„Volksrepublik Narva“ – Was hinter der Kampagne eines Telegram-Kanals steht
100 Follower auf einem Telegram-Kanal, 16 Mitglieder in einer Gruppe auf der russischen Social-Media-Plattform VKontakte. Eine Flagge, Karten, Memes und vereinzelte politische Äußerungen. Europäische Medien erinnerte die Aktion an das Donbass-Szenario in der Ostukraine. Ist die „Volksrepublik Narva“ eine harmlose Troll-Aktion, eine Einflusskampagne oder eine echte Bedrohung?
Auslöser der Berichterstattungswelle war die estnische Website Propastop.org – eine Plattform, die von Freiwilligen der „Estnischen Verteidigungsliga“ betrieben wird. Sie widmet sich der Aufdeckung russischer Desinformation und wird vom Verteidigungsministerium in Tallinn verwaltet. Am 11. März erschien auf der Website ein Artikel über Social-Media-Konten, die für die Gründung einer „Volksrepublik Narva“ warben.
Der Name erinnert an Ereignisse aus dem Jahr 2014, als Separatisten im ukrainischen Donbass die Gründung von „Volksrepubliken“ in Donezk und Luhansk verkündeten. Nachdem Wladimir Putin diese am 21. Februar 2022 für unabhängig erklärt hatte, befahl er die Vollinvasion in der Ukraine.
Eine Schwachstelle der NATO
In Estland geht es um die Region Ost-Virumaa, eine nordöstliche Provinz an der Grenze zu Russland. Narva selbst ist die drittgrößte Stadt des Landes. Mehr als 90 Prozent ihrer Einwohner sprechen Russisch, die überwiegende Mehrheit sind ethnische Russen. Die Stadt ist durch eine Brücke mit der russischen Stadt Iwangorod verbunden.
Aufgrund ihrer demografischen Struktur und ihrer geografischen Lage wird Narva bisweilen als eine Schwachstelle der NATO bezeichnet. In Szenarien einer möglichen russischen Aggression gibt es eine Variante, bei der „kleine grüne Männchen“ wie 2014 auf der Krim nach Narva eindringen und mit Unterstützung der dort ansässigen Russen einen Angriff auf das Land starten würden.
„Phänomen aus der Nische“
Mit dieser Referenz wurde die Berichterstattung über den Telegram-Kanal „Volksrepublik Narva“ von estnischen Medien und weiteren europäischen Medien aufgegriffen.
„Aus einem Phänomen, das nicht nur aus einer Nische kam, sondern geradezu marginal war, wurde innerhalb weniger Tage die Vorstellung einer echten Bedrohung für die territoriale Integrität Estlands geschaffen“, kommentiert Bartosz Chmielewski, Analyst für die baltischen Staaten am Centre for Eastern Studies, einem polnischen Think Tank mit Fokus auf die Region.
Tatsächlich hatten die betreffenden Social-Media-Konten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Propastops Artikel nur zwischen einigen Dutzend und einigen Hundert Followern. Die Inhalte des Telegram-Accounts erreichten ursprünglich nur eine Handvoll Empfänger.
Provozieren und Einschüchtern
Dennoch reagierten führende estnische Politiker umgehend. „Narva ist und bleibt eine estnische Stadt. Diese Versuche, Chaos zu stiften, sind plump und nichts Neues. Bleiben wir ruhig und gut informiert“, schrieb der estnische Außenminister Margus Tsahkna auf X.
Auch der estnische Geheimdienst äußerte sich: „Dies ist eine einfache und kostengünstige Methode, die Öffentlichkeit zu provozieren und einzuschüchtern. Die Beteiligung an solchen Aktivitäten kann strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen”, erklärte Marta Tuul von der Sicherheitspolizei (KaPo) in einem Interview mit der Medienplattform Delfi. Sogar Ministerpräsident Kristen Michal erwähnte die „Volksrepublik Narva“ auf einer Pressekonferenz.

Nachdem die Angelegenheit publik geworden war, begann die Zahl der Follower der betreffenden Kanäle zu steigen, auch wenn sie immer noch nicht mehr als einige hundert Personen betrug. Es ist anzunehmen, dass ein erheblicher Anteil aus Journalisten und Personen bestand, die die mediale Diskussion verfolgten.
Kein Separatismus in Narva
In Narva selbst löste die Angelegenheit kaum Aufregung aus. Es wurden keine Anzeichen „separatistischer Aktivitäten“ – Flaggen, Flugblätter oder Demonstrationen – beobachtet. Darüber hinaus gibt es in der Stadt seit Jahren keine Organisationsstrukturen, die auf eine Autonomie hinarbeiten.
