Deutschland wurde auch deshalb Exportweltmeister, weil das Essener Unternehmen Ferrostaal für andere Konzerne im Ausland Schmiergeld zahlte. Der Skandal flog 2011 auf. Seither soll alles sauber sein. Doch auch nach dem vermeintlichen Schlussstrich hielt sich ein Teil der alten Methoden. So zahlte die Firma nach Informationen von CORRECTIV noch 2014 in Brasilien fragwürdige Provisionen an eine der Schlüsselfiguren im Petrobras-Skandal. Auftakt unserer Serie über „Die deutsche Schmierindustrie“.

Es gibt Gewohnheiten, die man sich nur schwer abgewöhnen kann. Zum Beispiel die schöne alte Gewohnheit, im Ausland Schmiergeld zu zahlen, um an Aufträge zu kommen. Bis ins Jahr 1999 – man glaubt es heute kaum mehr – waren diese Schmiergeldzahlungen auch in Deutschland von der Steuer absetzbar. „Nützliche Aufwendungen“ hieß das damals.

Dass die Industrie diese Gewohnheit aber auch noch danach pflegte, lernte das deutsche Publikum im Jahr 2006, als Siemens seine ausgedehnte Schmiergeldpraxis in allen Teilen der Welt um die Ohren flog. Insgesamt kostete Siemens die Affäre mit Bußgeldern und Steuernachzahlungen mehr als zwei Milliarden Euro.

Doch kaum war der Siemens-Skandal aus den Schlagzeilen verschwunden, lernte das Publikum eine Firma kennen, die es noch bunter trieb: Ferrostaal, ein Unternehmen, das 2011 in seinem hauseigenen Korruptionssumpf fast versank. Damals kam unter anderem heraus, dass Ferrostaal-Manager in Griechenland und Portugal Amtsträger bestochen hatten, um deutsche U-Boote zu verkaufen. Zwei Ferrostaal-Manager erhielten Bewährungsstrafen, etliche wurden gefeuert. Das Landgericht München verurteilte Ferrostaal Ende 2011 zu einer Strafzahlung von 149 Millionen Euro.

Die deutsche Schmierindustrie

Deutsche Firmen schmieren im Ausland: macht nichts, denken viele. Stimmt aber nicht. Denn Schmiergeld hilft Diktatoren und belastet Demokratien. Und: deutsche Firmen bestechen auch zu Hause. Eine CORRECTIV-Serie über die deutsche Schmierindustrie. Mehr zum Thema

Seither – so denken viele – sei die deutsche Industrie sauber. Bei Siemens zum Beispiel heißt es jetzt: „Nur saubere Geschäfte sind Siemens-Geschäfte.“ Wir sind, so die Legende, Weltmarktführer durch Leistung.

Leider stimmt das nicht ganz. Kaum eine Firma wurde so intensiv von Anwälten und Staatsanwälten durchleuchtet, stand derart im Licht der Öffentlichkeit wie Ferrostaal. Doch kaum waren die Scheinwerfer wieder aus, ging es weiter mit Provisionszahlungen an fragwürdige Berater. Das zeigen jetzt Unterlagen, die CORRECTIV vorliegen.

Die Zeit der Aufarbeitung des Schmiergeldskandals, aus der CORRECTIV auch Mitschnitte von Aufsichtsratssitzungen des Unternehmens vorliegen, bietet einen seltenen Einblick in den Maschinenraum der Schmierindustrie. Denn Ferrostaal schmierte nicht nur für sich. Die Firma diente vielen anderen Konzernen als Dienstleister im Ausland, wickelte für sie Geschäfte ab und führte Aufträge aus.

In einer mehrteiligen Serie zeigen wir, wie Ferrostaal und andere nicht nur im Ausland schmierten, sondern auch in Deutschland Landschaftspflege betrieben. Wie Politiker und Behörden dieses System mit Exportgarantien stützen und wie Ermittler vor dubiosen Geschäftspraktiken die Augen verschließen. Die Justiz wiederum stellt Ermittlungen gegen Konzernchefs häufig gegen die Zahlung eines Bußgelds ein, weil die Gesetze zu lasch sind.

Illustration eines Konferenzraums

Im Maschinenraum der Schmierindustrie

CORRECTIV hat Unterlagen und Aufnahmen von Aufsichtsratssitzungen ausgewertet.

