Das südkoreanische Verfassungsgericht hat am Freitag Präsidentin Park Geun-hye wegen Verbindungen zu einer dubiosen Geistheilerin und Zahlungen des Samsung-Konzerns endgültig des Amts enthoben. Der Fall führt tief in die Geschichte des Landes – und nach Deutschland. Gemeinsam mit Journalisten der südkoreanischen Investigativ-Redaktion Newstapa hat CORRECTIV in Hessen recherchiert.

Arnold Winter besitzt eine der größten Pferdezuchten in Hessen. Winter verkauft seine Pferde an Stars aus der Fußball-Bundesliga. Und jetzt ist Winter, der seit Jahrzehnten bodenständig in den malerischen Bergen des Taunus in der Nähe von Frankfurt lebt und arbeitet, Kronzeuge in einer Staatsaffäre am anderen Ende der Welt.

Winter sitzt in der Gaststube seines Gestüts Wintermühle. Von der Stube überblickt man eine große Reithalle, in der eine Reiterin ihre Runden auf einem jungen Pferd dreht.

Er sitzt im Kapuzenpullover vor einer Kamera, streicht sich eine Strähne zurück und erzählt vom Herbst 2013, einem Besuch im südkoreanischen Präsidentenpalast. In jener Zeit waren Kunden aus Südkorea die wichtigsten Abnehmer von Winters Pferden. Dabei gebe es in dem Land gar keine Reittradition, außer als Zeitvertreib für die Reichen. Und als Schmiermittel, um sich an der Staatsspitze Einfluss zu verschaffen. Doch dazu später mehr.

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Seit Monaten recherchieren südkoreanische Medien in Deutschland. Hier im Bild: Shim Inbo vom CORRECTIV-Partner Newstapa mit Arnold Winter.

Frederik Richter

Wie andere in Deutschland wird Winter plötzlich belagert von südkoreanischen Medien. Die suchen seit Monaten in Deutschland das entscheidende Detail, das den endgültigen Fall der Präsidentin Park Geun-Hye auslöst.

Rückblick: Am 6. Dezember 2016 findet die größte Demonstration in der Geschichte Südkoreas statt. Trotz Kälte und Schnee zieht ein endloses Lichtermeer – schätzungsweise ein bis zwei Millionen Teilnehmer – durch Seoul, um gegen Präsidentin Park zu demonstrieren, der sie Korruption und Amtsmissbrauch vorwerfen. 

Ein märchenhafter Aufstieg – mit dunklen Seiten

Drei Tage nach dieser bis dato größten Demonstration ist es vorbei für die Präsidentin, das Parlament enthebt sie am 9. Dezember des Amts. Das Verfassungsgericht Südkoreas bestätigte am Freitag dieser Woche einstimmig die Entscheidung.

Der Skandal führt hinein in ein Jahrzehnte altes Netz von Personen aus der Präsidentenfamilie und einer pseudokirchlichen Kultsekte. Die Staatskrise führt auch tief in die Geschichte eines Landes, das einen märchenhaften Aufstieg zu einer der führenden Wirtschaftsnationen der Welt hinbekommen hat.

Aus Südkorea kommen heute Handys wie das Samsung Galaxy und Autos, wie die von Hyundai. Doch kaum einer weiß, dass dieser wirtschaftliche Aufstieg des Landes auch durch ein autoritäres Arrangement aus Politik und Wirtschaft ermöglicht wurde, in der die Elite in Seoul lange Zeit nicht sauber zwischen politischen und wirtschaftlichen Interessen trennte.

Der Machthaber Park Chung-hee, der nach dem Koreakrieg im Jahr 1961 die Macht ergriff, hielt bis zu seiner Ermordung im Jahr 1979 die großen Familienunternehmen des Landes an kurzer Leine. Die sogenannten Chaebol beherrschten mit ihren vielen Beteiligungen die Wirtschaft des Landes und trugen ihren Teil zum Aufstieg der Nation bei. Im Gegenzug sorgte Staatsführer Park dafür, dass die Konzerne im Inland keine Konkurrenz zu fürchten hatten.

Über den Gesetzen

Parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg entwickelte sich Südkorea auch zu einer Demokratie. Doch bis heute sieht sich das Land immer wieder mit dieser engen Verbindung zwischen Regierung und den Großkonzernen konfrontiert. Einige aus den Reihen der Chaebol glauben, noch immer über den Gesetzen zu stehen.

Im Zentrum steht dabei der Technologie-Gigant Samsung, mit dessen Produkten die Exporterfolge des Landes untrennbar verbunden sind. Samsung spielt in Wirtschaft und Politik in Südkorea eine kaum zu überschätzende Rolle. Die Südkoreaner nennen ihr Land manchmal „Republik Samsung“.

