Die Qualitätsberichte der Krankenhäuser sind öffentlich – und doch fast unzugänglich. Klinikleitungen drängen ihre Chefärzte viel zu häufig zu Operationen. Und die Krankenhauslobby rechnet sich die Qualität der Kliniken schön. Ein Werkstattbericht.

Zwei Monate lang habe ich den größten öffentlichen Datensatz zur Krankenhausqualität durchkämmt: die Qualitätsberichte der Krankenhäuser. Insgesamt 6800 Dateien, allein für das Jahr 2014. Ich wollte wissen: Welche Krankenhäuser weisen Qualitätsmängel auf? Und warum?

Mit Stefan Wehrmeyer, Datenjournalist bei CORRECTIV, habe ich die Fragen an die Daten formuliert, die Stefan in die Programmiersprache Python übersetzt hat. Zuerst mussten wir verstehen, wie die Daten aufgebaut sind, in welchen Datensätzen welche Angabe auftaucht und wo sie sich doppelt. Wir suchten nach auffälligen Indikatoren, nach auffälligen Krankenhäusern, nach aussagekräftigen Kommentaren. Die Ergebnisse kombinierten wir mit Fallzahlen, Zielvereinbarungen und grundlegenden Informationen: Wer ist der Träger? In welchem Bundesland steht die Klinik? Unseren Code findet Ihr mit einer englischen Beschreibung hier.

Kontakte winken ab

Auf der Suche nach einem Rechercheansatz habe ich immer wieder enthusiastisch zum Hörer gegriffen in der festen Annahme, dass mir ein Experte am anderen Ende der Leitung bestätigen würde, eine tolle Geschichte ausgegraben zu haben. Doch meine Kontakte winkten meist ab. Klar sei das ein Hinweis, sagten viele. Aber die Qualitätsberichte beweisen noch gar nichts.

Die Qualitätsberichte sind schlicht nicht verlässlich. Sie geben zwar Auskunft über die schwersten Einzelfälle. Für ganz Deutschland unterschätzen die Qualitätsberichte die Qualitätsmängel wahrscheinlich. Doch wenn diese Berichte so wenig über die Qualität in Krankenhäusern aussagen, was wissen wir dann überhaupt darüber?

Mehr als 100 Menschen gesprochen

Ich habe mehr als 100 Mediziner, Patienten, Funktionäre, Politiker und Forscher getroffen, angerufen, per Mail und Twitter kontaktiert. Herausgekommen ist eine Geschichte über einen Haufen Daten, der die Qualität in Deutschland sichern soll – und tatsächlich weitgehend unbrauchbar ist.

Bei meiner Recherche bin ich außerdem auf ein Phänomen gestoßen, von dem viele glaubten, es hätte sich erledigt: Mengenvorgaben für Ärzte. In der Ärzteschaft ist es ein offenes Geheimnis, dass Mediziner von Klinikleitungen zu mehr und lukrativeren Operationen gedrängt werden – obwohl diese Verhalten seit 2013 gesetzlich verboten ist und längst überwunden sein sollte. Die Ärzte stürzen solche Verträge in ein Dilemma. Im Zweifel müssen sie sich zwischen ihren Umsatzzielen und der richtigen Behandlung für den Patienten entscheiden. Eine unnötige Operation bringt dem Krankenhaus zwar Geld, aber den Patienten in Gefahr.

„Omertá“ unter Ärzten

Trotz des Aufrufs von Gewerkschaften, Ärztekammern, NGOs und Bekannten will bislang kein Betroffener mit mir über seine Zielvereinbarung mit der Krankenhausleitung sprechen. Einer der wenigen Ärzte, die mir überhaupt zu dem Thema Auskunft gegeben haben, ist der Notarzt Paul Brandenburg. Er hat selbst keinen solchen Vertrag, kennt die Mengenvorgaben aber aus dem Krankenhausalltag. Warum steht niemand auf gegen diese gefährliche Praxis? Laut Brandenburg herrsche unter seinen Kollegen eine „omertá“, besser bekannt aus Mafiakreisen. Das Motto: Schweig oder stirb! Nur dass es hierbei nicht um das Leben der Mediziner geht, sondern um ihre Karriere.

Die Ergebnisse meiner Recherche haben mich ernüchtert. Doch blinde Angst vor dem Krankenhaus ist übertrieben. Viele Ärzte, Pfleger und Klinikchefs leisten hervorragende Arbeit. Wie man diese Krankenhäuser ausfindig macht, habe ich mithilfe der Berliner Verbraucherzentrale beschrieben.

Geärgert habe ich mich dennoch – und zwar über die deutsche Krankenhausgesellschaft. Als ich deren Hauptgeschäftsführer mit meinen Rechercheergebnissen konfrontierte – mit den Lücken in den Qualitätsberichten, dem enormen Druck auf Ärzte und der Intransparenz für Patienten – wiegelt er ab. Er antwortet mithilfe einer absurden Rechnung. 99,9 Prozent aller Kliniken arbeiteten gut. Das Ergebnis: „Die Krankenhäuser sind Vorreiter in Sachen Qualität und Transparenz“, sagt er. Warum diese Rechnung grundfalsch und seine Schlussfolgerung höchstens seinem Image als Klinik-Lobbyist gerecht wird, habe ich hier kommentiert.

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