Tschetschenen, die gegenüber dem Herrscher Ramsan Kadyrow kritisch eingestellt sind, leben gefährlich – auch im Exil in Europa. Mindestens 16 ermordete Geflüchtete zählt die tschetschenische Community seit 2001 europaweit. Die Ermordung von Umar Israilow im Jahr 2009 in Österreich ist eine davon.
Heute, 17 Jahre später, holt die Tat europäische Behörden wieder ein. Sie müssen sich Fragen stellen dazu, wie einer der Mordhelfer nach vorzeitiger Haftentlassung und Ausreise nach Russland erneut nach Europa und Deutschland einreisen konnte – und in Hannover offenbar in Geschäfte verwickelt war, die ihm eine Anzeige wegen Erpressung einbrachten.
Ein politischer Mord und eine vorzeitige Haftentlassung
Umar Israilow wurde in Wien auf offener Straße erschossen. Er war Leibwächter Kadyrows. Dann wollte er mit Folteranschuldigungen gegen ihn vor dem Europäischen Gerichtshof aussagen.
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Im Mordprozess wurden 2011 drei Tschetschenen verurteilt: der Hauptbeschuldigte zu lebenslanger, zwei weitere Angeklagte zu 16 und 19 Jahren Haft. Die Staatsanwaltschaft Wien hielt es für möglich, dass Kadyrow den Mord in Auftrag gegeben hatte.
Wegen Beihilfe zur Tat erhielt Sulejman Dadaev eine Haftstrafe von 19 Jahren. Ganz absitzen musste er sie allerdings nicht. Nach Recherchen von CORRECTIV und iStories wurde er offenbar vorzeitig aus der Haft entlassen, denn am 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine, kehrte Dadaev per Direktflug von Wien nach Moskau in seine Heimat zurück. Das zeigen Reisebewegungen aus geleakten Datenbanken.
Bereits die Gerüchte über eine mögliche Freilassung hatten tschetschenische Menschrenrechtler im vergangenen Winter alarmiert. „Das ist sehr schlecht. Das gibt anderen Mördern grünes Licht“, sagte Amina Larsson von der Organisation Vayfond gegenüber iStories. Das österreichische Justizministerium wollte sich zu dem Einzelfall nicht äußern.
Eine Rückkehr, die es wohl nicht hätte geben dürfen
Das österreichische Strafvollzugsgesetz bietet allerdings die Möglichkeit für eine vorzeitige Entlassung für den Fall, dass der Verurteilte in seinen Herkunftsstaat ausreist. Das deckt sich mit Dadaevs Ausreise nach Russland.
In der Regel ist das mit einem Einreise- und Aufenthaltsverbot verbunden. Wird dieses im Schengener Informationssystem (SIS) eingetragen, gilt dies für den gesamten Schengen-Raum. Ob es einen solchen Eintrag gegeben hat, dazu wollen weder österreichische noch deutsche Behörden etwas sagen.
Fest steht aber: Dadaev gelang es in den Folgemonaten, erneut in den Schengen-Raum und weiter nach Deutschland zu reisen. Das niedersächsische Innenministerium und die Ausländerbehörde der Region Hannover bestätigten auf Anfrage, dass Dadaev im Dezember 2023 aus Hannover wieder in die Russische Föderation abgeschoben wurde, weil er sich nicht in Deutschland aufhalten durfte.
Damit ist Dadaev mit einem Einreise- und Aufenthaltsverbot belegt. In derartigen Fällen erfolgt zudem eine Ausschreibung zur Festnahme.
Ein Besuch beim Bruder in Hannover
Was hatte Dadaev in Hannover vor? Dazu ist nichts bekannt. Auf eine Anfrage von CORRECTIV gab er an, über die übersandten Fragen nachzudenken, beantwortete sie aber nicht. Dokumentiert ist jedenfalls eine Familienzusammenkunft.
Sulejmans jüngerer Bruder Murad ist eine schillernde Figur in Hannover. Er präsentierte sich unter dem Namen Noah Krieger auf Instagram mit viel Prunk als erfolgreicher Geschäftsmann und als überzeugtes Mitglied der AfD. Tatsächlich hielt er Kontakt zu regimenahen tschetschenischen Akteuren und empfing sie in einer angemieteten Villa in Hannover, wie CORRECTIV und iStories aufdeckten.
Im Gespräch mit iStories spielte Murad Dadaev das Verhältnis zu seinem älteren Bruder herunter. „Er lebt sein Leben und hat sich von uns entfernt“, sagte er im Dezember.
Doch ein Screenshot aus seinem Instagram-Account, den der tschetschenische Blogger Tumso Abdurachmanow veröffentlichte, zeigt Sulejman Dadaev in entspannter Atmosphäre in der Hannoveraner Villa. Das Aufnahmedatum ist unbekannt, muss aber spätestens im Spätsommer 2025 entstanden sein.

War es mehr als ein privater Besuch?
Womöglich war Sulejman Dadaev in Hannover aber auch in Geschäfte involviert. Seit Anfang 2026 führt die Staatsanwaltschaft dort ein Verfahren wegen versuchter Erpressung gegen Dadaev. Das bestätigte ein Sprecher der Behörde.
Danach liegt dem Verfahren eine Anzeige zugrunde, derzufolge sich Dadaev am 2. September 2025 mit einem Anruf in eine Auseinandersetzung zweier weiterer Personen um Geldschulden eingemischt habe.
Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft spielt Sulejman Dadaevs Bruder Murad bei dem Verfahren keine Rolle. Auch ist nicht klar, ob Sulejman Dadaev während des Anrufs überhaupt vor Ort war. Auszuschließen ist es aber nicht.
Neuer Name, neuer Pass, neue Reisen?
Spätestens nach der erneuten Abschiebung nach Russland im Dezember 2023 durch deutsche Behörden bestand ein Einreise- und Aufenthaltsverbot. In derartigen Fällen erfolgt zudem eine Einreiseverweigerung und Ausschreibung zur Festnahme, was Dadaev bewusst gewesen sein dürfte.
Nach der Rückkehr in die Heimat, spätestens im Herbst 2024, änderte Dadaev seinen Namen in Surcho Schikaro, wie sich aus geleakten russischen Datenbanken ergibt. Ob er diese Identität für weitere Reisen durch Europa und nach Deutschland nutzte, ist unklar.
Ein Mal hat es ja schon funktioniert.
Redaktion und Faktencheck: Silvia Stöber
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