Die Sparkasse, die Bank der kleinen Leute. Gut für die Bürger, gut für die Unternehmer, und die Gewinne erhöhen das Budget der Städte und Gemeinden. So war es mal. So ist es nicht mehr. Immer mehr Sparkassen schreiben Verluste – für die Kommunen mit Steuergeldern gerade stehen müssen. Wie die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Sie hat Millionenverluste aufgehäuft. Was läuft schief?

Die Fakten

  • Schlechte Geschäfte und hohe Kosten machen immer mehr Sparkassen unrentabel.
  • Städte und Gemeinden haften für viele Verluste.
  • Gleichzeitig kassieren viele Vorstände hohe Gehälter. Sie verdienen mehr als die Bundeskanzlerin.
  • Lokalpolitiker sollten die Sparkasse kontrollieren, die aber oft eigene Interessen verfolgen.
  • Die Sparkassen nehmen immer weniger Geld durch Kredite ein. Ihre wichtigste Ertragsquelle schrumpft.
  • Für den Kunden bieten die Sparkasse immer weniger Vorteile als private Banken. Dispozinsen sind zu hoch, Spareinlagen werden kaum verzinst.

Jürgen Stackebrandt hat sein ganzes Berufsleben bei der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe verbracht. Einst machte er dort eine Lehre als Bankkaufmann, später wurde er in den Vorstand berufen, den er zwei Jahre lang leitete. Sein Gehalt war zuletzt fürstlich, insgesamt 326.600 Euro kassierte er 2013. Zum Vergleich: Die Bundeskanzlerin bekommt rund ein Drittel weniger.

Im Jahr darauf ging Stackebrandt in Rente. Üblich wäre eine Pension von 55 Prozent der letzten Bezüge gewesen. Stackebrandt reichte das nicht. Er wollte 65 Prozent. Dafür benötigte er eine Mehrheit im Verwaltungsrat der Sparkasse. Darin sitzen Lokalpolitiker aus den Städten Dinslaken, Voerde und Hünxe. Die Städte liegen am Niederrhein, im Norden von Duisburg, sie sind notorisch knapp bei Kasse. Voerde etwa ist auf Jahre hinaus in einem Haushaltssicherungskonzept gefangen und muss jeden Cent sechsmal umdrehen. Dinslaken droht dasselbe Schicksal. Die Stadt musste zuletzt mehrfach die Steuern erhöhen.

Doch der Luxusrente ihres scheidenden Sparkassenvorstandes stimmten die Herrschaften zu. Knapp 18.000 Euro erhält Stackebrandt nun pro Monat. Allein der 10-Prozent-Zuschlag wird die Sparkasse in den kommenden 20 Jahren mehr als eine halbe Million Euro kosten.

Auch das zweite Vorstandsmitglied, Ulrich Schneidewind, ließ sich seine Pension rechtzeitig erhöhen. Auch er sicherte sich einen Spitzensatz von 65 Prozent des Grundgehalts. Die hohe Betriebsrente für Schneidewind wird nur nicht fällig, weil er Ende 2011 in den Vorstand der benachbarten Sparkasse Duisburg wechselte.

Über ein Jahrzehnt leiteten Stackebrandt und Schneidewind gemeinsam die Geschäfte der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Sie seien zufrieden mit ihren Geschäften, schrieb Stackebrandt noch 2014.

Eine Meinung, die nicht alle teilen dürften. Tatsächlich geriet unter der Ägide Stackebrandt-Schneidewind die Sparkasse in zunehmende Schieflage. Mehr als 13 Millionen Euro Verlust machte sie 2014, dem Jahr, in dem sich Stackebrandt in den goldenen Ruhestand verabschiedete.

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Heute sind tausende Kredite der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe notleidend, drohen also zu platzen, mit einem Volumen von insgesamt rund 150 Millionen Euro – rund jeder zehnte Privat- oder Unternehmenskredit ist faul. Eine Katastrophe für ein Kreditinstitut.