Die estnischen Journalistinnen Anastasiya Tido und Anita Avakova gingen der Sache nach. Sie kontaktierten den Administrator des Telegram-Kanals und erklärten ihre Bereitschaft, die Initiative zu unterstützen.
Es stellte sich heraus, dass die Gruppe äußerst klein war: Abgesehen vom Administrator, der unter dem Pseudonym N-1 auftrat, gab es einen angeblichen Hafenarbeiter aus Sillamäe – für den sich die Journalistin ausgab – und eine weitere Person aus Tallinn. Es ist durchaus möglich, dass diese Person ebenfalls Journalist oder Beamter war, die den Fall untersuchte.
Keine Finanzierung
Der Administrator legte keine besondere Sorgfalt an den Tag. Bekenntnisse zur Unterstützung der „russischen Minderheit“ reichten aus, um Aufgaben zuzuweisen: Werbung für den Kanal, Verteilung von Flugblättern und Agitation. Entscheidend war, dass keine Vergütung gezahlt wurde. Von den Teilnehmern wurde erwartet, dass sie auf eigene Kosten handelten und sogar den Druck von Propagandamaterialien selbst finanzierten.
Fotos von Waffen, die auf dem Kanal veröffentlicht wurden, sahen aus wie im Internet zusammengesuchte Bilder, versehen mit den Symbolen der fiktiven Republik. Die Journalistinnen kamen zu dem Schluss, dass der Administrator wahrscheinlich in Russland oder Weißrussland ansässig und mit den Realitäten Estlands nicht vertraut ist.
Die gesamte Operation machte einen äußerst unprofessionellen Eindruck, insbesondere im Vergleich zu den gut dokumentierten, systematischen Informationsoperationen der russischen Geheimdienste.
„Bei typischen Operationen dieser Art spielt die Finanzierung eine Schlüsselrolle. Den Beteiligten wird eine Vergütung angeboten, oft in Kryptowährungen. Hier fehlte dieses Element völlig“, erklärt Bartosz Chmielewski.
Kaum zu vergleichende Fälle
Experte Chmielewski verweist auf weitere Faktoren, die eine Übertragung des Donbass-Szenarios auf Narva unbegründet erscheinen lassen, wenngleich es verlockend sei, Analogien zwischen dem Donbass und der Region Ost-Virumaa zu suchen.
Es gibt gewisse Ähnlichkeiten und es gibt gewisse Unterschiede. Diese Ähnlichkeiten sind sehr oberflächlich.“ Mit Blick auf die soziale und gesellschaftliche Lage in Estland gebe es viele Unterschiede zum Donbass.

Die Ukraine war 2014 mitten in einer Revolution ohne stabile Regierung, seit Jahren in einer Krise und von Korruption geprägt. Vor diesem Hintergrund erschien Russland, das als stabiler und effizienter Staat propagiert wurde, als die bessere Wahl, abgesehen von vorhandenen postsowjetischen Stimmungen und pro-russischen Sympathien.
Sichere Renten und Stabilität
Estland hingegen ist ein stabiler Staat mit effizient funktionierenden Institutionen, einem starken Sicherheitsapparat und einem hohen Maß an sozialer Integration, auch unter den russischsprachigen Einwohnern.
Es ist eingebunden in internationale Bündnisse mit den Möglichkeiten, die sich zum Beispiel aus der EU-Mitgliedschaft ergeben, im Gegensatz zu Russland, das in einer Krise steckt und seit vier Jahren im Krieg steht.
„Betrachten wir einmal die Bevölkerungsstruktur von Narva: Hier überwiegen Menschen mittleren und höheren Alters. Das sind keine jungen Arbeitslosen aus den Hochhäusern von Donezk. Sie denken nicht an Revolution, sondern an Stabilität und ihre Renten. Die von Russland angebotenen Renten sind mit denen in Estland nicht zu vergleichen. Die Einwohner von Narva haben Verwandte und Freunde in Iwangorod. „Sie sehen, wie der Lebensstandard dort ist“, erklärt Bartosz Chmielewski.
Keine marginalisierte Gruppe
Die russischsprachigen Einwohner Estlands bilden zudem keine eigenständige, politisch mobilisierte Gemeinschaft mit separatistischen Bestrebungen. Sie sind weitgehend in das staatliche System integriert. Sie arbeiten in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst, beteiligen sich am politischen Leben und wählen Parteien des estnischen Mainstreams statt marginaler pro-russischer Gruppierungen.
