Ukraine-Krieg dauere länger als Zweiter Weltkrieg: Fachleute kritisieren Aussage von Merz
Eine Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz, wonach der Krieg gegen die Ukraine nun länger dauere als der Zweite Weltkrieg, geht viral. Manche zweifeln an der Echtheit des Zitats, andere am Inhalt. Fachleute kritisieren Merz für seine Aussage.
Der vollumfängliche Angriff Russlands auf die Ukraine jährt sich am 24. Februar 2026 zum vierten Mal. Das thematisierte Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Münchener Sicherheitskonferenz und beim politischen Aschermittwoch der CDU in Trier. Ein kurzes Video, in dem er darüber spricht, wurde Millionenfach angesehen: „Der Krieg in der Ukraine dauert jetzt in wenigen Tagen vier Jahre. Der dauert jetzt schon länger als der Zweite Weltkrieg“, sagt der Kanzler darin.
Das sorgte für Unverständnis: Der Zweite Weltkrieg dauerte von 1939 bis 1945 und begann mit dem deutschen Überfall auf Polen.
Privatpersonen und Politikerinnen und Politiker der AfD und des BSW teilten das Video. Dazu schreiben sie etwa: „Peinlich, Merz weiß das wirklich nicht“, oder das sei ein „fragwürdiger Vergleich“. Leserinnen und Leser wiederum schickten das Video an CORRECTIV.Faktencheck, weil sie glaubten, dass es gefälscht ist – doch es ist echt.
Video ist echt, Jahresangaben zum Zweiten Weltkrieg sind falsch
Warum ließ der Bundeskanzler erst in München und dann in Trier zwei Kriegsjahre außer Acht? Auf Nachfrage von CORRECTIV.Faktencheck schreibt ein Regierungssprecher: „Der Bundeskanzler bezieht sich auf die sowjetische Teilnahme am Zweiten Weltkrieg. Der Deutsch-Sowjetische Krieg dauerte von 1941 bis 1945.“
Trotz zahlreicher historischer Bezüge in den Reden von Merz: Diese Einordnung leistet der Bundeskanzler an keiner Stelle. Tatjana Tönsmeyer, Universitätsprofessorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, bezeichnet die Aussage von Merz als „historisch falsch“ und stellt klar: „Der Zweite Weltkrieg beginnt 1939 und endet 1945.“
Darstellung von Merz folgt russischer oder ukrainischer Sicht auf Zweiten Weltkrieg
Félix Krawatzek, Politikwissenschaftler am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien sagt im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck ebenfalls, Merz widerspreche mit seiner Darstellung der in Deutschland üblichen Einordnung. Doch er gibt auch zu bedenken: „Wann der Zweite Weltkrieg angefangen hat, ist auch eine Standortfrage.“ Die USA etwa traten erst nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 in den Weltkrieg ein. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion begann 1941.
„In den postsowjetischen Ländern (mit Ausnahme der baltischen Staaten) konzentriert sich das historische Gedächtnis auf den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg – also den Krieg zwischen der UdSSR und Nazideutschland“, sagt Sergey Lukashevsky, Historiker und Chefredakteur von Radio Sacharow, einem Online-Medienprojekt von CORRECTIV.Exile.
Merz reproduziere – vielleicht unbewusst – den russischen Diskurs, sagt Politikwissenschaftler Krawatzek. Aber auch die Darstellung aus Sicht der Ukraine, wie Tatjana Tönsmeyer anmerkt: Das Gebiet der Ukraine wurde 1941 von der Wehrmacht überfallen, damit dauert aus der dortigen Sicht der Angriffskrieg Russlands tatsächlich länger als der Zweite Weltkrieg. Lukashevsky merkt außerdem an: Setze man die Annexion der Krim durch Russland als im Februar 2014, dem Beginn der Besetzung der Krim, zählen.
Fachleute betonen: So würde Ländern wie Polen ihr Leid abgesprochen
Der ehemalige polnische Präsidentenberater Stanisław Żaryn bezichtigte Merz nach dessen Rede einer „Lüge“, woraufhin Miguel Berger, deutscher Botschafter in Polen, diesen einen „Experten in Desinformation“ nannte.
Politikwissenschaftler Krawatzek und Historikerin Tönsmeyer können nachvollziehen, dass man in Polen irritiert von den Aussagen von Merz ist. Krawatzek sagt: Mit seiner Darstellung lasse Merz Staaten wie Polen, das Deutschland schon 1939 überfallen hatte, oder auch Finnland, das 1939 von der Roten Armee überfallen wurde, außen vor, und damit ausgerechnet „kleinere Staaten, die die Anerkennung, die ihnen zusteht, oft nicht bekommen“. Tönsmeyer formuliert das so: Damit werde ein Teil von Europa „aus den enorm schmerzhaften Erfahrungen von Krieg und Besatzung ausgeschlossen“.
Der Blick nach Polen ist auch aus anderen Gründen politisch aktuell im Fokus: Polens Präsident Karol Nawrocki forderte erst im Herbst 2025 Reparationszahlungen von Deutschland. Bundeskanzler Merz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wiesen diese zurück. Schon in der Vergangenheit argumentierte Deutschland, dass die Reparationsfrage gegenüber Polen „abgeschlossen“ sei.
Update, 24. Februar 2026: Wir haben eine weitere Experteneinschätzung ergänzt.
Redigatur: Steffen Kutzner, Matthias Bau