Seit 1997 bis zu seinem Ausscheiden habe Schneidewind schwerpunktmäßig das Privatkundengeschäft der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe betreut, schreibt er CORRECT!V auf Anfrage, ob er eine Mitverantwortung für die Kreditprobleme trage. “Das Firmenkundengeschäft wurde seit 2001 ausschließlich vom Vorstandsmitglied und dem stellvertretenden Vorstandsmitglied direkt verantwortet.“ Mit dieser Äußerung rückt er seinen ehemaligen Vorstandskollegen Stackebrandt in den Fokus. Dieser antwortet auf die gleiche Anfrage: „Bereits schon seit einem Jahr befinde ich mich im Ruhestand und bin somit nicht mehr berechtigt, mich zu Fragen über die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe zu äußern.“

Deutlicher antwortet CORRECT!V die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe, mittlerweile mit einem neuen Chef an der Spitze. Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden Rolf Wagner hätte seine Sparkasse „in der Vergangenheit eine expansive Kreditpolitik verfolgt, die – im Nachhinein betrachtet – deutliche Auswirkungen auf die Risikolage der Sparkasse mit sich brachte.“

Die hohe Anzahl der notleidenden Kredite ist auch eine Katastrophe für die Gemeinden Dinslaken, Voerde und Hünxe. Sie sind die Träger der Sparkasse, sie haften in diesem Fall mit Steuergeldern für Verluste.

Es ist eine Katastrophe, die sich so ähnlich gerade in vielen deutschen Städten abspielt.

Denn es liegt nicht nur an der Gier oder Unfähigkeit einiger Vorstände. Der Fehler liegt im System.

Blick über eine leere Straße auf den prunkvollen Neubau der Sparkasse.

Im März 2012 eröffnet: Über 10 Millionen Euro soll der Neubau die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe gekostet haben.

Jonathan Sachse

Wer die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse in Dinslaken betritt, einen pompösen Neubau unweit des Bahnhofs, hat viel Raum zum Atmen. Es sind aber hauptsächlich die Angestellten, die den Sauerstoff nutzen. Warteschlangen gibt es hier nicht. Die Mitarbeiter laufen einem gleich entgegen, nähert man sich einem der sieben Beratungsschalter. An zwei weiteren Schaltern erhält man ausschließlich Bargeld.

Auf einem drei Meter breiten Bildschirm lassen sich die Börsenkurse aus aller Welt abrufen. Daneben Uhrzeiten aus Tokio, Sydney und New York. Der Flair der großen, weiten Finanzwelt in einem 67.000 Einwohner-Städtchen, die umsorgt werden von insgesamt 334 Sparkassen-Mitarbeitern in sieben Filialen.

Schon als der Bau des Finanzpalastes beschlossen wurde, im Sommer 2009, wenige Monate nach der letzten globalen Bankenkrise, knarzte es im Maschinenraum der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Jeder konnte in den Offenlegungsberichten die wachsende Zahl der faulen Kredite einsehen. Als das 10-Millionen Euro teure Gebäude – es sollte „Weichen für die Zukunft“ stellen – im März 2012 eröffnet wurde, sah es für die Sparkasse gar nicht gut aus. Aber unverdrossen sprach Jürgen Stackebrandt wenige Tage vor Eröffnung des Neubaus, er sei mit dem Geschäftsergebnis seiner Bank „noch zufrieden.“

Es ist nicht die erste Krise. Seit langem laufen die Geschäfte nicht so, wie sie sollen. 1975 schlossen sich Dinslaken und Voerde zusammen, 1991 fusionierten sie mit Hünxe.

Es wird nicht die letzte Fusion gewesen sein. Weil es der Sparkasse so schlecht geht, will, nein: muss sie erneut fusionieren. Im Sommer 2015 ist das die große Debatte in allen drei Gemeinden. Was sind die Risiken? Wir werden darauf zurückkommen.

Blick über den Rathausplatz. Im Vordergrund parken mehreren Auto in einer Reihe nebeneinander. Dahinter sieht man das Sparkassen-Gebäude, was eine verglaste obere Etage hat.

Blick über den Rathausplatz auf die größte Filiale in der Kleinstadt Voerde.

Jonathan Sachse

Voerde hat 37.000 Einwohner und 30 Sparkassenangestellte in vier Filialen. Eine Autoviertelstunde weiter, die Weseler Straße hinunter und an den Feuchtwiesen des Buchholter Bruchs vorbei, liegt Hünxe, 14.000 Einwohner, 17 Sparkassenangestellte, drei Filialen.

Effizienter sollte die Kasse durch die Fusionen einst werden. Sie wurde es nicht. Der Verwaltungsapparat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe gehört zu den aufgeblähtesten der Branche. Macht die Sparkasse einen Euro mehr Ertrag, bleiben 84 Cent davon in den Kosten hängen. Ein Spitzenwert.

Nur zum Vergleich: Die Sparkasse Soest schafft den gleichen Umsatz wie Dinslaken-Voerde-Hünxe mit 303 Angestellten – anstatt 381.

