Zwei Jahre lang versuchte die türkische Regierung, die grausame Hinrichtung von Soldaten durch den Islamischen Staat zu verheimlichen. Die Staatsräson machte selbst vor den trauernden Angehörigen nicht Halt.

25 Monate und 17 Tage wartete Aydin Taş auf eine Nachricht von seinem Sohn Sefter. Erst Anfang Oktober erhielt er Gewissheit: Sein Sohn wurde von Kämpfern des Islamischen Staats (IS) entführt und bei lebendigem Leib verbrannt. Aydin hat seinen Sohn als Vermisst gemeldet, Oppositionsmedien berichteten über den verschwundenen Soldaten. Erst dann kam die Wahrheit ans Licht.  Der Vater hatte zuvor immer wieder die Behörden angefragt und um Auskunft über das Schicksal seines Sohnes gebeten. Vergeblich.

Der Vater Aydin Taş lebt mit seinen Kindern und seiner Frau in einem Dorf nahe der armenischen Grenze ganz im Osten der Türkei. Das Dorf ist klein, jeder kennt jeden,  den  etwa 15.000 Einwohner geht es gut, die Landwirtschaft wirft genug ab.. Die Straßen sind asphaltiert.

Die eingezogenen Männer aus dem Dorf wurden an der Grenze zu Syrien stationiert, auch der Sohn von Aydin Tas versah dort seinen Militärdienst. Anfang September 2015 verschwand er zusammen mit einem Kameraden. Seither gab es kein Lebenszeichen, die Ungewissheit war für die Eltern eine Tortur.

„Ich habe oft an Selbstmord gedacht,“ sagte Aydin zu #ÖZGÜRÜZ, der türkischen Redaktion von correctiv.org. „Sefters Mutter wird psychologisch behandelt und nimmt Medikamente, um nicht zusammen zu brechen. Wir haben lange gewartet, in der Hoffnung, dass er vielleicht doch am Leben ist.“

Die Schmerzen des Vaters

Vor allem schmerzte den Vater, dass die türkischen Armee das Schicksal seines Sohnes nicht zu interessieren schien. Doch eigentlich müsste der Staat sich um die Soldaten sorgen. In den USA tobt gerade eine heftige Debatte darüber, wie Präsident Donald Trump mit den Angehörigen von vier bei einem Einsatz im Niger gefallenen Soldaten umsprang.

Die türkische Armee hat jedes Jahr wie bei Einsätzen in den Kurdengebieten im Südosten des Landes hohe Verluste zu beklagen. In den zwölf Monaten ab Sommer 2015 fielen dort laut Medienberichten 337 Soldaten.

Sie gelten als Märtyrer, die Regierung verkündet ihren Tod, besucht die Familie und zahlt eine Geldsumme. Die Verluste werden nicht verheimlicht.

Doch bei dem Soldaten Sefter, der im Grenzgebiet zu Syrien grausam zu Tode kam, war das anders. In diesem Fall schien die Regierung die Staatsräson über die schmerzhafte Ungewissheit einer trauernden Familie zu stellen. Das Schicksal des Soldaten wurde verheimlicht.

Die Regierung schweigt

Der Sohn war verschwunden und Armee und Behörden ließen den Vater im Unklaren. Der Vater ging von Ministerium zu Ministerium. Ein Jahr später die grausame Gewissheit. Am 22. Dezember 2016 veröffentlichte der IS ein Video, in dem zwei türkische gefesselte Soldaten lebendig verbrannt werden. Darin verkündet ein IS-Terrorist, die Hinrichtungen seien die Rache für türkische Angriffe auf den IS gewesen. Aydin erkannte auf dem Video seinen Sohn wieder.

Die türkische Regierung bestritt die Echtheit des Videos. Es sei eine Taktik der Terrororganisationen, „um das Volk zu verunsichern“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş und warnte die Medien davor, das Video weiterzuverbreiten. Auch das Verteidigungsministerium dementierte den Tod der beiden Soldaten.

Die Regierung verhinderte die Ausstrahlung des Videos im Fernsehen. Zudem soll die Regierung versucht haben, eine Verbreitung der schockierenden Aufnahme in sozialen Netzwerken zu unterbinden. Auch mehrere offizielle Anfragen von Oppositionspolitikern und Rufe nach Aufklärung blieben unbeantwortet.

Endlich der Besuch

Es ist nicht klar, warum die Regierung den Tod der beiden Soldaten nicht bestätigte. Vielleicht wollte sie verhindern, dass die grausame Hinrichtung weitere Diskussionen über das Verhältnis der Türkei zum IS auslöste. Laut Medienberichten unterhielten die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die AKP, sowie türkische Geheimdienste Verbindungen zum IS. Bei der Schlacht um die kurdische Stadt Kobane in Nordsyrien im Jahr 2014 duldeten türkische Truppen laut Zeugenaussagen Bewegungen der IS-Kämpfer über das türkische Staatsgebiet.

Zwei Jahre lang nahm die Regierung keine Stellung zum Tod der beiden Soldaten. Die Wende kam erst Anfang Oktober, als Aydin den Sohn offiziell vermisst meldete.

Kurz nachdem die oppositionelle Presse darüber berichtete, handelte die Regierung. Der Gouverneur der Region und Parlamentsabgeordnete besuchten das Dorf von Aydin zwei Tage vor dem ersten Gerichtstermin. Sie bestätigten ihm den Tod des Sohnes und die Echtheit des Videos.

Deutsche Version: Kiyo Dörrer

10 Euro für unabhängigen Journalismus