Deutschlands neue KI-Rechenzentren: So erkennen Sie die Fabriken in Ihrer Nachbarschaft
Schwer zu erkennen, hochrelevant fürs tägliche Leben: Überall im Land entstehen neue KI-Rechenzentren. Sie könnten bald auch in Regionen gebaut werden, die bislang nicht als Digitalstandort gelten.
Folgendes Gedankenspiel: Am Rande Ihrer Stadt oder Ihres Dorfes rollt ein Bagger über ein Feld, auf dem bis vor Kurzem noch Mais stand. In den Bauunterlagen steht nicht „Logistikhalle“, sondern „Rechenzentrum“. Von außen könnte das Gebäude wie ein weiterer Zweckbau aus Beton wirken, zwischen Gewerbegebiet und Umgehungsstraße – und findet vielleicht auch deshalb wenig Beachtung.
Doch bei solchen Rechenzentren – jenen, die zunehmend für Künstliche Intelligenz (KI) ausgelegt sind – handelt es sich um deutlich mehr. Die Rechen-Riesen haben nicht nur das Potenzial, Deutschlands größte Stromfresser zu werden – wie etwa im geplanten Rechenzentrum in Nierstein, das so viel Strom wie eine Millionenstadt verbrauchen soll.
Es sollen noch viele neue gebaut werden. Sie könnten nach der Einschätzung von Branchenvertretern zunehmend im ländlichen Raum ansiedeln, und an Orten, die bislang nicht als Digitalstandort galten. Etwa, weil dort mehr günstige Fläche verfügbar ist oder sie besser an den Verkehr angebunden sind.
Bislang findet man die Zentren häufig in Ballungsräumen: Am 4. Februar nahm die Deutsche Telekom in München ein gewaltiges KI-Rechenzentrum in Betrieb. Laut Konzernangaben handelt es sich um eine der größten KI-Infrastrukturen in Europa. Das Rechenzentrum wurde in Zusammenarbeit mit dem US-Chiphersteller Nvidia ausgebaut und befindet sich in einem bereits genutzten Gebäudekomplex im Tucherpark, nahe dem Englischen Garten.

Laut Tagesschau plant die Telekom, das Wasser des nahegelegenen Eisbachs zur Kühlung für das Zentrum zu nutzen. Zu den Nutzern sollen in Zukunft etwa der Robotikhersteller Agile Robots zählen sowie der Militärdrohnen-Anbieter Quantum Systems.
Trotz solcher sichtbaren Entwicklungen wachsen die neuen Großverbraucher bislang fast unbemerkt heran.
Woran erkennt man ein KI-Rechenzentrum – und wo stehen sie?
Dass sie kaum bemerkt werden, kann daran liegen, dass KI-Rechenzentren von außen nicht klar erkennbar sind. Optisch sehen die Gebäude häufig wie Lagerhallen oder große Büro- und Industriekomplexe aus – also wie herkömmliche Rechenzentren auch. Und im Falle des neuen Zentrums in München werden sie auch gar nicht von Grund auf neu gebaut, sondern die Technologie wird in bereits bestehenden Hallen und Gebäuden angesiedelt, wo viel Infrastruktur schon besteht.
KI-Zentren sind bislang auch in Statistiken oft nicht eindeutig erkennbar im Vergleich zu bereits bestehenden Rechenzentren ohne KI-Technologie. Für Experten klarer erkennbar wird der Einsatz der Technologie erst seit 2024: In der EU haben Große Rechenzentren jetzt eine Berichtspflicht und müssen Kennzahlen zu Energieverbrauch und Wasser melden.
Zeigen sich darin bestimmte hohe Werte, lässt das indirekt auf KI-Nutzung schließen. Das liegt mitunter daran, dass KI durch ihre Grafikprozessoren, also Hochleistungs-Chips, extrem hohe Verbräuche verursacht.

