Serie Zero Impunity, Teil 3: Seit fast sechs Jahren tobt der syrische Bürgerkrieg. Man erträgt all die Nachrichten über Gewaltverbrechen kaum noch. Und nun kommt ein weiteres hinzu: Die Vergewaltigung von Kindern. Ein Gefängnisdirektor bestätigt, dass 1000 Mädchen und Jungen inhaftiert sind. Augenzeugen berichten von schlimmen Misshandlungen

Warum wir über dieses Thema berichten

Als Fatima* ihre Tochter in den Gassen von Dara wiederfindet, erkennt sie die Elfjährige kaum wieder. Das Mädchen ist im Schockzustand. „Sie haben mir meine Kleidung weggenommen“, schreit sie. Seit 45 Tagen hat die Mutter ihre Tochter nicht gesehen, Anfang Mai 2011. Dara, im Süden Syriens, ist das Epizentrum des Volksaufstandes. Das Assad-Regime schlägt mit äußerster Brutalität zurück. Regierungstreue Milizen haben die Stadt umstellt. Soldaten durchsuchen Häuser auf der Suche nach den „Terroristen“.

Sie suchen auch Karim*, den Mann von Fatima. Sie werfen ihm vor, auf Versammlungen geschossen zu haben. Karim ist untergetaucht. Ein Offizier schaut Fatima an. „Wir werden Eure Tochter mitnehmen, bis sich Karim stellt“, sagt er. Noch in derselben Nacht liefert sich Karim selbst dem Militär aus. Er wird nie wieder auftauchen. Und trotzdem wird Nora*, die Tochter, 45 Tage im Gefängnis bleiben.

Sie erträgt keinen Mann in ihrer Nähe

Fatima hat mit ihrer Familie Syrien vor vier Jahren verlassen und wohnt jetzt in einem ärmlichen Viertel in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Nora ist inzwischen eine 16-jährige Teenagerin, ein langes Kleid umwallt ihren dürren Körper. Sie möchte nicht sprechen, es ist ihre Mutter Fatima, die an einem Septembermorgen im Jahr 2016 die Geschichte ihrer Tochter erzählt. Während viele andere Familien die sexuelle Gewalt an ihren Kindern aus Scham verschweigen, will Fatima Zeugnis ablegen. Die Welt muss wissen, sagt sie, was Assads Regime ihrer Familie angetan hat.

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Fatima und ihre Tochter Nora. Noch immer erträgt Nora keinen Mann in ihrer Nähe

Damien Roudeau

Fünf Jahre sind seit ihrer Festnahme vergangen, aber noch immer erträgt Nora keinen Mann in ihrer Nähe. Sie nimmt Beruhigungsmittel. Sie hat mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen.

Wie viele Kinder in Syrien Opfer von sexuellen Verbrechen geworden sind? Niemand weiß es. „Wir haben Beweise, dass Mädchen und Jungen unter sexuellen Übergriffen leiden“, stellt die NGO Save the Children schon 2013 in dem Bericht „Childhood under Fire“  fest. Die UNO schreibt in einer Veröffentlichung des Generalsekretärs 2014, dass sexuelle Gewalt an Kindern dazu diene, Druck auf die Eltern auszuüben, sich zu stellen oder als Zeuge aufzutreten. Die Vergewaltigung von Mädchen und Jungen in Syrien ist zu einer systematischen Kriegswaffe geworden.

Hormone, um die Pubertät auszulösen

Als Nora ins Gefängnis kommt, teilt sie ihre Zelle mit 45 weiteren Frauen und Mädchen. Sie alle erhalten morgens Pillen und Injektionen, von denen sie erst später erfährt, dass es Hormone sind. Nach 40 Tagen wird Nora abgeführt und von einem grauhaarigen Mann vergewaltigt, dem Chef des Gefängnisses. Betäubt von Medikamenten, erwacht sie erst einige Stunden oder Tage später, sie weiß es nicht genauer.

Nach den Übergriffen, im Juni 2011, desertieren einige Soldaten der Militärbasis und befreien die jungen Häftlinge. An diesem Tag findet Fatima ihre Tochter in der Altstadt von Dara wieder. Sie bringt sie zu einem Arzt. Ihre Verletzungen an der Vagina sind so schwerwiegend, dass sie operiert werden muss. Laut der behandelnden Ärztin Agnès Afnaim, spezialisiert auf die Behandlung von Kriegsopfern, wurden dem jungen Mädchen Hormone verabreicht, um die Pubertät auszulösen.

Deserteure packen aus

In Antakya, im südlichsten Zipfel der Türkei, treffen wir an einem Oktobermorgen 2016 Bassam Al Aloulou, 54 Jahre alt, ehemaliger Gefängnischef von Aleppo. Nach drei Jahrzehnten treuen Diensten in der syrischen Armee und als Direktor der Gefängnisse in Dara und Aleppo flieht er am 18. Juli 2012. Seitdem lebt er mit 5000 weiteren Deserteuren der syrischen Armee in dem türkischen Militärcamp. Noch heute hat er einen Leibwächter, nervös nestelt er an seiner muslimischen Kopfbedeckung. Er erzählt über den Alltag in seiner Haftanstalt.

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Bassam al-Aloulou, ehemaliger Direktor des Zivilgefängnisses von Aleppo. "Kinder wurden gefangen genommen, um Druck auf ihre Eltern auszuüben."

