Sexuelle Gewalt ist nach Angaben der Vereinten Nationen eine der folgenreichsten und häufigsten Kriegswaffen unserer Zeit. Auch wenn diese Gewalt an Zivilistinnen öffentlich bekannt ist, so bleibt sie doch häufig ungesühnt. CORRECTIV wird in den kommenden Monaten Recherchen von französischen Journalistinnen und belgischen Video-Reportern zu diesem Thema veröffentlichen. Über zwei Jahre lang untersuchten sie, wie häufig Vergewaltigungen und sexuelle Erniedrigung straflos bleiben.

Neun Reporterinnen recherchierten vor Ort in Krisenregionen mit Militärs auf der ganzen Welt. „Manche Opfer schienen darauf gewartet zu haben, dass endlich jemand mit ihnen redet“, sagt Leila Minano, Chefreporterin des Projekts. Betroffen sind Frauen und manchmal noch sehr kleine Mädchen, Lehrerinnen, Mütter, Großmütter, Bäckerinnen, Sekretärinnen, Studentinnen. Sie alle wollten, dass ihre schrecklichen Erlebnisse einen Widerhall finden und nicht ewig ungehört blieben, sagt Minano. Die 35-jährige Französin hat ein Buch über Vergewaltigungen innerhalb der französischen Armee geschrieben. „Warum werden die Täter nicht verfolgt? Wir wollten verstehen, wieso diese Kriegswaffe ungesühnt bleibt“, sagt Minano. Sie hat in Zentralafrika recherchiert – und den kleinen Jungen Elie gefunden, der wahrscheinlich von einem französischen Soldaten mit einer minderjährigen Einheimischen gezeugt worden war.

Die anspruchvollste Aufgabe sei es daher gewesen, auch auf den Seiten der Täter oder Mitwisser in den Armeen Menschen zu finden, die bereit waren, darüber zu sprechen, was sie getan oder beobachtet hatten. Eine verschlossene Gruppe. Denn häufig sind auch sie nach den Kriegserfahrungen traumatisiert, sie riskieren ihren Job und die Freundschaft zu Kollegen. Über Facebook, Internet-Foren von Veteranen und Mund-Zu-Mund-Propaganda fanden die Reporterinnen aber dennoch Soldaten, die anonym sprechen wollten. 

Sexuelle Gewalt ist eine perfekte Waffe: Die Betroffenen schweigen aus Angst und Scham. Und weil die Täter in allen Truppen sind, beispielsweise auch unter den UNO-Blauhelmen, werden sie auch von internationalen Organisationen geschützt. „Viele denken, es sei normal, dass Frauen und Kinder im Krieg vergewaltigt werden. Aber das ist es nicht, es ist ein Verbrechen an Zivilistinnen.“

Nicolas Blies hat als Video-Journalist die zero-impunity-Trailer gedreht. Er soll Menschen dazu animieren, Petitionen zu unterschreiben, die beispielsweise eine Diskussion über sexuelle Gewalt während der militärischen Ausbildung und härtere Strafen für die Täter fordern. Das Neue daran ist: Jeder Unterzeichner, jede Unterzeichnerin kann seine Eigenschaften für einen virtuellen Demonstranten auswählen, der dann als Avatar in einer Menschenmasse visualisiert wird. Dieses Bild wird an Häuserfassaden in europäischen Metropolen projiziert ohne Vorwarnung.

 

CORRECTIV-Serie Zero Impunity

„Die perfekte Waffe“: Warum wir über das Thema berichten

Teil 1: Französische Soldaten sollen jungen Frauen in Zentralafrika missbraucht haben

Teil 2: USA: Folter durch sexuelle Erniedrigung

Teil 3: Im syrischen Bürgerkrieg werden Kinder vergewaltigt um ihre Eltern fertig zu machen