Hier, in der ersten Folge, geht es um die neuen Brasilien-Geschäfte von Ferrostaal.

Seit 2012 gehört Ferrostaal der Unternehmensgruppe Münchmeyer Petersen & Co, kurz MPC. Die neuen Eigentümer hatten keine Berührungsängste, die Firma zu übernehmen. (...)*. 2012 kehrt der früherer Vorstand Klaus Lesker an die Spitze von Ferrostaal zurück und schon bald leistet die Firma unter seiner Ägide Zahlungen an einen zwielichtigen Berater. Dieser erhielt unter anderem deswegen Geld, weil er sich mit einem Auftraggeber in Brasilien, dem Ölkonzern Petrobras, gut auskannte.

Ferrostaal teilt auf Anfrage mit, bei diesen Zahlungen sei alles mit rechten Dingen zugegangen. Das Unternehmen habe sich grundlegend gewandelt und arbeite heute sauber.

Aber der Reihe nach.

Schon die Gründung von Ferrostaal im Jahr 1920 in Den Haag ist ein Trick: Nach dem Ersten Weltkrieg wollen Unternehmer aus dem Ruhrgebiet die Fronteisenbahnen, die das deutsche Heer in Belgien zurückgelassen hat, nach Amerika verkaufen. Doch das lässt der Versailler Vertrag nicht zu. Für den deutschen Stahlhandel gelten strenge Auflagen. Also gründet man die Handelsfirma kurzerhand in den Niederlanden, mit „Ferro“ für Eisenbahn und „Staal“ für Stahl.

1921 übernimmt ein später zu MAN gehörendes Bergbauunternehmen die Firma und siedelt Ferrostaal kurz darauf im Ruhrgebiet an. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielt Ferrostaal eine wichtige Rolle beim Aufstieg Deutschlands zum Exportweltmeister: Ferrostaal baut weltweit als Generalunternehmer Chemiefabriken, Raffinerien und Kraftwerke. Und weil Ferrostaal so gute Kontakte hat, vermittelt es zig weitere Geschäfte in alle Welt. Druckmaschinen für Indonesien, Küstenwachschiffe für Argentinien. Oder U-Boote, für Griechenland und Portugal und viele weitere Länder.

Ferrostaal ist damals eine ungewöhnliche Firma. Denn das Unternehmen selbst stellte nichts her. Es verkaufte nur und besorgte Finanzierungen. Es war ein angenehmes Konstrukt für Konzerne wie ThyssenKrupp, MAN aber auch für kleinere Mittelständler: Ferrostaal machte den Vertrieb vor Ort, zahlte Schmiergeld in vielen Ländern und steigerte so die Umsätze seiner Auftraggeber in Deutschland, die offiziell eine saubere Weste bewahren konnten – bis diese Geschäfte 2009 eben aufflogen und Staatsanwälte ermittelten.

Der Herbst 2011 ist dann die schwierigste Zeit in der fast hundertjährigen Geschichte des Unternehmens. Fortlaufend tagen Vorstand und Aufsichtsrat hinter den verdunkelten Scheiben des Hauptsitzes in Essen. Zig Brandherde auf einmal gilt es zu löschen. Der Auftragseingang ist eingebrochen. Die Verhandlungen mit Staatsanwaltschaft und Landgericht in München laufen auf Hochtouren. Ansprüche gegen ehemalige Vorstände, die geschmiert haben, sind zu prüfen.

Im Vorstand liegen die Nerven blank. Monatelang tobt ein Streit um die künftige Ausrichtung der Firma. Darum, welche Aufträge man noch annehmen will – und damit auch, wie sauber die Firma künftig sein soll.

Im Zentrum des Streits geht es um das Geschäft mit Großprojekten. Jenes Kerngeschäft, bei dem Ferrostaal als Generalunternehmer schlüsselfertige Industrieanlagen für andere Firmen baut und finanziert.

Vorstand Andreas Pohlmann will aus diesem Geschäft aussteigen. Pohlmann ist Anwalt, er kommt von Siemens und war dort an der Aufarbeitung des Schmiergeldsystems beteiligt. Jetzt soll er bei Ferrostaal über die Einhaltung der Regeln wachen.

