Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass Kinder zuhause genauso gut lernen können wie in der Schule. Sogar eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages kommt zu dem Schluss, dass Kinder, die daheim bleiben, sich mindestens so gut entwickeln wie normale Schüler. CORRECTIV hat mit Experten und Schulverweigerern gesprochen. Ist die Schulpflicht überholt?

Es gibt Werte, die elementar sind für unser Zusammenleben. Bildung, Freiheit und Toleranz zum Beispiel. Diese Begriffe stehen im Zentrum einer Debatte, in der sich Eltern und Staat darüber streiten, wer in diesem Land für die Erziehung zuständig ist. Der Staat sagt, um Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen, sei Unterricht in der Schule unerlässlich. Manche Eltern sagen, daheim könnten sich Kinder mindestens genauso gut entwickeln.

In Deutschland gibt es mehrere hundert Eltern, die die Schulpflicht ablehnen. Beide Seiten, Staat und Familien, haben für ihre Sichtweisen gute Gründe. Aber wer hat die besseren?

Eindeutig die Familien, glauben Juri und Immanuel Wolf. Die Brüder waren früher notorische Schulverweigerer. Statt die Schulbank zu drücken, spielten sie lieber im Garten ihrer Eltern. Bis der Druck der Behörden zu groß wurde und die beiden doch zur Schule gehen mussten. Immanuel stieg seinem Alter gemäß in der neunten Klasse ein, Juri in der fünften. Heute sind sie 29 und 25 Jahre alt und noch immer der Meinung, dass sie auch ohne Schule ganz gut zurechtgekommen wären. „Eigentlich hätte ich mir alles bis zur zehnten Klasse schenken können”, sagt Juri. „Daheim hätte ich, glaub ich, das gleiche gelernt, nur mit mehr Freude und Selbstbestimmung.”

Dass Juri und Immanuel nicht zur Schule gingen, wollten die Eltern – und auch die Jungs selbst. Mitte der neunziger Jahre besucht Immanuel zunächst eine Waldorf-Schule, wehrt sich jedoch mit Händen und Füßen gegen den Gang ins Klassenzimmer. In einem Brief an die Behörden schreibt die Mutter: „Wir haben unseren Sohn Immanuel schon schreiend und strampelnd zur Schule getragen. Das weigere ich mich zu wiederholen. (...) Es kann nicht sein, dass ich als Mutter meiner Kinder dazu missbraucht werde, staatliche Zwangsmaßnahmen gegen meine Kinder durchzusetzen.“

Wildkräuter sammeln statt Mathe lernen

Die Eltern von Immanuel und Juri hatten sich in der Friedensbewegung kennengelernt und gemeinsam gegen Atomwaffen demonstriert. Die Mutter ist gelernte Landwirtin, der Vater Zimmermann. Als Immanuel den Schulbesuch verweigert, setzen sich die Eltern intensiv mit alternativer Pädagogik auseinander. Von der zweiten Klasse an lassen sie ihren Sohn zuhause. Später wird auch Juri nicht mehr eingeschult. Ersatzunterricht gibt es nicht. Stattdessen verfolgen die Eltern den Bildungsansatz der sogenannten Freilerner-Bewegung, der besagt, dass Kinder sich das Wissen, das sie brauchen, selbst aneignen. Statt Mathe und Englisch zu pauken, beschäftigen sich die Brüder also zunächst lieber mit Wildkräutern und Ameisen.

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Die Brüder Immanuel und Juri Wolf waren Freilerner.

David Wünschel

Lesen, schreiben und rechnen lernen sie trotzdem. Immanuel erinnert sich, wie sein Großvater aufhörte, ihm aus einer Geschichte vorzulesen. Also versuchte er, die Buchstaben selbst zu entziffern. Und Juri weiß noch, wie er begann, sich mit einem alten Computer zu beschäftigen. Ab 1999 wohnt die Familie in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Schnell spricht sich herum, dass die Kinder der Familie Wolf nicht zur Schule gehen. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit Schulamt und Behörden. Zunächst werden Bußgelder ausgesprochen, schließlich landet der Fall vor dem Familiengericht. Weil die Eltern mittlerweile getrennt leben, ziehen die Brüder zu ihrem Vater nach Bremen, wo sie von nun an eine Gesamtschule besuchen.

