Briefwahl und Prognose: Warum das AfD-Ergebnis in Rheinland-Pfalz keinen Betrug belegt
Bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz sah die erste Prognose die AfD bei 20 Prozent, im Laufe des Wahlabends rutschte sie jedoch darunter. Auf Facebook mutmaßt ein Nutzer, dahinter stecke Wahlbetrug. Warum das nicht stimmt.
In einem Facebook-Beitrag zweifelt ein Nutzer an der Rechtmäßigkeit der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Er wittert Wahlbetrug, weil die AfD durch die Ergebnisse der Briefwahl unter 20 Prozent gefallen sei. Der Beitrag hat mehrere tausend Likes.
Tatsächlich sahen die ersten Prognosen bei ARD und ZDF die AfD bei 20 Prozent, im Laufe des Wahlabends sank ihr Stimmenanteil auf 19,5 Prozent. Aber dahinter steckt kein Betrug.

Um 18 Uhr berichten Medien über Prognosen, danach folgen Hochrechnungen. Diese sind meistens genauer, denn hier fließen bereits erste ausgezählte Stimmen mit ein. Je mehr Stimmen im Laufe des Abends ausgezählt werden, desto genauer werden die Hochrechnungen. Das vorläufige Wahlergebnis steht erst fest, wenn alle Stimmen ausgezählt sind, und das endgültige Ergebnis erst nach mehreren Tagen oder Wochen, wenn die Auszählung mehrfach überprüft wurde.
Wahlprognosen sind nur eine Annäherung an die tatsächlichen Ergebnisse
Wahlprognosen werden von Umfrageinstituten erstellt. Für das ZDF macht das die Forschungsgruppe Wahlen, für die ARD Infratest Dimap. Für die Prognosen werden die Wählerinnen und Wähler gefragt, wen sie gewählt haben, wenn sie aus dem Wahllokal kommen. Die Frage ist also nicht hypothetisch: „Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?“ sondern ganz konkret: „Wem haben Sie gerade Ihre Stimme gegeben?“ Weil die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest Dimap nicht exakt dieselbe Stichprobe und Methodik haben, können die Prognose-Ergebnisse etwas voneinander abweichen.
Anhand von Modellen wird dann noch das Wahlverhalten derjenigen ergänzt, die nicht an den freiwilligen Befragungen vor dem Wahllokal teilgenommen haben, und denjenigen, die per Briefwahl gewählt haben. Dafür analysieren die Institute die Briefwahlergebnisse vorheriger Wahlen und führen in dieser Gruppe spezielle Befragungen durch. Aus Erfahrung weiß man zum Beispiel, dass die Briefwahl besonders von Älteren und jungen, urbanen Menschen genutzt wird.
In Rheinland-Pfalz hat nicht nur die AfD im Laufe des Wahlabends Prozente verloren, die SPD etwa liegt im vorläufigen Endergebnis sogar 1,1 Prozent unter der Prognose der ARD. Die Prognose des ZDF lag dagegen bei den Grünen 0,6 Prozentpunkte zu hoch. Die 0,5 Prozentpunkte der AfD bewegen sich also im erwartbaren Rahmen. Wie kommt es zu solchen Abweichungen?
Ein hoher Anteil an Briefwählerinnen und Briefwählern erschwert eine exakte Prognose
Unter anderem erschwert ein hoher Anteil an Briefwählerinnen und Briefwählern eine genaue Prognose, denn ihr Wahlverhalten ist schwerer einschätzbar. Beispielsweise entscheiden sie sich früher für eine Partei, Ereignisse aus dem späteren Wahlkampf beeinflussen sie nicht mehr.
Eine Partei, deren Wählerinnen und Wähler lieber ins Wahllokal gehen, wie häufig bei der AfD der Fall, kann so bei der Prognose zunächst besser abschneiden, im Laufe des Abends dann aber bei den Hochrechnungen nach und nach Prozentpunkte verlieren, weil im Vergleich zu anderen Parteien deutlich weniger Briefwahlstimmen hinzukommen. Die Ergebnisse der Briefwahl fließen in der Regel etwas später in die Hochrechnungen ein. Das liegt daran, dass die Briefwahlstimmen meist gebündelt in den Wahlkreisen ausgezählt werden, das dauert länger als in kleineren Stimmbezirken.
Ein Beispiel von der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März, über das die Zeit berichtete: Hier hatte die CDU nach der 18-Uhr-Prognose drei Prozentpunkte Abstand zu den Grünen, um 20 Uhr rückte sie dann auf 0,6 Prozentpunkte heran. Ein Zusammenhang mit der Briefwahl liegt nahe: Die CDU hatte dadurch noch besonders viele Stimmen erhalten.
Im Unterschied zu Baden-Württemberg weist Rheinland-Pfalz die Ergebnisse der Briefwahl aber nicht gesondert aus. Briefwahl und Urnenwahl werden bei den Landtagswahlen in der Regel gemeinsam ausgezählt – auch in kleineren Ortschaften. Ob, wie in dem Facebook-Beitrag behauptet, der Unterschied von 0,5 Prozentpunkten zwischen Prognose und dem vorläufigen Endergebnis bei der AfD auf die Briefwahl zurückzuführen ist, lässt sich also nicht so sicher sagen.
So oder so ist es kein Hinweis auf Wahlbetrug, dass die Partei im Laufe des Wahlabends Prozente verloren hat. Die Landeswahlleitung Rheinland-Pfalz schreibt uns auf Anfrage, ihr seien keine Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen bekannt.
Anhänger der AfD wählen grundsätzlich seltener per Brief
Vorherige Wahlen zeigen: Anhängerinnen und Anhänger der AfD wählen seltener per Brief. Das gilt auch für Rheinland-Pfalz. Eine Analyse des Statistischen Landesamts der Bundestags- und Europawahlen, bei denen die Briefwahlergebnisse gesondert ausgezählt werden müssen, zeigt, dass Wählerinnen und Wähler von CDU, FDP und den Grünen deutlich häufiger per Brief wählten.
Dass sich tendenziell wenig AfD-Wählerinnen und -Wähler für die Briefwahl entscheiden, liegt laut einem Essay der School of Governance an der Universität Duisburg-Essen unter anderem an der „generellen Skepsis“ der AfD-Wählerschaft gegenüber dem Wahlsystem – und eben jenem Anzweifeln der Briefwahl im Vorfeld. Die AfD ruft zudem immer wieder dazu auf, nicht per Briefwahl zu wählen. Dass die Partei grundsätzlich misstrauisch gegenüber der Briefwahl ist, haben wir hier ausführlich berichtet.
Redigatur: Steffen Kutzner, Gabriele Scherndl
Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:
- Methodik, Forschungsgruppe Wahlen: Link (archiviert)
- Wie entsteht die Prognose am Wahltag?, Infratest Dimap: Link (archiviert)
- Analyse des Statistisches Landesamts Rheinland-Pfalz, Unterschiede zwischen Brief- und Urnenwahl, 18. Februar 2025: Link (archiviert)
- Essay: „Zum Steigenden Einfluss der Briefwahl“, School of Governance an der Universität Duisburg-Essen, 1. März 2022: Link (PDF, archiviert)
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