Hintergrund

„Massiv rufschädigend“: Tiktok ignoriert Deepfake-Werbung mit Ärzten

Über Monate verbreiten sich auf Tiktok Deepfakes von Ärztinnen und Ärzten, die Werbung für ein dubioses Nahrungsergänzungsmittel machen. Die Betroffenen versuchen dagegen vorzugehen. Warum reagiert Tiktok nicht?

von Kimberly Nicolaus , Paulina Thom

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Ein Tiktok-Profil veröffentlichte mehrere Deepfakes von Ärztinnen und Ärzten, in denen mit falschen Gesundheitsversprechen für ein dubioses Nahrungsergänzungsmittel geworben wird (Symbolbild: Pexels / Shvets production / Canva; Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Emilie Strzoda ist Ärztin. Auf Social Media gibt sie Einblicke in ihren Arbeitsalltag, doch seit knapp drei Monaten sieht sie ihren Ruf in Gefahr. 

In einem Tiktok-Video macht sie scheinbar Werbung für ein Produkt, das Männern beim Sex helfen soll. Doch das Video hat Emilie Strzoda nie veröffentlicht. Zwar ist sie darin zu sehen, ihre Stimme und Mundbewegungen wurden aber verändert: Das Video ist ein Deepfake.

So wie Strzoda geht es einem Dutzend weiteren Ärztinnen und Ärzten. Ihre Gesichter wurden missbraucht, um auf Tiktok ein dubioses Nahrungsergänzungsmittel zu bewerben, das gegen allerlei helfen soll: Erektionsprobleme, Bluthochdruck, Tinnitus. Die Videos wurden hunderttausendfach gesehen. 

Obwohl ihre Identitäten gestohlen und falsche Gesundheitsversprechen gemacht wurden, hat Tiktok die Deepfakes offenbar monatelang ignoriert. 

Deepfakes von Ärztinnen und Ärzten bewerben dubiose Rote-Beete-Kapseln auf Tiktok 

Rückblick November 2025: Emilie Strzoda sitzt in Arztkittel auf einem Bürostuhl und schaut in die Kamera. Dann sieht es so aus, als würde sie über Erektionsprobleme bei Männern sprechen und ihnen empfehlen, die Probleme mit Rote-Bete-Kapseln zu lösen. 

Unter dem Video sind sexistische Kommentare, ein Nutzer glaubt, die Ärztin erkannt zu haben, die auf Tiktok und Instagram zusammen mehr als 280.000 Follower hat. Darauf reagiert Strzoda mit ihrem eigenen Social-Media-Profil und kommentiert: „Das ist ein Deepfake“ – erfolglos, der Beitrag bleibt online. 

Grundlage für den Deepfake war ein echtes Video von Strzoda. Das wurde dann mit „relativ wenig Mühe oder Vorsicht verfremdet“, erklärt Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig. Es komme zu inhaltlich unpassenden Schnitten und Sprüngen im Bild, Gestik und Mimik in dem Video seien nicht synchron mit dem gesprochenen Wort.

Grundlage für die Fälschung (links) war offenbar ein echtes Video von Emilie Strzoda (rechts). Mehrere Hinweise im Video lassen den Fake erkennen. (Quelle: Tiktok / hhdrtty / Instagram / drmedemilie; Screenshots, Collage und Label: CORRECTIV.Faktencheck)
Grundlage für die Fälschung (links) war offenbar ein echtes Video von Emilie Strzoda (rechts). Mehrere Hinweise im Video lassen den Fake erkennen. (Quelle: Tiktok / hhdrtty / Instagram / drmedemilie; Screenshots, Collage und Label: CORRECTIV.Faktencheck)

Betroffen ist auch Michael Krueger. Er ist Schönheitschirurg in Berlin und beantwortet auf seinem Tiktok-Profil regelmäßig Fragen zu ästhetischer Chirurgie. Für seinen Deepfake sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Gesichtsbereich eines seiner Videos manipuliert worden, schreibt Anatol Maier vom Unternehmen Neuromancer. 