Der Stoff bereitet ihnen laut Immanuel wenig Probleme. Es ist eher das Umfeld, in dem sie sich unwohl fühlen. „Ich wurde zwar geduldet, aber Freunde habe ich keine gefunden”, sagt Immanuel. „Ich glaube, durch den Notendruck und die Peergroup ist die Schule eine Situation, in der häufig Mobbing stattfindet.” Zwei Jahre später schließt Immanuel die Schule mit der Mittleren Reife ab. Juri wird zunächst sogar Klassenbester und legt später sein Abitur ab.

Heute leben die beiden zwischen Wäldern und Pferdekoppeln rund eine Fahrstunde nördlich von Berlin. Immanuel wohnt in einem knallroten Wohnwagen, gestaltet eine Zeitschrift und engagiert sich in einem solidarischen Landwirtschaftsprojekt. Juri hat gemeinsam mit drei Freunden ein Haus renoviert, studiert Interfacedesign in Potsdam und verdient nebenher etwas Geld mit von ihm gestalteten Softwares. Beide haben jeweils eine Freundin, Juri einen Sohn. Während Katze Frida mit einer toten Maus im Maul durch das wuchernde Gras tigert, sitzen die Brüder barfuß auf einer Bierbank in ihrem Garten und unterhalten sich über Flüchtlingspolitik und mögliche Koalitionen nach der Bundestagswahl. Trotz ihrer ungewöhnlichen Erziehung sind Juri und Immanuel keine Außenseiter geworden.

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Immanuel Wolf lebt in seinem roten Wohnwagen nördlich von Berlin und engagiert sich in einem Landwirtschaftsprojekt. Sein Bruder studiert in Potsdam.

David Wünschel

 

Niemand weiß, wie viele Kinder und Eltern in Deutschland die Schule verweigern. Schätzungen reichen laut einer Studie der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages von 500 bis 3000 Kindern. Dazu zählt auch die Gruppe der sogenannten Homeschooler. Im Gegensatz zu den Freilernern erhalten sie daheim Unterricht, die Inhalte orientieren sich oftmals an der Weltanschauung der Eltern. Wie es den Schulverweigerern ergeht, weiß niemand so genau. Denn aufgrund der Illegalität gibt es in Deutschland keine aussagekräftigen Erhebungen.

Schulpflicht und Chancengleichheit

Wer nicht zur Schule geht, begeht in einigen Bundesländern eine Ordnungswidrigkeit, in anderen eine Straftat. Einzelfälle und Ausnahmen von der Schulpflicht sieht das Gesetz nur in besonderen Lebensumständen wie bei Diplomaten, Schaustellern oder Schwerkranken vor. Der Staat begründet dies unter anderem damit, dass Schule für die Entwicklung unerlässlich sei. In einer Stellungnahme des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Schule und Weiterbildung heißt es: Die Schule „soll die Kinder und Jugendlichen zu mündigen Staatsbürgern erziehen, die sich in einer Gemeinschaft mit Anderen zurechtfinden und behaupten können. (...) Mit dem regelmäßigen Schulbesuch können soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung effektiver eingeübt werden.”

In der UN-Menschenrechtserklärung steht unter Artikel 26/3: Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll. Auch in Deutschland können Eltern wählen, ob sie ihr Kind auf eine staatliche, eine Montessori-, Waldorf- oder Privatschule schicken.

Die Schulpflicht führt zwar zu relativer Chancengleichheit, nimmt manchen Kindern aber auch die Möglichkeit, zuhause zu bleiben und dort zu lernen. Die Frage ist: Wo soll die Grenze gezogen werden, die die Eltern bei ihrer Wahl nicht überschreiten dürfen? Welche Bildungsformen sollten erlaubt sein und welche nicht?

Im Ausland sind diese Grenzen oft weniger eng. Statt der Schulpflicht gibt es in vielen Ländern nur eine Bildungspflicht. Eltern haben das Recht, ihre Kinder von der Schule zu befreien, müssen aber dafür sorgen, dass sie sich das Wissen anderweitig aneignen. In vielen europäischen Ländern ist Heimbildung erlaubt - unter der Bedingung, dass die Kinder in regelmäßigen Abständen ihr Wissen in Tests beweisen.