Am 20. Juli 2011, um 23.59 Uhr, schreibt Pohlmann eine E-Mail an Jan Secher, den damaligen Chef von Ferrostaal: „Möchte ich noch mal klarstellen, dass ich als Mitglied des Vorstands der Ferrostaal AG aus den bekannten Gründen grundsätzlich keine Genehmigung von EPC-Projekten erteilen werde.”

EPC steht für „Engineering, Procurement and Construction“. Es bedeutet so viel wie: Generalunternehmer. Es war das alte Ferrostaal-Geschäft: Großaufträge in Südafrika, Ägypten, Turkmenistan oder Indonesien abwickeln für Firmen, die sich selbst keinen Vertrieb vor Ort leisten konnten.

Saubermann Pohlmann ist dieses Geschäft jetzt zu riskant. Andere im Vorstand widersprechen. Sie wollen am Projektgeschäft unbedingt festhalten. Was bleibt dem Unternehmen sonst?

Mitten in dieser Umbruchzeit, im Dezember 2011, erreicht den Vorstand von Ferrostaal ein lukrativer Vorschlag. Petrobras, der brasilianische Ölmulti, braucht Spezialschiffe, die Öl aus dem Meer pumpen und aufnehmen können. Es geht um ein Projekt im Umfang von 750 Millionen Euro. 

Doch es gibt Bedenken innerhalb von Ferrostaal. Die Finanzabteilung zum Beispiel weist darauf hin, dass der vorgesehene lokale Partner, die brasilianische Baufirma Tome Engenharia, mangels Größe und Erfahrung zu viele Risiken mit sich bringe. Auch der Cash-Flow setze bei dem Projekt erst sehr spät ein. Doch Ferrostaal braucht schnell Geld.

Und dann meldet sich auch noch die Compliance-Abteilung mit Bedenken. Solche Abteilungen gibt es mittlerweile in vielen Konzernen. Sie sollen intern darüber wachen, dass die Firma nicht gegen Gesetze verstößt. Die Compliance-Leute von Ferrostaal merken nun an, dass der staatliche Konzern Petrobras schon mehrfach negativ aufgefallen sei und möglicherweise in eine Korruptionsaffäre innerhalb der Arbeiterpartei von Präsidentin Dilma Rousseff verwickelt sei.

Am 6. Dezember 2011 lehnt der Ferrostaal-Vorstand das Projekt in der bisherigen Form als zu riskant ab. Eine Beteiligung komme allenfalls als Subunternehmen in Frage. Am 10. Januar 2012 berät der Vorstand ein letztes Mal über den Petrobras-Auftrag – und bleibt bei seinem Nein. Es könne ein großer Schaden entstehen, falls der lokale Projektpartner pleite gehe. Alle Arbeiten an dem Projekt seien sofort einzustellen. 

Protokoll einer Vorstandssitzung von Ferrostaal

Das vermeintliche Ende des Projekts

Am 10.1.2012 beschließt der Ferrostaal-Vorstand, nicht für die Petrobras-Aufträge zu bieten. Trotzdem gibt jemand aus der Firma kurz darauf ein Angebot ab.

Wenige Wochen darauf, am 1. März 2012, übernehmen die neuen Eigentümer MPC die Firma. Die Hamburger Unternehmensgruppe ist spezialisiert auf Schiffahrt und Kapitalanlagen. Sie gehört der Familie Schroeder aus Hamburg, die als verschwiegene und knallharte Geschäftsleute gelten. MPC hatte im Jahr 2009 schon mal versucht, Ferrostaal zu kaufen. Doch damals kam ein Staatsfonds aus Abu Dhabi zum Zug. Als der Korruptionsskandal ruchbar wurde, bestanden die Scheichs jedoch auf einer Rückabwicklung des Kaufs. Das war die Gelegenheit für MPC, Ferrostaal nun zum Schnäppchenpreis zu bekommen.

Nur wenige Monate nach der Übernahme, am 14. August 2012, verkündet der neue Ferrostaal-Vorstand, dass die Firma zusammen mit einem lokalen Partner einen Großauftrag aus Brasilien an Land gezogen habe, 700 Millionen Euro für die Ausstattung von sechs Spezialschiffen für den Staatskonzern Petrobras. Alle Bedenken scheinen auf einmal wie weggefegt.

Nicht nur die Personalie Klaus Lesker erweckt den Eindruck, dass MPC an alte Zeiten anknüpfen will. Gegen kaum einen anderen Manager der deutschen Wirtschaft ist so oft ermittelt worden wie gegen Lesker.

