Die Oligarchen-Autokraten-Allianzen
Demokratien sterben selten durch einen plötzlichen Putsch – sie werden durch das Gesetz selbst demontiert. Meist, indem sie ein gemeinsames Drehbuch verwenden, das über Kontinente hinweg verfeinert wurde.
Diese Sonderreihe stützt sich auf das Netzwerk von Journalistinnen und Fachleuten von CORRECTIV.Exile, die trotz anhaltenden Drucks dokumentieren, wie autoritäre Machthaber voneinander lernen – und den demokratischen Rückschritt weltweit beschleunigen. Wir machen die Muster sichtbar: Methoden aus Ungarn, die in Polen kopiert werden; Russlands sogenannte „Auslandsagenten“-Gesetze, die sich nach Georgien und Serbien ausbreiten. Dies ist keine isolierte Krise, sondern eine koordinierte globale Verschiebung – eine Warnung, bevor Demokratien zu einer fernen Erinnerung verblassen.
Ein Beispiel, das alles erklärt
2018 schloss die EU-Betrugsbekämpfungsbehörde OLAF eine Untersuchung ab. Im Mittelpunkt: das ungarische Unternehmen Elios Zrt. Das Unternehmen gehörte teilweise dem Schwiegersohn des Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Das Ergebnis der Untersuchung war eindeutig: Bei mehr als 30 EU-finanzierten Aufträgen im Wert von rund 40 Millionen Euro waren die Ausschreibungen manipuliert worden. Alle drei Angebote stammten von denselben Mitarbeitern – von Elios. Die Preise lagen rund 50 Prozent über dem Marktpreis. Die ungarische Staatsanwaltschaft entschied: keine Strafverfolgung.
„Das war kein Fehler im System. Das war das System.“ – Viera Zuborova, CORRECTIV

Warum ließ Orbán das zu? Weil dieses Vorgehen für ihn nützlich war. Dieser Text erklärt, warum – und wie dieses Muster in vielen Ländern funktioniert.
Teil 1: Warum Politiker Oligarchen brauche
Kurz erklärt: Was ist ein Oligarch?
Es geht nicht nur um Gier. Das wäre zu einfach. Die eigentliche Erklärung ist struktureller Natur: Wer an der Macht bleiben will, braucht Geld, Einfluss und Verbündete. Und genau das liefern Oligarchen.
Der Politikwissenschaftler Bálint Magyar nennt das einen „Poligarch“: Der Staat schafft Oligarchen, die vollständig vom Wohlwollen des Regierungschefs abhängen. Im Gegensatz zu unabhängigen Unternehmern riskieren sie alles, wenn sie unloyal werden. Sie sind die Geldbörse des Staatschefs.
Vier Dinge, für die Politiker Oligarchen brauchen
Wahlkampf finanzieren – ohne Spuren zu hinterlassen
Wahlen kosten Geld – viel Geld. Und dieses Geld muss oft über Kanäle fließen, die nicht in den offiziellen Büchern auftauchen.
Ein Beispiel: Die slowakische Partei Smer von Robert Fico wurde von Anfang an so aufgebaut. Als Fico 1999 seine alte Partei (Demokratische Linke) verließ, hatte Smer keine staatliche Finanzierung. Sie war vollständig auf reiche Unterstützer angewiesen. Bis zu den Wahlen 2002 überstiegen Smers Ausgaben die gesetzlichen Grenzen um ein Vielfaches – finanziert von Oligarchen, die auf das richtige Pferd setzen wollten.
Medien kontrollieren
In allen untersuchten Ländern läuft es gleich ab: Loyale Oligarchen kaufen Medienunternehmen – mit Geld, das sie durch staatliche Aufträge verdient haben. Diese Medien berichten dann so, wie die Regierung es möchte.
In Ungarn wurden 2018 rund 500 Medienunternehmen in einer einzigen regierungsnahen Stiftung zusammengefasst: KESMA. In der Türkei fiel 2018 die größte Mediengruppe des Landes an ein regierungsnahes Unternehmen – finanziert durch einen Kredit einer staatlichen Bank. Damit kontrollieren Erdoğan-Anhänger rund 90 Prozent der gesamten Zeitungsauflage in der Türkei.
Den Politiker schützen – rechtlich
Oligarchen verwalten Geld so, dass der Regierungschef nicht direkt damit in Verbindung gebracht werden kann. Die Pandora Papers zeigten, dass enge Vertraute Orbáns geheime Offshore-Firmen auf den Britischen Jungferninseln unterhielten. In Russland führten Recherchen zu einem Palast am Schwarzen Meer im Wert von 1,35 Milliarden Dollar – über ein Netz von Mittelsmännern hinweg. Der Staatschef profitiert. Der Oligarch trägt das Risiko. So ist das Geschäft.
