Aus der Community

Alte Bluthochdruck-Werte bleiben: Video stellt Leitlinien irreführend dar

Eine Instagram-Nutzerin verzerrt den Inhalt von einer medizinischen Richtlinie zum Bluthochdruck. Fachgesellschaften und Ärzte stellen klar: Die Grenze für Bluthochdruck blieb unverändert, neu ist eine zusätzliche Kategorie.

Entscheidend für eine Bluthochdruck-Diagnose sind feste Grenzwerte. (Symbolbild) (Bild: Inga Erhan / Picture Alliance / Westend61)
Entscheidend für eine Bluthochdruck-Diagnose sind feste Grenzwerte. (Symbolbild) (Bild: Inga Erhan / Picture Alliance / Westend61)
Behauptung
1995 galten die Werte 160 zu 95 als erhöhter Blutdruck. 2025 seien die Werte verändert worden, schon 121 zu 71 zähle als erhöhter Blutdruck.

Faktensammlung


In einem Instagram-Video behauptet eine Frau, die Grenzwerte für Bluthochdruck seien drastisch gesenkt worden. Sie sagt, 1995 habe man erst Werte ab 160/95 als erhöht angesehen, während heute schon 121/71 als „erhöhter Blutdruck“ oder „Hochdruck“ gelten. „Die haben dieses Jahr die Richtlinien geändert“, sagt sie. In der Videobeschreibung heißt es, dass es bei den Anpassungen vielleicht „nicht immer um Gesundheit“ gehe, sondern „manchmal auch um Wirtschaftlichkeit“.


Bluthochdruck, medizinisch arterielle Hypertonie, definiert sich in Deutschland nach medizinischen Leitlinien. Eine zentrale Grundlage bildet die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Hypertonie, deren Patientenleitlinie zuletzt 2023 aktualisiert wurde. Sie legt fest: Bei Erwachsenen spricht man von Bluthochdruck, wenn der in der Arztpraxis gemessene obere Blutdruckwert mindestens 140 mmHg oder der untere Blutdruckwert 90 mmHg oder höher ist.

Auch die Deutsche Herzstiftung bestätigt diese Definition in einer Stellungnahme zu den aktuellen Leitlinien. „Übereinstimmend definieren alle aktuellen Leitlinien eine arterielle Hypertonie als Blutdruckwerte von >140/90 mmHg“, heißt es darin in Bezug auf die NVL und zwei Richtlinien von europäischen Fachgesellschaften, der European Society of Hypertension (ESH) und der European Society of Cardiology (ESC). Je nach Risiko für die einzelne Person könnten jeweils höhere oder niedrigere Blutwerte akzeptabel sein, schreibt die Deutsche Herzstiftung.


Zuletzt hat die European Society of Cardiology neue Leitlinien veröffentlicht, das geschah am 30. August 2024. Der vollständige Text dieser Leitlinien ist online frei verfügbar (Beleg 1), eine Version auf Deutsch findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (Beleg 2). Diese Richtlinien legen Werte für drei Kategorien fest: Nicht-erhöhter Blutdruck, erhöhter Blutdruck und Bluthochdruck. Sie definieren Bluthochdruck weiterhin erst ab Werten von mindestens 140/90 mmHg, sie beschreibt jedoch zusätzlich einen Bereich von 120–139 mmHg für den oberen und 70–89 mmHg für den unteren Wert als „erhöhten Blutdruck“.

Die Richtlinie empfiehlt Ärztinnen und Ärzten, schon bei erhöhtem Blutdruck etwa eine Risikoschätzung durchzuführen. Bei einem geringen Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung empfiehlt die ESC etwa Lebensstil-Maßnahmen und Beobachtung des Blutdrucks. Je nach Risikokonstellation und Faktoren wie familiärer Krankheitsgeschichte kommt eine Behandlung mit Medikamenten in Frage.


Die Deutsche Hochdruckliga, eine medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft mit dem Schwerpunkt Hypertonie, begrüßte in einer Pressemitteilung im September die neuen ESC-Richtlinien. Sie könnten künftig die Inzidenz schwerer kardiovaskulärer Erkrankungen deutlich reduzieren, heißt es darin. Die neuen Richtlinien seien ein Umdenken in Richtung präventive Medizin. Markus van der Giet, Vorsitzender der Deutschen Hochdruckliga, sagt dazu: „ Wir wissen, dass auch schon Werte von 120–139 mmHg systolisch und 70–89 mmHg diastolisch mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Je nach individueller Risikokonstellation kann auch dann schon ein früherer Einsatz der Therapie erforderlich sein.“


Das CORRECTIV.Faktenforum hat zu dem Thema einen medizinischen Experten von der Deutschen Herzstiftung und Marcel Halbach angefragt, Oberarzt und Kardiologe an der Uniklinik Köln. Beide widersprechen der Behauptung, 1995 hätten Werte von 160/95 mmHg als Bluthochdruck gegolten. Sie schreiben uns übereinstimmend, dass in Deutschland bereits in den 1990er Jahren ein Wert von 140/90 mmHg als entscheidend für die Diagnose einer arteriellen Hypertonie galt. Diese Werte sind etwa in der fünften und sechsten Ausgabe der amerikanischen Richtlinien vom Joint National Committee on Prevention, Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure (JNC V und VI) enthalten.

Halbach schreibt uns: „Die Zielwerte unter Therapie wurden aber immer weiter nach unten korrigiert, aktuell idR <130/80 mmHg. Das basiert auf mehreren randomisierten Studien, die einen Nutzen bei der Verhinderung kardiovaskulärer Komplikationen und Todesfälle gezeigt haben. Das ist wissenschaftlich sehr gut belegt“.

Die ursprüngliche Verbreiterin des Videos antwortete nicht auf unsere Anfrage zu den aufgestellten Behauptungen.

ccjm.org
researchgate.net


Kontext: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Hauptursache für Behinderungen und vorzeitige Todesfälle in Europa. Jährlich sind sie demnach für 42,5 Prozent aller Todesfälle verantwortlich, umgerechnet sind das 10.000 Todesfälle am Tag. In Deutschland sind solche Erkrankungen laut der Deutschen Hochdruckliga für 33 Prozent aller Todesfälle verantwortlich (Stand 2021), Bluthochdruck ist der größte Risikofaktor für solche Erkrankungen.

who.int
hochdruckliga.de


Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Nadia Westerwald; Redigatur: Viktor Marinov