Polnisch-Belarussische Grenze

Hochgerüstet für den hybriden Krieg

Polen sieht sich als Bollwerk gegen Belarus und Russland. Seit 2021 Tausende Migranten nach Polen zu gelangen versuchten, ließ die Regierung die Grenze hochrüsten. Derzeit ist es ruhig - ein Beleg dafür, dass Migration aus Minsk und Moskau gesteuert werde, heißt es vor Ort, und dass Polen richtig gehandelt habe. Doch der Preis ist hoch.

von Anna Pawłowska-Jarmoła , Silvia Stöber

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Polnischer Soldat beschreibt die Lage an der Grenze zu Belarus. Quelle: Polnisches Verteidigungsministerium

Ein Soldat liegt am Boden, ein Sanitäter versorgt eine Stichwunde an seinem rechten Oberschenkel. Drei Soldaten mit Polizeischilden decken die beiden vor Angriffen. Im Gras und hinter Bäumen bewachen weitere Soldaten im grün-braunem Tarnfleck der polnischen Streitkräfte die Lichtung am Waldrand. 20 Meter weiter glitzert ein Stacheldrahtwall in der Vormittagssonne am Grenzfluss Krynka. Auf der anderen Uferseite steht ein grün-weiß-roter Pfahl mit dem Hoheitszeichen von Belarus.

Es ist eine Übung der Einsatzgruppe Podlasien der polnischen Streitkräfte. Sie trainieren für einen Notfall, wie er ähnlich im Mai 2024 passiert ist. Damals wurde ein Soldat an der polnisch-belarussischen Grenze von einem Flüchtling mit einem Messer attackiert. Während er versorgt wurde, hätten Migranten von der belarussischen Seite aus Steine geworfen, sagt Hauptmann Szymon Głazowski, Sprecher der Einsatzgruppe Podlasien. „Wir trainieren für solche Fälle. So etwas könnte hier heute nicht mehr passieren. Das ist nicht mehr dieselbe Grenze wie vor einigen Jahren“, sagt Głazowski.

Kameras, Drohnen, Sensoren

Die polnisch-belarussische Grenze ist 418 Kilometer lang. Auf 186 Kilometern erstreckt sich ein 5,5 Meter hoher Stahlzaun, der 2022 für mehr als 350 Millionen Euro fertiggestellt wurde. 180 Kilometer verlaufen entlang von Flüssen und Sümpfen. Dieses Gebiet ist nur mit Stacheldrahtrollen gesichert. Die gesamte Grenze wird mit Kameras, Drohnen und Sensoren überwacht, die auch Vibrationen im Boden registrieren und so auf den Bau von Tunneln reagieren sollen. Auch das hat es schon gegeben.

„Wir müssen nicht an jedem Meter der Grenze physisch präsent sein. Wenn sich jemand der Barriere nähert, sendet das System ein Signal, und eine Patrouille wird zum Ort des Geschehens entsandt“, erklärt Głazowski. In vielen Fällen gäben die Migranten dann ihre Versuche auf, die Grenze zu überqueren. Bei den technischen Vorkehrungen will er nicht weiter ins Detail gehen, versichert nur, dass ihnen nichts entgeht.

Głazowski und die anderen Soldaten tragen Sonnenbrille, Gesichtsmaske, Schutzweste und Helm. Zwei Begleiter sind mit polnischen Sturmgewehren FB MSBS Grot ausgerüstet, die Mobiltelefone in den Flugmodus geschaltet. Auf den Uniformen sind weder Name noch Dienstgrad verzeichnet. Sie wollten von den Grenzschützern auf der belarussischen Seite nicht erkannt werden, erklärt Głazowski. Kurz darauf nähert sich auf der belarussischen Seite ein weißes Fahrzeug und biegt dann 100 Meter vor dem Grenzzaun ab in den Wald. „Dort drüben, hinter diesem Hügel, haben sie einen Beobachtungsposten. Wir sehen sie nicht, aber sie können uns sehen.“

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Einst an dieser Stelle durch eine Straße verbunden, trennen Polen und Belarus nun schwer gesicherte Grenzanlagen und ein Graben. Foto: Silvia Stöber
Einst an dieser Stelle durch eine Straße verbunden, trennen Polen und Belarus nun schwer gesicherte Grenzanlagen und ein Graben. Foto: Silvia Stöber

Militär an der Grenze

Einheiten des polnischen Militärs sind seit Sommer 2023 an der Grenze zu Belarus stationiert. Zu der Zeit war die Lage sehr angespannt: Belarussische Streitkräfte hielten in Grenznähe Militärübungen ab. Die damals noch existierende Wagner-Miliz des russischen Geschäftsmannes Jewgeni Prigoschin kündigte an, sich in Belarus niederzulassen. Und die Zahl der illegalen Grenzübertritte nahm weiter zu.

