Vor acht Jahren schottete die Europäische Union ihre Außengrenzen noch nicht mit meterhohen Zäunen ab, mit Wärmebildkameras, Satelliten und Drohnen. Schon damals hielt Maren Wilmes die geschlossenen Grenzen für falsch. Illegale Einwanderung würde so verschärft, schrieb sie in der Studie „Menschen ohne Papiere in Köln“.

Migranten gingen dorthin, wo sie die Chance sehen, ihr Leben zu verbessern. Staaten, Regionen oder Staatenbünde könnten sich zwar abschotten, im Versuch eigene Sozialstandards zu sichern. Doch wer hinter die Grenze gelange, dort die eigene Arbeitskraft günstiger anbiete und auf soziale Sicherung verzichte, der stoße auf eine Nachfrage: oft in der Reinigungs- oder Pflegebranche, in der Fleisch- oder Bauindustrie, in der Gastronomie oder der Kinderbetreuung. Und die Arbeit in der hiesigen Schattenwirtschaft sei noch immer lohnender als im Heimatland. Das mache auch illegale Einwanderung attraktiv.

Julian Jestadt sprach mit Maren Wilmes, die als Sozialpädagogin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück forscht. 

Ein Porträt von Maren Wilmes

Maren Wilmes

Frau Wilmes, wenn Einwanderung attraktiv ist, aber begrenzt wird, wird es dann immer irreguläre Einwanderung geben?

Maren Wilmes: Ja, irreguläre Migration und irregulärer Aufenthalt sind ein nicht gewolltes, aber unvermeidbares Nebenprodukt von Einwanderungspolitik. Die Fragen sind nur: Wie groß soll diese Gruppe sein, wie groß lassen wir sie werden? Wen holen wir aus der Irregularität heraus – und wen nicht? Und wie ermöglichen wir den hier lebenden irregulären Menschen einen Aufenthalt, der es ihnen erlaubt, ohne Angst zum Arzt zu gehen und ihre Kinder ohne Sorge vor Aufdeckung in den Kindergarten und die Schule zu schicken?

Es gibt keine verlässlichen Zahlen über diese Menschen. Das liegt in der Natur der Sache. Was man weiß: Es sind hunderttausende, vielleicht mehr als eine Million Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben. Sie gelten als illegal oder irregulär. Was heißt das?

Irregulär in Deutschland im Sinne des Aufenthaltsgesetzes sind Menschen, die über keinen aufenthaltsrechtlichen Status verfügen. Das heißt, sie haben keinen Aufenthaltstitel, keine Duldung oder Aufenthaltsgestattung – und damit nach dem Gesetz kein Recht in Deutschland zu leben.

Wie ist das möglich?

Ich würde zwischen drei sehr verschiedenen Wegen unterscheiden: Erstens, die Menschen, die regulär mit einem Visum einreisen, dieses bewusst überziehen und nicht mehr ausreisen. Zweitens, eine sehr schwierig einzugrenzende Gruppe von Menschen, die unbeobachtet die Grenze überqueren und schon mit Grenzübertritt irregulär sind. Und drittens, der Weg über das Asylverfahren – spätestens wenn der Asylantrag abgelehnt wurde tauchen viele unter, manche auch schon zuvor.

Welche Gründe haben Menschen aus der ersten Gruppe, die ihr Visum überziehen und bleiben?

Sie reisen mit einem Touristen-Visum ein, einem Visum für einen Sprachkurs, zum Studium oder als Au-pair. Bleiben sie länger, werden sie zu so genannten „Overstayern“. Sicherlich ist es häufig ein Versuch, Arbeit in der Schattenwirtschaft zu finden. Diese Menschen sehen hier trotz ihrer Irregularität größere Chancen als in ihrem Heimatland. Manches Mal ist auch die Familie der Grund. Ich kenne Fälle von türkischen Staatsbürgern: da wollen Großeltern bei ihren Kindern und Enkeln sein, die hier leben. Oder sie werden geholt, weil sie niemand sonst pflegen würde, wenn die Familie ausgewandert ist.

Was wissen Sie über Menschen, die unbeobachtet einreisen?

Das ist schwierig. Auch das sind an erster Stelle Menschen, die in Deutschland arbeiten und Geld verdienen wollen – häufig für ihre Familien im Heimatland. Einige von ihnen haben vor oder nach dem Grenzübertritt ihre Ausweispapiere zerstört, damit sie keinem Herkunftsstaat zugeordnet werden können, falls sie aufgegriffen werden. Außerdem – und in den letzten Jahren vermehrt – sind es viele Flüchtlinge, die erst gar keinen Asylantrag stellen. Oft, weil sie Angst haben aufgrund der Dublin-III-Regelung in den EU-Staat abgeschoben zu werden, in den sie zuerst eingereist sind oder in dem vielleicht schon ein Asylverfahren läuft. Manche wissen oder glauben auch, dass sie keine Möglichkeiten auf Asyl haben, weil sie zum Beispiel aus einem so genannten sicheren Herkunftsstaat kommen. Sie verbleiben in der Irregularität aus Mangel an Alternativen. Eine weitere nicht unerhebliche Gruppe sind Opfer des Menschenhandels.

