Politik

Video in falschem Kontext: Tino Chrupalla hat keinen Wahlbetrug in Baden-Württemberg aufgedeckt

Eine alte Aufnahme, in der der AfD-Politiker Tino Chrupalla die Briefwahl kritisiert, wird auf Youtube fälschlich in Zusammenhang mit der Landtagswahl in Baden-Württemberg gesetzt. Sie belegt keinen Wahlbetrug.

von Paulina Thom

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Der AfD-Politiker Tino Chrupalla zweifelt regelmäßig an der Sicherheit der Briefwahl – ein altes Video von solchen Äußerungen wird im März 2026 fälschlich in den Kontext der Landtagswahl in Baden-Württemberg gesetzt (Foto: Andreas Gora / Picture Alliance)
Behauptung
AfD-Co-Parteichef Tino Chrupalla habe Wahlbetrug bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg aufgedeckt.
Bewertung
Falsch. Der im Video gezeigte Ausschnitt von Tino Chrupalla stammt aus September 2024 und hat keinen Bezug zur Landtagswahl in Baden-Württemberg. Seine Äußerungen, die er im Zuge der Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen tätigte, deckten auch damals keinen Wahlbetrug auf.

„AfD deckt Wahlbetrug bei Bawü-Wahl auf!“, lautet der Titel eines Videos von Mitte März auf dem Youtube-Kanal „Nachrichten Aktuell“, das sich auch auf Tiktok und X verbreitet und zehntausende Aufrufe erzielt hat. Im Video heißt es, Tino Chrupalla, Co-Parteichef der AfD, habe auf einer Pressekonferenz „massiven Wahlbetrug“ im Zusammenhang mit Altenheimen und der Briefwahl offengelegt.

Es folgt ein Abschnitt, in dem Chrupalla tatsächlich über Wahlen spricht, doch seine Äußerungen sind mehr als anderthalb Jahre her und belegen zudem keinen Wahlbetrug.

Ein Tiktok-Beitrag mit der Behauptung
Anders als in diesem Video behauptet, haben weder die AfD noch Co-Parteichef Tino Chrupalla einen Wahlbetrug bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026 aufgedeckt (Quelle: X / Youtube / AfD-TV; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck)

AfD-Co-Chef Chrupalla äußert sich in Youtube-Video nicht zur Landtagswahl Baden-Württemberg

In dem Video sagt Chrupalla, es sei Aufgabe der Opposition, immer zu zweifeln, wie eine Wahl abzulaufen habe. Er behauptet, Wahlurnen würden teilweise nicht rechtssicher aufbewahrt. Zudem würden CDU und SPD Wahlkampf in Altenheimen der Caritas und Diakonie betreiben, während die AfD dort keinen Zutritt hätte. Und: „Ich persönlich […] würde die Briefwahl wieder verbieten“, sagt er. Einen konkreten Ort oder eine bestimmte Wahl nennt er aber nicht. Im Video ist das Datum 13. März 2026 eingeblendet, doch das stimmt nicht.

Über eine Suche mit Stichworten fanden wir das Originalvideo. Es zeigt den AfD-Politiker bei einer Pressekonferenz Anfang September 2024 nach den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen. Anders als behauptet, haben seine Äußerungen also nichts mit der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 zu tun.

Wie die Deutsche Presse-Agentur am 13. März berichtete, liegen weder der baden-württembergischen Landeswahlleitung noch dem Vorsitzenden des Wahlprüfungsausschusses Erkenntnisse über eine angebliche Manipulation vor. Das bestätigte uns die Landeswahlleiterin erneut am 25. März.

Äußerungen Chrupallas zu Briefwahl und Altenheimen belegen keinen Wahlbetrug

Das Originalvideo zeigt auch, dass Chrupalla seine allgemein gehaltenen Vorwürfe gegen die Sicherheit von Wahlen nicht belegte.

