Europa

Ein Ukrainer in russischer Uniform

Russlands zentrale Rechtfertigung für den Krieg in der Ukraine behauptet, der Donbas sei kulturell zu Russland gehörig. Doch die Erzählungen von Kriegsgefangenen aus diesen Gebieten, die in russischer Uniform kämpften, widerspricht dem fundamental.

von Viktoriia Novikova , Tatiana Vorozhko

1
Quelle: Original foto von Ivan Antypenko, Reckoning Project, grafische bearbeitung Mohamed Anwar

In dieser Artikel-Serie werfen wir einen zweiten Blick auf aktuelle Ereignisse in Ländern, die in der deutschen Berichterstattung oft nur ein Schlaglicht bleiben. Gemeinsam mit lokalen Expertinnen und Experten fragen wir: Welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stecken hinter den aktuellen Ereignissen, die wir in den Nachrichten sehen? Was bedeutet das für Demokratie und Medienfreiheit?

Was denkst du, weißt du über die Ostukraine? 

Wenn man den Krieg durch die Linse russischer Staatsmedien verfolgt hat – oder auch durch die westlichen Medien, die über Jahre hinweg reflexhaft „beide Seiten“ darstellen wollen – denkt man wahrscheinlich an eine Region, die sich immer eher russisch als ukrainisch gefühlt hat. Eine Region, in der die Menschen sich Russland anschließen wollten, die dafür gestimmt und die russischen Truppen bei ihrem Eintreffen willkommen geheißen haben.

Diese Erzählung ist das Kernelement der russischen Rechtfertigung für den Krieg. Sie war das Argument für die zweifelhaften Referenden von 2014, die eine Zustimmung von 89 bis 96 Prozent für einen Anschluss an Russland behaupteten. Sie war das Argument für die „spezielle Militäroperation“ im Jahr 2022. Und sie bleibt ein Argument in deutschen Debatten darüber, ob eine Verhandlungslösung die territorialen Gewinne Russlands anerkennen sollte.

Wir haben 2025 siebzehn Interviews in ukrainischen Kriegsgefangenenlagern geführt – und eine andere Erzählung gehört. Eine Erzählung, die der russischen Erzählung etwas entgegensetzt und die auch in der westlichen Berichterstattung bislang nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Die Männer in diesen Lagern sind Kriegsgefangene, die in russischen Uniformen gefangen genommen wurden. Viele von ihnen kommen aus den Donbas-Gebieten, die Russland angeblich „befreit“ hat. Die meisten von ihnen wollten sich Russland nicht anschließen und sahen sich selbst nicht als Russen. Einige hatten sich mit der Frage ihrer Identität nie beschäftigt, bis ein Krieg, den sie nicht gewählt hatten, sie dazu zwang. Und fast keiner von ihnen konnte schlüssig erklären, warum dieser Krieg geführt wird.

Quelle: KIIS survey, April 2014

Tatsächliche Unterstützung für einen Anschluss an Russland im Donbas   (KIIS survey, April 2014) vs. Von Russland behauptetes offizielles Referendumsergebnis

WAS BISHER GESCHAH

Drei Jahrzehnte lang wurde der Donbas – der industrielle Osten der Ukraine, der die Regionen Donezk und Luhansk umfasst – von Moskau besondere Bedeutung zugesprochen. Russisch war die vorherrschende Sprache. Grenzübertritte und Arbeitsmigration nach Russland waren alltäglich. Die lokalen politischen Eliten unterhielten langjährige finanzielle und ideologische Verbindungen nach Moskau.

Als 2013 und 2014 der Euromaidan ausbrach und der damalige Präsident Viktor Janukowytsch floh, reagierte die Elite schnell. Mit militärischer, finanzieller und politischer Unterstützung Russlands besetzten bewaffnete Gruppen Regierungsgebäude und riefen die selbsternannten „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk aus. Als Folge wurden Referenden abgehalten, unter Besatzung und ohne unabhängige Beobachtung. Das Ergebnis: 89 bis 96 Prozent Zustimmung für die Unabhängigkeit der Region.