Präsidentin Park, Tochter des früheren Staatsführers, wurde im Jahr 2012 ins Amt gewählt. Bereits fünf Jahre vor dem gewaltsamen Tod ihres Vaters wurde auch ihre Mutter 1974 bei einem Attentat ermordet, welches eigentlich dem Vater gegolten hatte.

In jener Zeit wurde Choi Tae-min, der Führer einer obskuren, pseudokirchlichen Sekte zum Mentor der elternlosen Park. Choi hatte vorgegeben, mit seinen mystischen Kräften Kontakt zur ermordeten Mutter aufnehmen zu können. Choi starb 1994.

Eine weibliche Rasputin

Doch im vergangenen Herbst kam heraus, dass die Bande zwischen der Präsidenten- und der Sektenfamilie auch nach dem Tod Chois Bestand hatten. Plötzlich entdeckten die Südkoreaner, dass Choi Soon-sil, die Tochter des Sektenführers, zum engsten Umfeld der Präsidentin zählte. Und auf einmal hatte dieses technologieversessene Land einen weiblichen Rasputin, eine mysteriöse Figur aus einer vergessen geglaubten Epoche, die angeblich seltsame Heilungsmethoden beherrscht und zugleich die Regierungspolitik beeinflusst. Die Volksseele kochte. Auf den wöchentlichen Demonstrationen im vergangenen Winter stellten Demonstranten die Präsidentin Park als eine Marionette dar, die in Wirklichkeit von Choi gesteuert wird.

Nicht nur das: über zwei Stiftungen sammelte Choi von den großen Unternehmen des Landes fleißig Gelder ein. Im Gegenzug erhofften sich die Spender eine günstige Politik der Präsidentin, denn schließlich gehörte die Tochter des Sektenführers zu ihrem engsten Umfeld.

Spurensuche in Deutschland

Zu den Konzernen, die sich auf diese Weise Einfluss sichern wollten, gehörte auch Samsung. Und an dieser Stelle erreicht der Skandal die malerischen Taunus-Berge. Und die Pferdezucht von Arnold Winter.

Denn Choi, die Einflüsterin der Präsidentin, lebte mit ihrer eigenen Tochter Yoo-ra Chung einige Jahre im Taunus. Yoo-ra, 21 Jahre alt, ist Dressurreiterin. Offenbar um ihr die beste Ausbildung zu ermöglichen, zog Choi mit ihrer Tochter nach Deutschland, das als Pferdesportnation gilt, die bei den Olympischen Spielen stets Goldmedaillen im Dressurreiten gewinnt.

Das Unternehmen Samsung sponserte eine deutsche Reitsportfirma, die Choi und ihrer Tochter gehörte, mit 18 Millionen US-Dollar. Als dies im vergangenen Herbst bekannt wurde, erreichte die Krise ihren ersten Höhepunkt. Die südkoreanische Öffentlichkeit ging davon aus, dass sich hier ein Konzern, indem er die Vertraute der Präsidentin sponserte, Einfluss an der Staatsspitze sichern wollte.

Es gibt noch weitere Spuren in Deutschland. Die Familie von Choi kaufte hier auch Pferde und Immobilien. Bei Winter erwarben sie in den 2000er Jahren vier Pferde, die zwischen 60.000 und 120.000 Euro kosteten. Bezahlt wurde in bar, erzählt Winter. „Das Mädchen war noch klein, zehn oder elf Jahre, da hat sie hier zum ersten Mal Reitferien gemacht“, erinnert sich Winter an den ersten Besuch der Familie auf seinem Gestüt vor zehn Jahren.

Im Taunus besaß Chung persönlich bzw. über eine teilweise ihr gehörende Firma ein Hotel sowie ein Wohnhaus, gekauft für 550.000 Euro und 385.000 Euro. Die Grundbucheinträge zu den beiden Immobilien liegen CORRECTIV vor.

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Die südkoreanische Staatsaffäre spielt auch in den malerischen Bergen des Taunus. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Geldwäscheverdacht.

Frederik Richter

CORRECTIV und Newstapa haben diesen Fall in Deutschland gemeinsam recherchiert. Newstapa ist ein unabhängiges Recherchezentrum in Südkorea und finanziert sich durch ein Bezahlmodell seiner Artikel auf seiner Website. In einem Land, in dem viele Medien aus wirtschaftlichen Zwängen nicht frei berichten können – fast alle Medien erzielen einen Teil ihrer Einnahmen durch Samsung-Inserate – ist der Bedarf nach unabhängiger Berichterstattung groß genug.

Gibt es einen Schatz des Diktators?

