Russland/Ukraine

Russland stoppt Transit kasachischen Öls nach Deutschland

Berlin und Brandenburg erhalten Benzin und Kerosin aus der Raffinerie PCK Schwedt, produziert auch mit Öl aus Kasachstan. Nun will Russland den Transit des Öls über sein Gebiet einstellen. Grünen-Politiker Michael Kellner spricht von „Erpressung“. Die Raffinerie beschreibt die Lage als lösbar.

von Alexej Hock , Silvia Stöber

Öl aus Rostock für die PCK-Raffinerie in Schwedt
Die PCK Schwedt bezieht aktuell rund 20 Prozent ihres Öls aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline. Foto: picture alliance/dpa | Joerg Carstensen

Russland plant, die Ölraffinerie PCK Schwedt ab Mai von Lieferungen aus Kasachstan abzuschneiden.

Der russische Vize-Premierminister Alexander Nowak sagte am Mittwoch, dass die kasachischen Öllieferungen, die bisher über die Druschba-Pipeline nach Deutschland geflossen sind, „ab dem 1. Mai 2026 andere logistische Routen nehmen“ werden, zitiert ihn die Nachrichtenagentur TASS.

Damit bestätigte erstmals ein Vertreter der russischen Regierung frühere Medienberichte sowie eine Aussage des kasachischen Energieministers Yerlan Akkenzhenov. Dieser hatte am Dienstag mitgeteilt , dass der Transit über Russland über die Druschba-Pipeline „vorübergehend eingestellt“ und im Mai nicht eingeplant ist.

Noch am Mittwochvormittag hatte das Bundeswirtschaftsministerium mitgeteilt, keine Bestätigung seitens Russland erhalten zu haben. Die Bundesnetzagentur habe dazu lediglich eine Mitteilung von Rosneft Deutschland erhalten, teilte das Ministerium mit. Die deutsche Tochter der russischen Rosneft steht unter der Treuhand und hält rund 54 Prozent an der Ölraffinerie Schwedt. Rosneft Deutschland wiederum war von seinen kasachischen Partnern informiert worden.

Lieferstopp trifft die strategisch wichtige Raffinerie in heikler Lage

Die PCK Schwedt hatte sich nach Russlands Überfall auf die Ukraine komplett vom russischen Öl verabschiedet. Den Großteil ihres Öls bezieht die Raffinerie von Tankern, die im Rostocker Hafen und zu geringeren Mengen im Danziger Hafen anlanden. 20 Prozent des bezogenen Öls jedoch stammen aus Kasachstan und werden weiterhin durch die Druschba-Pipeline über russisches Territorium nach Schwedt transportiert.

Der durch Russland drohende Lieferstopp kommt angesichts der anhaltenden Blockade der Straße von Hormuz zu einem heiklen Zeitpunkt. Erst am Montag hatte die Bundesregierung im Nationalen Sicherheitsrat über die Auswirkungen der Blockade beraten. Dabei soll Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) laut Spiegel berichtet haben, dass die Versorgung mit Öl, Benzin und Kerosin gesichert sei.

Nun könnte Russland durch seine Ankündigung die ohnehin angespannte Lage in Deutschland weiter verschärfen. Die Raffinerie in Schwedt hat strategische Bedeutung, da sie in Berlin und Brandenburg die Versorgung mit Benzin, Kerosin, Diesel und Heizöl zu 90 Prozent sicherstellt.

Keine unlösbare Situation, doch es muss etwas getan werden

Ein Sprecher von Rosneft Deutschland stellte die Lage gegenüber der dpa als lösbar für die PCK dar: „Wir müssen prüfen, wie wir gegebenenfalls Ersatzlieferungen sicherstellen können, damit die PCK weiterhin voll produzieren kann.“

Der PCK-Betriebsrat Danny Ruthenburg sagte CORRECTIV, dass die Reserven der Raffinerie für sieben Tage ausreichen – in dem Fall, dass sämtliche Lieferungen bei voller Auslastung wegfallen.