Ein maßloser Vorstand, eine aufgeblähte Verwaltung – kein Wunder, dass die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe ihren Kunden immer schlechtere Konditionen anbietet.

Und auch das lässt sich verallgemeinern.

Lange galt für Sparkassen die 3-6-3-Regel: Sparer bekommen drei Prozent Zinsen für ihr Geld, die Bank verleiht es zu sechs Prozent weiter, und nachmittags um drei gehen die Banker Golf spielen.

Heute gilt eher die „0,05-16-4-Regel“. Die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe zahlt ihren Kunden kaum nachweisbare 0,05 Prozent Zinsen, also 50 Cent pro 1.000 Euro Sparguthaben und Jahr. Überzieht man seinen Dispo, werden happige 16 Prozent Überziehungszinsen fällig. Golf spielen gehen die Banker noch immer nachmittags, bildlich gesprochen – die Filialen in Dinslaken schließen in der Regel um 16 Uhr. Diese Zahlen stehen im Preisaushang der Sparkasse, der im Juli veröffentlicht wurde.

„Die Angebote der Sparkasse sind mau“, sagt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Verbraucher-Zeitschrift „Finanztip“, die regelmäßig die Leistungen von Deutschlands Banken vergleicht. „0,05 Prozent Zinsen, das ist ein Zwanzigstel von dem, was die besten Banken am Markt anbieten.“

Seit Jahren können sich auch die Sparkassen Geld fast umsonst von der Europäischen Zentralbank leihen – verlangen aber ein Vielfaches an Dispo-Zinsen. Bis zu 11 Prozent, in Dinslaken. „Die Margen sind extrem hoch“, kritisiert Verbraucherschützer Tenhagen. „Bei den Sparkassen werden die Leute regelrecht geplündert.“

Bei Autokrediten tun Dreiviertel der deutschen Sparkassen inzwischen nur noch so, als vergäben sie einen Kredit. Tatsächlich haben dieses Geschäft an eine gesichtslose Berliner Kreditfabrik ausgelagert, die S-Kreditpartner GmbH. Ein Viertel der Sparkassen vergibt auch Verbraucherkredite über diese Bank. Geht ein Kunde also zu „seiner“ Sparkasse, und hofft vielleicht auf eine persönliche Beratung und gute Konditionen – dann gibt sein Berater die Daten tatsächlich nur noch in die Eingabemaske ein und der Algorithmus von S-Kreditpartner entscheidet. Die Formulare sind gehalten in Sparkassen-Rot, viele Kunden merken gar nicht, dass sie den Kredit nicht bei der Sparkasse abschließen.

Kundennähe? Wird in diesem Fall nur noch simuliert. Die Sparkasse ist hier nur noch ein Makler, der eine Provision kassiert.

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  1. 3. November 2015

    Etikettenschwindel

Halten wir fest: Die Gier der Häuptlinge, die überdimensionierten Verwaltungen, die immer schlechteren Konditionen – all das trägt bei zum beschleunigten Niedergang der deutschen Sparkassen. Es gibt einen vierten Grund, den wohl wichtigsten von allen: das Gekungel mit den Politikern vor Ort.

Politiker brauchen die Sparkassen, um Vorhaben zu finanzieren, die ihnen selbst wichtig sind. Gleichzeitig sollen sie die Arbeit der Sparkasse kontrollieren. Wie soll das funktionieren?

Anders gefragt: Wie viel Mitschuld trägt Bürgermeister Michael Heidinger am beschleunigten Niedergang der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe?

Michael Heidinger, Mann mit Brille, sitzt und lächelt in die Kamera

Seit 2009 ist Michael Heidinger der Bürgermeister der Stadt Dinslaken.

Stadt Dinslaken

Heidingers breites Lächeln kennt jeder in Dinslaken, noch in Sportklamotten präsentiert er es, wenn er jedes Jahr beim „City-Lauf“ durch Dinslaken joggt. Heidinger startete erst spät in die Lokalpolitik. Mit 23 Jahren trat er in die SPD ein, arbeite zunächst in unterschiedlichen Arbeitsämtern und war dann im NRW-Landtag Referent für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Mit 41 begann er, sich in Dinslaken zu engagieren, schon eine Wahlperiode später wurde zum Bürgermeister gewählt, das war 2009; mittlerweile ist er in seiner zweiten Amtszeit. Er gilt als bürgernah, er kennt alle und jeden in Dinslaken. In den Aufsichtsgremien von insgesamt 39 Organisationen ist er vertreten.