In den USA, wo Homeschooling weit verbreitet ist, wurden Studien mit mehreren tausend Probanden durchgeführt. Sie ergaben, dass die Homeschooler im Vergleich zu ihren Altersgenossen weder schlechter gebildet waren noch sozial abfielen. Zahlreiche andere Studien bestätigen diesen Eindruck. Das Problem: Die Auftraggeber sind meist Pro-Homeschooling-Organisationen. Es gibt keine Studie, die den Erfolg von Homeschooling wissenschaftlich einwandfrei belegt. Bei Freilernern ist die Studienlage noch dünner.

Berühmte Freilerner und Homeschooler:

Trotzdem gibt es in Deutschland einige Forscher, die sich für die Legalisierung von Schulverweigerung einsetzen. Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin von der Universität Bonn ist einer von ihnen. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit Homeschooling. „Natürlich können Eltern den Kindern die Dinge nicht genauso gut beibringen wie Lehrer. Aber dafür kennen sie die Interessen und den Charakter ihrer Kinder viel besser”, sagt Ladenthin.

In Bildungshaushalten sei Homeschooling bis in die Mittelstufe problemlos zu bewältigen. Erst danach würden die Anforderungen das Wissen der Eltern übersteigen. Ladenthin plädiert daher dafür, Homeschooling zu erlauben – unter der Bedingung, dass „die Familien begründet vortragen können, warum sie es machen wollen und nachweisen können, dass es vernünftig abläuft”. Soziale Erfahrungen könnten die Kinder indes auch in Vereinen oder im Umgang mit Freunden sammeln.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages. Dort steht: „Ob nun Homeschooling-Kinder andere Kinder hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenzen übertreffen, muss (...) dahingestellt bleiben. Unumstritten ist unter Wissenschaftlern aber die Aussage, dass sie ihnen in ihrem Sozialverhalten zumindest keineswegs nachstehen.” Die Skepsis gegenüber Homeschooling sei dennoch berechtigt. Denn bisher seien es hauptsächlich streng religiöse Eltern, die ihre Kinder daheim unterrichteten und sie so von anderen Weltanschauungen abschirmten.

Auf dem Weg in Parallelgesellschaften?

Alternative Weltanschauungen sind in Homeschooling- und Freilernerkreisen keine Seltenheit. Wer durch Foren und Webseiten stöbert, stößt oft auf harmlose, esoterische Inhalte, aber hier und da auch auf christlichen Fundamentalismus und Verschwörungstheorien. Staatliche Schulen gelten manchmal als freiheitsraubende Zwangsanstalten, die Kindern elitefreundliche Inhalte indoktrinieren. Im schlimmsten Fall könnte Heimbildung manchen Eltern dazu dienen, ihren Kindern solch krude Thesen zu vermitteln - oder sie von bestimmten Erkenntnissen wie beispielsweise der Evolutionstheorie oder Verhütungsmethoden fernzuhalten.

Könnte eine Lockerung des Bildungssystems also Parallelgesellschaften befördern? Ja, sagt der Rechtswissenschaftler Johannes Rux: „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Eltern ihre Kinder zu den Werten erziehen, die der Verfassung zugrunde liegen.” Rux beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Schulrecht und Schulpflicht. Er sieht sie als notwendig an, um allen Kindern den Wertkonsens des Grundgesetzes und das Minimum an Bildung beizubringen, auf dem die Demokratie fußt. „Die Konfrontation mit Menschen mit anderem Glauben, Weltanschauungen oder Hautfarbe führt dazu, dass man sich mit dem Fremden auseinandersetzt und das Menschliche hinter dem anderen sieht”, sagt Rux.

Eine Segregation des Schulsystems könne deshalb dazu führen, dass Randgruppen sich noch weiter von der Gesellschaft entfernten. Beispielhaft dafür ist die Geschichte einer christlichen Sekte namens Zwölf Stämme. Deren Mitglieder hatten bis 2013 ihre Kinder in Absprache mit dem bayerischen Kultusministerium selbst unterrichtet – bis bekannt wurde, dass die Kinder mit Weideruten gezüchtigt worden waren. Die Prügelstrafe galt in der Sekte als probates Erziehungsmittel. Hätten die Kinder regelmäßig eine Schule besucht, wäre der Missbrauch wohl kaum so lange unentdeckt geblieben.

