Nordkorea vermietet 50.000 Arbeiter an ausländische Firmen. Die meisten müssen in Russland und China schuften. Doch jetzt haben Journalisten auch mehrere dieser Zwangsarbeiter auf der Crist-Werft in Polen entdeckt. Zu den Kunden dieser Werft gehören auch die deutschen Baukonzerne Hochtief und Bilfinger.

Dieser Artikel ist eine Kooperation zwischen CORRECTIV und „Vice Deutschland“, das aus den Recherchen auch einen Film gemacht hat. Der Artikel erscheint gleichzeitig im „Kölner Stadtanzeiger“ und im „Mannheimer Morgen“

Es war ein qualvoller Tod. Am 29. August 2014 fing die Kleidung des Schweißers Kyong Su in Halle G-503 Feuer. Seine Kollegen konnten die Flammen erst nach mehreren Versuchen löschen. Da war seine Haut schon zu 95 Prozent verbrannt. Am nächsten Tag erlag Kyong Su seinen Verletzungen.

Su war ein nordkoreanischer Zwangsarbeiter. Eingesetzt über ein Subunternehmen auf der Crist Werft in der Nähe von Danzig. Das geht aus Dokumenten und Unterlagen hervor, die „Vice Deutschland“ recherchiert und CORRECTIV zur Auswertung zur Verfügung gestellt hat. 

Die Unterlagen zeigen erstmals detailliert, unter welchen Umständen in einem EU-Land nordkoreanische Zwangsarbeiter eingesetzt werden. Laut einem Bericht des UN-Menschenrechtsrates arbeiten etwa 50 000 Nordkoreaner im Auftrag des Regimes im Ausland, die meisten davon in Russland und China.

Ihre Arbeitsbedingungen, so die Vereinten Nationen, entsprechen der Zwangsarbeit: Das Regime schickt nur Arbeiter ins Ausland, die verheiratet sind. So kann es Druck auf die Angehörigen ausüben, falls die Arbeiter im Ausland nicht spuren. Einen Großteil ihres Lohns müssen die Arbeiter direkt an das Regime abtreten. Experten schätzen, dass die Arbeiter selbst höchstens 160 Dollar im Monat behalten dürfen. Ein Werftarbeiter berichtet gegenüber „Vice Deutschland”, er wisse gar nicht, wieviel er verdiene, das Geld behalte die Firma, die ihn auf der Werft einsetze. Seit mehr als zwei Jahren hatte er keinen Urlaub.

Die Danziger Werften waren einst die Keimzelle der polnischen Gewerkschaftsbewegung – die später eine zentrale Rolle bei der Demokratisierung der Länder in Osteuropa spielten. Heute dienen die Traditions-Werften nur noch als billige Werkbank europäischer Schiffbauer. Seit Jahren beschäftigen einige von ihnen auch Zwangsarbeiter aus Nordkorea.

Auch deutsche Firmen wissen die niedrigen Preise zu schätzen. Hierher lagern sie Arbeiten aus, die dreckig sind und für wenig Geld erledigt werden sollen. Unter anderem lassen sie hier Schiffsrümpfe zusammen schweißen, die später auf deutschen Werften ausgestattet werden.

Zum Beispiel den Rumpf des Bauschiffs Ceona Amazon. Es wurde in Danzig auf der Crist-Werft gebaut. Dort wurde es im April 2014 vom Stapel gelassen. Im August 2014 verbrannte hier der nordkoreanische Schweißer Su. Vier Monate später, am 3. Dezember 2014, wurde das Schiff in Bremerhaven auf der Lloyd Werft getauft. Wir haben die Lloyd Werft gefragt, ob das Subunternehmen, das die nordkoreanischen Zwangsarbeiter beschäftigt, am Bau der Ceona Amazon beteiligt war. Die Werft wollte sich dazu nicht äußern.

Unterlagen der polnischen Arbeitsinspektion enthalten Hinweise, dass die nordkoreanischen Arbeiter an mindestens zehn Schiffsprojekten für norwegische und dänische Werften arbeiteten. Auf deutsche Firmen gibt es in dem Bericht keine Hinweise.

Aber auch die beiden Baukonzerne Hochtief und Bilfinger unterhielten in den vergangenen Jahren Verbindungen zur Crist-Werft. Beide Unternehmen errichteten Windparks in der Nord- und Ostsee. Hochtief bestellte bei Crist hierfür drei Spezialschiffe, zuletzt im Jahr 2013 das Schiff Vidar. Dieses wurde bei der Errichtung des Windparks Global Tech 1 von Hochtief eingesetzt. 

Ein Sprecher von Hochtief sagte auf Anfrage von CORRECTIV, über den Einsatz von Zwangsarbeitern bei Crist sei dem Konzern nichts bekannt. Die Frage, welche Subunternehmen beim Bau der Vidar eingesetzt wurden, richte sich an die Crist Werft, nicht an Hochtief. Zugleich sagt der Sprecher, man erwarte von den Partnern die Einhaltung von Mindeststandards, darunter auch die Ablehnung von Zwangsarbeit.

Der Baudienstleister Bilfinger ging mit Crist sogar eine formelle Partnerschaft ein. Im Jahr 2012 gründete der Konzern mit der Werft sowie mit einem polnischen Staatsfond ein Gemeinschaftsunternehmen, um bei Stettin Stahlfundamente für Windkraftanlagen zu produzieren. Inzwischen hat Crist die Partnerschaft verlassen. In seinen Kundenreferenzen führt Crist aber noch im Jahr 2015 einen Auftrag für Bilfinger auf.

Ein Sprecher von Bilfinger wollte sich auf Anfrage von CORRECTIV nicht konkret dazu äußern. Die Crist Werft behauptete gegenüber „Vice Deutschland”, man halte sich an alle Gesetze in Polen.

Sowohl Bilfinger als auch Hochtief haben das UN-Abkommen „Global Compact“ unterschrieben, das Unternehmen zur Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards verpflichtet. Zwangsarbeit ist darin nicht vorgesehen. Das Abkommen hält Firmen dazu an, auch bei Subunternehmen und Geschäftspartnern auf die Einhaltung grundlegender Standards zu achten.

Das Regime in Nordkorea ist mit Sanktionen belegt und hat daher Schwierigkeiten, an Devisen zu kommen. Darum schickt es Zwangsarbeiter ins Ausland. In der EU wurden sie offenbar nur in Polen und auf der Mittelmeerinsel Malta eingesetzt. In Deutschland wurden seit 2012 laut Arbeitsagentur im Jahr jeweils höchstens 40 Arbeitserlaubnisse für Nordkoreaner erteilt.

Update am 28. Juni 2016: Eine frühere Version dieses Artikels verwies auf einen Hinweis auf der Webseite der Crist-Werft auf die Fertigung von Stahlfundamenten für den Windpark Global Tech 1. Die Werft hat diesen Hinweis inzwischen geändert. Nach Angaben von Global Tech 1 wurden alle Fundamente für den Windpark in Deutschland und Belgien gefertigt.

Mitarbeit: Margherita Bettoni

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