In seiner Amtszeit hat Heidinger etliche Bauprojekte vorangetrieben, obwohl die Kasse eigentlich leer ist. 2014 eröffnete Heidinger ein neues Einkaufszentrum. Als nächstes möchte er den Bahnhof in seiner Stadt neugestalten. In Gesprächen sagt er immer wieder, wie wichtig Investitionen für eine zukünftige Stadtentwicklung sind.

„Wir müssen die zugegeben sehr engen Spielräume nutzen, daher setzen wir auf Investitionen in die Infrastruktur“, sagte Heidinger etwa dem regionalen Blog lokalkompass. Und per Pressemitteilung teilte er mit: „Ohne Sparkassen wäre die wirtschaftliche Zukunft auch unseres Dinslakener Mittelstands akut gefährdet.“

Schon 2006 war Heidinger Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe, der deren Arbeit beaufsichtigt. Ab 2009, dem Jahr, in dem er zum Bürgermeister gewählt wurde, leitete er den Risikoausschuss der Sparkasse. Erst im September 2014 gab Heidinger den Vorsitz im Gremium ab. Er nehme seitdem aber weiterhin „mit beratender Stimme an den Sitzungen des Risikoausschusses teil”, schreibt die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auf eine Anfrage von CORRECT!V.

Mit anderen Worten: Über Jahre hat einer der wichtigsten Kontrolleure der Sparkasse ein vitales Interesse daran, dass möglichst viele Kredite vergeben werden.

Noch anders gefragt: Hat Heidinger die letzten Jahre im Interesse der Sparkasse gesprochen, oder in seiner Rolle als Bürgermeister?

Bürgermeister Heidinger gibt CORRECT!V darauf keine Antwort und lässt eine schriftliche Anfrage mit mehreren Fragen unbeantwortet.

Fest steht: Es ist einiges schief gelaufen in Dinslaken, zu viele Kredite wurden offenbar zu nachlässig vergeben. Und die Konsequenzen sind gravierend. Besonders bei den Krediten für Unternehmen und Selbstständige – rund 15 Prozent sind nicht zur vereinbarten Zeit zurückgezahlt worden.

„Die Quote ist niederschmetternd“, sagt Hans-Joachim Dübel. Als Finanzexperte berät er Banken und Aufsichtsbehörden und hat zahlreiche Krisenbanken in Europa analysiert. „Die Bundesbank gibt systemweit für 2013 eine Quote von 2,6 Prozent für notleidende Kredite an.“ Dübel hält eine Ausfallrate von über 5 Prozent bei Unternehmenskredite für „problematisch“.

Notleidende Kredite in der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe

15 Prozent notleidende Unternehmenskredite: Was lief in den Kontrollgremien der Sparkasse schief? Haben Heidinger und seine Kollegen die Augen zugedrückt, um die Wirtschaft fördern zu können?

Wer mit den Menschen in Dinslaken spricht, hört immer wieder einen Satz. „Wer nicht schnell genug an der Sparkasse vorbeiläuft, bekomme einen Kredit aufgedrückt.“ Oder: „Wenn Du nirgendwo einen Kredit bekommst, gehst Du zur Sparkasse.“

In der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe sitzen im Verwaltungsrat – wie in allen 414 deutschen Sparkassen – hauptsächlich Lokalpolitiker. Das sind in diesem Fall unter anderem zwei Rentner, ein Sozialarbeiter, ein Elektroniker und ein Arzt. Dazu kommen einige Angestellte der Sparkasse.

Sie sollen die Arbeit des Vorstands überwachen. Dazu treffen sie sich viermal im Jahr. Wenn die Sparkasse ein Gebäude bauen möchte, müssen sie zustimmen. Wenn die Sparkasse eine Filiale schließen möchte, hat der Verwaltungsrat das letzte Wort. Am Ende eines Jahres schauen sie sich den Geschäftsbericht an.

Die Frage muss erlaubt sein – sind sie dazu befähigt?

In Dinslaken ist das Kind in den Brunnen gefallen. Die Sparkasse ist so gut wie pleite. Die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe ist allein nicht mehr überlebensfähig. Nun sucht sie ihr Heil in einer Fusion mit der Verbands-Sparkasse Wesel. Man erhofft sich die faulen Kredite besser auffangen zu können. Die Nachbarbank aus Wesel möchte dafür 10 Millionen Euro bereitstellen. Weitere Millionen sollen direkt von den drei Trägerstädten kommen.

