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Hochradioaktiver Atommüll benötigt mehr Platz als Kristina Schröder behauptet

Wie viel Platz beansprucht hochradioaktiver Atommüll? Wir blicken hinter die Zahlen und liefern Fakten zu den Abfällen und den Herausforderungen der Endlagerung.

Atommüll Zwischenlager Ahaus
Im Zwischenlager Ahaus werden seit 1992 ausgediente Brennelemente in Castor-Behältern aufbewahrt (Bild: Guido Kirchner / DPA / Picture Alliance)
Behauptung
Der gesamte bisher angefallene hoch radioaktive deutsche Atommüll habe etwa das Volumen von zwei Einfamilienhäusern.
Einordnung
Offizielle Zahlen widerlegen Schröders Vergleich: Hochradioaktiver Atommüll in Deutschland beansprucht mehr Platz als zwei Einfamilienhäuser. Das Abfallvolumen variiert je nach Verarbeitung und Lagerbedingungen.

Faktensammlung


In einer Diskussion über den Atomausstieg in der Zeit behauptete Kristina Schröder, CDU-Politikerin und 2009 bis 2013 Bundesfamilienministerin: „Der gesamte bisher angefallene hochradioaktive deutsche Atommüll hat etwa das Volumen von zwei Einfamilienhäusern.”

Schröder, die stellvertretende Leiterin der Denkfabrik R21 ist und rechtskonservativen in der Union nahe steht, lobbyiert immer wieder gegen den Atomausstieg, wie CORRECTIV berichtete. Mehrere Lesende zweifeln die Aussage Schröders an, etwa in Leserbriefen zum Interview. Wir haben uns angeschaut, was an dem Vergleich dran ist.

Laut Prognose des Bundesamt für Sicherheit und nukleare Entsorgung (BASE) wird die Gesamtmenge hochradioaktiver Abfälle in Deutschland etwa 17.000 Tonnen Schwermetall betragen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) rechnet bis 2080 mit 10.100 Tonnen und zusätzlich über 3.800 sogenannten Kokillen, verglasten Abfällen aus der Wiederaufbereitung. Bis 2016 sind laut BGE bereits rund 15.000 Tonnen Schwermetall angefallen.

Hochradioaktive Abfälle, hauptsächlich abgebrannte Brennelemente und Rückstände aus Kernreaktoren, sind weiterhin stark radioaktiv und erzeugen durch Zerfallsprozesse viel Wärme. Deshalb werden benutzte Brennelemente oft jahrelang in Wasser gelagert, um sie abzukühlen. Auch danach setzen sie noch Strahlung und Wärme frei, weshalb sie langfristig in ein Endlager gebracht werden müssen.


Das BASE schätzt das Gesamtvolumen der hochradioaktiven Abfälle deutscher Kernkraftwerke auf 27.000 Kubikmeter, verteilt auf etwa 1.750 Castorbehälter. Auf unsere Anfrage, wie das Volumen berechnet wurde, schreibt eine Sprecherin, das Volumen wurde „nach Kenntnis des BASE aus den insgesamt anfallenden Mengen in Tonnen und deren Volumen nach erfolgter Konditionierung und Verpackung abgeleitet“. Mit Konditionierung ist gemeint, dass die Abfälle erst noch bearbeitet werden, bevor sie in einen Castorbehälter verpackt werden. Einige Abfälle werden zum Beispiel in Kokillen verglast.

Deswegen kann sich das Volumen auch ändern, abhängig von Verpackungsart, genutzten Behältern, Wärmeentwicklung der Abfälle und dem Gestein des Endlagers.


Wie verhält sich das Volumen der hochradioaktiven Abfälle nun zu dem Volumen von zwei Einfamilienhäusern, die Kristina Schröder als Vergleichsgröße heranzieht? Ein 2019 gebautes Einfamilienhaus hat laut Statistischem Bundesamtes eine durchschnittliche Wohnfläche von 152 Quadratmetern. Früher gebaute Häuser sind eher kleiner. Daten zum Durchschnittsvolumen fehlen, doch Beispielrechnungen helfen:

Ein Haus mit 160 Quadratmetern Wohnfläche (Souterrain- und Erdgeschoss) hat ein Volumen von 500 Kubikmetern, eines mit 240 Quadratmetern Wohnfläche (Erd- und Obergeschoss) ohne Keller hat laut einer anderen Beispielrechnung 738 Kubikmeter. Das Immobilienunternehmen Immozebra gibt gibt für ein durchschnittliches Schweizer Einfamilienhaus etwa 840 Kubikmeter an.

Das Volumen von zwei durchschnittlichen Einfamilienhäusern liegt demnach bei 1.000 bis 1.700 Kubikmetern.


Das Volumen der hochradioaktiven Abfälle bei der Einlagerung lässt sich nicht eindeutig berechnen, da es von vielen Faktoren abhängt. Auch lässt sich von diesem Wert nicht auf das benötigte Volumen eines Zwischen- oder Endlagers schließen.

Dennoch zeigen alle vorliegenden Berechnungen, dass das Volumen der hochradioaktiven Abfälle deutlich größer ist als das zweier Einfamilienhäuser. „Ein Endlager wird in jedem Fall größer sein müssen“, bestätigt das BASE auf Anfrage. Das Zwischenlager in Grundmemmingen in Bayern, eins von 16 Zwischenlagern in Deutschland, ist etwa 100 Meter lang, 40 Meter breit und 20 Meter hoch. Das ergibt ein Volumen von 80.000 Kubikmetern. Aktuell lagern dort 152 Behälter, Platz ist für 192.

Auf unsere Anfragen an Kristina Schröder, auf welchen Zahlen und Annahmen ihr Vergleich basiert, erhielten wir keine Antwort.


 

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Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Anna Süß; Redigatur: Matthias Bau