Dadurch sieht es im November 2025 so aus, als behaupte Krueger, die Rote-Bete-Kapseln würden „das Herz so funktionieren lassen, wie das eines 20-Jährigen“ und Tinnitus heilen. Dabei spricht er im Originalvideo über Oberarmstraffungen.

Patientinnen und Patienten hätten Krueger sogar in seiner Sprechstunde auf die Fakes angesprochen, schildert er uns. „Schauen Sie mal, was da mit Ihren Videos gemacht wird“, hätten ihm andere auch auf Whatsapp und Tiktok geschrieben.

Der Deepfake auf Tiktok (links) wurde offenbar aus einem echten Video (rechts) von Schönheitschirurg Michael Krueger generiert (Quelle: Tiktok / hhdrtty / dr.krueger2; Screenshots, Collage und Label: CORRECTIV.Faktencheck)
Der Deepfake auf Tiktok (links) wurde offenbar aus einem echten Video (rechts) von Schönheitschirurg Michael Krueger generiert (Quelle: Tiktok / hhdrtty / dr.krueger2; Screenshots, Collage und Label: CORRECTIV.Faktencheck)

Bundesärztekammer: Deepfakes gefährden Vertrauen und Patientenschutz

Strzoda und Krueger stellen auf Nachfrage klar: Sie hätten weder den KI-Bearbeitungen zugestimmt noch würden sie die Rote-Bete-Kapseln empfehlen – letzteres dürften sie auch gar nicht, denn Ärzte dürfen per Berufsordnung nur sachliche berufsbezogene Informationen teilen. 

Deepfakes von Ärztinnen und Ärzten in Sozialen Netzwerken sind „ein ernstzunehmendes Problem, das sowohl das Vertrauen in den Arztberuf als auch den Patientenschutz unmittelbar gefährdet“, wie die Bundesärztekammer schreibt. Dass darin auch noch ein Nahrungsergänzungsmittel mit falschen Gesundheitsversprechen beworben wird, zeigt laut Bundesärztekammer eine Verschärfung bislang bekannter Fälle. 

Wie wir in unserem Faktencheck erklären, können die Rote-Bete-Kapseln weder Erektionsprobleme lösen, noch Tinnitus oder Bluthochdruck heilen.

Wer steckt hinter dem Produkt?

Die Rote-Bete-Kapseln, die in den Deepfakes auf Tiktok beworben werden, laufen unter dem Markennamen Swiyie. Das Nahrungsergänzungsmittel wird in Tiktoks eigenem Shop von einem Anbieter mit Unternehmenssitz in Madrid, Spanien, verkauft. Auf dem Swiyie-Produkt selbst ist hingegen als Hersteller eine Adresse in Denver, in den USA angegeben.

Sämtliche Versuche, jemanden Verantwortliches in den USA oder in Spanien zu erreichen, laufen ins Leere. Unsere Spurensuche führt zu mutmaßlichen Briefkastenfirmen und endet schließlich in einem Gewerbepark in Würzburg. Von dort werden die Rote-Bete-Kapseln mutmaßlich an deutsche Kunden verschickt. 

Ob das Tiktok-Profil, das die Deepfakes verbreitet hat, mit dem Markeninhaber von Swiyie in Verbindung steht, bleibt unklar. Auf Nachfrage reagierten weder das Tiktok-Profil, noch die Kontakte, die wir von Swiyie ausfindig machen konnten. Auch Tiktok antwortete nicht auf entsprechende Fragen.

Deepfakes der Ärzte könnten strafrechtlich relevant sein 

Die Deepfakes verstoßen mutmaßlich gleich gegen mehrere Gesetze. Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, keine Medikamente. Rote-Bete-Kapseln dürfte man also nach EU-Recht gar keine Heilwirkung zuschreiben, wie Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW erklärt. Die Rote-Bete-Kapseln dürften so nicht einmal in der EU verkauft werden. Es fehlten etwa konkrete Mengenangaben, eine Zutatenliste sowie Warnhinweise. Auch wurde das Produkt nicht – wie vorgeschrieben – beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angezeigt.