Ganze Wirtschaftsbereiche kontrollieren
Wer loyale Oligarchen an der Spitze wichtiger Unternehmen hat, kontrolliert ganze Sektoren der Wirtschaft. In Ungarn wurden Milliarden an staatlichem Vermögen in 32 Stiftungen übertragen – die von Regierungsvertrauten kontrolliert werden. Selbst eine neue Regierung kann das kaum rückgängig machen.
„Zuverlässigkeit war das wichtigste Kriterium – Familie, Jugendfreunde, Menschen, die genug zu verlieren hatten, um loyal zu bleiben.“ — Máté Hajba, Republikon-Institut, Budapest
Teil 2: Warum Politiker auch die Mafia brauchen
Kurz erklärt: Was meinen wir mit „Mafia“?
Oligarchen dienen als Geldbörse und Schutzschild. Kriminelle Netzwerke dienen als Faust. Warum? Ein Politiker, der in einer Demokratie regiert, hat ein Problem: Er kann das Militär nicht einfach gegen Kritiker einsetzen. Er kann die Presse nicht offiziell verbieten. Er kann Journalisten nicht öffentlich bedrohen. Kriminelle können das für ihn erledigen – und er kann trotzdem sagen: Damit hatte ich nichts zu tun.
Vier Aufgaben der organisierten Kriminalität
Dinge erledigen, die der Staat nicht öffentlich tun kann
In Belgrad rissen 2016 im Morgengrauen rund 30 maskierte Männer ein ganzes Stadtviertel ab – um Platz für ein Bauprojekt zu schaffen. Die Polizei griff nicht ein. Niemand wurde verhaftet. Der mutmaßliche Gangsterboss Veljko Belivuk erklärte später, er habe sein Netzwerk genutzt, um Demonstrierende einzuschüchtern und Fußball-Hooligans im Auftrag regierungsnaher Personen zu kontrollieren.
Journalisten und Kritiker einschüchtern
Der slowakische Journalist Ján Kuciak recherchierte über die Verbindungen der italienischen Mafia (‚Ndrangheta) zu slowakischen Politikern. Im Februar 2018 wurde er zusammen mit seiner Verlobten erschossen. Der Auftrag kostete 70.000 Euro.
Schmutziges Geld waschen
Kriminelle Netzwerke stellen die Infrastruktur bereit, um Geld ins Ausland zu verschieben und zu verstecken. Das OCCRP-Projekt „Russian Laundromat“ deckte ein System über 20 Milliarden Dollar auf: 21 britische Briefkastenfirmen, korrupte moldawische Richter und 19 russische Banken – um schmutziges Geld nach Europa zu transferieren. Politiker nutzen diese Strukturen, um ihr Vermögen zu sichern.
Niemand ist schuld – offiziell
Wenn ein Journalist stirbt, ist der Politiker weit weg. Wenn Geld gewaschen wird, taucht sein Name nirgends auf. In Serbien war das Geflecht so dicht, dass laut Forschern eine „mehrdimensionale Staatsübernahme“ entstand – so viele Verbindungen, so viele Zwischenschritte, dass individuelle Verantwortung kaum noch nachvollziehbar ist.
Teil 3: Wie das System aufgebaut wird
Die drei Phasen
Phase 1: Die Justiz übernehmen
Das erste Ziel sind immer die Gerichte. Denn wer das Parlament kontrolliert, kann Gesetze erlassen. Aber wenn Gerichte diese Gesetze kippen können, nützt das wenig. Also müssen auch die Gerichte „gesichert“ werden.
In Ungarn wurde das Verfassungsgericht von 11 auf 15 Mitglieder erweitert – und mit loyalen Personen besetzt. Das Rentenalter für Richter wurde gesenkt, damit 274 Richter vorzeitig ausschieden. In der Slowakei wurde nach Ficos Rückkehr an seinem ersten Tag das Büro der Sonderstaatsanwaltschaft aufgelöst.
„Justizreformen‘ klingt langweilig. Genau deshalb merkt die Öffentlichkeit kaum, was wirklich passiert.“ – Viera Zuborova, CORRECTIV

Phase 2: Abhängige Oligarchen erschaffen
Der wichtigste Kanal: öffentliche Aufträge. In Ungarn wurden laut Transparency International 35 Prozent aller Aufträge ohne echten Wettbewerb vergeben – das Doppelte des EU-Durchschnitts. In der Türkei änderte die Regierung das Gesetz über öffentliche Aufträge insgesamt 192-mal. Das Prinzip: Der Staat leitet Ressourcen an ausgewählte Personen. Diese werden reich. Und damit abhängig.
