Hunderttausende Demonstranten lebten 2013 im Gezi-Park und auf dem angrenzenden Taksim-Platz. Weder die Polizei noch ihre Panzerwagen konnten sie vertreiben. Über drei Jahre sind seitdem vergangen. Was wurde aus dem Aufbruchsgeist der Gezi-Proteste?

Istanbul, Mai 2013: Ein paar Dutzend Aktivisten haben sich im Gezi-Park versammelt, im Zentrum der Stadt. Der Park soll einer Shopping-Mall weichen. Das wollen die Demonstranten verhindern. Die Polizei rückt an mit Wasserwerfern und Tränengas, das Ordnungsamt zündet die Zelte der Protestierenden an. Das brutale Vorgehen ist jener Funke, der den bis dahin winzigen Protest zu einer Massenbewegung macht. Schon bald geht es nicht mehr um Grünflächen und Bäume, sondern um Demokratie und Freiheit. Die Jugendlichen sind es leid, dass der Staat sie gängelt. Sie wollen Alkohol trinken, wann sie es wollen. Sie wollen Kinder kriegen, wann und mit wem sie wollen. Sie wollen in einer modernen und säkularen Gesellschaft leben.

Es folgen Tage, an denen sich die Demonstranten in der Türkei heftige Straßenschlachten mit der hochgerüsteten Polizei liefern. Acht Menschen werden dabei in Istanbul und anderen Städten getötet. Tausende werden verletzt.

Während die Kämpfe andernorts weiter gehen, zieht sich die Polizei im Zentrum Istanbuls zurück. Der Gezi-Park wird zur Kommune. Die jungen Leute demonstrieren hier nicht nur. Sie leben friedlich zusammen, teilen sich Zelte und Essen, richten in einer Ecke des Parks sogar eine Bücherei ein.

Selbst als die Polizei nach zwei Wochen erneut mit Wasserwerfern und einer schier unglaublichen Menge an Tränengas anrückt, um das Geschehen brutal zu beenden, lebt der „Spirit of Gezi“ weiter. Zwischen den Bäumen des Parks und auf den Barrikaden haben sich die Aktivisten kennengelernt – über viele ideologische Grenzen hinweg. Viele politische Projekte entstehen. Die Menschen treffen sich fortan in den Parks ihrer Stadtteile, organisieren sich in Nachbarschaftsinitiativen. Neue Organisationen, die sich für die Rechte Homo- und Transsexueller einsetzen werden ins Leben gerufen. Häuser werden besetzt und zu Sozialen Zentren erklärt. Der neu gegründeten prokurdischen Partei HDP verhilft diese Aufbruchsstimmung zwei Jahre später zum Einzug ins türkische Parlament.

Was ist davon geblieben?

Ferhat Talan, Fußballfan und Aktivist

Ferat hat eine schwarze Jacke mit einem Anarchie-Logo auf der Brust an, schaut in die Kamera

Ferat Talan: „Damit sich in der Türkei wirklich etwas verändert, müssen die Kurden und die türkische Linke zusammenarbeiten. Alleine werden wir nichts erreichen.“

Felix Huesmann

Es gibt in der Türkei ein Sprichwort: Wenn ihr euch nicht gegen den Faschismus vereint, vereint euch der Faschismus im Gefängnis. Die Gezi-Proteste haben es geschafft, Einigkeit herzustellen. Plötzlich standen Kurden neben überzeugten Kemalisten, also den Anhängern des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Die hättest du vorher niemals zusammenbringen können. Wenn du für die gleiche Sache kämpfst und von der Polizei angegriffen wirst, dann merkst du, dass du Solidarität brauchst. Wir haben nicht nur gelernt, zusammen zu kämpfen, sondern auch, die anderen zu verstehen. Auch diejenige, die wir bis dahin nicht verstanden hatten.

Ein bisschen ist davon erhalten geblieben. Ich habe viele Freunde, die vor Gezi überzeugte Kemalisten waren. Heute unterstützen sie die kurdische Bewegung. Als der Islamische Staat 2014 die syrisch-kurdische Stadt Kobane belagert hat, sind auch einige Kemalisten in den türkischen Grenzort Suruç gefahren, um ihre Solidarität zu zeigen.