Der Fall wirft die Frage auf, ob Behörden im Falle einer Legalisierung von Homeschooling oder Freilernen die betroffenen Familien ausreichend kontrollieren könnten. Denn zusätzlich zu religiösen könnten beispielsweise auch Migrantenfamilien Heimbildung als Vorwand nutzen, um Kinder von anderen Kulturen und Ansichten abzuschotten. Oder weniger gebildete Eltern sich dazu entscheiden, ihre Kinder daheim zu unterrichten, obwohl sie gar nicht in der Lage sind, die Lehrinhalte angemessen zu vermitteln. Diese Familien zu überprüfen würde neue Strukturen, geschultes Personal und somit viel Zeit und Geld erfordern.

Trotzdem ist Rux der Meinung, dass Ausnahmen von der Schulpflicht erlaubt sein sollten – sofern diese nicht von den Eltern, sondern vom Kind selbst initiiert werden. „Wenn ein Kind gegenüber dem Schulleiter begründen kann, wieso es daheim besser lernen kann und wie es sich in die Gesellschaft eingliedern möchte, dann ist es an der Zeit, nachzudenken”, sagt der Rechtswissenschaftler. Bei vielen Freilerner-Kindern, die freiwillig zuhause bleiben, sei er daher unbesorgt. „Wenn Kinder der Ausgangspunkt für diese Entscheidung sind, kann man sicher sein, dass es selbständige Menschen sind, die nicht indoktriniert und abgeschottet werden.”

Nicht nur die pädagogische, auch die rechtliche Lage der Schulpflicht ist umstritten. Der Rechtsanwalt Andreas Vogt hat schon einige Dutzend Eltern vor Gericht vertreten, die ihre Kinder daheim unterrichten wollten. Obwohl die Schulpflicht das Erziehungsrecht der Eltern (GG Art. 26 Abs. 2) und die Selbstbestimmung der Kinder einschränkt, ist es bisher Vogt vor Gericht nicht gelungen durchzusetzen, dass Eltern ihre Kinder legal zuhause unterrichten dürfen. Auch wenn manche Richter die Familien nur zu symbolischen Geldstrafen verurteilten, argumentieren die meisten Familiengerichte, dass ein Nicht-Schulbesuch automatisch das Kindeswohl gefährde. Vogt gelang es jedoch, in einigen Fällen den Entzug des elterlichen Sorgerechts abzuwenden und Bescheide von Schulbehörden und Bußgeldverfahren aufzuheben.

Staatliche Stellen argumentieren, dass der Staat eine Aufsicht über das gesamte Schulwesen habe und leiten daraus einen Erziehungsauftrag für alle Kinder ab. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen ziehen laut Vogt deshalb immer mehr Homeschooler und Freilerner ins Ausland. „Die Eltern gehen diesen Weg notgedrungen, weil ihre Kinder in der Schule unglücklich sind. Und zuhause wieder aufblühen, weil die Lust am Lernen zurückkommt.”

Eines der beliebtesten Exilländer ist Kanada. Wer seine Kinder zuhause unterrichtet, erhält dort Bildungsgutscheine, denn wenn Schüler nicht zur Schule gehen, spart der Staat Geld. Trotzdem sind in Kanada nur etwa ein Prozent der Kinder Homeschooler. Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass auch in Deutschland bei einer Legalisierung nicht mit einer großen Austrittswelle aus den Schulen zu rechnen wäre.

Freilernen und Homeschooling könnten Alternativen zum aktuellen Schulsystem sein, die überprüft und diskutiert werden müssten. Dieser Debatte verweigern sich die deutschen Politiker und Gerichte bisher aber weitgehend. In großen Teilen der Welt ist Heimbildung erlaubt. Auch in Deutschland könnte eine regulierte Variante, in der die Familien regelmäßig überprüft werden, sinnvoll sein.

Juri und Immanuel Wolf sehen es heute als Glücksfall an, dass sie viele Jahre lang daheim bleiben durften. Sie glauben, dass diese Zeit sie geprägt und in ihrer Entwicklung begünstigt hat. Einen ähnlichen Weg wünscht Juri sich für seinen einjährigen Sohn. Er will ihn zwar nicht zuhause lassen, aber statt auf eine staatliche will er ihn auf eine anerkannte Freilerner-Schule schicken, in der es keine Klassen, keinen Unterricht und keine Lehrpläne gibt. „Schule wird immer der Standard sein und ich bin froh, dass es Schule gibt”, sagt Juri. „Aber wir müssen eine Alternative schaffen, die auch möglich ist.”

Aktualisierung, eingefügt am 2.9.2017.: Wir haben den fünftletzten Absatz leicht ergänzt. 

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