Phase 3: Kriminelle Netzwerke einbinden
Die letzte Phase verbindet organisierte Kriminalität mit der Regierung. In der Slowakei zeigten entschlüsselte Nachrichten vom Handy des Geschäftsmanns Marián Kočner eine systematische Korruption von Richtern auf allen Ebenen. Das führte zu 13 Festnahmen von Richtern und drei aufeinanderfolgenden Polizeipräsidenten, die wegen Korruption angeklagt wurden. Das Europäische Parlament stellte offiziell fest: „Organisierte Kriminalität auf dem Westbalkan ist ein strukturelles Problem mit tief verwurzelten Verbindungen zu Wirtschaft und staatlichen Institutionen.“
Fünf Länder im Vergleich
Worum geht es hier?
Ungarn, die Slowakei, Serbien, die Türkei und Russland sind sehr unterschiedliche Länder. Aber sie haben alle ähnliche Muster entwickelt: Institutionen werden übernommen, Oligarchen werden geschaffen, kriminelle Netzwerke werden integriert. Das folgende Diagramm zeigt die wichtigsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Länderprofil: Ungarn
Orbán hat seit 2010 Gerichte, Medien und die Staatsanwaltschaft schrittweise übernommen. Er erschuf eine Klasse reicher Verbündeter, die vollständig von ihm abhängig ist. Wer ausschert, verliert alles – wie der frühere Oligarch Simicska, dessen Imperium nach dem Bruch mit Orbán systematisch zerschlagen wurde.
Der Schlüssel war die Zweidrittelmehrheit von 2010. Damit konnte Fidesz die Verfassung ersetzen, das Verfassungsgericht mit loyalen Richtern besetzen und über 1.600 Journalisten aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk drängen. 2018 wurden 476 Medienhäuser in der KESMA-Stiftung zusammengefasst – ohne wettbewerbsrechtliche Prüfung.
„Es handelt sich nicht um Korruption innerhalb einer Demokratie. Der Staat wurde privatisiert.“ — Bálint Magyar, Soziologe
Lőrinc Mészáros – ein Jugendfreund Orbáns und früherer Gasinstallateur – wurde so zum reichsten Mann Ungarns. Im Januar 2025 belegte die USA Orbán-Vertrauten Antal Rogán mit Sanktionen. Er blieb im Amt. Ungarn ist seit vier Jahren in Folge das korrupteste EU-Mitglied.
Länderprofil: Slowakei
Die Slowakei kämpft zyklisch: Krise, Reform, Rückfall. Der 2018 in der Slowakei verübte Mord am Journalisten Ján Kuciak machte die Mafia-Verflechtungen weltweit sichtbar. Seit Ficos Rückkehr 2023 werden Reformen schneller abgebaut, als sie je aufgebaut wurden.
Über zwölf Jahre lang nutzte Fico die Polizei und die Steuerbehörden als politische Instrumente. Die italienische Mafia-Organisation ‚Ndrangheta baute in der Ostslowakei ein Netzwerk auf – mit Verbindungen bis ins Büro des Ministerpräsidenten. Am 21. Februar 2018 wurden Journalist Ján Kuciak und seine Verlobte erschossen. Es folgten die größten Proteste seit 1989. Fico trat zurück.
„Jeder Rückfall ist schneller und systemischer als der vorherige.“ – Ingrid Borarosova, Politikwissenschaftlerin
2023 kehrte er zurück. Am ersten Tag: Auflösung der Sonderstaatsanwaltschaft, Freilassung des wegen Korruption verurteilten Staatsanwalts Kováčik, Entlassung der Elite-Ermittler. Was Orbán ein Jahrzehnt kostete, versucht Fico in wenigen Jahren umzusetzen.
Länderprofil: Serbien
Serbien wurde im Krieg geformt. Die kriminellen Netzwerke aus dieser Zeit sind bis heute Teil des politischen Systems. 2003 wurde der einzige echte Reformer ermordet. Seitdem regiert die Angst.
Unter Vučić – einst Informationsminister unter Milošević – finden Wahlen statt, doch die Institutionen werden ausgehöhlt. Alle fünf nationalen TV-Sender stehen unter staatlichem Einfluss. Gangsterboss Veljko Belivuk unterdrückte Proteste im Auftrag regierungsnaher Personen – im Gegenzug für faktische Immunität.