Illustration Klaus Lesker

Klaus Lesker

Einer der aktuellen Geschäftsführer von Ferrostaal: Klaus Lesker.

Lesker wurde 1960 in Bottrop geboren. Er kennt sich aus mit Schmierstoffen. Weltweit vertreibt der studierte Maschinenbauer Chemie-Anlagen, ehe er 2006 in den Ferrostaal-Vorstand berufen wird. Dort verantwortet er unter anderem den Verkauf von Handelsschiffen und Schleppern.

(...)*

Danach ist Lesker für Ferrostaal nicht mehr tragbar. Im April 2010 verlässt er den Vorstand und wechselt – zu MPC. Noch im Herbst 2011 leiten Staatsanwälte wieder Ermittlungen gegen den Manager ein. Es geht um dubiose Zahlungen beim Eintreiben alter Forderungen von Ferrostaal in Indonesien. Auch dieses Verfahren wegen Untreue und Betrugs wird (...)* eingestellt.

In internen Unterlagen hatte die Finanzabteilung von Ferrostaal für das Frühjahr 2012 eine Liquiditätskrise vorausgesagt. Der Petrobras-Auftrag aus Brasilien über hunderte Millionen Euro muss da wie ein rettender Strohhalm wirken.

Illustration des Arbeiterführers Lula

Lula

Der legendäre Arbeiterführer Lula führte Brasilien aus der Militärdiktatur. Doch seine Partei versank später in einem Korruptionsskandal.

In Brasilien ist es nicht immer einfach, Großaufträge sauber abzuwickeln. 2003 wird der Arbeiterführer Luiz Inacio Lula da Silva zu einem Präsidenten der Hoffnung. Die brasilianische Wirtschaft boomt, der brasilianische Ölkonzern Petrobras entdeckt gigantische Ölfelder vor der Küste des Landes. Sie sollen den Aufstieg der jungen Demokratie zu einer Wirtschaftsmacht befeuern.

Doch schon bald machen einige Petrobras-Manager gemeinsame Sache mit einem Ring lokaler Baufirmen, um den Konzern auszuplündern. Sie fingieren Verträge und rechnen Leistungen zu völlig überhöhten Preisen ab. Bestechung ist allgegenwärtig. Auch ausländische Firmen wie SBM Offshore, ein niederländischer Hersteller von Spezialschiffen für die Ölförderung, zahlen Schmiergelder, um an Aufträge von Petrobras zu kommen.

Die Korruption reicht bis in die Politik. Ausgerechnet die Arbeiterpartei von Präsident Lula – die zuvor vehement für einen sauberen Staat gekämpft hat – nutzt die Schmiergeldzahlungen, um die Parteikassen zu füllen. Ein Blick in die Schweiz lässt die Größenordnung des Systems erahnen: dortige Staatsanwälte froren Gelder in Höhe von bis zu 800 Millionen US-Dollar im Zusammenhang mit dem Skandal ein.

Illustration Dilma Roussef

Dilma Rousseff

Lulas Nachfolgerin im Präsidentenamt stolperte über den Petrobras-Skandal.

2014 fliegt der Petrobras-Skandal auf. Etliche Manager erhalten Gefängnisstrafen, ebenso der Schatzmeister der Arbeiterpartei, der wegen Bestechung und Geldwäsche hinter Gitter muss. Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff kostet der Skandal 2016 das Präsidentenamt. Konkrete Verfehlungen wurden ihr nicht nachgewiesen. Aber das Schmiergeldsystem blühte genau in jener Zeit, in der sie Aufsichtsratsvorsitzende von Petrobras war.

Im August 2012 verkündet Ferrostaal seinen Auftrag von Petrobras: zusammen mit einem lokalen Partner soll die Firma auf einer brasilianischen Werft sechs Spezialschiffe ausrüsten. Die Schiffe sollen auf einem Ölfeld in der Nähe von Rio de Janeiro eingesetzt werden.

Illustration Mario Goes

Mario Goes

Der brasilianische Geschäftsmann Mario Goes wurde in der Petrobras-Affäre wegen Bestechung zu 18 Jahren Haft verurteilt. Ferrostaal hatte einen Beratervertrag mit Goes.

