Russland/Ukraine

Zerschlagenes Netzwerk: Wie eine Lübecker Firma ihre Waren nach Russland schmuggelte

Wegen mutmaßlicher Sanktionsverstöße und Bildung einer krimineller Vereinigung ließ die Bundesanwaltschaft fünf Personen festnehmen. Einer der Beschuldigten führte in Lübeck ein Unternehmen, das über Jahre Geschäfte in Russland machte. CORRECTIV-Recherchen zeigen das Schema – und teils skurrile Details.

von Alexej Hock , Nikita Kondratyev

Zollfahnder durchsuchen die Räume einer Lübecker Firma im Zusammenhang mit verbotenen Rusland-Exporten. Foto. picture alliance/dpa/NEWS5 | News5 / Sebastian Peters
Zollfahnder durchsuchen die Räume einer Lübecker Firma im Zusammenhang mit verbotenen Rusland-Exporten. Foto. picture alliance/dpa/NEWS5 | News5 / Sebastian Peters

Die Global Trade GmbH aus Lübeck präsentiert sich als „Spezialist für Industrie-Ersatzteile“. Seit über 20 Jahren sei die Firma als Ersatzteillieferant tätig und biete weltweiten Versand an, heißt es auf der Unternehmenswebseite.

Seit Montag ist bekannt, dass die Firma im Mittelpunkt von Ermittlungen der Bundesanwaltschaft steht. Da ließ sie den Besitzer der Firma, Nikita S., und vier weitere Personen festnehmen, es gibt weitere Beschuldigte auf freiem Fuß. Der Verdacht: Die Firma ist Teil eines russischen Beschaffungsnetzwerks, das Sanktionen umgeht. Am Ende sollen russische Rüstungsbetriebe stehen.

Recherchen CORRECTIV und iStories zeigen, dass die Firma schon vor dem russischen Überfall auf die Ukraine fragwürdige Güter nach Russland exportierte. Nach 2022 stellte sie ihre Handelswege um. Der russische Empfänger gewann staatliche Ausschreibungen und profitierte von dem Handel – und damit offenbar auch der Hauptverdächtige Nikita S.

Erfahrungen im Russland-Geschäft

Bei Global Trade hat man Erfahrung im Handel mit russischen Firmen im Graubereich. Bereits vor 2022 exportierte das Unternehmen Waren mit mutmaßlich doppeltem Verwendungszweck nach Russland.

Eine Recherche von CORRECTIV.Europe im Rahmen des Projekts „Tools of War“ ergab, dass Global Trade bereits nach der Krim-Annexion Messinstrumente und andere Werkzeuge im Wert von rund 200 Tausend US-Dollar nach Russland geliefert hatte. Damit reihte sich die Firma allerdings unter viele andere europäische Firmen, die bis zur russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 weiter fragwürdigen Handel mit Russland betrieben.

In russischen Zolldaten, in denen die Exporte der Global Trade nach Russland zu sehen sind, taucht im ersten Halbjahr des Jahres 2022 als Handelspartner vor allem eine Firma auf. Das Unternehmen Kolovrat mit Sitz in Moskau betreibt eine Art Handelsplattform – russische Industrieunternehmen können hier aus Deutschland gelieferte Teile einkaufen.

Handel über den Umweg Türkei?

In den Zolldaten ist auch nachzuvollziehen, dass sich die Handelswege im Sommer 2022 offenbar an die damals eingeführten EU-Sanktionen gegen Russland anpassten. Mitte Juli endeten die direkten Exporte der deutschen Global Trade an Kolovrat. Vier Monate später taucht die wenige Monate zuvor gegründete türkische Firma Mr Global Group als Exporteur auf – mit ganz ähnlichen Waren.

Doch die Statistik ist verräterisch: Immer wieder taucht als Ursprungsort die Hansestadt Lübeck auf, der Sitz der Global Trade von Nikita S. So könnten bis mindestens Ende 2024 Pumpen, Halbleiterelemente und Motoren aus Deutschland über die Türkei nach Russland gelangt sein, deren Ausfuhr nach Russland per se schon verboten ist.

Dort könnten Teile zudem laut Mitteilung des Generalbundesanwalts mindestens 24 Mal an russische Rüstungsunternehmen, die von der EU sanktioniert sind, gelangt sein. Der Gesamtwert der verbotswidrigen Geschäfte soll sich demnach auf mindestens 30 Millionen Euro belaufen.

Die Alarmglocken hätten bei Zollfahndern schon mehrfach schrillen können. Nicht nur, dass die Firma mutmaßliche Dual-Use-Güter schon vor 2022 nach Russland geliefert haben könnte. Auch ist der Abnehmer dort, die Firma Kolovrat, bereits seit einiger Zeit von den USA sanktioniert.

Die zweite Identität des Hauptverdächtigen

Nach Recherchen von CORRECTIV und iStories gibt es strukturelle und personelle Überschneidungen zwischen der deutschen und der russischen Firma. So taucht der nun von der Bundesanwaltschaft beschuldigte Chef der Global Trade Nikita S. gleichzeitig auch im russischen Firmengeflecht rund um die Kolovrat auf – allerdings offenbar mit seinem Geburtsnamen Nikita O. Einträge in diversen russischen Datenbanken weisen auf die Personengleichheit hin.

In diesem Kolovrat-Geflecht, das unter anderem von russischen Staatsaufträgen profitierte, hatte Nikita S. alias O. Gesellschaftsanteile. Der Focus berichtete, dass er unauffällig in einer Einzimmerwohnung in Schleswig-Holstein gelebt haben soll. Aus geleakten russischen Datenbanken geht allerdings hervor, dass er seinen Lebensmittelpunkt in Russland hatte und dort noch im Jahr 2023 mehr Zeit verbrachte als in Deutschland. Dort fuhr er in den vergangenen Jahren Porsche und Mercedes.

Eine Anfrage an die Global Trade zu den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft und den Recherchen von CORRECTIV blieb vorerst unbeantwortet.

Das Sonnenrad als Namensgeber

In der Ukraine kämpft Russland laut Putin und seiner Propaganda-Maschine gegen ein vermeintlich faschistisches Regime. Es hat eine gewisse Ironie, dass die russische Rüstungsindustrie ausgerechnet auf ein Netzwerk rund um eine Firma namens Kolovrat setzte.

Der russische Begriff „Kolovrat“ bedeutet wörtlich „drehendes Rad“. Manchmal wird es als slawisches Sonnenrad interpretiert, auch das Firmenlogo zeigt eine Sonne. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man darunter allerdings ein achtgliedriges Hakenkreuz, das vor allem in der Neonazi-Szene Verwendung findet.

Die deutsche Bundesanwaltschaft hat das Rad vorerst zum Stoppen gebracht.

Redigatur und Faktencheck: Till Eckert