Und wieso rutschen Menschen aus dem Asylverfahren in die Irregularität, auf dem dritten Weg?

Asylbewerber, deren Antrag abgelehnt wurde, entziehen sich auf diese Weise der drohenden Abschiebung. Aber auch Asylbewerber, die noch im Verfahren sind und keine Perspektive sehen, tauchen aus ihrem eigentlich regulären Status unter. Oder es sind langjährig Geduldete ohne Perspektive, die alltäglich mit der Drohung der Abschiebung leben müssen. Diese Menschen leben ständig mit der Angst, ihren Status zu verlieren – sie kommen dem dann zuvor.

Wer untertaucht meldet sich nicht mehr bei den Ämtern, reist über keine Grenze offiziell und wechselt den Wohnsitz. Für die Behörden sind diese Menschen unsichtbar – letztlich ein Leben ohne Rechte.

Die Menschen vergleichen ihre Situation mit ihrem Leben im Heimatland und sehen in Deutschland trotz Irregularität noch bessere Lebensperspektiven und Chancen. Wenn sie es schaffen, relativ konstant Geld zu verdienen, ist es sicherlich möglich, hier weitestgehend „normal“ zu leben, eine kleine Wohnung zu mieten, sogar die Kinder in die Schule zu schicken und über Medinetze, Malteser Migranten Medizin und Gesundheitsämter Zugang zu einfacher oder notwendiger medizinischer Basisversorgung zu finden. Die Probleme zeigen sich vor allem im Alltag. Diese Menschen können sich nur sehr begrenzt in der Stadt bewegen, dürfen nicht auffallen, nicht über rote Ampeln gehen und müssen immer ein Ticket für die U-Bahn kaufen. Wenn sie es nicht schaffen, konstant Geld zu verdienen, stehen sie vor dem Nichts, wie vor einer Klippe von der sie jederzeit abrutschen können. Wer ein reguläres Leben führt, fiele bei uns in ein soziales Netz, das auffängt. Ohne Papiere gibt es dieses Netz nicht. Die Angst vor dem Absturz ist dann ständiger Begleiter. Die Gruppe ist allerdings sehr vielschichtig: die einen meistern ihren irregulären Aufenthalt, andere geraten in existenzielle Not.

Gibt es denn Möglichkeiten die aufenthaltsrechtliche Illegalität zu verlassen und hierzulande ein normales Leben zu führen?

So gut wie keine. Man kann einen Asylantrag stellen, in der Hoffnung, dass dieser anerkannt wird – viele haben darauf aber keine Chance. Man kann eine Deutsche oder einen Deutschen heiraten. Oder über die Härtefallkommission einen Aufenthaltstitel bekommen. Aber auch über diesen Weg sind die Chancen sehr gering.

Wieso schließt unser Aufenthaltsgesetz derart viele Menschen aus?

Einwanderung muss gesteuert werden in einem Wohlfahrtsstaat wie es die Bundesrepublik Deutschland ist. Die derzeitige Zuwanderungspolitik erzeugt aber eine Schieflage: Hochqualifizierten wird die Tür geöffnet, sie werden sogar gesucht, Geringqualifizierte werden ausgeschlossen. Allerdings sehen wir, dass viele Menschen in der Schattenwirtschaft arbeiten. Das heißt: die Nachfrage nach diesen Arbeitskräften ist da. Wir sollten also auch ihnen die Zuwanderung ermöglichen. Zurzeit regeln wir gesetzlich nur, wie Zuwanderung begrenzt wird, nicht wie sie zu gestalten ist. Es ist hier auch nicht möglich, als Asylbewerber zu kommen und als Arbeitsmigrant zu bleiben, obwohl viele Asylbewerber über eine Ausbildung oder einen Hochschulabschluss verfügen. Dafür sind unsere Aufenthaltstitel zu strikt gegliedert. Aufenthaltszwecke können sich aber ändern im Laufe der Migrationsbiografie, sie passen nicht immer in Kategorien. In Schweden zum Beispiel ist der Spurwechsel zwischen den Aufenthaltszwecken möglich, in Deutschland macht ihn das Aufenthaltsgesetz unmöglich.

Redaktion: Florian Bickmeyer

Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

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