Sparkassen lagern Verbraucherdarlehen an eine anonyme Berliner Kreditfabrik aus – ohne es ihren Kunden deutlich zu sagen.

Als Bank, die ihre Kunden noch persönlich kennt – so präsentiert sich die Sparkasse gern. Doch Recherchen von CORRECT!V zeigen: Im Kerngeschäft der Sparkassen ist „Nähe“ oft nur noch Etikettenschwindel. Drei Viertel der Sparkassen vergeben Autokredite an ihre Kunden nicht mehr selbst, ein Viertel hat auch die Privatkredite ausgelagert. Die Entscheidung, wer einen Kredit bekommt und zu welchen Konditionen, trifft nicht mehr der Berater vor Ort, sondern eine anonyme Kreditfabrik in Berlin. Die Sparkasse gibt damit bereitwillig eine ihre Ursprungsfunktionen auf – und kassiert lediglich eine Provision. Wie irgendein Finanzmakler.

Sparkassenmitarbeiter Thorsten Kramer (Name geändert) kennt tatsächlich viele seiner Kunden. Seit fast zehn Jahren arbeitet der Bankkaufmann in einer Sparkassen-Filiale in Köln. Er ist zuständig für Konsumentenkredite. Wenn er Besuch von Kunden bekommt, dann geht’s erstmal um die „wichtigen“ Dinge des Alltags. Wie geht’s weiter beim 1. FC? Wie war’s beim Karneval? Nähe eben. Dann kommt das Geschäftliche. Und dann kommt – oft unbemerkt von den Kunden – die Kreditfabrik ins Spiel. 

„Ich brauche da eigentlich nur noch der Maske auf meinem Computermonitor zu folgen“, sagt Kramer. Persönliche Daten, Einkommensverhältnisse, Mietzahlungen oder Wohneigentum, privat krankenversichert oder gesetzlich? „Alles Angaben, die notwendig sind, um zusammen mit der Schufa-Auskunft die Bonität des Kunden einzuschätzen“, sagt Kramer. Die Entscheidung, ob ein Kredit gewährt wird und zu welchen Konditionen, trifft dann nicht mehr er. Oder sein Filialleiter. Sondern der Algorithmus einer gesichtslosen Bank in Berlin - der S-Kreditpartner GmbH, kurz SKP. 

Bundesweit wickeln mittlerweile rund 300 von 414 Sparkassen ihre Autokredite über die Berliner S-Kreditpartner ab. 116 haben auch ihre Privatkredite an die Berliner Firma ausgelagert. Sie arbeiten, wie es im Jargon von SKP heißt, „vollumfänglich“ mit ihr zusammen. Vor vier Jahren waren es noch halb so viele „Vollumfängliche“. Tendenz: weiter steigend. 

Für die Sparkassen ist die Auslagerung des kleinteiligen Kreditgeschäfts bequem. Ihre Berater müssen nur noch eine standardisierte Abfrage der Kundendaten vornehmen. Der Kredit wird aus den Geldmitteln der SKB gezahlt – die auch das Risiko trägt. Die Sparkasse vor Ort verwaltet diese Kredite nur – sie tritt  als Vermittler auf und kassiert für jeden erfolgreichen Abschluss eine Provision: In einem CORRECT!V vorliegenden Fall liegt die Provision leicht über 14 Prozent der Zinsen, die der Kunde zahlt.

Laut Bundesbankstatistik lag der durchschnittliche Effektivzinssatz für Privatkredite im Neugeschäft bei einer Laufzeit über fünf Jahre im Juni 2015 bei 7,33 Prozent. Bei vielen Sparkassen lag er deutlich darüber. Kreditvergebende Banken müssen den „Zwei-Drittel-Zins“ offenlegen, also sagen, zu welchen Konditionen zwei Drittel ihrer Kunden einen Kredit bekommen haben. Viele Partnersparkassen von S-Kreditpartner wiesen in diesem Zeitraum einen Zwei-Drittel-Zins von 9,99 Prozent für repräsentativen Kreditbetrag von 10.770 Euro aus. „Günstig ist das nicht“, sagt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Verbraucher-Zeitschrift „Finanztip“, die die Konditionen der Banken im Frühjahr 2015 verglichen hat. 

Und noch etwas moniert Verbraucherschützer Tenhagen: Dass die Sparkassen ihren Kunden gegenüber nicht wirklich deutlich machen, dass ihr Kredit von einer anderen Firma stammt. „Wenn Sie auf den Vertrag gucken, dann sehen sie erstmal Sparkassen-Rot, S-Privatkredit steht darauf, und dann denken Sie, Sie sind bei ihrer Sparkasse, und Sie denken nicht, dass Sie bei irgendeiner Tochtergesellschaft sind.“

„Die Kunden müssen vor der Antragsprüfung der Zusammenarbeit mit der SKP ausdrücklich zustimmen“, schreibt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Außerdem seien die Kreditunterlagen und der Kreditvertrag eindeutig als SKP-Angebote erkennbar. “Die Sparkassen zeigen hier vollständige Transparenz bzgl. der Kooperation mit der SKP den Kunden gegenüber.“

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Eindeutig erkennbar? SKP wirbt mit dem S der Sparkasse

Ivo Mayr

Die SKP nutzt das Sparkassenimage bewusst aus: „Der persönliche Kundenkontakt ist die Stärke jeder Sparkasse. Wir machen daraus erfolgreiches Ratenkreditgeschäft“, wird denn auch Danilo Reimann aus dem Vertriebsmanagement von SKP im Geschäftsbericht 2013 zitiert. 

Die SKP verdient prächtig bei dem Deal. Seit 2012 hat sich ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und betrug 2014 rund 35,7 Millionen Euro. Und so soll es auch weitergehen: „In diesem günstigen Marktumfeld erwartet die SKP, auch im Jahr 2015 deutlich stärker zu wachsen als der Gesamtmarkt und die positive Entwicklung der letzten Jahre weiter fortzusetzen“, prognostiziert die SKP in ihrem letzten Jahresbericht.

Um das zu erreichen, schult SKP die Sparkassen-Berater, bietet ihnen Marketinginstrumente an und eine spezielle Computer-Software für den Kreditantrag. Die hat eine Funktion eingebaut, die dem Sparkassenmitarbeiter signalisiert, wenn er dem Kunden auch einen höheren Kredit andienen kann, als der eigentlich will. „Upselling“ nennt man das. Das kann insbesondere dann genutzt werden, wenn der Kunde auch noch Kredite bei anderen Banken laufen hat, die abgelöst und auf S-Kreditpartner übertragen werden sollen.

Auf eine Anfrage von CORRECT!V an SKP mit mehreren Fragen, schreibt eine Unternehmenssprecherin: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir von der Beantwortung der Fragen absehen möchten.“

Und viele Kunden glauben immer noch, „ihr“ Sparkassenberater habe etwas mitzureden bei den Krediten. Er könne Einfluss nehmen auf die Konditionen, weil man sich ja seit langem kenne. Er kann es nicht. Er ist nur noch ein Makler, der einen Kreditvertrag vermittelt. 

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Textchef: Ariel Hauptmeier

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