KI-Rechenzentren könnten zunehmend in ländliche Regionen ziehen
Werden (KI-)Rechenzentren neu gebaut, dann meist dort, wo Industrie und Infrastruktur bereits vorhanden sind. Branchenvertreter beobachten aber auch einen Trend in die Fläche: „in abgelegeneren Regionen mit viel Netzkapazität und erneuerbarer Energieerzeugung“, so ein Sprecher von Bitkom auf CORRECTIV-Anfrage.
Das Umweltbundesamt (UBA) bestätigt dies und nennt als Beispiel eines der größten Rechenzentren der Welt: Es befindet sich in den USA (Nevada) auf einer Fläche von über 700.000 Quadratmetern.
In Deutschland liegt der größte Hotspot für Rechenzentren (noch) aber in einem Ballungsraum: in Frankfurt am Main. Dort sitzt das Unternehmen DE-CIX; der weltweit größte Betreiber für Internetknoten.

Das Frankfurter Unternehmen hat auch mit unserem täglichen Leben viel zu tun: Zum Beispiel, wenn viele Menschen gleichzeitig Fußball schauen wie bei der UEFA Champions League. Dann schießt der Datenverkehr im Internet massiv nach oben, was man dann besonders gut am Internetknoten von DE-CIX sehen kann: Am 9. Dezember 2025 sorgte ein Champions-League-Spieltag dort für den höchsten Datenwert des Jahres, weil Millionen Fans parallel Livestreams nutzten.
Drei der größten (KI-)Rechenzentren in Deutschland
Weitere wichtige Milliardenprojekte entstehen an drei großen deutschen Standorten, oder wurden dort bereits gebaut:
- im Münchner Tucherpark: Dort hat die Deutsche Telekom den „Industrial AI Cloud“-Komplex aufgebaut. (BR24 berichtete, was darin genau passiert.)
- Im brandenburgischen Lübbenau/Spreewald baut die Schwarz-Gruppe (Mutterunternehmen hinter Lidl und Kaufland) das „Schwarz Digits Datacenter“.
- Und in Nierstein in Rheinland-Pfalz baut NTT, ein japanischer Telekom-Konzern,Das ist das „Rechenzentrum mit Strombedarf einer Millionenstadt“,wie der SWR schreibt.
Insgesamt könnten Rechenzentren also zunehmend in Regionen ziehen, die bisher nicht als Digitalstandort galten, wie Experten bestätigen. Bundesländer, die laut der Studie des Borderstep-Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit die größten Vorteile für (KI-)Zentren haben, sind:
- Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen (Faktor: „Wirtschaftliches Umfeld“)
- Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg, Sachsen (Faktor: „Anbindung“)
- Hessen, Bayern, Berlin (Faktor: „Vorhandenes RZ-Ökosystem“)
- Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein (Faktor: „Stromnetz und grüner Strom“)
Eine ausführlichere Übersicht über (KI-)Rechenzentren bietet die Bitkom-Studie „Rechenzentren in Deutschland: Aktuelle Marktentwicklungen 2025“. Nach diesen Schätzungen soll der Anteil von KI-Rechenzentren bis 2030 von derzeit etwa 15 Prozent auf rund 40 Prozent ansteigen.
CORRECTIV recherchiert zunehmend zu neuen KI-Rechenzentren – und Sie können mitmachen
CORRECTIV wird sich in Zukunft umfassend mit den neuen KI-Rechenzentren im Land beschäftigen. Und damit, welche Auswirkungen sie haben: Ein Rechenzentrum kann Arbeitsplätze bringen, Infrastruktur, Abwärme. Es kann aber genauso zu Konflikten um Flächen, Wasser, Netze führen und weitreichende Konsequenzen mit sich bringen.
Sie können uns dabei helfen: Wenn Sie in der Nähe eines der bereits bestehenden oder neuen (KI-)Rechenzentren leben oder arbeiten, würden wir gerne von Ihnen hören. Tragen Sie Ihre Erfahrungen hier in unsere CORRECTIV-Umfrage ein. Oder schreiben Sie der Reporterin direkt eine Mail: samira.joy.frauwallner@correctiv.org.
Text und Recherche: Samira Joy Frauwallner
Redigatur: Anette Dowideit, Till Eckert
Faktencheck: Till Eckert