Damien Roudeau

Zu Beginn der syrischen Revolution füllt sich sein Gefängnis für Zivilisten in rasender Geschwindigkeit. Ausgelegt für 4.500 Insassen, sind dort zeitweise 7.500 Menschen inhaftiert, häufig ohne Anklage. Darunter an die 1000 Kinder. „Die Mehrheit von ihnen waren echte Kriminelle, aber viele von ihnen wurden gefangen genommen, um Druck auf ihre Eltern auszuüben.“ Häufig inhaftierten die Polizisten die Kinder, wenn das gesuchte Elternteil nicht anzutreffen war. So, wie es Nora passierte.

Seit Frühjahr 2011, sagt Bassam Al Aloulou, habe das Sicherheitskomitee der syrischen Regierung die Anweisung erteilt, nicht mehr zwischen Erwachsenen und Minderjährigen zu unterscheiden. So seien sie zusammen in eine Zelle gekommen. Die Konsequenzen waren fatal. Die älteren Häftlinge hätten begonnen, die jungen auszunutzen, sie mussten putzen und spülen – und seien auch vergewaltigt worden. Die Aktivistin Sema Nassar, die sich für vergewaltigte Frauen in Syrien einsetzt, bestätigt seinen Bericht. „Die Gewalt ging nicht nur vom Wachpersonal, sondern auch von anderen Häftlingen aus.“

„Es gab kein Limit mehr“  

Welchen Sinn hatte es für das syrische Regime, Kinder in den Krieg zu ziehen? Der ehemalige Unteroffizier Abdelharim Mihbat, 46 Jahre alt, lebt wie sein ehemaliger Chef Al Aloulou in der Südtürkei. Der Deserteur sagt: „Keinen Unterschied mehr zu machen zwischen Männern, Frauen und Kindern war eine Methode, um die Bevölkerung zu terrorisieren, damit sie aufhört sich aufzulehnen. Die Anordnung, minderjährige Häftlinge mit Erwachsenen zu mischen, sei zeitgleich gekommen mit einigen Anti-Terrorismus-Gesetzen. „Das war eine bewusste Entscheidung.“ Zu Beginn der Aufstände habe der Generaldirektor des militärischen Geheimdienstes, Abdulfatah Homsi, seinen Gefängnisdirektoren mitgeteilt, freie Hand zu haben. Zuvor seien die Haftanstalten noch kontrolliert worden – zu Beginn des Krieges musste niemand mehr Rechenschaft ablegen. „Es gab kein Limit mehr, wir konnten ganze Familien festnehmen, die Töchter, die Söhne.“

Eine Grenzenlosigkeit, die Angst verbreitet. Und die bekannt war. „Im Gefängnis sprachen wir viel über die Vergewaltigung von Kindern. Schon vor der Revolution waren wir an Folter und Gewalt gewöhnt, aber nicht an so etwas“, erzählt Abdul Hamid Kiwan. Der syrische Familienvater ist mit seiner Familie nach Amman geflohen, nachdem er einige Monate inhaftiert worden war. Er erzählt: Als die Regimegegner die Waffen in die Hand genommen hätten, habe die sexuelle Gewalt begonnen. „Um die Menschen zu terrorisieren. Die Syrer bekamen große Angst um ihre Kinder.“

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Das Gefängnis von Saidnaya, ein Gebäudekomplex in Y-Form. Das Gefängnis galt als das schlimmste Folterzentrum Syriens

Damien Roudeau

Was wird aus den missbrauchten Kindern?

Viele Flüchtlinge geben an, die Angst vor den Vergewaltigungen sei der wichtigste Grund gewesen, Syrien verlassen zu haben. „Wenn Kinder vergewaltigt werden, entsteht Chaos“, sagt Omar Guerrero, Psychologe bei der französischen Flüchtlingsorganisation Primo Levi in Frankreich, die sich um Folteropfer kümmert. „Wir sind noch nicht soweit, an ein Syrien nach dem Krieg zu denken. Aber was werden die Fundamente dieser Gesellschaft sein? Welchen Platz werden die Kinder einnehmen, die missbraucht wurden? Wie werden sie sich als Mann oder Frau verhalten? Werden sie ihre Würde wiederfinden?“

Die syrische Regierung ist nicht die einzige Konfliktpartei, die sexuelle Gewalt ausübt. Der Menschenrechtsrat der UNO kommt schon 2013 in einem Report zu dem Schluss, dass die Soldaten der Anti-Regierungs-Truppen ebenfalls systematisch sexuelle Gewalt ausüben. Einige Zeugen berichten, dass Mädchen und Frauen an Kämpfer der islamistischen Milizen verheiratet wurden, um sie vor weiterem Missbrauch zu schützen. Die UNO-Kommission kommt zu dem Schluss, dass Anti-Regierungstruppen weniger sexuelle Gewalt verüben als das syrische Regime und seine Truppen. 

* Die Vornamen in der Geschichte wurden geändert

Übersetzung: Annika Joeres

Mitarbeit: Daham Alasaad

CORRECTIV ist Kooperationspartner der internationalen Recherche www.zeroimpunity.com. Das Projekt mit Veröffentlichungen in verschiedenen europäischen Medien wurde von Nicolas Blies, Stéphane Hueber-Blies und Marion Guth (a_BAHN) gegründet, die sich als „engagierte Dokumentaristen“ bezeichnen.

 

CORRECTIV-Serie Zero Impunity

„Die perfekte Waffe“: Warum wir über das Thema berichten

Teil 1: Französische Soldaten sollen jungen Frauen in Zentralafrika missbraucht haben

Teil 2: USA: Folter durch sexuelle Erniedrigung

Teil 3: Im syrischen Bürgerkrieg werden Kinder vergewaltigt um ihre Eltern fertig zu machen

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