Kaum ist der Vertrag in trockenen Tüchern wenden sich die MPC-Eigentümer an einen alten Bekannten, der auch eine Schlüsselrolle im Petrobras-Skandal spielt: Mario Goes.

Laut einem Dokument der brasilianischen Justiz, das CORRECTIV vorliegt, schließt die brasilianische Ferrostaal-Tochter am 1. April 2013 einen Beratervertrag mit Goes’ Firma ab, der ein Erfolgshonorar im Zusammenhang mit Spezialschiffen für Petrobras über 2,2 Millionen US-Dollar vorsieht. Das seltsame ist: Ferrostaal hatte zu diesem Zeitpunkt den Auftrag für die Schiffe längst in der Tasche. Warum dann noch ein Erfolgshonorar?

Ferrostaal erklärt auf Anfrage von CORRECTIV den Vorgang damit, dass man selber kein geeignetes Personal vor Ort gehabt habe und für die Umsetzung der Aufträge die guten Kontakte von Goes zu Petrobras gebraucht habe. Goes habe auch bei der Zusammenarbeit mit dem lokalen Partner geholfen.

  • 28. November 2011

    MAN kündigt den Verkauf von Ferrostaal an MPC an.

  • 10. Januar 2012

    Der Ferrostaal-Vorstand beendet das Bemühen um Aufträge von Petrobras.

  • 7. Februar 2012

    Ferrostaal gibt bei Petrobras trotzdem ein Angebot zur Lieferung von Schiffen ab.

  • 1. März 2012

    Nach Genehmigung durch die Kartellbehörden übernimmt MPC offiziell Ferrostaal.

  • 14. August 2012

    Ferrostaal kündigt die Großaufträge von Petrobras an.

  • 1. April 2013

    Ferrostaal schließt Beratervertrag mit Mario Goes ab.

  • September 2015

    Goes wird wegen Bestechung zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Über Goes weiß man, dass er Schmiergelder an hochrangige Petrobras-Manager zahlte. Das Gericht verurteilte ihn zusammen mit dem Who-is-Who des Petrobras-Skandals im Herbst 2015 wegen Geldwäsche und Bestechung zu 18 Jahren und vier Monaten Gefängnis. Der bereits 75-jährige Geschäftsmann machte allerdings einen Deal mit den Ermittlern und erhält deswegen seit August 2016 Hafterleichterungen.

Seit Schmiergeldzahlungen im Ausland in Deutschland nicht mehr steuerlich absetzbar sind, müssen sie entweder unterbleiben – oder besser verschleiert werden. Eine gängige Methode sind bis heute Scheinverträge mit Briefkastenfirmen von lokalen Beratern. Für gewöhnlich sind das Geschäftsleute mit guten Kontakten zu Politikern und Beamten vor Ort. Sie bringen den entscheidenden Leuten große Geschenke und bekommen im Gegenzug oft große Aufträge. Das schmutzige Geld fließt nur im Ausland. Wie sollen Staatsanwälte in Deutschland da nachweisen, dass bestochen wurde?

Meist werden dazu Provisionsverträge geschlossen: Der Berater wird am Erfolg beteiligt, falls das Projekt zustande kommt. Doch tatsächlich erbringen diese Berater häufig keine weiteren Leistungen, sieht man mal von der Überbringung des Schmiergelds ab.

Ist der Vertrag von Ferrostaal mit der Firma Riomarine von Mario Goes auch so ein Scheinvertrag?

Ferrostaal weist das auf Anfrage entschieden zurück. Aber der Zeitpunkt, zu dem der Vertrag geschlossen wurde, legt diesen Verdacht nahe, außerdem die vereinbarten Ratenzahlungen. Denn es ist bei Schmiergeldverträgen gängige Praxis, die „Provisionen“ den Erlösen des bereits laufenden Auftrags zu entnehmen. Und im Sommer 2015 sagte Goes vor Gericht in Brasilien aus, er habe im Namen seiner Firma Riomarine auch Scheinverträge abgeschlossen.