Einen Monat vor diesen Referenden befragte das Kiewer Internationale Institut für Soziologie dieselbe Bevölkerung. Dabei zeigte sich, dass 28 Prozent der Einwohner von Donezk und 30 Prozent der Einwohner von Luhansk einen Anschluss an Russland und damit die Unabhängigkeit von der Ukraine befürworteten. Die Lücke zwischen diesen beiden Zahlen – rund 60 Prozentpunkte – ist keine Fußnote. Sie ist die zentrale Tatsache, um die sich diese Geschichte dreht.

Von den sechs Millionen Einwohnern des Donbas flohen in den folgenden Jahren fast anderthalb Millionen in ukrainisch kontrollierte Gebiete – die größte erzwungene Vertreibung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, bis Februar 2022. Tausende von ihnen schlossen sich den ukrainischen Streitkräften an. Die Männer, die im Donbas blieben, wurden schließlich in die russische Kriegsmaschinerie eingegliedert. Russland gelang es, mehr als 300.000 Menschen aus den besetzten Gebieten zu mobilisieren, um gegen ihre eigenen Mitbürger zu kämpfen. Viele von ihnen hatten keine Wahl.

Quelle: Originalfoto von Ivan Antypenko, Reckoning Project, grafische Bearbeitung Mohamed Anwar

Die Menschen hinter der Frontlinie

Die Luft im Kriegsgefangenenlager riecht nach billigem Waschmittel und Zigarettenrauch – eine so hartnäckige Mischung, dass einem davon übel werden kann. Die Männer hier bewegen sich mit dem trägen Schlurfen von Menschen durch das Gelände, die nirgendwo sein müssen und keine klare Vorstellung davon haben, was nach der Gefangenschaft kommt. Ihre Gesichter wirken nicht verängstigt. Sie sind leer.

Vitalii ist vierzig. Er wuchs in Charkiw auf und sprach mit Familie und Freunden Russisch. Vitalii  arbeitete als Jugendlicher saisonal in Russland und zog 2017 nach Moskau, heiratete eine russische Frau und erhielt einen russischen Pass. Seinen ukrainischen Pass behielt er.

In der Nacht des 24. Februar 2022 weckte ihn seine Frau. Etwas Unfassbares geschah. Sie sahen die Nachrichten – als ukrainisch-russisches Paar. Vitalii erinnert sich, dass er dachte, die Menschen an der politischen Spitze hätten das bereits unter sich geregelt. Warum sollten sie ihn brauchen? Er war Koch. Er hatte keine militärische Ausbildung.

Ein Jahr verging. Im Juni 2024 wurde er zum Einberufungsamt vorgeladen. Diesen Teil der Geschichte erzählt er nur bei ausgeschaltetem Aufnahmegerät. Es habe Druck und Drohungen gegeben, sagt er. Vitalii unterschrieb nach eigenen Angaben einen Vertrag in dem Glauben, nach Kaliningrad zu gehen. Stattdessen landete er in einer Ausbildungseinrichtung nahe der ukrainischen Grenze, wo er den Umgang mit einem Maschinengewehr lernte. Er habe versucht, nicht darüber nachzudenken, auf wen er schießen würde.

Vier Tage nach seinem Einsatz in der Region Donezk wurde er verwundet. Daraufhin versteckte sich Vitalii. Als er russische Stimmen hörte, begann er um Hilfe zu rufen. Die Soldaten, die ihn fanden, waren Ukrainer und nahmen ihn sofort gefangen. Da er seine ukrainische Staatsbürgerschaft nie abgelegt hatte, wurde er wegen Hochverrats und damit zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. Er akzeptiert das Urteil, hält es jedoch für ungerecht.

Seine Geschichte ist nicht ungewöhnlich. In siebzehn Interviews tauchte bei jedem Gefangenen dieselbe Frage auf: Wer bin ich? Die Frage führte nie zu klaren Antworten. Sie führte zu Aushandlungsprozessen – mit Sprache, Herkunft, mit einem Pass, der irgendwann per Post ankam. Für die meisten war es eine Frage, die sie sich nie gestellt hatten – bis der Krieg sie dazu zwang.