Auch im Fußball hat sich vieles verändert. Früher ging es im Beşiktaş-Stadion viel politischer zu. Heute wird alles überwacht, und wenn du mit einem politischen Banner erwischt wirst, bekommst du ein Jahr Stadionverbot. Nach Gezi ist auch die „Karşı Lig“ entstanden, die „Gegenliga“. Da spielen verschiedene linke Gruppen gegeneinander. Gewerkschafter, Anarchisten, kurdische Feministinnen. Männer und Frauen spielen ohne Sexismus und Nationalismus zusammen. Das ist in der Türkei etwas völlig Neues.

Melis Özbakır, ehemalige Hausbesetzerin

Melis hat ein Tuch um den Hals. Nachtleben. Sie schaut direkt in die Kamera.

Melis Özbakır: „Ich fürchte, für einen Wandel in der türkischen Politik bräuchte es einen Bürgerkrieg im ganzen Land, oder eine schwere Wirtschaftskrise."

Felix Huesmann

Wir haben im Gezi-Park die ganze Zeit irgendwas gemacht: Irgendetwas organisiert, gekocht, aufgeräumt. Dabei hat uns aber eins gefehlt: Anders als bei Occupy Wall Street hatten wir keine organisierten Diskussionsforen. Wir haben nur individuell darüber gesprochen, wie es weitergeht. Wirklich geändert hat sich das erst, nachdem die Polizei uns aus dem Gezi-Park vertrieben hat. Die Leute haben dann angefangen, sich in den Parks in ihren Stadtteilen zu treffen und gemeinsam zu diskutieren. Daraus sind zum Beispiel die beiden besetzten Häuser im Stadtteil Kadıköy hervorgegangen, das Don Kişot und das Mahalle Evi. Ich war gerade mit meiner Mutter in einem Museum, als ich von der zweiten Besetzung erfahren habe. Ich habe ihr nur gesagt: Sorry, ich muss los, und habe sie im Museum stehen lassen. 

Wir haben das Haus zu einem Sozialen Zentrum für die Nachbarschaft gemacht. Es gab eine offene Küche, Workshops und Sprachkurse. Die Nachbarn fanden das super und haben uns dabei unterstützt. Diese Unterstützung wurde nach einigen Monaten allerdings deutlich weniger, nachdem wir eine Kampagne für die Kurden in Kobane gestartet haben, die vom IS bedroht waren. Wir haben Solidaritätsplakate im Stadtteil aufgehängt. Plötzlich wendeten sich die Nachbarn von uns ab. Wenig später hat die Polizei das Haus geschlossen. Damit starb eines der letzten Projekte, die aus den Gezi-Protesten hervorgegangen sind. Geblieben sind fast nur noch die privaten Freundeskreise.

Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Ich weiß nur, dass wir dickköpfig bleiben müssen. Dass wir die Hoffnung nicht verlieren dürfen. Und wir müssen uns selbst schützen. Vor ein paar Monaten habe ich angefangen zu boxen, damit ich mich zumindest auf der Straße etwas sicherer fühle.

Sedef Çakmak, LGBT-Aktivistin und Stadtratsabgeordnete von Beşiktaş

Mit verschrenkten Armen steht Sedef in ihrem Hof und schaut in die Kamera

Sedef Çakmak: „Ich bin mir sicher, dass auch viele AKP-Wähler höchst beunruhigt sind, durch alles was gerade passiert. Wenn sich etwas ändern soll, müssten diese Leute ihre Stimme erheben."

Felix Huesmann

Ich war schon vor den Gezi-Protesten lange in der LGBT-Bewegung aktiv – die für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen kämpft. Ich habe Demonstrationen organisiert, Pressemitteilungen geschrieben und mich mit ausländischen Politikern getroffen. Mit Gezi wurde für uns aber auf einmal vieles anders. Viele Leute, die vorher nichts mit uns zu tun hatten, haben uns kennengelernt. Alle sind sich näher gekommen. 

Wir waren aber unglaublich sauer auf viele Oppositionspolitiker. Sie haben zwar immer gesagt, dass sie uns unterstützen. Doch wenn es hart auf hart kommt, ist das das erste, was hinten rüber fällt. Also dachten wir uns: Warum gehen wir nicht selbst in die Politik und verändern etwas? Mein Freund Boysan hatte die Idee, in die CHP einzutreten, die Republikanische Volkspartei, und für die nächsten Kommunalwahl zu kandidieren. Ich habe mitgemacht. Nach einer Weile hatten wir einen Termin bei dem Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, und kurze Zeit später standen wir tatsächlich auf den Wahllisten unserer Bezirke. Ich hatte sogar einen einigermaßen aussichtsreichen Listenplatz. Um direkt gewählt zu werden, hat es trotzdem nicht gereicht. Ich bin aber ein Jahr später nachgerückt.