Der Skandal ist auch eine Mediengeschichte. Südkoreanische Kamerateams zogen in den vergangenen Monaten durch den Taunus, besuchten Nachbarn, durchwühlten den Müll in Hotels. Es gibt Berichte in südkoreanischen Medien, laut denen Park und Choi über 500 Millionen Euro geheimes Vermögen nach Deutschland geschleust und hier angelegt hätten. Auch in der südkoreanischen Gemeinde in Frankfurt und Umgebung ist die Aufregung groß. Manch einer vermutet, Gelder, die schon der Machthaber Park in seiner Amtszeit unterschlagen haben soll, seien längst und in großem Stil in Deutschland angelegt. Konkrete Hinweise auf diesen angeblichen Schatz des Diktators gibt es keine.

Dennoch stellt sich die Frage, woher die erst 21-jährige Chung das Geld für die beiden Immobilien im Taunus hatte. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt in dem Skandal wegen Geldwäsche gegen drei südkoreanische Staatsbürger sowie einen Deutschen. Eine südkoreanische Bank hatte die Ermittlungen ausgelöst, indem sie merkwürdige Geldtransfers an die Deutschen meldete.

Die Dressur-Ausbildung von Yoo-ra Chung in Deutschland hat sich gelohnt. 2014 gewann sie mit dem Team Südkoreas die Goldmedaille im Dressurreiten bei den Asiatischen Spielen. Auf einem Pferd von Arnold Winter.

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Die Reithalle von Arnold Winter. Der erfolgreiche Züchter verkaufte der Tochter von Choi Soon-sil ein Medaillenpferd.

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Einmal lud Choi den Deutschen Winter zu einem Besuch nach Seoul ein. Winter erinnert sich an den Ablauf jenes Tages im September 2013. Vormittags ein Besuch im Landwirtschaftsministerium um über den Ausbau der Pferdezucht in Südkorea zu sprechen. Nachmittags sei er dann unter anderem mit Choi vom Hotel in das Blaue Haus gefahren worden, dem Sitz der Präsidentin in einem Wäldchen im Norden der Hauptstadt Seoul.

Bis 19.30 Uhr hätten sie gewartet, dann habe Präsidentin Park sie empfangen. „Das war ganz kurz, wir haben eine Viertelstunde geredet, dann sind wir wieder gefahren“, erzählt Winter.

Samsung im Visier der Ermittler

Die Erzählung von Winter ist deswegen wichtig, weil sie ein entscheidendes Argument von Präsidentin Park entkräftet. Die Präsidentin behauptet, ihre Nähe zu Choi habe niemandem direkten Zugang zu ihr ermöglicht. Choi habe auch ihre Regierungspolitik in keiner Weise beeinflusst. Winter jedoch erinnert sich, dass er als Begleiter von Choi nicht einmal seinen Reisepass zeigen musste, als er in den Präsidentensitz fuhr. 

Am 17. Februar wurde der hochrangige Samsung-Manager Lee Jae-Yong aus der dritten Generation der Samsung-Familiendynastie der Lees verhaftet. Er galt bis zu seiner Verhaftung als aussichtsreichster Kandidat auf den Chefposten bei dem Konzern.

Die Ermittler werfen Lee unter anderem vor, Choi bestochen zu haben. Insgesamt soll Samsung laut den Vorwürfen der Ermittler über 30 Millionen Euro an Organisationen im Umfeld von Choi bezahlt haben, um bei der Regierung von Präsidentin Park eine günstige Politik zu bewirken. Am 28. Februar erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Lee sowie vier weitere Samsung-Manager. Sowohl Samsung als auch Konzernerbe Lee weisen die Vorwürfe zurück.

Eine Geisel der Ermittler?

Choi selbst sitzt bereits seit November in Untersuchungshaft in Südkorea – und schweigt gegenüber den Ermittlern. Ihre Tochter befindet sich seit dem 2. Januar in Haft in Dänemark. Ihr wird vorgeworfen, sich unerlaubt im Land aufgehalten zu haben sowie bei der Immatrikulation an einer Universität in Südkorea mit Hilfe ihrer Mutter geschummelt zu haben.

Das sind normalerweise keine Taten, für die man wochenlang in Untersuchungshaft sitzt, zumal Yoo-ra Chung Mutter eines einjähriges Kindes ist. Doch um ihre Mutter zum Reden zu bringen, muss sie in einem Gefängnis in Dänemark schmoren, glauben Beobachter der Staatskrise.

Der ganze Skandal und der Sturz von Präsidentin Park könnten nun zu einer Entflechtung von Großkonzernen und Regierung führen. Samsung soll nicht der einzige Konzern aus ihren Reihen sein, der im Fokus der Ermittler steht.

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