Die Sparkassen verdienen weniger, wenn sie Geld verleihen. Als Reaktion kündigt der Dachverband an, mehr Mitarbeiter abzubauen und die Kosten für die Kunden zu erhöhen. Tatsächlich machen die Sparkassen genau das aber schon seit Jahren.

Fast schon traditionell schimpfen die Sparkassen auf die Europäische Zentralbank (EZB). Am Dienstag dieser Woche, bei der jährlichen Bilanzpressekonferenz, holte Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), wieder aus. Die Sparkassen müssten neue Ertragsquellen suchen. Die „falsche Zinspolitik“ der EZB sei Schuld. Wenige Tage zuvor hatte die Zentralbank den Einlagenzins für Banken gesenkt: Sie müssen künftig 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB deponieren wollen.

Da das Kerngeschäft der Sparkassen an die aktuelle Zinssätze gekoppelt ist, betrifft jede Veränderung gleich alle 409 Sparkassen und damit auch die mehr als 50 Millionen Kunden der Gruppe. Die Sparkassen verdienen hauptsächlich Geld durch die Vergabe von Krediten. Das Geld der Sparer legen sie (wie jede andere Bank auch) wiederum zu höheren Zinsen an. Der Gewinn spiegelt sich im so genannten Zinsüberschuss wieder. Doch der schmilzt in der gegenwärtigen Niedrigzinsphase seit Jahren.

Zinsüberschuss aller Sparkassen (in Mrd.)

Die allgemeinen Zahlen werden noch dramatischer, wenn man sich die einzelnen Regionen genauer anschaut. In Sachsen zum Beispiel ist der Zinsüberschuss im vergangen Jahr um 1,7 Prozent gesunken. Die dortigen Sparkassen haben deshalb 15,5 Millionen Euro weniger verdient. Einzelne Sparkassen haben sogar noch größere Probleme, wie die Sparkasse Radevormwald-Hückeswagen in Nordrhein-Westfalen. Seit 2009 hat sich ihr Zinsüberschuss von 15,8 Millionen jährlich auf 8 Millionen Euro fast halbiert.

Die Sparkassen selber versuchen gegenzusteuern, indem sie die Provisionsgeschäfte sowie den Wertpapierhandel ausbauen. Dabei ist das weder ihr Kernmarkt, noch ihre Aufgabe. Die Gewinne in diesem Bereich steigen von Jahr zu Jahr zwar leicht an, reichen aber nicht, um den Negativtrend zu stoppen.

Provionsüberschuss aller Sparkassen (in Mrd.)

Bei der Jahresbilanz kündigte Sparkassen-Präsident Fahrenschon zwei Reaktionen an: Die Sparkassen wollen Personal abbauen, und die Preise für die Kunden sollen sich erhöhen. Beide Entwicklungen sind tatsächlich schon seit Jahren im Gang.

Immer mehr Mitarbeiter werden abgebaut

Im Jahr 2015 beschäftigten die Sparkassen bereits 12.000 Mitarbeiter weniger als vier Jahre zuvor. Der Verwaltungsaufwand habe sich durch eine Tariferhöhung im März 2015 trotzdem weiter erhöht, sagte Fahrenschon.

Anzahl Mitarbeiter aller Sparkassen

Während die Zahl der Mitarbeiter in den vergangenen Jahren um knapp fünf Prozent sank, stiegen die Gehälter für die Vorstände weiter, zumindest in Nordrhein-Westfalen. Das „Handelsblatt“ vergleicht seit 2011 die NRW-Gehälter und zeigt, dass sie im Schnitt stärker stiegen als die Tarifgehälter der Angestellten. Die durchschnittliche Vergütung der Chefs sei um 4,1 Prozent gewachsen, während die Tariferhöhung im öffentlichen Dienst bei drei Prozent gelegen habe. Spitzenverdiener in NRW ist Alexander Wüerst, Chef der Kreissparkasse Köln. Sein Gehalt lag im Jahr 2014 bei 867.900 Euro und stieg innerhalb eines Jahres um fast acht Prozent.

Außerhalb von NRW lassen sich die Vorstandsgehälter bisher kaum vergleichen. In Schleswig-Holstein wird sich das bald ändern. Ein neues Transparenzgesetz wird in den nächsten Monaten für alle öffentlich-rechtlichen Unternehmen die Gehälter vom Jahr 2015 an offenlegen. Dazu zählen auch die Sparkassen. In Bundesländern wie Bayern dagegen werden Vorstandsgehälter wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Der Sparkassen-Verband weist dabei alle Verantwortung von sich. Auf Nachfrage von correctiv.org und der FAZ antwortete der DSGV knapp: Über die Transparenz entschieden die Landesgesetze und Kommunalpolitiker vor Ort.

Der Kunde muss leiden

„Die Zeit von kostenlosen Girokonten ist vorbei“, sagt Fahrenschon (Rede im Original). „Wir werden angesichts der Zinslandschaft unsere Leistungen verursachungsgerechter bepreisen müssen.“

Doch diese Kostenlos-Zeit ist schon lange vorbei. Vor kurzem haben correctiv.org und die FAZ die Zinsangebote aller Sparkassen verglichen. Auf Geld, das auf dem Girokonto liegt, gibt es keine Zinsen mehr. Mehrmonatige Spareinlagen werden kaum noch verzinst. Dafür verlangen die Sparkassen bis zu 12,75 Prozent, wenn das Girokonto ins Minus rutscht.

Für unsere Analyse haben wir die Preisaushänge der Sparkassen untersucht. Darin zeigt sich auch, dass schon heute kaum noch Kontomodelle ohne Grundgebühr angeboten werden. So bieten zum Beispiel von den neun Sparkassen in Mecklenburg-Vorpommern nur noch zwei Sparkassen ein Konto ohne Grundpreis für alle Altersstufen an. Die Sparkasse Mecklenburg-Strelitz und Ostsee-Sparkasse Rostock verlangen jedoch Gebühren für jede Überweisung und jede Beratung am Schalter.

Werden die Kunden der Sparkassen bald fürs Sparen zahlen müssen? Es geht schon los: Die Mittelbrandenburgische Sparkasse kündigte vor einigen Wochen an, Strafzinsen für den Fall zu erwägen, falls gewerbliche Neukunden mit Millionenbeträgen ankämen.*

*Korrektur 17.3.: In der ursprünglichen Version des Textes hieß es: „Fahrenschon sprach von 60 bis 70 gewerblichen Kunden, die bei der Mittelbrandenburgische Sparkasse in Potsdam bereits eine „Verwahrgebühr“ zahlen müssten.“ Daraufhin meldete sich ein Sprecher der Mittelbrandenburgischen Sparkasse: Aktuell berechne seine Sparkasse keinem ihrer Kunden Verwahrgebühren. Sie hätten lediglich erklärt, dass sie derartige Zinsen erwägen für den Fall, dass Institutionelle, die bislang keine Kunden sind, mit Millionenbeträgen ankämen.

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