„Es gibt keine uns bekannten Hinweise darauf, dass Vergütungen, die Riomarine von der FIA do Brasil erhalten hat, zur Bestechung von Geschäftspartnern oder in anderer rechtswidriger Weise verwendet worden sind“, teilt Ferrostaal gegenüber CORRECTIV schriftlich mit. Man habe sich an Goes gewandt, weil die Firma in Brasilien nach Erhalt der Aufträge durch Petrobras selber nicht ausreichend Personal für die Bearbeitung der Aufträge von Petrobras zur Verfügung gehabt habe. „Erfahrungen mit Petrobras gab es weder bei Ferrostaal noch bei MPC.“

Goes hingegen habe bereits umfangreiche Geschäftsbeziehungen zu Petrobras unterhalten. Goes habe die Geschäftsführung auch bei der Zusammenarbeit mit dem lokalen Partner im Bieterkonsortium unterstützt, der Firma Tome Engenharia. „Vor diesem Hintergrund wurde vor Abschluss einer Vertragsbeziehung eine ausführliche Compliance-Überprüfung unter Einbindung externer Expertise durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt lagen keine Hinweise vor, die gegen eine Zusammenarbeit sprachen“, schreibt Ferrostaal.

Angesichts der zentralen Rolle, die Goes später in dem Petrobras-Skandal spielte, verwundert das. Zumal MPC, der Eigentümer von Ferrostaal, Goes schon seit den 1970er Jahren kennt. Man sei entsetzt gewesen, als die Rolle von Goes im Petrobras-Skandal aufflog, teilt Ferrostaal mit. Man habe die Zusammenarbeit sofort beendet und alle Unterlagen Petrobras zur weiteren Aufklärung übergeben. Weder Ferrostaal, noch Petrobras, noch die brasilianischen Ermittlungsbehörden hätten bei der Vergabe der Aufträge Unregelmäßigkeiten festgestellt. 

Ferrostaal weist zurecht darauf hin, dass man den Vertrag direkt mit einer brasilianischen Firma abgeschlossen und die Gelder an Goes ohne die Einschaltung von Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen gezahlt habe. Zwischenfirmen und Steuerparadiese wären bei Compliance-Prüfungen ein starker Hinweis auf unsaubere Zahlungen.

Doch vor Gericht beschrieb Goes auch, wie er über ein Tauschsystem Gelder zwischen seiner Firma Riomarine und einer Briefkastenfirma in Panama namens Maranelle Investments verrechnen konnte, ohne dass tatsächlich Gelder flossen. Von Maranelle flossen dann die Schmiergelder an Petrobras-Manager.

Mit Maranelle hat sich übrigens auch die deutsche Justiz schon beschäftigt: zur Abwicklung von Schmiergeldern unterhielt die Briefkastenfirma auch ein Konto bei der Deutschen Bank in Frankfurt. Brasilianische Staatsanwälte baten ihre Kollegen, die Gelder auf dem Konto einzufrieren.

Ferrostaal behauptet heute, den alten Praktiken abgeschworen und sich in eine saubere Firma verwandelt haben. Man betreibe ein aufwändiges Compliance-System.

Zumindest der Fall Mario Goes stellt diesen Prüfungen aber kein gutes Zeugnis aus.

Außerdem habe Klaus Lesker an dem Petrobras-Auftrag gar nicht gearbeitet, betont Ferrostaal. Doch wie der Auftrag zustande gekommen ist, kann die Firma auch nicht so recht erklären. So habe das Unternehmen bereits am 7. Februar 2012, also drei Wochen vor der offiziellen Übernahme durch die neuen Besitzer, ein Angebot an Petrobras abgegeben. Und das, obwohl der Vorstand um Jan Secher, der sich kurz vor seinem Ausscheiden sicher keine fragwürdigen Geschäfte mehr einhandeln wollte, dies erst kurz zuvor untersagt hatte.

Ferrostaal bleibt eine rätselhafte Firma.

In der zweiten Folge unserer Serie über die deutsche Schmierindustrie: Wie die Aufsichtsräte von Ferrostaal kuriose Entdeckungen in der Firmengeschichte machen. Und gesagt bekommen, dass sie selbst entscheiden könnten, welche Schmiergeldfälle die Staatsanwaltschaft ermittelt. 

*Anmerkung der Redaktion, eingefügt am 20.1.2017: Das Landgericht Hamburg hat uns in einer einstweiligen Verfügung einige Passagen aus dem Artikel untersagt. Wir halten Euch über die juristischen Auseinandersetzungen auf dem Laufenden. 

Illustration: Anwar
Die brasilianische Organisation Ame a Verdade half bei Recherchen in Brasilien.