Zwischen Rezept und Rausch: Was werfen wir uns ein?

CORRECTIV erstellt gemeinsam mit dem SPIEGEL ein umfangreiches Lagebild über neue Drogen in Deutschland.

Tilidin, Benzos, Fentanyl und Co: Welche neuen Drogen kursieren in Deutschland? CORRECTIV und DER SPIEGEL wollen gemeinsam ein umfangreiches Bild erstellen. In einer großen Umfrage über unseren CrowdNewsroom laden wir alle ein, ihre Erfahrungen zu teilen.

Nehmen Sie an unserer Umfrage teil!

Wir fragen Abhängige, was sie konsumieren und wo sie Pillen bestellen, Angehörige, was sie wissen und erleben, und Helfende sowie Klinikpersonal, vor welchen Herausforderungen sie stehen. 

Über das Projekt

Eine Pille am Morgen, um zu funktionieren. Eine am Abend, um nichts mehr zu fühlen. Eigentlich sollen opioidhaltige Schmerzmittel wie Tilidin oder Oxycodon Leiden lindern und  Benzodiazepine bei Angstzuständen beruhigen. Sie werden als Narkosemittel oder bei Krebserkrankungen verabreicht. Weil sie stark wirken und schnell abhängig machen, fallen sie unter das Betäubungsmittelgesetz und sind verschreibungspflichtig.

In Deutschland kursieren diese Pillen jedoch zunehmend illegal. Sie werden in Telegram-Chats oder auf Schulhöfen vertickt, dubiose Onlineapotheken bieten Tablettenblister an. Es gibt gleich zwei Probleme:

  • Der Konsum opioidhaltiger Schmerzmittel steigt an
  • Gefälschte Medikamente gelangen auf den Schwarzmarkt, die gestreckt sind, die Dosierung kaum kalkulierbar.

Besonders beliebt sind die Schmerz- und Beruhigungsmittel bei jungen Erwachsenen. In der Rap-Musik wurden sie lange als Lebensstil verherrlicht, auf TikTok filmen sich Jugendliche beim Konsum. Über dieselbe Plattform kommen sie auch an die Drogen.

Unsere Recherche

Um die Lage in Deutschland zu beleuchten, fragen wir nach, recherchieren und berichten:

  • Was wird konsumiert?
  • Wo werden die Drogen verkauft – auf dem Schulhof, im Darknet, über scheinbar legale Onlineshops?
  • Warum ist es so einfach, Tabletten im Internet zu bestellen?
  • Und wo werden die Substanzen produziert oder gestreckt?

Uns interessiert auch das große Bild:

  • Was weiß die Polizei?
  • Wie reagieren Ärzte und Krankenhäuser?
  • Gibt es genug Entzugsplätze?
  • Wo fehlt Prävention, wo wird gespart?
  • Und droht Deutschland eine Opioidkrise wie in den USA?

Die Recherche findet nicht am Schreibtisch statt. Wir sind vor Ort, sprechen mit Menschen, die selbst konsumieren oder konsumiert haben – und mit denen, die in Kliniken, Beratungsstellen und zu Hause unterstützen.

Hilf mit!

 

Und wir fragen Dich: Bist du betroffen – oder kennst jemanden, der es ist? Im CrowdNewsroom kannst du uns deine Geschichte erzählen, auch anonym (hier geht’s zur Umfrage).

Arbeitest du bei der Polizei, an einer Schule oder in einer Suchtberatungsstelle und hast Hinweise oder besondere Zugänge und Netzwerke, um den CrowdNewsroom zu verbreiten? Dann schreib uns direkt: kristina.ratsch@correctiv.org.

Veröffentlichungen

Zwischen Rezept und Rausch

Die Pillen werden über Instagram oder TikTok bestellt: Suchtkliniken schlagen Alarm wegen einer wachsenden Zahl von Opiodabhängigen. Wie groß ist das Problem wirklich? CORRECTIV und DER SPIEGEL starten eine Umfrage unter Betroffenen und Angehörigen.

Fragen und Antworten

Heroin und Kokain gibt es seit Jahrzehnten auf dem Schwarzmarkt – über Herstellung und Vertrieb ist viel bekannt. Anders sieht es bei opioidhaltigen Schmerzmitteln und Benzodiazepinen aus: Ihr Konsum ist gestiegen, und gleichzeitig sind neue, teils extrem starke Substanzen aufgetaucht. Ein Bericht des Instituts für Therapieforschung vom März 2026 belegt: Gefälschte Medikamente sind weit verbreitet. 2025 wurden mehrfach Tabletten sichergestellt, die aussahen wie das Schmerzmittel Oxycodon Tatsächlich enthielten sie aber das synthetische Opioid Nitazen, das noch einmal deutlich stärker ist als Fentanyl. Auch gefälschte Benzodiazepine wurden mit solchen Stoffen gestreckt. Die Fälschungen sind optisch kaum von echten Medikamenten zu unterscheiden. Wer sie einnimmt, weiß oft nicht, was er schluckt.