Wenn die Videos ohne Einvernehmen der Ärzte entstanden sind, könnte das auch Verleumdung sein, schreibt Karl-Nikolaus Peifer, Professor für Medienrecht an der Universität Köln, weil die fehlerhaften Aussagen ihren Ruf gefährden können. Laut Peifer könnten sie aber auch als strafbare unwahre Werbung oder Urheberrechtsverletzung gewertet werden. 

Wie kann es sein, dass solche Videos monatelang auf Tiktok online bleiben?

Hat Tiktok an den Deepfakes Geld verdient?

Über eine Verlinkung hat mindestens eines der Deepfake-Videos Nutzerinnen und Nutzer direkt in den Tiktok-Shop verwiesen. Das ist eine Art Marktplatz, wo Nutzer Produkte verkaufen oder kaufen können. Dort gibt es die Rote-Bete-Kapseln für etwa zehn Euro. 

Die Verlinkung im Video ist Teil des sogenannten Affiliate-Programms auf Tiktok. Damit können Nutzer Werbung für Produkte im Tiktok-Shop machen. Pro über die Verlinkung verkauftem Produkt erhält das Tiktok-Profil eine Provision und auch Tiktok selbst verdient daran mit. 

Für jede abgeschlossener Bestellung erhält Tiktok laut Eigenangaben eine Provision zwischen 4 und 9 Prozent. Die Rote-Bete-Kapseln wurden laut Informationen des Tiktok-Shops mehr als 6.000 Mal verkauft. Da Preis und Provision variieren, lässt sich nur ein ungefährer potenzieller Verdienst für Tiktok errechnen, der zwischen 2.400 und 5.400 Euro liegt. Auf Anfrage äußerte sich Tiktok uns gegenüber dazu nicht.

Auf seiner Webseite schreibt der Konzern, dass Teilnehmende des Affiliate-Programms die Community-Richtlinien einhalten müssen. Warum das im Fall der Deepfakes offensichtlich nicht funktioniert hat, beantwortete uns Tiktok auf Nachfrage auch nicht.

Ärzte melden Deepfakes ohne Erfolg bei Tiktok 

Neben Emilie Strzoda und Michael Krueger konnten wir zehn weitere Ärzte und einen OP-Manager identifizieren, die von der Masche betroffen sind. Um gegen die Deepfakes vorzugehen, haben die meisten von ihnen demnach alles mögliche getan. 

Im Januar 2026, als die Deepfakes schon knapp zwei Monate online waren, habe Strzoda auf ihrem Instagram-Kanal einen Aufruf gestartet mit der Bitte, die Deepfakes an Tiktok zu melden. Tausende seien dem Aufruf gefolgt.

Krueger schildert uns: „Wir haben die Videos mehrfach direkt über die Tiktok-App gemeldet. Sowohl die einzelnen Videos als auch das dahinterstehende Profil […], jeweils mit dem Hinweis, dass es sich um KI-generierte Inhalte handelt, in denen wir ohne unsere Zustimmung zu sehen sind.“ Krueger und sein Team hätten auch andere Deepfakes des Profils gemeldet, in denen Kolleginnen und Kollegen betroffen seien, und eine E-Mail an Tiktok geschickt. Selbst Patientinnen und Patienten hätten die Videos gemeldet. 

Doch das alles brachte nichts. Marco Köster, OP-Manager, der ebenfalls betroffen ist, ließ uns einen Screenshot zukommen. Er teilte Tiktok über die Meldefunktion in der App explizit mit, dass es sich bei den Videos um Deepfakes handelt. Doch Tiktok wertete die Videos als „keinen Verstoß“ gegen seine Community-Richtlinien.

Marco Köster, OP-Manager, hat die Deepfake-Videos und das Tiktok-Profil über die Meldefunktion in der Tiktok-App eingereicht. Der Konzern sah darin „keine Verstöße“ gegen seine Community-Richtlinien oder geltende Gesetze. (Quelle: Tiktok / Marco Köster; Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)
Marco Köster, OP-Manager, hat die Deepfake-Videos und das Tiktok-Profil über die Meldefunktion in der Tiktok-App eingereicht. Der Konzern sah darin „keine Verstöße“ gegen seine Community-Richtlinien oder geltende Gesetze. (Quelle: Tiktok / Marco Köster; Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

EU-Recht verlangt Vorgehen gegen rechtswidrige Inhalte, Tiktok ignoriert die gemeldeten Deepfakes 

Emilie Strzoda sei zusätzlich sogar den kompliziertesten aller Wege gegangen. Sie habe die Deepfakes mit ihrem Gesicht mehrfach als „widerrechtlichen Inhalt“ gemeldet. Doch auch darauf habe Tiktok nicht reagiert. 