Wir haben seitdem einiges erreicht. Wir haben eine große Plakatkampagne in Beşiktaş gestartet. Auf den Plakaten haben LGBT-Aktivisten gemeinsam mit unserem Bürgermeister posiert. Es ging vor allem darum, Homosexuelle und Transsexuelle sichtbarer zu machen. Dadurch ist nicht die Hölle losgebrochen, sondern den Menschen hat das gefallen. Es gibt hier heute mehrere LGBT-Cafés, und die Leute können sich offener zeigen als vorher. Auch in der Stadtverwaltung schulen wir die Mitarbeiter, damit sie die Lebensumstände von Schwulen, Lesben oder Transsexuellen kennen. Das alles ist durch Gezi überhaupt erst möglich geworden. Die politische Entwicklung im Land macht unsere Arbeit aber verdammt schwer. Nach Gezi waren mehr als 80.000 Leute bei der bunten LGBT-Pride-Parade. In den letzten beiden Jahren wurde die Parade verboten und von der Polizei angegriffen. Dabei ist die Polizei nicht mal die größte Gefahr. Wir fürchten uns heute viel mehr vor möglichen Selbstmordanschlägen. Eigentlich sollte der Staat uns davor beschützen. Er tut es aber nicht.  

Azad Barış, Vorstandsmitglied der prokurdischen Partei HDP

Azad trägt einen hellgrauen Anzug. Er schaut in die Kamera.

Azad Barış: „Wir brauchen kein Mitleid von der internationalen Gemeinschaft, wir brauchen politische Sanktionen gegen die Regierung. Ein Stopp aller Waffenlieferungen wäre ein erster Schritt."

Felix Huesmann

Ich habe mir die Gezi-Proteste natürlich angeschaut, aber ich war von Anfang an nicht so euphorisch wie viele andere. Denn auch nationalistische und pro-türkische Gruppen machten dort mit. Und pro-türkisch zu sein, bedeutet in der Türkei immer auch, andere Nationalitäten und Religionen auszugrenzen. Es gab zwar eine gewisse Annäherung der verschiedenen Gruppen, aber keine wirkliche Einheit. Die wird es auch nicht geben. Sobald man nur ein Wort über die Kurden verliert, eskaliert die Situation. Das ist immer noch das große Tabuthema in der Türkei. Wer sich für die Rechte der Kurden einsetzt, wird als Separatist oder Terrorist beschimpft.

Heute sehen wir, dass Gezi keine echte Solidarität bewirkt hat. Als im Parlament die Immunität unserer Abgeordneten aufgehoben wurde, hat die CHP dafür gestimmt – eine Partei, die bei Gezi dabei war und sich als große Oppositionspartei gibt.  Als unsere Parteivorsitzenden und mehrere Abgeordnete festgenommen wurden, hat der CHP-Vorsitzende Kılıçdaroğlu das zwar indirekt kritisiert, dabei aber nicht einmal den Namen unserer Partei ausgesprochen. Wie beschämend!

Tatsächlich ist das, was sich gerade in der Türkei abspielt, noch harmlos. Es wird noch viel schlimmer kommen. Wir werden die Vernichtung von noch mehr kurdischen Städten, politische Attentate, Tötungen von Zivilisten und die Festnahme weiterer Abgeordneter erleben. Unsere Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen, werden immer weniger. Unsere Medien wurden bereits geschlossen. Uns bleibt nur noch, von Tür zu Tür zu gehen und direkt mit den Menschen zu sprechen. Für den Fall, dass sie mich irgendwann mitnehmen und einsperren, ist alles vorbereitet. Meine Genossen wissen Bescheid, und mit meiner Familie ist auch alles abgesprochen. Dass das passiert, wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Die Frage ist nicht, ob es geschieht. Sondern wann.

Ali Ergin Demirhan, Journalist des gewerkschaftsnahen Onlinemagazins Sendika.org

Ali hat eine blaue Strickjacke an, trägt einen grünen Anzug, schaut in die Kamera.