Unser Fokus liegt auf diesen neuen Substanzen. Heroin und Kokain kommen aber auch im CrowdNewsroom vor, weil Mischkonsum als besonders gefährlich gilt und ebenfalls zunimmt.

Opioide sind hochwirksame Schmerzmittel, die vor allem in der Krebsbehandlung eingesetzt werden. Im Unterschied zu natürlichen Opioiden wie Morphin oder Codein, die aus dem Milchsaft des Schlafmohns stammen, werden synthetische Opioide chemisch im Labor hergestellt. Dazu zählen etwa Methadon, Tramadol, Fentanyl, Nitazene oder Tilidin. Sie sind viel potenter als natürliche Opioide. Zum Vergleich: Morphin gilt als Referenzwert mit dem Faktor 1, Fentanyl ist rund 100-mal, Nitazene sogar bis 120-mal stärker.¹ Daneben gibt es halbsynthetische Opioide wie Heroin oder Oxycodon.

In unserer Recherche geht es nicht um alle synthetischen Drogen, sondern vor allem um opioidhaltige Schmerzmittel und Benzodiazepine. Benzodiazepine gehören zu einer anderen Gruppe psychoaktiver Substanzen – sie sind keine Opioide, gehören aber ebenfalls zur Gruppe der Downer, weil sie auf das zentrale Nervensystem dämpfend und beruhigend wirken.

Opioide binden an Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Sie wirken schmerzstillend, dämpfen, beruhigen und euphorisieren. Weil sie das Belohnungssystem aktivieren, ist der Zwang, mehr zu konsumieren, groß und man wird schnell abhängig.

Derzeit zeichnet sich noch keine akute Krise ab.³ In den USA ist das synthetische Opioid Fentanyl für bis zu 70.000 Drogentote jährlich verantwortlich. Die Krise entwickelte sich über 25 Jahre, weil Ärzte viel zu häufig opioidhaltige Schmerzmittel verschrieben und sich vor allem ein Pharmakonzern an Abhängigen bereicherte. Die Sackler-Familie verdiente mit ihrem Unternehmen Purdue Pharma Milliarden an dem Schmerzmittel OxyContin – einem der stärksten und süchtig machendsten Opioiden auf dem US-Markt. Interne Dokumente zeigen, dass die Familie wusste, wie abhängig das Medikament macht, es aber trotzdem aggressiv an Ärzte vermarktete und die Risiken jahrelang verschwieg. Als Patientinnen und Patienten keine Rezepte mehr erhielten, wichen sie auf den Schwarzmarkt aus. In Deutschland werden Schmerzmittel kontrollierter verabreicht. Doch wie sich die Lage entwickelt, ist offen. Die Frühwarnsignale sind deutlich: Viele junge Menschen sind betroffen, in den sozialen Medien wird der Konsum verharmlost und gefälschte Tabletten kursieren bereits auf dem Schwarzmarkt.

Die Entwicklungen in Zahlen

Die offiziellen Statistiken zu Drogentoten in Deutschland sind nur begrenzt aussagekräftig, die Dunkelziffer ist hoch. Das liegt daran, wie ein Drogentod definiert wird, ob überhaupt bekannt ist, dass eine Person konsumiert hat, und ob ein toxikologisches Gutachten erstellt wurde.⁵ Was bekannt ist:

0  Drogentote
wurden 2024 in Deutschland registriert.⁶ In 60,2 Prozent der Fälle war mindestens ein Opioid beteiligt.⁷ Bei den unter 20-Jährigen spielten opioidhaltige Schmerzmittel in knapp einem Drittel der Todesfälle eine Rolle, meist im Kontext von Mischkonsum.
0  Prozent
Um diese Prozente stieg die Zahl der Todesfälle durch Oxycodon, von 57 Personen im Jahr 2023 auf 89 Personen im Jahr 2024. In 96,6 Prozent der Fälle nahmen die Betroffenen weitere Substanzen.
0  Jahre
alt werden Drogenabhängige in Deutschland im Schnitt. Menschen, die an Oxycodon sterben, werden durchschnittlich nur 30,6 Jahre alt.
0  Tabletten
stellte das LKA Bayern im Frühjahr 2025 sicher, die als Oxycodon verkauft wurden, tatsächlich aber das hoch gefährliche Nitazen N,N-Dimethyletonitazen enthielten.
0  Prozent
der 15- bis 18-Jährigen und 7 Prozent der 19- bis 30-Jährigen gaben in einer Studie an, bereits Opioide konsumiert zu haben.
0  Jahre
beträgt das Durchschnittsalter der Patientinnen und Patienten in stationären Rehabilitationskliniken wegen Opioidabhängigkeit. Vor sieben Jahren lag es noch bei 40,5 Jahren. ⁸ Die Abhängigen werden immer jünger.
0  Prozent
der Menschen, die ambulant wegen Opioidkonsums behandelt werden, schließen die Behandlung ab. Im stationären Bereich sind es 69 Prozent.

Hilfsangebote

Wenn du selbst oder Angehörige von Sucht betroffen sind, findest du vertrauliche und wohnortnahe Hilfsangebote über die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Dort kannst du schnell passende Beratungsstellen in deiner Nähe finden.

Credits