heraus. Und auch, ob der User „orthografisch einigermaßen sauber formuliert“. 

Weiterlesen: Wie lässt sich der Hass im Netz eindämmen? www.hatemining.de

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