Dass die AfD grundsätzlich misstrauisch gegenüber der Briefwahl ist, haben wir hier ausführlich berichtet. Dabei kommt es offenbar zu einem selbstverstärkenden Effekt: Dass sich tendenziell wenig AfD-Wählerinnen und -Wähler für die Briefwahl entscheiden, liegt laut einem Essay der School of Governance an der Universität Duisburg-Essen unter anderem an der „generellen Skepsis“ der AfD-Wählerschaft gegenüber dem Wahlsystem – und eben jenem Anzweifeln der Briefwahl im Vorfeld. Warum die Briefwahl gegenüber der Urnenwahl zwar anfälliger für Fehler ist, aber eine Angst vor Wahlbetrug dennoch unbegründet, haben wir hier erklärt.

Seinen unbelegten Vorwurf, andere Parteien hätten Altenheime der Caritas und Diakonie besucht, wiederholte Chrupalla Ende September 2024 kurz nach der Landtagswahl in Brandenburg.

Auf Nachfrage heißt es dazu von der Diakonie Deutschland: „Der AfD-Bundessprecher hatte suggeriert, dass in Einrichtungen der Diakonie unlautere, manipulative Wählerbeeinflussung stattfindet. Die Diakonie weist solche Vorwürfe entschieden zurück.“ Nach ihrer Kenntnis habe es keine Wahlveranstaltungen in Pflegeheimen der Diakonie im Vorfeld der Landtagswahlen 2024 gegeben. Gegenüber der Welt wies auch eine Sprecherin des Deutschen Caritasverbands die Vorwürfe damals zurück und sagte, die AfD betreibe „gezielte Stimmungsmache gegen die christlichen Wohlfahrtsverbände“.

Wahlbetrugs-Vorfall bei Landtagswahl in Sachsen 2024 

Auch mit der von Chrupalla 2024 angesprochenen angeblichen Unsicherheit von Wahlurnen haben wir uns schon mehrfach beschäftigt. Anders als häufig behauptet, gibt es keine einheitlichen Vorgaben, wie eine Wahlurne verschlossen sein muss. Unabhängig davon dürfen sie nie unbeobachtet sein – auch in Sachsen und Thüringen ist das so in den Wahlordnungen festgelegt. Chrupalla antwortete auf unsere Anfrage bis zur Veröffentlichung nicht.

Bei der Landtagswahl in Sachsen kam es 2024 jedoch tatsächlich zu einem Vorfall von Wahlbetrug: Ein Mann hatte Wahlbriefe aus Briefkästen gestohlen und zugunsten der rechtsextremen Kleinstpartei „Freie Sachsen“, für die er auch im Rahmen der Kommunalwahlen selbst kandidierte, manipuliert. Im Juni 2025 legte er ein Geständnis ab und wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Youtube-Kanalbetreiber könnte mit Falschbehauptung Geld verdienen

Auch weitere Aufnahmen, die in dem Youtube-Video des Kanals „Nachrichten Aktuell“ gezeigt werden, belegen keinen Wahlbetrug. Etwa ein Medienbericht der Welt zu einer mutmaßlichen Wahlfälschung bei der Bürgermeisterwahl in Strausberg in Brandenburg am 15. Februar 2026 gezeigt. Der Fall hat nichts mit der Landtagswahl in Baden-Württemberg zu tun.

In der Beschreibung des Videos mit der Falschbehauptung bittet der Betreiber des Youtube-Kanals um finanzielle Unterstützung für seine Videoproduktion. Über einen Link werden Nutzerinnen und Nutzer so auf eine Kanalmitgliedschaft verwiesen. Demnach kann sich ein Mitglied für eine monatliche Unterstützung von bis zu knapp 30 Euro entscheiden. Laut Angaben von Youtube wird ein solcher Mitgliedschaftsumsatz zwischen der Plattform (30 Prozent) und dem Kanalinhaber (70 Prozent) aufgeteilt. Ob und wie viele Personen Kanalmitglieder sind, ist nicht öffentlich einsehbar. Der Kanalbetreiber reagierte nicht auf unsere Anfrage.

Redigatur: Kimberly Nicolaus, Gabriele Scherndl

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Youtube-Video Tino Chrupalla: „Ich würde die Briefwahl wieder verbieten! Sie ist als Ausnahme initiiert worden!“, AfD-TV, 03.09.2024: Link (archiviert)
  • Essay: „Zum Steigenden Einfluss der Briefwahl“, School of Governance an der Universität Duisburg-Essen, 1. März 2022: Link (PDF, archiviert)