Es ist Juni, der Sommer ist heiß, auf der Besuchertribüne des Dinslakener Rathaus rinnt den Zuhörern der Schweiß. Unten, im historischen Rathaussaal, raufen sich die Politiker die Haare, blicken einander in die genervten Gesichter. Seit Stunden debattieren sie den Haushalt. Lücken allerorten. Rund 15 Millionen Euro werden 2015 fehlen. Vorn sitzt Bürgermeister Heidinger, moderiert mit Tempo die Sitzung.

Nächster Tagesordnungspunkt. Die Fusion der Sparkassen.

Die Abgeordneten sind ungehalten. Warum bekommen wir keine aktuellen Geschäftszahlen?, fragen sie Bürgermeister Heidinger. Wurden Kredite ohne angemessene Risikobewertung vergeben? Wie kann verhindert werden, dass dieselben Fehler noch einmal gemacht werden? Was sind die Risiken für die Kommunen und damit für die Steuerzahler? Doch Heidinger weicht aus. Als ein Politiker der Linken fragt, warum die kritische Situation der Sparkasse nicht früher überblickt wurde, moderiert er ab und gibt keine Antwort.

Wenig später werden alle Zuschauer aus dem Sitzungssaal gebeten. Die Details zur geplanten Fusion sind nicht öffentlich. Heidinger selbst schließt die Tür zum Sitzungssaal.

Von einem der Anwesenden weiß CORRECT!V, was im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung diskutiert wird – ebenfalls fast nichts. Erneut weicht Heidinger aus. Bringt fadenscheinige Gründe vor, warum es der Sparkasse so schlecht gehe. Etwa: Die hohen Eigenkapitalanforderungen der Europäischen Union seien schuld. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank.

Eigene Fehler? Nennt er nicht.

Während Heidinger spricht, liegt ein knapp 40-Seiten dickes Dokument im Ratssaal aus. In einer langen Liste werden anonymisiert alle notleidenden Kredite der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe aufgeführt. Eng untereinander gereiht wird aufgelistet, wo offene Forderungen bestehen und ob die Schulden besichert sind.

Am Ende der Sitzung lässt Heidinger die Papiere wieder einsammeln. Die Abgeordneten dürfen sie nicht mitnehmen. Wobei das Interesse an dem Dokument ohnehin mäßig ist. Viele der Lokalpolitiker haben sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, überhaupt durch die Aufstellung zu blättern. Dabei geht es um viel Geld:

Dinslaken, Voerde und Hünxe haften mit insgesamt 20 Millionen Euro Steuergeldern für die notleidenden Kredite. Die Städte garantieren, zehn Jahre lang die Verluste der Sparkasse auszugleichen, falls deren Rücklage nicht reichen sollte.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers geht davon aus, dass bei „besonders günstiger Entwicklung des wirtschaftlichen Umfelds“ die Städte die 20 Millionen Euro möglicherweise nicht an die Sparkasse zahlen müssen. Diese Bewertung wird in einer nicht-öffentlichen Sitzung der drei Kommunen genannt. Nur wie wahrscheinlich ist im Ruhrgebiet eine „besonders günstige Entwicklung“? Es wäre viel Geld für die Kommunen, die selbst am Rand der Pleite stehen.

Dem Rettungspaket für die die eigene Sparkasse kann die Stadt Voerde nur zustimmen, weil das finanzielle Versprechen noch nicht in den Haushalt eingerechnet wird. So wird das Haushaltssicherungskonzept umgangen. In Zukunft wird jedes Jahr neu geprüft, wie wahrscheinlich es ist, dass der Sparkasse die Garantie gezahlt werden muss. Steigt das Risiko, muss Voerde seinen Anteil von 5,9 Millionen Euro als Garantie für die Sparkasse zurückstellen. Wenn Voerde zahlen muss, wären das für jeden Einwohner in Voerde rund 160 Euro.

Anfang Juni 2015 stimmten alle sechs Städte für eine Fusion. Die letzten Details werden im November von den Räten beschlossen werden. Ab 2016 soll es die neue fusionierte „Niederrheinische Sparkasse RheinLippe“ geben. Vorausgesetzt die zuständige Kommunalaufsicht Wesel und das Finanzminsterium NRW stimmen am Ende noch zu.

In Dinslaken, Voerde und Hünxe werden die klammen Kommunen zudem ihre Sparkasse retten. Gemeinsam bürgen sie mit 20 Millionen Euro für eine Rettungsaktion, deren Hintergründe vermutlich kaum einer der Lokalpolitiker erfasst hat.

