Wohnen

Wo reicht Ihr Geld zum Wohnen?

Wo können Sie sich mit Ihrem Einkommen Wohnen noch leisten – und wo nicht? Und wie viel Prozent Ihres Nettoeinkommens gehen fürs Wohnen drauf? Die Antworten verrät Ihnen unser Wohnometer, das auf exklusiv von CORRECTIV.Schweiz ausgewerteten Miet- und Kaufpreisen basiert.

von Hanna Fröhlich

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Wer etwa in Zürich wohnen will, konkurriert auf einem Markt, auf dem nur jede tausendste Wohnung frei steht. Foto: Samuel Quek / unsplash.com (beschnitten)

Tausende Menschen marschierten Ende Mai durch die Strassen von Zürich. Ihr gemeinsames Leid: Wohnungsnot. Dabei geht es nicht nur um einen Mangel an Wohnungen, sondern allen voran um ihren Preis.

Lena, 25, ist für ihren Master von Berlin nach Zürich gezogen. „Ich arbeite in einem Quartierscafe in Teilzeit als Servicekraft, so viele Stunden wie neben dem Studium möglich sind.“ Mit Abzügen verdient sie 24.50 Franken pro Stunde. „Wie viel ich arbeite, hängt aber stark von meinem Chef ab, manchmal bekomme ich nicht so viele Einsätze.“ In der Regel bewegt sich ihr Einkommen zwischen 1’000 und 1’500 Franken im Monat. „Von meiner Familie werde ich nicht mehr finanziell unterstützt, ich bin also voll und ganz auf dieses Einkommen angewiesen.“

Im Vergleich zu vielen anderen hatte Lena Glück. Sie hat ein WG-Zimmer in der Stadt gefunden. In der Wohnung sind sie zu dritt. „Es ist eine normale Verwaltung, keine Juwo oder Genossenschaft, und ich bezahle 600 Franken im Monat für mein Zimmer.“ Dies aber auch nur, weil die Wohnung bald abgerissen wird. „Wir haben einen befristeten Vertrag bis Oktober 2027.“

Vor allem in den Städten wird immer mehr abgerissen und teuer neu gebaut, Mieterinnen und Mietern leer gekündigt und daraufhin teuer saniert. Die Folge: Die Angebotsmieten mit geringem und selbst mit mittlerem Einkommen sind oft nicht mehr bezahlbar. Dazu kommt: Kaufen ist angesichts der Immobilienpreise vielerorts ebenfalls unmöglich.

Das Wohnometer

Bisher gab es keine lokalen Daten, die Wohnpreise vergleichbar machten. Unser europäisches Netzwerk CORRECTIV.Europe hat erstmals Mieten und Kaufpreise aus allen knapp 100’000 Städten und Gemeinden in Europa ausgewertet. So auch für die Schweiz und ihre Gemeinden.

Wo ist die Belastung am grössten? Und wo gibt es noch bezahlbaren Wohnraum? Auf dieser interaktiven Karte können Sie Ihr Gehalt angeben und sehen, wo Sie sich eine Wohnung von 45 oder 75 Quadratmetern leisten könnten – zur Miete oder zum Kauf – und wo nicht.

Methodik

Die Preisdaten wurden uns von dem EU-Forschungsprojekt ESPON House4All zur Verfügung gestellt. Die Wissenschaftler haben die durchschnittlichen Angebotsmieten und Kaufpreise in den knapp 100’000 Städten und Gemeinden zwischen März 2024 und März 2025 ermittelt. Dafür haben sie mehr als 100 Millionen Angebote auf Immobilienportalen ausgewertet. In den meisten Ländern wurden die Meta-Portale Properstar und Nestoria analysiert. Es können teils Nebenkosten enthalten sein, wenn sie in dem inserierten Mietpreis inbegriffen und nicht gesondert ausgewiesen waren.

Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Situation, mit der viele Wohnungssuchende konfrontiert sind: Wenn sie umziehen wollen oder müssen, online nach einer neuen Wohnung suchen – und dabei nicht auf persönliche Empfehlungen, Kontakte oder Wartelisten zurückgreifen können.

Auf der Karte wird sichtbar, wo die Miete oder die monatliche Kreditrate 30 Prozent eines Nettolohns überschreiten würden und deshalb als unleistbar eingestuft sind. Diese Grenze gilt als Faustregel für die Leistbarkeit und wurde – in Ermangelung eines genaueren Massstabs – auch von Harvard-Wissenschaftlern als verlässliche Grösse bestätigt.

Der Wohnungsmangel in der Schweiz betrifft besonders städtische Gebiete. Dort finden sich kaum mehr bezahlbare Angebote. Auch Tourismusorte mit Bergnähe, wie Altdorf in Uri, haben vermehrt Mühe, den dort dauerhaft Wohnenden eine bezahlbare Wohnung zu bieten. Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) spiegeln innerhalb der letzten 30 Jahre einen signifikanten Anstieg der Mieten wider. Der durchschnittliche monatliche Mietzins (Netto) für Miet- und Genossenschaftswohnungen in der Schweiz ist konkret von 820 Franken (1990) auf 1’485 Franken (2024) gestiegen. Dies entspricht einem nominalen Anstieg um rund 81 Prozent.