„Im Gegensatz zu den Bewohnern des Donbass fühlen sie sich als Teil des Westens und identifizieren sich weitgehend mit dessen Werten. Das bedeutet nicht, dass es in Estland keine Stimmen gibt, die von Diskriminierung russischsprachiger Menschen sprechen. Diese kommen jedoch meist nicht aus Narva, sondern eher aus den Hochhäusern von Tallinn. Dort gibt es mehr junge Menschen und generell mehr Menschen, die manchmal mit Frustration oder Ausgrenzung zu kämpfen haben. Ich würde sagen, dass es dort einen fruchtbareren Boden für radikale Ideen gibt als in Narva“, betont Chmielewski.
Starke Spionageabwehr
Es gibt noch einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen der Ukraine im Jahr 2014 und Estland im Jahr 2026. Estland verfügt über einen starken und gut organisierten Spionageabwehrdienst. Die Sicherheitspolizei (KaPo) gilt als eine der effizientesten Spionageabwehrbehörden in Europa.
Seit 2014 verfolgt sie eine sehr harte Politik gegenüber feindlichen Agenten, einschließlich derer, die Einflusskampagnen betreiben. Estland ist zwar nach wie vor eines der Hauptziele russischer Geheimdienste, aber ein außerordentlich schwieriges Ziel. Im Gegensatz dazu waren die Sicherheitsstrukturen der Ukraine 2014 von Russland tief infiltriert, was Destabilisierungsbemühungen erheblich erleichterte.
Scherz oder Einflusskampagne?
Der Fall der „Volksrepublik Narva“ veranschaulicht einen Mechanismus, der in der modernen Informationslandschaft immer häufiger anzutreffen ist: Randständige, unprofessionelle Initiativen können schnell zu einem großen Medienthema werden und dadurch eine Bedeutung erlangen, die sie ursprünglich nicht hatten.
„Wir haben schon viele solcher ‘Republiken’ gesehen. Keine hat es jemals über Online-Gruppen und -Kanäle hinaus geschafft, noch haben sie sich zu einer echten politischen Initiative entwickelt“, sagt Bartosz Chmielewski.
Interessanterweise habe sich die „Volksrepublik Vilnius“ besonders großer Beliebtheit erfreut, so Chmielewski. Dies sei aber größtenteils auf die Sympathien einiger Polen für die ehemaligen Ostgebiete zurückzuführen gewesen. Eine beträchtliche Anzahl von Anhängern habe von dort gestammt.
Bezug zu staatlichen Strukturen unklar
Standen die russischen Sicherheitsdienste wirklich hinter diesem Nischen-Telegram-Kanal? Die mangelnde Professionalität bei dessen Betrieb und seine begrenzte Reichweite lassen vermuten, dass es sich eher um eine private Initiative handelt, vielleicht sogar um einen Scherz von jemandem, der trotz Verbindungen zu Russland nicht unbedingt einen Bezug zu staatlichen Strukturen haben muss.
Aber selbst wenn die russischen Geheimdienste keine Verbindung zu den Kanälen hätten, beobachten sie die Entwicklungen sicherlich genau und ziehen Schlussfolgerungen. Der Fall des angeblichen Separatismus hat gezeigt, wie wenig es braucht, damit eine Medienbotschaft eine sehr große Reichweite erlangt, insbesondere wenn sie Themen betrifft, die Emotionen und Ängste in der Bevölkerung schüren.
Frühzeitig Kontext liefern
Die Betreiber von Propastop verteidigten die Veröffentlichung zur „Volksrepublik Narva“: In der heutigen Informationsgesellschaft gelange jede Idee früher oder später in die Öffentlichkeit. Es sei wichtig, dass man der estnischen Bevölkerung frühzeitig den Kontext für solche Narrative liefere. „Einflussoperationen beginnen selten im großen Stil. Narrative tauchen in der Regel zuerst in obskuren Kanälen, Memes und Provokationen auf.“
Ein „Angriff auf Narva“ wird derzeit auch im russischen Staatsfernsehen thematisiert, dies mit dem Ziel, „die NATO zu zerstören und den Willen Europas zu brechen“. Das Eindringen russischer Kampfjets zum Beispiel am 19. März in den estnischen Luftraum kann ebenfalls für Verunsicherung sorgen, dies in einer Phase, in der die Welt auf den Krieg gegen Iran blickt.
Es ist Gegenstand zahlreicher Szenarien, dass Russland die NATO mit Nadelstichen vor allem dann auf ihre Bündnisverpflichtung testet und unter Druck setzt, wenn der Westen durch andere Krisen abgelenkt ist.
Redigat: Silvia Stöber
Faktencheck: Alexej Hock
CORRECTIV im Postfach
Lesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser können. Täglich im CORRECTIV Spotlight.