Die Ärztin Emilie Strzoda hat uns einen Screenshot geschickt, laut dem sie sogar die Gesetzesparagraphen angegeben hat, gegen die das Deepfake-Video mutmaßlich verstoßen (Quelle: Emilie Strzoda / Tiktok)
Die Ärztin Emilie Strzoda hat uns einen Screenshot geschickt, laut dem sie sogar die Gesetzesparagraphen angegeben hat, gegen die das Deepfake-Video mutmaßlich verstoßen (Quelle: Emilie Strzoda / Tiktok)

Dabei müsste die Plattform eigentlich handeln: Was gegen geltendes EU-Recht oder gegen nationale Rechte von Mitgliedstaaten verstößt, ist laut dem Digital Services Act (DSA) ein „rechtswidriger Inhalt“. 

Mit dem DSA sollen Nutzerinnen und Nutzer in der EU vor illegalen Inhalten im Netz geschützt werden. Zwar ist Tiktok laut DSA nicht dazu verpflichtet, aktiv nach rechtswidrigen Inhalten zu suchen, muss aber „angemessen, das heißt, verhältnismäßig“ reagieren, nachdem ein Nutzer einen solchen Inhalt gemeldet hat, wie uns Jessica Flint, Anwältin für IT- und Wirtschaftsrecht im Februar 2025 erklärte. Der rechtswidrige Inhalt müsste dann von Tiktok in seiner Reichweite eingeschränkt oder gelöscht werden. 

Auch in Tiktoks eigenen Richtlinien heißt es, dass die Plattform keine Inhalte dulde, die Urheberrechte verletzen. Weiter untersagt Tiktok Werbetreibenden, „unrichtige, irreführende oder missverständliche Behauptungen zu Produkten“ zu machen. Tiktok verlangt auch, dass zumindest die Bearbeitung mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz in Videos klar gekennzeichnet wird. Doch nicht einmal das wurde bei den meisten der Deepfakes gemacht.

Nach Presseanfrage verschwinden die Deepfakes auf Tiktok plötzlich 

Knapp drei Monate lang verbreiten sich die Deepfakes und bekommen hunderttausende Aufrufe. 

Wir haben beim Konzern nachgefragt, warum Tiktok nicht auf die Meldungen der betroffenen Ärztinnen und Ärzte reagiert hat. Doch eine Antwort erhielten wir nicht. Eine Sprecherin von Tiktok schreibt lediglich: „Wir haben die betreffenden Tiktok-Shop-Konten bereits vor dieser Untersuchung dauerhaft gesperrt.“ Wie diese Sperrung ausgesehen haben soll, ist allerdings unklar. Denn die Seite des Anbieters, der die dubiosen Rote-Bete-Kapseln verkauft, ist im Tiktok-Shop weiterhin online. Und erst nachdem wir Tiktok mit unserer Recherche konfrontiert haben, sind die Deepfakes plötzlich verschwunden.

Für die betroffenen Ärztinnen und Ärzte kommt die Reaktion reichlich spät. „Wir empfinden die Fake-Videos als massiv rufschädigend“, so Krueger. Emilie Strzoda hatte gar Angst, die Ärztekammer würde sich bei ihr melden und dass ihre ärztliche Zulassung gefährdet sein könnte. Das ist zum Glück nicht passiert. Im Gegenteil: Die Ärztekammer fordert die Plattformbetreiber auf, solche Deepfakes, schneller zu erkennen, zu kennzeichnen und zu entfernen.

Redaktionelle Begleitung: Sophie Timmermann
Redigatur: Sophie Timmermann, Matthias Bau

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