Dennoch spricht er von einer möglichen „Katastrophe“, wenn die Produktion aufgrund des Ausbleibens Öllieferungen aus Kasachstan ebenfalls um 20 Prozent gedrosselt werden müsste. „Es ist wichtig, dass man nochmal über den Ausbau des Rostocker Ölhafens und der Pipeline nachdenkt“, sagte Ruthenburg. Er appellierte zudem an die Politik, die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Polen mehr Kapazitäten über den Danziger Hafen zur Verfügung stellt.

Ungeklärte Eigentumsverhältnisse und Sanktionen erschweren Betrieb

Das Schicksal der PCK Schwedt ist seit mehr als vier Jahren in der Schwebe. Seit Herbst 2022 stehen die Anteile von Rosneft Deutschland unter Treuhandverwaltung des Bundes.

Für die Bundesregierung galt als bevorzugter Weg aus der verfahrenen Situation bislang ein Verkauf der russischen Anteile an Dritte. Erst war Qatar im Gespräch, dann kamen offenbar potentielle Investoren aus den USA als Interessenten ins Spiel, berichteten CORRECTIV und iStories im vergangenen Jahr.

Zuletzt erschwerten von US-Präsident Donald Trump verhängte Sanktionen gegen den russischen Rosneft-Konzern den Betrieb in Schwedt. Die Auswirkungen auf die deutsche Tochter waren lange Zeit unklar, bis die USA Anfang März eine Ausnahme für Rosneft Deutschland unbefristet verlängert hat.

Putin „erpresst Deutschland“

Nun erschwert Russland die Lage zusätzlich. „Putin versucht mal wieder, Deutschland zu erpressen. Das kennen wir schon“, sagte der energiepolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Michael Kellner. Ein Großteil des Öls komme zum Glück über Rostock und Danzig. Auch er sagt: „Deutschland könnte mit Polen reden, damit mehr Mengen nach Schwedt kommen“.

Anfang März hatte Machthaber Wladimir Putin der EU mit der sofortigen Einstellung der Gaslieferungen gedroht, um dann einige Tage später unter Bedingungen den Verkauf von Öl und Gas zur Linderung der Engpässe als Folge des Iran-Krieges anzubieten.

Anschlag auf Transalpine Pipeline

Mit der PCK Schwedt wird innerhalb weniger Wochen eine zweite deutsche Raffinerie durch einen schwerwiegenden Vorfall getroffen.

Ende März hatte es bereits eine Unterbrechung von Öl-Lieferungen unter anderem aus Kasachstan gegeben. Ursache war ein Anschlag auf die Transalpine Pipeline (TAL) in Italien, der die Versorgung mit Benzin, Diesel und Kerosin in Süddeutschland und Österreich gefährdete.

Die Rohöl-Versorgung für die Raffinerie Miro bei Karlsruhe war mehrere Tage lang unterbrochen. Das Unternehmen griff in der Zeit auf Lagerbestände zurück. Dies traf auch auf Anlagen in Bayern zu.

Ziel des Sabotage-Aktes war die Stromversorgung einer Pumpstation bei Terzo di Tolmezzo in den italienischen Alpen, wie unter anderem Welt berichtete. Ein Strommast, der die Pumpstation versorgt, wurde offenbar mit einem Schneidbrenner beschädigt.

Die italienische Polizei ermittelt, ob es sich um einen politisch motivierten Anschlag handelt und steht dazu im Austausch mit dem Bundeskriminalamt in Deutschland und den Ermittlungsbehörden in Österreich.

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Öl aus Kasachstan machte nach Angaben des TAL-Betreibers 2022 rund 30 Prozent und damit den Hauptanteil aus. Daneben wurde Öl aus Libyen, Aserbaidschan, den USA und Irak eingespeist. Das Rohöl wird per Tanker an Seehäfen in Triest angelandet und dort in die Pipeline eingespeist.

Update 22. April 2026, 17:10 Uhr: Wir haben die Meldung um die Aussage des russischen Vize-Premiers Alexander Nowak ergänzt und aktualisiert.

Redigatur: Anette Dowideit