Die polnischen Soldaten patrouillieren seither neben dem regulär stationierten Grenzschutz. Diesem übergeben sie laut Auftrag Personen, die illegal die Grenze überqueren. Das Mandat wird regelmäßig vom Verteidigungsministerium verlängert, verschiedene Militäreinheiten wechseln sich ab.

Im Grenzgebiet wirken die Streitkräfte allgegenwärtig. Auf den Straßen und in den Dörfern sind ihre gepanzerten Allrad-Fahrzeuge vom Typ Leguan (Polnisch: Legwan) zu sehen, die mit Maschinengewehren und Granatwerfern aufgerüstet werden können. Die Soldaten tragen auch abseits der unmittelbaren Grenzanlagen Schutzweste, Helm, Gesichtsmaske und Sturmgewehr.

Sonst wirkt das Grenzdorf Krynki an einem Juni-Abend sehr lebendig. Auf vielen Grundstücken sind polnische Flaggen zu sehen, auf einigen auch EU-Flaggen. In der Dorfmitte mit einem Supermarkt und einem kleinen Park geht es auch am Abend geschäftig zu. Viele Tore zu Grundstücken am Dorfrand stehen offen, Nachbarn unterhalten sich. Am Dorfausgang Richtung Grenze gibt es einen Kontrollpunkt. Am Waldrand vor der Grenzanlage ist ein Jeep des Grenzschutzes postiert. Spaziergänger, Störche und Rehe lassen sich davon in der Abendsonne nicht stören.

Handschuhe im Stacheldraht zeugen davon, wie Migranten versucht haben, die schwer gesicherten Grenzanlagen zu überwinden. Foto: Silvia Stöber
Handschuhe im Stacheldraht zeugen davon, wie Migranten versucht haben, die schwer gesicherten Grenzanlagen zu überwinden. Foto: Silvia Stöber

Verstoß gegen das Völkerrecht

Der Soldat, der im Mai 2024 von einem Migranten verletzt worden war, starb einige Tage später im Krankenhaus. Das erhöhte noch einmal den Druck auf die liberal-konservative Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk. Sie verschärfte den ohnehin schon harten Kurs in der Migrationspolitik, den die Vorgängerregierung der nationalkonservativen Partei PiS gefahren hatte. Zudem präsentiert sich Staatspräsident Karol Nawrocki als Gegenspieler der Regierung. Er ist zwar parteilos, steht aber für den nationalkonservativen und EU-skeptischen Kurs der PiS.

Im März 2025 schränkte Tusks Regierung das Asylrecht an der Grenze zu Belarus ein. Wer illegal über die Grenze kommt, darf kein Asyl beantragen. Wer aufgegriffen wird, kann durch Türen im Grenzzaun zurückgeschoben werden. Ausnahmen gelten nur für Schwangere, unbegleitete Minderjährige und andere Schutzbedürftige. Polen verweist auf eine vergleichbare Regelung in Finnland.

Das Gesetz verstoße gegen die polnische Verfassung und das Völkerrecht, erklärt Aleksandra Chrzanowska von der NGO „Gesellschaft für rechtliche Intervention“. Jeder Mensch habe das Recht auf internationalen Schutz. Auch dürfe nicht die Grenzschutzbehörde über die Ablehnung von Asylanträgen entscheiden, sondern die Ausländerbehörde. Zudem beobachte ihre Gruppe und eine weitere Menschenrechtsorganisation, dass der Grenzschutz in der Regel auch keine Anträge von Schutzbedürftigen annehme, so die Menschenrechtlerin. „Tatsächlich sind schwangere Frauen die einzige Gruppe, die wirklich eine Chance hat, weil es sich hierbei um eine sehr eindeutige Situation handelt.“

Auffällige Statistiken

Wie die Regierung in Finnland bewertet auch Polen die Migrationsschübe als Instrument des hybriden Krieges, den Belarus und Russland in Europa führen.

Die Statistik ist in der Tat auffällig: Im Jahr 2020 registrierten die polnischen Behörden 129 Versuche von Personen, aus Belarus über die damals noch leicht zu überquerende Grenze nach Polen zu gelangen. Ab Juni 2021 stieg die Zahl bis auf 17.447 allein im Monat Oktober 2021 an. Im gesamten folgenden Jahr 2022 wurden dann nur noch 15.700 Versuche registriert.

Im Juni 2022 wurde der 5,5 Meter hohe Stahlzaun fertiggestellt und ein Jahr später das umfassende System mit Kameras und Bewegungssensoren in Betrieb genommen.