Igor, 38 Jahre alt, sah sich selbst durch und durch als Ukrainer. Er wuchs in Donezk als Sohn ethnischer Russen auf, doch als Jugendlicher war er im Fechten so talentiert, dass er international für die Ukraine antrat. Mit der Nationalmannschaft reiste er nach Ungarn und Polen.

„Ich habe mich natürlich als Ukrainer gefühlt. Ich bin für die Ukraine angetreten.“ – Igor (38 Jahre)

Und doch stimmte er 2014 beim illegitimen Referendum der selbsternannten Volksrepublik DNR ab. Sein Argument: Eine EU-Integration würde die grenzüberschreitenden Verbindungen zu Russland schädigen. Am Ende trug er eine russische Uniform.

Ein Zimmermann aus einer kleinen Stadt in der Region Luhansk, 41 Jahre alt, machte eine lange Pause, als er nach seiner Identität gefragt wurde. Zu Hause sprach er Russisch. Nach kurzem Nachdenken sagt er: „ukrainisch-russisch“.

Quelle: Originalfoto von Ivan Antypenko, Reckoning Project, grafische Bearbeitung Mohamed Anwar

„Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich Ukrainer oder Russe bin. Ich habe in der Ukraine gelebt, also war ich Ukrainer.” – Zimmermann (41 Jahre )

Ein 24-Jähriger Gefangener sagte, er habe erstmals über Identität nachgedacht, als er mit sechzehn seinen Pass der selbsternannten Volksrepublik Luhansk erhielt. Das Dokument stellte für ihn das erste Mal die Frage nach seiner Herkunft – und lieferte zugleich die Antwort.

Ein Chemiewerkarbeiter, 30 Jahre alt, besaß zwei technische Abschlüsse und einen Pass der selbsternannten Volksrepublik Donezk.

„Ich habe mich als einen Typen aus  Donezk verstanden. Jetzt sind wir unter russischer Kontrolle und damit faktisch Niemand.“ – Arbeiter ( 32 Jahre) 

Ein weiterer Fall: Ein 49-jähriger Straßenbahnfahrer aus Donezk wurde von seinen Vorgesetzten aufgefordert, sich beim Militärkommissariat zu melden – dies geschah im Februar 2022, noch vor Beginn der groß angelegten Invasion. Bereits am 1. März wurde er über die Krim in die Region Cherson geschickt. Er ging hin – vor Ort wurde ihm sein Telefon und Dokumente abgenommen. An diesem Tag wurden 500 Männer wie er registriert. Im März 2022 fand er sich an der Front in der Region Cherson wieder. Dabei hatte er sich vorgestellt – soweit er sich überhaupt etwas vorstellen konnte –, dass er Donezk verteidigen würde.

„Was machen wir hier in Cherson? Wir müssen die Donezk-Region befreien.“  – Tramfahrer (49 Jahre) 

Gefragt, wer den Krieg begonnen habe, hielt er inne. Russland, sagte er schließlich. „Russland hat immer versucht, geopolitisch Einfluss auf die Ukraine zu nehmen.“ Dann nahm er Abstand von dieser Einschätzung. Und griff auf eine Geschichte zurück, die sein Großvater erzählt habe. Die Kuh, so der Großvater, kümmert es nicht, ob das Heu ukrainisch oder russisch ist.

Nur drei Gefangene schilderten unabhängig voneinander in getrennten Interviews fast dieselbe Erfahrung: Sie hätten sich nach 2014 auf von der Ukraine kontrolliertem Gebiet  fremd gefühlt, weil sie Russisch sprachen. Ob es sich so zugetragen hat oder erst durch Wiederholung vereinheitlicht wurde, lässt sich nicht verifizieren.

AUF DEN ZWEITEN BLICK: EIN NEUES KRIEGSVERSTÄNDNIS

Russlands Rechtfertigung für die Invasion von 2022 beruht auf einer Behauptung über Identität. Die Menschen im Donbas und auf der Krim, so das Argument, seien Russen. Sie wollten Teil Russlands sein. Ihre Zugehörigkeit zur Ukraine sei ein Unrecht gewesen, das der Krieg korrigiere. Die Männer in diesen Lagern demonstrieren das Gegenteil dieser Behauptung. Sie trugen russische Uniformen. Einige von ihnen schossen auf ukrainische Stellungen. Russland mobilisierte sie.