Ein Graffiti auf einer Mauer in Dinslaken mit dem Schriftzug: "Dinslaken - Die Tolerante Stadt!"

Ein Graffiti in der Nähe vom Dinslakener Bahnhof. Auch mit den Geschäften der Sparkasse geht Dinslaken tolerant um.

Jonathan Sachse

Gewiss: In Dinslaken lief besonders viel schief. Aber auch, wo Bürgermeister und Vorstände besser gewirtschaftet haben, steht das System Sparkasse vor dem Kollaps. Weil es neun Probleme gibt, auf die die deutschen Sparkassen bislang keine Antwort gefunden haben.


Problem Nummer 1: 
Niedrige Zinsen, weniger Gewinn

Seit 2009 sank der Zinsüberschuss der gesamten Sparkassen-Finanzgruppe auf 32 Milliarden Euro. Ein Rückgang um elf Prozent. Weil die Zinsen auf einem historischen Tief sind, und weil immer weniger Menschen einen Kredit bei der Sparkasse aufnehmen.

Geschäftsentwicklung Sparkassen-Finanzgruppe

Zum Zeitpunkt der Bankenkrise 2008 vergab das Institut in Dinslaken noch Kredite in Höhe von 3,4 Milliarden Euro. Fünf Jahre später war es weniger als die Hälfte.

Das Kerngeschäft der Sparkassen ist rückläufig.

Problem Nummer 2:
Die Sparkassen sind nicht krisenfest

Jede Bank muss Rücklagen bilden für schwierige Zeiten, Vorräte, die nicht abhängig sind vom Tagesgeschäft oder den Launen der Märkte. Im Branchenjargon: Banken müssen ihre Finanzierung aus eigenen Mitteln, ihr Eigenkapital, erhöhen. Wenn eine Bank genügend Eigenkapital hat, werden unerwartete Verluste durch die Eigentümer der Bank getragen, und nicht wie im Falle Lehmann Brothers von den Steuerzahlern.

Der Basler Ausschuss für Bankenregulierung hat unter dem Namen Basel III geregelt, dass Banken mehr Sicherheiten für ihre Risiken haben müssen. Bis 2019 müssen die Banken ihr Eigenkapital schrittweise erhöhen. Die genauen Regeln sind sehr komplex. Dafür wurde 2014 die Europäische Bankenunion ins Leben gerufen, die aggregierte Daten veröffentlicht. 

Eine einfache Vergleichsmöglichkeit unter den Banken: Mit wie viel Eigenkapital ist die Bilanzsumme, das Vermögen einer Bank, hinterlegt? Wie hoch ist diese Eigenkapitalquote?

Ein Vergleich. Deutschlands drei größte Privatbanken haben im Jahr 2013 eine Eigenkapitalquote von 2,7 Prozent (Deutsche Bank), 3,8 Prozent (Commerzbank) und 8,1 Prozent (UniCredit).

Die Ostsächsische Sparkasse Dresden kommt auf 3,2 Prozent, die Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze auf 3,4 Prozent, die Stadtsparkasse Oberhausen auf 4,5 Prozent und die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auf 5,4 Prozent.

Die öffentlich-rechtlichen Sparkassen setzen wie die große Banken hauptsächlich auf fremdes Kapital, was immer Risiken ausgesetzt ist.

Die Sparkassen sehen Basel III als Angriff auf das System der lokalen Kleinbanken. Sie wollen nicht die gleichen Regeln erfüllen, wie es Deutsche Bank oder HSBC tun müssen. So schimpfen Vorstände und Politiker wahlweise auf „Amerikaner“, „Briten“ oder „Finnen“, die selber keine öffentlichen Banken haben und deswegen den deutschen Sparkassen das Leben schwer machen würden.

Martin Hellwig, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, sieht das anders. „Ich sehe keinen akzeptablen Grund, Sparkassen anders zu regulieren als Großbanken. Auch das gewöhnliche Kreditgeschäft ist riskant.“ Es sei richtig, Eigenkapital der Banken staatlich zu kontrollieren. Hellwig: „Die Risiken betreffen uns alle – und können uns teuer zu stehen kommen.“

Sparkassen können ihr Eigenkapital erhöhen, indem sie einen Teil ihrer Gewinne als Sicherheit behalten. Das braucht viel Zeit. Wenn kaum noch Gewinn da ist, weil weniger Menschen Kredite aufnehmen, bricht das System zusammen. In Dinslaken ist längst die deutsche Bankenaufsicht Bafin auf das Problem aufmerksam geworden. Anfang 2015 forderte sie die Sparkasse auf, dringend ihr Eigenkapital zu erhöhen. Eine Eigenkapitalquote von 5,4 Prozent war also noch zu niedrig. Von da an sprach die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auch öffentlich über eine Fusion.

