Die Krankenhausgesellschaft rechnet vor, dass 99,9 Prozent aller gemessenen Krankenhausleistungen „qualitativ gut“ seien. Doch ihre Rechnung geht nicht auf.

Diese Recherche veröffentlichen wir in Kooperation mit dem Deutschlandradio.

Es gibt eine Zahl, über die ich mich während meiner Recherche zur Krankenhausqualität besonders geärgert habe. Auch, weil ich sie so oft gehört habe. Die Zahl: 2013 seien 99,9 Prozent aller gemessenen Leistungen im Krankenhaus „qualitativ gut“, lässt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) verlauten, der Dachverband der deutschen Kliniken.

Auf Nachfrage rechnet Hauptgeschäftsführer Georg Baum vor: 2013 gab es rund 3,2 Millionen dokumentierte Behandlungsfälle. Im gleichen Zeitraum wurden 610 Zielvereinbarungen geschlossen. Weil ein Mangel vorlag – zum Beispiel, wenn eine Klinik zu häufig die Leitlinien der Fachgesellschaften beim Einbau eines Defibrillators missachtet.

Baum teilt die Zielvereinbarungen durch die Behandlungsfälle. Heraus kommt ein Wert von 0,02 Prozent. Alles andere, 99,9 Prozent der Behandlungen, seien demnach gut. Die Krankenhäuser seien deshalb „Vorreiter in Sachen Qualität und Transparenz“, sagt er.

Das Problem mit dieser Rechnung ist: Sie ist grundfalsch.

Die Zahl aller Behandlungen durch die Zahl der Qualitätsmangel zu teilen, ergibt schlicht keinen Sinn. Denn liegt ein solcher Mangel vor, ist nicht nur ein Patient betroffen. Meist ist es ein grundlegender Fehler in der Klinik. Der etliche Patienten betrifft.

Ein Beispiel: 2013 behandelte das Klinikum Karlsburg in der Nähe von Greifswald 135 Patienten mit einer TAVI, einer neuartigen Herzklappen-OP. In 40 Fällen befolgte das Krankenhaus dabei die Leitlinie der Fachgesellschaften. In bis zu 30 Fällen befolgte sie Vorgaben nicht. Warum die Zahlen abweichen, kann die Klinik nicht erklären.

Ein Qualitätsmangel, bis zu 30 Fälle. Der Zähler in dieser Rechnung muss also größer sein. Und das Klinikum Karlsburg ist kein Einzelfall.

Außerdem rechnet DKG-Chef Baum mit veralteten Zahlen. Mittlerweile hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Qualitätsberichte für 2014 veröffentlicht.

CORRECTIV hat die aktuellen Qualitätsberichte ausgewertet. Demnach gibt es 1149 Auffälligkeiten in insgesamt 553 Krankenhäusern. Das heißt, dass in mehr als jedem vierten Krankenhaus ein Mangel vorliegt. Im Schnitt waren es in jedem dieser Häuser mehr als zwei, im Uniklinikum Heidelberg sogar zehn. Die Saarland Kliniken Saarbrücken wiesen neun Qualitätsmängel auf, die Uniklinik Rostock ebenfalls. Wieder waren pro Mangel wahrscheinlich etliche Patienten betroffen.

Hinzu kommt, dass nicht einmal 20 Prozent der Krankenhausleistungen in Deutschland in diesen Daten erfasst werden. Und dass die Krankenhäuser unangenehme Fälle gern verschweigen – und damit durchkommen. Denn sie verfassen die Qualitätsberichte selbst, Kontrollen gibt es kaum –Sanktionen schon gar nicht.

Gewiss leisten Deutschlands Krankenhäuser in den allermeisten Fällen erstklassige Arbeit. Umso mehr sollte ihnen daran gelegen sein, sie transparent und nachvollziehbar zu dokumentieren – und Mängel ehrlich offenzulegen. Die bisherigen Qualitätsberichte leisten das in keiner Weise. Es ist zu 99,9 Prozent ärgerlich, wenn Krankenhauslobbyisten diese Berichte nehmen und daraus Loblieder dichten.

Der Autor dieser Serie ist mit einem Datenfellowship der Rudolf Augstein Stiftung gefördert worden.


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