„Jeder Staat hat seine Mafia – aber nur in Serbien hat die Mafia ihren Staat.“ — Serbisches Sprichwort aus den 1990ern
Am 1. November 2024 stürzte das Vordach des Bahnhofs in Novi Sad ein. 16 Menschen starben. Eine unabhängige Kommission stellte fest, dass Korruption zu abgesenkten Baustandards geführt hatte. Es folgten 2.400 Demonstrationen in 400 Städten – die größten Proteste seit dem Sturz Miloševićs. Vučić behielt die Kontrolle.
Länderprofil: Türkei
Erdoğan baute eine Unternehmerklasse auf, die ohne staatliche Aufträge nicht überlebt. Fünf Konzerne – die „Gang of Five“ – monopolisieren öffentliche Aufträge und besitzen zugleich die größten Medien des Landes. Wer kritisch berichtet, zahlt den Preis.
Als 2013 Korruptionsermittlungen gegen Erdoğans engsten Kreis betrafen, wurden die Staatsanwälte abgesetzt. Die Untersuchung wurde zum „ausländischen Putschversuch“ erklärt.
„Sobald die Öffentlichkeit gespalten ist, folgt alles andere. Medienkontrolle fühlt sich wie Schutz an; Justizmissbrauch wirkt wie Gerechtigkeit.“ — Barış Paksoy, CORRECTIV
Der Medienmogul Aydın Doğan bekam nach kritischer Berichterstattung eine Steuerstrafe in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar – und verkaufte bis 2018 sein gesamtes Medienimperium an ein regierungsnahes Unternehmen.
Länderprofil: Russland
Russlands Kleptokratie war kein Zufall. Die Privatisierung der 1990er wurde als politisches Werkzeug eingesetzt. Heute sind privates Vermögen, politisches Überleben und der Staat praktisch untrennbar miteinander verbunden – und das System wird aktiv nach außen exportiert.
Putin trat 2000 mit dem Versprechen an, die Oligarchen zu zügeln. Was er schuf, war deren Ersatz. Medienoligarch Gusinsky wurde verhaftet – und erst freigelassen, nachdem er seine Mediengruppe für 300 Millionen Dollar an Gazprom verkauft hatte. Chodorkowski, damals Russlands reichster Mann, kam 2003 in Haft. Die Botschaft: Wer nicht mitmacht, verliert alles.
Nach dem Einmarsch in die Ukraine 2022 reicht Loyalität nicht mehr. Vollständige Integration ist gefordert. Wer Vermögen im Ausland hat oder eine zweite Staatsbürgerschaft besitzt, gilt als unzuverlässig. Das System exportiert sich dabei aktiv: Pro-Kreml-Netzwerke erwerben strategische Vermögenswerte in ganz Europa – nicht als Nebenprodukt der Kleptokratie, sondern als eines ihrer zentralen Instrumente.
Was bedeutet das alles?
Freedom House berichtete 2020, dass es im postkommunistischen Raum weniger Demokratien gibt als zu irgendeinem Zeitpunkt seit 1995. Reporter ohne Grenzen stellte 2025 einen historischen Tiefpunkt der Pressefreiheit fest: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt unter Bedingungen, in denen unabhängiger Journalismus sehr schwer oder gar unmöglich ist.
„Das System hat sich angepasst und überdauert. Es überlebt nicht nur Druck – es ist darauf ausgelegt, ihn zu absorbieren.“ – Sergey Lukashevkiy, Radio Sakharov, CORRECTIV
Was kann dagegen getan werden?
Der erste Weg: Eindämmung. Das bedeutet: finanzielle Schlupflöcher schließen, die kleptokratisches Geld ermöglichen; internationale Zusammenarbeit stärken; systemische Korruption als Sicherheitsbedrohung behandeln – nicht nur als politisches Problem.
Der andere Weg wäre: Anpassung. Das bedeutet zuzusehen, wie dieses Modell sich ausbreitet – bis westliche Demokratien selbst zum Ziel werden.
Die zentrale Frage
Diese Serie stellt ihre Fragen nicht nur an Orbán, Vučić oder Putin. Sie fragt nach den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, die solche Autokraten erst möglich machen. Und nach den demokratischen Gesellschaften, die strukturell verwundbarer sind, als sie bisher zugeben wollten.
Die Frage lautet nicht mehr, ob Demokratien es sich leisten können, diesem System zu begegnen. Die Frage ist, ob sie es sich leisten können, es nicht zu tun.
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Redigatur: Samira Joy Frauwallner
Faktencheck: Minou Becker
Illustration: Viera Zuborova