Persönliche Anrufe, Briefe – die Deutsche Arthrose-Hilfe wirbt offensiv um Gerichtsspenden. Der Verein gibt das Geld vor allem dafür aus, jedes Jahr Abermillionen von Seiten mit Informationen über die Krankheit zu verschicken. Auch der Vorsitzende verdient gut.

Das Gelenk entzündet sich, schwillt an und schmerzt. Wer unter der Krankheit Arthrose leidet, dem will die „Deutsche Arthrose-Hilfe“ helfen. Dieses Anliegen halten viele Richter in Deutschland für förderungswürdig. Mehr als zwei Millionen Euro haben Gerichte dem Arthrose-Verein seit dem Jahr 2007 zugewiesen.

Das Recherchezentrum CORRECTIV hat in einer Datenbank die Justizspenden seit 2007 zusammengetragen und sie jetzt mit den neuesten Daten aus den Jahren 2015 und 2016 aktualisiert. Die Zahlungen stammen aus Gerichtsverfahren, die gegen eine Geldauflage eingestellt werden.

Die Richter schlagen in der Regel vor, an welche Organisation die Angeklagten das Geld zahlen sollen.

Die Auswertung zeigt: Die Arthrose-Hilfe ist regelmäßig weit oben auf den Spendenlisten zu finden. Davon profitiert auch der Vereinsvorsitzende, der nach eigenen Angaben bis zu 120.000 Euro im Jahr bezieht. Der Verein gibt die Spenden für „Patientenberatung“ und Infobroschüren sowie Forschung aus. Wie bei allen Verein prüfen die Gerichte nicht, was mit den Geldauflagen geschieht.

Richter verteilen 90 Millionen

Die Arthrose-Hilfe wirbt auf ihrer Homepage offensiv mit „Gemeinnützigkeit und Seriosität“. Gemeinnützig ist das einzige verbindliche Kriterium für Richter, die Geldauflagen verteilen, mehr als 90 Millionen Euro im Jahr 2016. Viele Spenden gehen an Opferhilfevereine oder an wohltätige Organisationen wie dem Roten Kreuz oder Drogenberatungen. Viele Richter sagen auch, dass sie das Geld an Vereine verteilen, deren Arbeit einen Bezug zur Straftat hat. Allerdings dürften Strafverfahren, die direkt mit der Gelenkerkrankung Arthrose zu tun haben, eher selten sein.

Neben Mitgliedsbeiträgen und Spenden bestreitet der Verein einen Teil seiner Ausgaben mit Hilfe von Spenden der Justiz: nach eigenen Angaben durchschnittlich 200.000 Euro im Jahr.

Und offenbar wirbt der Verein besonders offensiv bei der Justiz um Spenden. Das berichten verschiedene Richter gegenüber CORRECTIV. An Gerichten in Berlin, Hannover, Frankfurt am Main und in Chemnitz erinnern sich Richter, wie die Organisation sie anrief und ihnen Briefe schickte. Die Post kostet Geld, scheint sich aber auszuzahlen.

Ein Orthopäde an der Spitze

Gegründet wurde der Verein 1987 am Stadtrand von Saarlouis, nur wenige Minuten von der französischen Grenze entfernt. Zu den Gründern zählen der Vorstandsvorsitzende Helmut Huberti, ein Orthopäde aus Heidelberg, und seine Schwester.

Eine Treppe führt zu einer Tür mit einem Klingelschild des Vereins.

In Saarlouis sitzt die Deutsche Arthrose-Hilfe. An einem Mehrfamilienhaus führt ein separater Treppenaufgang zum Vereinsbüro.

Moritz Ehl

Der Verein bietet vor allem Informationen über die Gelenkkrankheit an. So habe die Deutsche Arthrose-Hilfe „30.920 Bitten um Arthroseinformationen“ erhalten und „7.424 Fragen zu Unterstützung und Mitgliedschaft“ beantwortet. Allein im Jahr 2016.

Der Vorsitzende Helmut Huberti spricht mit viel Leidenschaft über seine Vereinsarbeit. Er nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit CORRECTIV, beantwortet später noch schriftliche Nachfragen. Huberti schätzt, dass in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen unter Arthrose leiden. Das Problem sei sehr vielfältig.

Geldquelle Gericht

„Wenn es durch eine Straftat zu Knochenbrüchen kommt, kann das häufig zu Arthrose führen“, sagt Huberti. Mit dieser Argumentation wirbt er bei Richtern. „Es kann auch sein, dass der Richter selber Arthrose hat oder jemand mit der Krankheit kennt“. Huberti sagt, dass sie die Richter einzeln anrufen. Wenn diese Interesse zeigen, schickt er ihnen seine Informationshefte.

Das ist nicht untypisch für Vereine, die die Gerichte als Geldquelle entdeckt haben. Richter erhalten etliche Bettelbriefe, manchmal finden sich in Briefumschlägen Kugelschreiber oder Schreibblöcke. Richter bekommen Überweisungsträger und Aufkleber mit der Bankverbindung von Vereinen, die maßgeschneidert für die Gerichtsformulare sind. „Es besteht der Eindruck, dass solche Briefe von professionellen Drittanbietern kommen“, vermutet Jens Buck, Amtsrichter aus Hannover.