Rund 44 Prozent der Mietwohnungen in der Schweiz gehören institutionellen Eigentümern, darunter Pensionskassen. Diese investieren in Immobilien, um Renten zu finanzieren. Je höher die Mieten, desto grösser der Profit. Denn 61 Prozent der Schweizer Bevölkerung leben zur Miete, einer der höchsten Werte in Europa. Dadurch treffen steigende Mieten einen viel grösseren Teil der Bevölkerung als in Ländern mit hoher Wohneigentumsquote.

Aber auch Kaufen ist teurer geworden. Laut der Immobilienbewertung Real Advisor stiegen 2025 die Preise für Eigentumswohnungen landesweit um rund 4,2 Prozent. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt aktuell bei zirka 7’904 Franken.

Vergleichsweise reich, aber arm

In kaum einem anderen Land Europas verdienen Menschen nominell so viel – und fühlen sich gleichzeitig so arm wie in den teuersten Regionen der Schweiz. Zu den häufigsten Niedriglohnbranchen gehören Reinigung, Detailhandel, Gastronomie, Pflegehilfsberufe, Logistik, Lieferdienste und private Betreuung. Viele dieser Berufe gelten gleichzeitig als gesellschaftlich unverzichtbar.

Zwar scheint es der Schweizer Bevölkerung mit einem Medianlohn von brutto rund 7’024 Franken gutzugehen. Doch gerade weniger gut ausgebildete Personen, Frauen, und Ausländerinnen und Ausländer verdienen deutlich weniger.
Working poor – also viel arbeiten und trotzdem arm sein – ist hierzulande verbreitet. Denn die Schweiz hat eine Arbeitslosenquote von nur rund 2,4 Prozent im Jahresdurchschnitt 2024. Viele Menschen arbeiten, können sich aber die Städte, in denen sie arbeiten, immer weniger leisten. Bei tiefem Einkommen liegt die Wohnkostenbelastung oft deutlich über den empfohlenen 30 Prozent des Einkommens. Beispiel: Mit einem Nettoverdienst von 4’200 Franken und einer Miete von 1’900 Franken gehen fast 45 Prozent des Einkommens allein für die Miete weg.

Dadurch bleibt deutlich weniger Geld für Krankenkasse, Kinderbetreuung, Rücklagen, Freizeit und Altersvorsorge. „Die Miete kann ich bezahlen, dafür bleibt mir immer ein bestimmter Bereich des sozialen Lebens verwehrt, Essen oder was trinken gehen bei mir im Quartier zum Beispiel, das liegt einfach nicht drin“, beklagt Lena. Sie fühlt sich in einem Teufelskreis gefangen. „Ich bin zwar zum Studieren hierhergekommen, aber muss meine ganze Freizeit durcharbeiten, auch um die Miete zu finanzieren. Trotzdem habe ich wirklich viel Glück mit der Wohnung.“

Im Ländervergleich

Im Ländervergleich sind die durchschnittlichen Kaufpreise in Luxemburg (8’473 Euro pro Quadratmeter), der Schweiz (8’093 Euro) und Malta (6’792 Euro) am höchsten. Die durchschnittlichen Mieten sind in Luxemburg (27,74 Euro pro Quadratmeter und Monat), Island (27,20 Euro) und der Schweiz (25,02 Euro) am höchsten.

Die Wohnkosten in ganz Europa sind in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen, sodass es für viele Menschen schwierig geworden ist, sich Wohnraum leisten zu können. Laut Daten von Eurostat stiegen die durchschnittlichen Mieten zwischen 2015 und 2025 um 21,1 Prozent, während die Kaufpreise im selben Zeitraum sogar um 63,6 Prozent zunahmen – wobei die Mieten in städtischen Gebieten noch stärker anstiegen.

Während früher vor allem Menschen mit sehr tiefem Einkommen Probleme mit bezahlbarem Wohnraum hatten, berichten heute zunehmend auch Lehrpersonen, Pflegefachkräfte, junge Akademikerinnen und Berufseinsteiger von Schwierigkeiten, in Städten wie Zürich oder Genf eine Wohnung zu finden. Wer also heute in Zürich eine Wohnung sucht, konkurriert auf einem Markt, auf dem nur jede tausendste Wohnung frei steht – und durchschnittliche Neuvermietungen (vier Zimmer) längst 2’200 Franken pro Monat kosten.

Text & Recherche: Hanna Fröhlich, Sven Niederhäuser, Lilith Grull, Frida Thurm
Redaktion: Marc Engelhardt
Faktencheck: Janina Bauer
Daten und Visualisierung: Luc Martinon
Bild: Ivo Mayr
Kommunikation: Charlotte Liedtke