Problem Nummer 3:
Die Gier der Häuptlinge

Jürgen Stackebrandt ist nur einer von vielen. Bis vor wenigen Jahren waren Sparkassen-Angestellte Beamte, die das kommunale Vermögen im Sinne der Bürger verwalteten. Seit ihnen der Beamten-Status genommen wurde, entschwinden Gehalt und Pensionen in ungeahnte Höhen. Alexander Wüerst, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Köln, verdiente im letzten Jahr 868.000 Euro. Heinz-Dieter Tschuschke, Chef der Klein-Sparkasse Meschede im Sauerland, erhielt im selben Jahr 265.000 Euro.

Der Landessparkassenverband RSGV empfiehlt eine Pensionshöhe von 55 Prozent des Grundgehalts. Vorstandsmitglieder der Sparkassen Neuss und Emmerich-Rees haben sich 75 Prozent genehmigt.

Problem Nummer 4:
Das ineffiziente System

Bei Deutschlands Sparkassen trägt jeder Mitarbeiter rund 4,7 Millionen Euro zur Bilanzsumme bei. Bei der Commerzbank sind es 14 Millionen Euro pro Mitarbeiter, bei der Deutschen Bank 33 Millionen Euro, bei der Onlinebank ING-Diba 39 Millionen Euro.

Problem Nummer 5:
Zu hohe Verwaltungskosten

Heute geht ein durchschnittlicher Sparkassenkunde zweimal im Monat zum Bankautomaten, telefoniert zweimal im Jahr mit seinem Bankberater, geht einmal im Jahr zum ausführlichen Gespräch in eine Filiale – doch seine Sparkassen-App ruft er rund 16 Mal pro Monat auf.

Wofür brauchen die Sparkassen noch so viele Filialen?

In Nordrhein-Westfalen ist das Filialnetz der Sparkassen besonders dicht. Auf 396 selbständige Städte und Gemeinden kommen 104 eigenständige Sparkassen. Jede vierte Gemeinde hat eine eigene Sparkasse. In den restlichen Bundesländern liegt der Durchschnitt wesentlich höher. Auf jede Sparkasse fallen 34 Gemeinden.

Und noch etwas treibt gerade in Nordrhein-Westfalen die Verwaltungskosten in die Höhe: Es gibt hier zwei Landesverbände. Den Sparkassenverband Westfalen-Lippe und den Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Eine Parallelstruktur, die wenig Sinn macht – aber viel kostet.

Problem Nummer 6:
Die Sparkassen sind nicht mehr konkurrenzfähig

Online-Banken im Netz sind günstiger, bieten die Möglichkeit, weltweit kostenlos Bargeld abzugeben und müssen kein teures Filialnetz unterhalten.

Problem Nummer 7:
Keine unabhängige Kontrolle

„In Deutschland ist die Verflechtung von Bankern und Politikern besonders ausgeprägt“, sagt Isabel Schnabel, Wirtschaftsprofessorin in Mainz. Sie hat sich intensiv mit den Sparkassen beschäftigt, sie sagt, es sei ein Problem, dass die Banken den Kommunen gehören und sie zugleich mitfinanzieren sollen. Schnabel: „Es besteht die Gefahr, dass Kredite fehlgeleitet werden und dass die Kommunen über die Sparkassen Geld ausgeben – außerhalb der demokratischen Kontrolle.“

Problem Nummer 8:
Manche Verwaltungsräte bewegen sich hart an der Grenze zur Korruption

Der CSU-Landrat Jakob Kreidl ließ über die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee – deren Verwaltungsrat er vorsteht – jahrelang ein Eisstockschießen für CSU-Politiker und Prominente mitfinanzieren. Eine Bürgermeisterfahrt nach Triest ließ er mit 56.000 Euro, den Tiroler Jägerverband mit über 20.000 Euro unterstützen – Kreidl ging dort regelmäßig selbst zum Schießstand. Beides wertet die Regierung von Oberbayern mittlerweile als „rechtswidrig“. Der Höhepunkt der Verschwendungsorgie: Die Sparkasse bezahlte die 80.000 Euro teure Geburtstagsparty von Landrat Kreidl. Die ja schließlich eine „Repräsentationsaufgabe“ war, so sahen es jedenfalls Kreidls Kumpel im Verwaltungsrat.