Ali Ergin Demirhan: „Am Ende geht alles um die Wirtschaft. Unser grösster wirtschaftlicher Partner ist Europa. Die EU könnte also einiges verändern, wenn sie will.“

Felix Huesmann

Als die Proteste 2013 anfingen, haben wir Artikel quasi im Minutentakt veröffentlicht. Die Aktivisten auf der Straße haben uns angerufen, und wir haben deren Infos dann verifiziert und veröffentlicht. Das war wichtig, weil die Mainstream-Medien alles gezeigt haben, nur nicht die Wahrheit. Nach ein paar Tagen haben wir einen Online-Fernsehsender gestartet und aus dem Gezi-Park heraus live ins Internet gestreamt. Wir haben die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Regierung uns angreift. Lange ist aber nichts passiert.

Erst einige Monate später hat sich das geändert. Am Anfang haben sie nur den Zugang zu einzelnen Artikeln gesperrt. Dann haben sie aber angefangen, unsere komplette Internetseite zu sperren. Wir haben uns daraufhin einfach von Sendika.org in Sendika1.org umbenannt. Mittlerweile sind wir bei Sendika12. Vor großen „Operationen“ oder Festnahmen versucht die Regierung bis heute, den Zugang zu Informationen abzuschneiden.

Allein schon aus wirtschaftlichen Gründen wird die Regierung das Internet nie langfristig abschalten. Kurzfristig hat sie es aber wiederholt lahmgelegt – und in ein paar Tagen kann eine Menge passieren. Darauf müssen wir reagieren können. Als das Internet vor kurzem wieder blockiert wurde, hat sich in Izmir jemand auf einer Fähre vor die Passagiere gestellt, und ihnen die Nachrichten zugerufen. Falls der Staat das Internet abschaltet, müssen wir auf die Straße gehen, Reden halten, Flugblätter verteilen und die Informationen an die Wände schreiben. Wir brauchen einen Plan.

Ayser Ali, Literatur-Agentin

Ayser trägt eine braune Jeansjacke, hat ihre Arme gekreuzt, schaut in die Kamera.

Ayser Ali: „Ich glaube nicht mehr an Wandel. Ich hoffe höchstens, dass es nicht noch schlimmer wird."

Felix Huesmann

Wir waren alle so unterschiedlich. Und haben es nur kurz geschafft, eine Verbindung zueinander aufzubauen. Dann haben die Leute festgestellt, dass sie nicht dieselbe Vorstellung vom Leben haben. Darum ist die Bewegung wieder verblasst. Die Stadt hat sich seitdem stark verändert. In den Ausgehvierteln rund um den zentralen Taksim-Platz sind heute weniger Menschen unterwegs. Bars und Restaurants, die Alkohol verkaufen, werden immer stärker unter Druck gesetzt. Die Behörden suchen sich irgendeinen Grund um sie zu drangsalieren. Und sie finden immer einen Weg. Früher waren hier abends viele Jugendliche auf den Straßen. Stattdessen sieht man heute immer mehr arabische Touristen. Ich merke das sogar in meiner Nachbarschaft in Cihangir. Eigentlich ist es ein weltoffener Stadtteil, hier leben Künstler, Musiker und Schauspieler. Aber auch hier gehen die Leute Abends nicht mehr so viel aus. Es gibt dieses Gefühl der Unsicherheit. Und die Gesellschaft wird immer religiöser und konservativer.

Vor ein paar Monaten, im Ramadan, hat ein Freund von mir eine Party gefeiert. Wir waren in einer privaten Wohnung, haben Musik gehört und getanzt. Auf einmal stand eine Gruppe junger Männer vor dem Haus und begann laut rumzuschreien. Was uns denn einfallen würde, im Ramadan zu feiern, Männer und Frauen zusammen? Wir haben dann das Licht ausgemacht und gewartet, bis sie weg waren. Die Party war vorbei. Wir hätten die Polizei rufen können, aber die hätte eh nichts unternommen.

Viele einstige Aktivisten fokussieren sich jetzt komplett auf ihre Arbeit und ihr Privatleben. Ich überlege, ob ich auswandern soll. Dabei will ich eigentlich nicht weg. Hier bin ich zuhause. Falls ich aber irgendwann ein Kind bekomme, wandere ich aus. In dieser Unsicherheit will ich kein Kind großziehen.

 


Von der Correctiv-Crowd finanziert

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Vielen Dank an Michael Kaluza, Tobias Huch, Friedrich Weber-Steinhaus, Dario Schach, Anna Braun, Christina Hinderlich, Alexandra Breitenstein, Gesa Salget und 56 weitere Personen.

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