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So konnten Impfstoff-Hersteller in der Pandemie so viele Dosen produzieren

In Sozialen Netzwerken macht eine falsche Rechnung die Runde. Demnach würde es 50 Jahre dauern, um die Milliarden Impfdosen gegen Covid-19 herzustellen. Dahinter steht mehr als eine falsche Annahme.

Weltweit haben weit mehr als nur fünf Hersteller Covid-19-Imfpstoffe produziert. Auch die französische Firma Valneva gehört dazu. (Quelle: Henrik Montgomery / TT News Agency / Picture Alliance)
Weltweit haben weit mehr als nur fünf Hersteller Covid-19-Imfpstoffe produziert. Auch die französische Firma Valneva gehört dazu. (Quelle: Henrik Montgomery / TT News Agency / Picture Alliance)
Behauptung
Es seien angeblich fast 8 Milliarden Impfdosen weltweit verabreicht worden. Falls ein Unternehmen eine Ampulle pro Sekunde produziere, würde das 31 Millionen Impfdosen pro Jahr bedeuten. Die Herstellung der ganzen Imfpdosen würde also 250 Jahre benötigen, bei fünf Firmen seien das immer noch 50 Jahre.
Einordnung
Falsch. Der Beitrag enthält mehrere falsche Annahmen. Moderne Anlagen können parallel mehrere Ampullen abfüllen, ein Fläschchen enthält bei vielen Herstellern zudem fünf bis zehn Impfdosen. Es gibt weltweit mehr als fünf Impfstoff-Hersteller, Firmen wie Biontech/Pfizer und Astrazeneca produzieren darüber hinaus an mehreren Standorten gleichzeitig.

Faktensammlung


Auf Tiktok, Facebook, X und Instagram verbreitet sich ein Text, der die Möglichkeiten der Impfstoff-Produktion in Frage stellt. „Angeblich fast acht Milliarden verabreichte Dosen Impfstoff, weltweit“, heißt es dort. Der Text macht folgende Rechnung auf: „Falls ein Unternehmen pro Sekunde eine Ampulle herstellt und das 24 Stunden sieben Tage die Woche, kommt es auf 31 Millionen im Jahr. Es würde also fast 250 Jahre für die 7,3 Milliarden Dosen benötigen. Bei 5 Anbietern, die wir hatten, sind es immer noch 50 Jahre pro Firma.“

Der Beitrag suggeriert, dass eine Produktion, wie wir sie in der Pandemie erlebt haben, nicht möglich sei. Offenbar sind damit die COVID-19-Impfstoffe gemeint, wie aus den Kommentaren hervorgeht. Auch die Angabe zu fünf Anbietern passt zu dem Stand in Deutschland im Jahr 2022.


Mathematisch ist die Hochrechnung von einer Ampulle pro Sekunde auf 31 Millionen im Jahr richtig. Eine Woche hat 168 Stunden, das sind 604.000 Sekunden. Multipliziert mit 52 Wochen im Jahr ergeben sich 31.449.600 Sekunden, also rund 31 Millionen. Um auf 7,3 Milliarden zu kommen, bräuchte es rund 232 Jahre. Doch stimmt auch die Prämisse der Produktionskapazitäten?


Wir haben einige Impfhersteller zu ihren Produktionskapazitäten angefragt. Der Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer war während der Pandemie der mit Abstand am häufigsten verabreichte Impfstoff in Deutschland. Das Presseteam von Biontech schrieb uns: „Die von Ihnen wiedergegebene Rechnung spiegelt nicht die Realität der kommerziellen pharmazeutischen Herstellung wider.“ Diese sei wesentlich effizienter, etwa durch die Möglichkeit mehrerer Produktionslinien und paralleler Schritte. Es sei zum Beispiel möglich, eine Charge Impfstoff herzustellen, während eine andere bereits abgefüllt werde. Auch enthalte eine fertige Charge nicht nur eine Dose Impfstoff. Im Fall von Biontech/Pfizer waren es sechs Dosen je Flasche, bei dem Impfstoff Spikevax von Moderna enthielt eine Flasche sogar jeweils zehn Dosen, genauso bei Vaxzevira von Astrazeneca.

Eine Beispielrechnung zeigt, wie schnell Hersteller den Impfstoff produzieren können: In Marburg kann Biontech nach eigenen Angaben laut einer Pressemitteilung 750 Millionen Impfdosen pro Jahr produzieren. Angenommen, die Maschinen liefen rund um die Uhr und das ganze Jahr – so wie auch in der Behauptung – würden allein an diesem Standort mehr als 23 Impfdosen pro Sekunde hergestellt.

Eine weitere falsche Annahme der Rechnung ist, dass jeder Hersteller nur an einem Standort Impfstoffe produziere. Astrazeneca schrieb uns auf Anfrage, dass das Unternehmen für die Pandemie ein Liefernetz „mit 16 unterschiedlichen Lieferketten und rund 25 Herstellungspartnern in über 15 Ländern“ aufgebaut habe. Auch Biontech/Pfizer betrieb laut der Pressestelle sechs Produktionsstätten in Europa und den USA, darunter etwa in Marburg und in Puurs in Belgien.


Die Rechnung in der Behauptung geht von fünf Herstellern für den weltweiten verabreichten Impfstoff aus. Auch das ist nicht korrekt. Die Weltgesundheitsorganisation hat eine Reihe weiterer Impfstoffe genehmigt, etwa den chinesischen Sinopharm/BIPB oder den indischen Covaxin. Darüber hinaus gab es Impfstoffe wie Sputnik V, der nicht von der WHO genehmigt, aber in Russland und weiteren Ländern benutzt wurde, etwa Argentinien und Mexiko. Laut der WHO wurden weltweit übrigens Stand 31. Dezember 2023 13,6 Milliarden Impfdosen verabreicht.

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Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Viktor Marinov; Redigatur: Sara Pichireddu