Die Arthrose-Hilfe wirbt laut Huberti in allen Bundesländern um Spenden – mit Ausnahme des Saarlands und Hamburg. Am Vereinssitz in Saarlouis will Huberti „jegliche Interessenskonflikte vermeiden“. Er könnte Justizangehörige persönlich kennen. In Hamburg sei eine telefonische Kontaktaufnahme mit Richtern unerwünscht.

Das meiste Geld fließt ins Papier

Im Jahr 2016 gab der Verein laut Huberti 3,6 Millionen Euro aus. Gegenüber CORRECTIV legt er die Ausgaben des Vereins detailliert offen. Der größte Einzelposten mit etwa 1,5 Millionen Euro im Jahr: der Druck und Versand von Informationsmaterialien.

Vier Titelbilder der Arthrose-Info

Nach Angabe des Vereins ist die „Arthrose-Info“ in Deutschland die „mit Abstand meistgenutzte Informationsquelle für Arthrose-Betroffene“.

Screenshot: arthrose.de

Vier Mal im Jahr verschickt der Verein das Ratgeberheft „Arthrose-Info“. 16 Seiten gehen an über 250.000 Mitglieder und interessierte Patienten. Das sind 16 Millionen Seiten gedrucktes Papier, die der Verein jedes Jahr versendet. Zwei Mal im Jahr publiziert der Verein eine aktualisierte Gesamtausgabe der Zeitschrift: die beiden Bände umfassen je etwa tausend Seiten. Etwa 30.000 Patienten kontaktieren die Arthrose-Hilfe jährlich zum ersten Mal. Sie erhalten einen Band zugeschickt. Das sind 30 Millionen Seiten Papier.

Ist dieser Papierverbrauch im Zeitalter von Email-Newslettern noch zeitgemäß?

Die meisten Betroffenen seien um die 70 Jahre, sagt Huberti. Diese würden „in der Regel handgeschriebene Briefe“ schicken. Deswegen bevorzuge er die gedruckte Form. Er verteidigt auch die dicken Bände. „Warum sollten wir diesen Menschen Informationen vorenthalten, die ihr Leiden lindern können?“, schreibt Huberti.

Auch hinter der „Service-Hotline“ – bezeichnet als Patientenberatung – des Vereins scheint sich vor allem der Versand von Broschüren zu verbergen: nach einem Anruf kommt nach einer Woche eine Email, in der um die Postadresse der um Hilfe bittenden Patientin gefragt wird.

Mehr als 100.000 Euro Gehalt

Die Arthrose-Hilfe fördere auch die Forschung. 2016 habe der Verein 382.000 Euro hierfür ausgegeben, schreibt Huberti, also etwa ein Zehntel des Budgets.

Zwei Förderungen sind in ihrer Höhe bekannt, weil die Empfänger die Spenden veröffentlichten: Bis 2014 unterstützte der Verein einen Lehrstuhl an der Universität des Saarlandes mit 750.000 Euro. Im Jahr 2011 unterstützte der Verein mit 150.000 Euro einen hessischen Orthopädie-Verein beim Aufbau einer Datenbank. Darin werden Operationen erfasst, bei denen Menschen künstliche Gelenke erhielten.

Huberti ist als Vorstand des Arthrose-Vereins beschäftigt. Sein genaues Gehalt möchte er nicht verraten. Für seine Funktionen „als Vorstand der Deutschen Arthrose-Hilfe e.V. sowie als Autor und Chefredakteur der Arthrose-Infos“ verdiene er monatlich nicht mehr als 10.000 Euro, schreibt er.

Vereinsvorsitzende arbeiten eigentlich ehrenamtlich. Wer entlohnt werden möchte, muss das seit 2009 in der Satzung des Vereins angeben. Tatsächlich änderte der Verein im selben Jahr die Satzung. Seitdem haben Mitglieder des Vorstandes „Anspruch auf eine angemessene Vergütung“. Huberti schreibt, er erhalte bereits seit 2001 eine Vergütung. Sein Gehalt kann er sich auch dank der Großzügigkeit der Richter und Staatsanwälte leisten.

Auszug Vereinsregister mit Paragraphen, die in Vereins-Satzung geändert wurden.

2009 beschlossen die ordentlichen Mitglieder des Arthrose-Vereins einstimmig für diese Satzungsänderung.

Foto Vereinsregister Frankfurt am Main

Das Geschäftsmodell der Arthrose-Hilfe lief so gut, dass Huberti auch internationale Büros eröffnete. Allerdings nur virtuell. Huberti gründete die „World Arthrosis Organization“ (WAO). Der Verein hat seinen Sitz in Heidelberg. Auf der Webseite findet sich ein globales Netzwerk mit Büroadressen in Boston, Madrid und Paris. Im Gespräch mit Huberti stellt sich heraus, dass die Standorte im Ausland mehr Schein als Sein sind. Mitarbeiter gibt es dort keine. Ein Büro-Dienstleister nimmt dort lediglich die Post entgegen. „Bei vielen Menschen gibt es ein Bedürfnis, sich noch zu vergrößern“, sagt er geradezu philosophisch über den internationalen Auftritt.

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