Problem Nummer 9:
Die Gefahr einer Kettenreaktion

Zur Sparkassen-Finanzgruppe gehören 414 Sparkassen, neun Landesbausparkassen, sieben Landesbanken. Sie sichern sich gegenseitig ab und haften füreinander. Das stabilisiert – setzt die kleinen Sparkassen aber auch den Risiken der weltweiten Finanzmärkte aus.

Die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen sollen seit Jahren eine Sonderrücklage finanzieren, weil sie für die gescheiterten Geschäfte der früheren WestLB mit gerade stehen müssen. 2009 wurden milliardenschwere Schrottpapiere der WestLB in eine Bad Bank ausgelagert. Dafür müssen die Sparkassen innerhalb von 25 Jahren ein Verlustausgleichskonto auffüllen. Die Sparkasse Dortmund muss rund 125 Millionen Euro beiseite legen, die Sparkasse Arnsberg-Sundern knapp 21 Millionen Euro. Das System ist bereits ins Stottern geraten: Die Stadtsparkasse Emmerich-Rees zahlte 2013 nichts in die Vorsorge-Rücklage, Dinslaken-Voerde-Hünxe setzte im Geschäftsjahr 2013 die Zahlung ebenfalls aus. Eine Zeitbombe in diesen knappen Zeiten. Müssen die Kommunen einspringen? Müssen dafür Steuern erhöht werden?

Zudem gibt es am Finanzmarkt Risiken, die alle Sparkassen gleichzeitig treffen können. Sollten zum Beispiel plötzlich die Zinsen ansteigen, könnte das die Sparkassen vor allem bei den Immobilienkrediten treffen. Können sich die Sparkassen bei einem solchen Szenario wirklich noch gegenseitig retten?

Fazit

Sparkassen sollen dem Gemeinwohl dienen, das ist ihr oberster Zweck. Die erste Sparkasse entsteht 1801 in Göttingen. Ab 1831 werden die ersten Kreissparkassen und Landesbanken gegründet. Sie helfen den Menschen, Geld zu sparen, helfen den Unternehmern vor Ort mit Krediten, speisen ihre Einnahmen in den Rathaussäckel ein. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die Sparkassen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Wohnungen. Und auch mit der Entwicklung des globalen Finanzsystems sollten die Sparkassen die Bank des kleinen Mannes bleiben.

Doch es ging abwärts: Im Jahr 2002 gab es noch mehr als 500 Sparkassen in Deutschland. Heute sind es nur noch 414. Und das Fusionieren geht weiter. Da sind sich die Ökonomen einig, die den Bankenmarkt in Deutschland analysieren.

Eigentlich sollten die Sparkassen die Spardosen der Kommunen sein. Gut für die Bürger, gut für die Städte.

Doch schlechte Geschäfte und Umbrüche in der Finanzwelt machen das ganze System marode. Kunden zahlen hohe Zinsen, wenn sie ihr Konto überziehen und erhalten im Gegenzug nur wenig Sparzinsen für Einlagen. Immer wieder muss der Steuerzahler Sparkassen und Landesbanken vor der Krise retten.

Mit ungewissem Ausgang und desaströsen Folgen.

Dinslaken ist nur ein Beispiel. Welche Sparkasse folgt als Nächstes?

Helft bei der Recherche!

CORRECT!V bleibt dran am Thema – und bittet um Eure Mithilfe. Gemeinsam können wir Missstände bei den 414 Sparkassen aufdecken – eine Aufgabe, die uns alleine überfordern würde.

In welcher Kommune verbergen sich die größten Risiken? In welchen Städten genehmigen sich die Sparkassen-Chefs höhere Pensionen als vorgesehen? Welche Bürgermeister nutzen die Sparkassengewinne für Wohltaten in Wahlkampfzeiten?

In den vergangenen Monaten haben wir eine Rechercheplattform entwickelt, den CrowdNewsroom. In Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung führen wir dort diese Informationen in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zusammen. Im CrowdNewsroom erklären wir einige Grundlagen des journalistischen Handwerks bei und recherchieren gemeinsam.

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Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: Heinz Krischer, Stefan Wehrmeyer, Simon Jockers, Daniel Drepper
Bildchef: Ivo Mayr

Die Recherche zu diesem Artikel ist eine Kooperation von CORRECTIV mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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