Doch wenn man sie fragt, wer sie sind, sagt fast keiner von ihnen: Russe. Sie sagen Ukrainer, oder Donezker, oder ukrainisch-russisch, oder niemand, oder Sowjet, oder sie wissen es nicht. Fast keiner von ihnen meldete sich aus ideologischen Gründen freiwillig. Niemand übernahm die russischen Propagandanarrative – wie jene der „Entnazifizierung“ oder der NATO-Aggression – als eigene Erklärung. Die häufigste Reaktion auf die Frage, warum der Krieg geführt wird, ist bewusstes Schweigen.

Das ist wichtig dafür, wie Europa — einschließlich Deutschland — mit Vorschlägen für eine Lösung umgeht, die Russlands Gebietsgewinne als vollendete Tatsachen akzeptieren würde. Solche Vorschläge beruhen oft, offen oder implizit, auf der Annahme, dass die Menschen in den besetzten Gebieten eine russische Herrschaft bevorzugen. Die Umfragedaten von 2014,  durch unsere Gespräche bestätigt, deuten auf das Gegenteil hin. Die Männer, die schließlich russische Uniformen trugen, waren nicht die Vertreter einer Bevölkerung, die den Anschluss an Russland forderte. Viele von ihnen waren Menschen, die Russland nach Jahren der Besatzung mit Gewalt mobilisierte, nachdem ihr Leben zermürbt und ihre Handlungsspielräume immer enger geworden waren.

Russlands Erzählung über die Ostukraine war immer ein politisches Konstrukt. Die Menschen, die hier leben, sind komplizierter, zwiespältiger und menschlicher, als es diese Erzählung zulässt.

Die Parabel von der Kuh steht nicht für Resignation, sondern für Würde. Der Straßenbahnfahrer weiß genau, was ihm widerfahren ist; er hat nur entschieden, es vorerst nicht an sich heranzulassen.

Wie kann ich auf dem Laufenden bleiben?

  1. Das The Reckoning Project hat als investigative Organisation die vorliegenden Interviews geführt. Sie dokumentieren in ihrer Arbeit Kriegsverbrechen und Zeugenberichte des russischen Angriffskrieges auf Ukrainisch und Englisch.
  2. Ukrainska Pravda — Die ukrainische unabhängige News Organisation berichtet auf Ukrainisch und Englisch über den Krieg, Politik und Gesellschaft in der Ukraine.
  3. Das russische Exilmedium iStories (Important Stories) veröffentlicht datenbasierte Investigativ-Geschichten zum russischen Militär und Kriegsverbrechen.
  4. Mediazona ist ein unabhängiges russisches Medium mit Sitz außerhalb Russlands, das sich auf Menschenrechte, das Justizsystem und Militär konzentriert. Es arbeitet mit dem BBC Russian Service bei der Dokumentation von Opfern zusammen.

METHODOLOGIE

Im Laufe von sieben Besuchen in Kriegsgefangenenlagern im Jahr 2025 führte das Reckoning Project mehr als 40 Interviews mit Gefangenen durch, darunter Bürger aus Brasilien, Nepal, Belarus, Russland und anderen Ländern. Siebzehn davon waren mit Gefangenen aus den vorübergehend besetzten ukrainischen Gebieten und bilden die Grundlage dieser Untersuchung. Die Forscher dokumentierten zudem mehr als 15 Fälle, in denen potenzielle Befragte die Teilnahme ablehnten. Alle Interviews wurden freiwillig und anonym geführt. Jeder Teilnehmer unterzeichnete eine informierte Einwilligung, die die Erhebung persönlicher Daten und die Veröffentlichung seiner Geschichte gestattete. Bestimmte identifizierende Details wurden entfernt oder geändert, um die Sicherheit der Befragten zu schützen.

– – – – – – – – – – – – – – –

Redigat: CORRECTIV.Exile editorial team

Recherche: The Reckoning Project

Illustration: Mohamed Anwar