Merz in den Epstein-Files: Erwähnung ist kein Hinweis auf Straftaten
Nachdem im Januar eine riesige Menge an Unterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlicht wurde, kam es online zu zahlreichen Spekulationen und Falschbehauptungen. Wie ist mit den Daten umzugehen?
Hinweis: In diesem Text und den verlinkten Quellen geht es auch um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
„Friedrich Merz, unser Bundeskanzler, ist in den Epstein-Files“, sagt eine Frau in die Kamera. „Aber nicht so, wie ihr denkt”, rudert sie zurück. Nur um dann zu sagen: „Das machts aber nicht besser, es ist nur noch gruseliger“. Ihr Tiktok-Video wurde fast zwei Millionen Mal gesehen.
Sie ist nicht die einzige, die das thematisiert. Andere Beiträge gehen noch weiter und stellen die Frage, ob Merz beim verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu Gast oder anderweitig involviert gewesen sei. Dabei liefern die aktuellen Epstein-Files keinerlei Hinweis dafür, dass Merz mit den Straftaten Epsteins zu tun hatte .
Richtig ist zwar, dass sein Name in einem der Dokumente vorkommt (Stand: 11. Februar 2026), die am 30. Januar 2026 auf der Webseite des US-Justizministeriums veröffentlicht wurden. Das Dokument belegt aber keinen Kontakt zwischen Merz und Epstein, es handelt sich dabei offenbar um einen Blogpost einer Seite, die Verschwörungsmythen teilt und sich als Gegenstück zu etablierten Medien positioniert. In dem Beitrag geht es um die Trilaterale Kommission, ein in den 70ern gegründetes Netzwerk, das immer wieder Gegenstand antisemitischer Verschwörungserzählungen ist, weil sich dort einflussreiche Personen aus Wirtschaft und Politik austauschen. Die Authentizität des Dokuments ist unklar.
Kontext aus den Epstein-Akten wird weggelassen, auch KI-Fakes kursieren
Die falschen Anschuldigungen gegen Merz, die deswegen laut wurden, sind nur ein Beispiel dafür, wie die Epstein-Files durch Skandalisierung und durch das Weglassen von Kontext zu möglichen Falschbehauptungen führen.
So hieß es etwa auch über Stephanie von Bismarck mit Verweis auf eine Datei in den Epstein-Files, sie habe Geld von Epstein bekommen. Das Dokument, in dem sie – damals noch unter dem Namen Stephanie zu Gutenberg – vorkommt, belegt das aber nicht. Zu sehen ist lediglich eine Reihe von Namen, auf die Kreditkarten laufen, der Kontext wird nicht weiter erläutert. Ihr Anwalt sagte dem Focus: Sie sei lediglich Kundin bei derselben Bank wie Epstein gewesen und kenne ihn nicht.
Zu diesen Behauptungen kommen auch schlichtweg gefälschte Inhalte. Etwa ein Foto, das angeblich New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani gemeinsam mit Epstein zeigen soll – laut Recherchen der AFP ist es KI-generiert und gehört nicht zu den Akten. Ein Foto, das Donald Trump mit Kindern zeigen soll, ist nach Recherchen von Snopes ebenfalls KI-generiert. Trump taucht jedoch etliche Male in den Akten auf, etwa auf einem Foto, dass das Justizministerium nach eigenen Angaben zunächst aus Opferschutzgründen nicht in die Akten gegeben hatte und später doch wieder ergänzte.
Warum ist das Recherchieren in den Epstein-Akten so schwierig?
Mit ein Grund dafür, warum die Akten Raum für so viele Spekulationen lassen, ist, dass deren Prüfung aufwendig ist. Die Datenmenge ist riesig, alleine die Veröffentlichungen vom 30. Januar beinhalten laut US-Justizministerium 3,5 Millionen Seiten, darunter 2.000 Videos und 180.000 Bilder. Sie kommen vom Justizministerium, dem FBI und den Staatsanwaltschaften und basieren auf dem im November 2025 unterzeichneten „Epstein Files Transparency Act“. Schon Ende 2025 veröffentlichte das Justizministeriums Unterlagen, andere stammen aus einem Zivilprozess.
Ob weitere Informationen dazukommen werden, ist unklar. Noch immer entfernt das Ministerium Schwärzungen, nachdem Fehler publik wurden. Umgekehrt erklärte es, sensible Daten aus den Dokumenten zu entfernen.
Diese unübersichtliche Lage ist ein Einfallstor für Falschbehauptungen. Die Zeit formuliert das in einer Analyse so: „Die Lücke zwischen Informationsbedürfnis und fehlender Information ist der optimale Nährboden für Verschwörungstheorien.“ Während Medien aufwendig recherchieren, was sich aus den Akten ableiten lässt und wer Epstein nahe stand, sind Spekulationen schnell in die Welt gesetzt.
Der Spiegel schreibt zum Beispiel: Eine systematische Untersuchung sei aufwendig, weil der unübersichtliche Datensatz dafür erst aufbereitet werden muss – die Daten sind auf der Webseite des Justizministeiriums nicht als Pakete, sondern als einzelne Dateien verfügbar, Einordnungen, was zu sehen ist, fehlen vielerorts.
Die Suche über die Ministeriumsseite erfasse außerdem nicht alle veröffentlichten Dateien, eine klare Struktur fehle, schreibt die SZ. Dazu kommt, dass Dokumente teils „gelöscht, erneut hochgeladen oder in überarbeiteter Form eingestellt“ wurden, wie der Spiegel schreibt. Außerdem, so schreibt The Atlantic, sei unklar, ob die Akten vollständig sind, vieles ist auch geschwärzt.
Namen und Anschuldigungen in Epstein-Akten müssen mit ihrem Kontext gelesen werden
Umso wichtiger ist es also, sie mit Vorsicht zu betrachten: Nur, weil jemand etwas in einer Ermittlungsakte behauptet, heißt das nicht, dass das wirklich passiert ist. Nur, weil ein Name auf einem Dokument steht, heißt das nicht, dass die Person in den Missbrauchsring Epsteins involviert war.
Die Tikotok-Nutzerin hat in ihrem Video mittlerweile die Kommentare deaktiviert. Im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck sagt sie, dort sei es zu Anschuldigungen, Verschwörungen und Antisemitismus gekommen. In einem später veröffentlichten Video erklärt sie, dass sie nicht in den Raum stellen wollte, dass Merz eine Straftat begangen habe. Der Beitrag erreicht Stand 11. Februar nicht einmal ein Zehntel so viele Menschen wie ihr erster zum Thema.
Redigatur: Matthias Bau, Max Bernhard