Dennoch registrierten die polnischen Behörden eine weiter wachsende Zahl an illegalen Grenzübertrittsversuchen: Im Jahr 2023 waren es mehr als 26.000, im Jahr 2024 etwa 30.400. Im folgenden Jahr 2025, als für diesen Grenzabschnitt das Asylrecht ausgesetzt wurde, blieb die Zahl bei mehr als 29.600 auf einem ähnlich hohen Niveau.

Grafik: Sebastian Haupt
Grafik: Sebastian Haupt

Brutale Übergriffe

Leutnant Michał Bura vom polnischen Grenzschutz erinnert sich an die angespannten Zeiten, als viele Menschen die anfangs noch provisorisch errichteten Stacheldrahtanlagen zu überwinden versuchten: Es habe körperliche und verbale Übergriffe gegeben. Kolleginnen seien besonders brutal angegangen worden. „Ich erinnere mich an eine Gruppe von Migranten, die uns sehr aggressiv angegriffen hat. Einer der Männer zeigte auf unsere Kollegen und Kolleginnen und schrie: ‚Ich werde euch töten und ich werde euch vergewaltigen.‘“

„Manchmal griff uns eine große Gruppe an einer Stelle an. Die Idee dahinter war, unsere Kräfte zu binden, während jemand anderes versuchte, sich an einer anderen Stelle durchzuschlängeln. Wir sahen auch die Frustration der Menschen, die es ein weiteres Mal nicht nach Polen geschafft hatten. Aber ein Teil dieses Verhaltens wurde einfach angestiftet“, sagt Bura.

Er meint belarussische Soldaten, Grenzschützer, Männer in Zivil, offenbar Geheimdienstler, die die Menschen an verschiedene Orte transportiert, sie zum Grenzzaun geführt und sie manchmal sogar mit Werkzeugen versorgt hätten, um ihnen beim Überqueren der Grenze zu helfen. „Wir haben sie bei praktisch jedem größeren Versuch gesehen. Diese Leute agierten nicht im luftleeren Raum“, betont Bura.

Ruhe an der polnischen Grenze

Im Kontrast dazu steht die Ruhe, die derzeit an der polnisch-belarussischen Grenze herrscht: Von Januar bis Mai wurden nur 215 Versuche illegaler Grenzübertritte registriert. Das ist ein Rückgang von 98 Prozent im Verhältnis zum gleichen Zeitraum 2025.

„Der letzte Versuch, die Grenze in unserem Sektor bei Krynki zu überqueren, wurde im vergangenen November verzeichnet“, bestätigt ein Grenzschutzbeamter die Lage. Der junge Beamte trat seinen Dienst nach dem Höhepunkt der Migrationskrise an. Es sagt, es gebe derzeit keine Einsätze mehr gegen große Gruppen von Migranten. Stattdessen erledige er mit seinen Kollegen Routineaufgaben, zum Beispiel die Grenzanlagen zu überprüfen.

Die Menschenrechtlerin Chrzanowska bestätigt: „Es stimmt, dass wir in diesem Jahr nur sehr wenige Hilferufe aus diesem polnischen Abschnitt der Grenze zu Belarus erhalten haben.“ Jedoch geht sie davon aus, dass die Zahl der tatsächlichen oder auch versuchten Grenzübertritte höher als offiziell angegeben ist.

Sie begründet dies mit Beobachtungen an der Grenze. So richte der Grenzschutz immer dann Kontrollpunkte ein, wenn jemandem ein Grenzübertritt gelungen sei. Auf der Suche nach den Entkommenen würden Autos angehalten und Kofferräume durchsucht. Auch berichteten Anwohner ihrer Organisation, dass sie Menschen beim Überqueren der Grenzanlagen gesehen hätten oder nachts jemand bei ihnen an die Tür geklopft habe, um Wasser zu erbitten.

Grenzanlagen an der polnisch-belarussischen Grenze. Quelle: Polnisches Verteidigungsministerium
Grenzanlagen mit Zaun, Stacheldrahtwällen und Sensoren an der polnisch-belarussischen Grenze. Quelle: Polnisches Verteidigungsministerium

Entscheidung in Moskau und Minsk

Leutnant Bura sagt, inzwischen habe sich bis zu den Startpunkten der Migrationsrouten herumgesprochen, wie stark gesichert die Grenze inzwischen ist: „Polen gilt mittlerweile als ein Land, über das man nur schwierig nach Europa gelangen kann.“

Die Grenzschutzbeamten glauben jedoch nicht, dass sich die derzeitige Ruhe allein durch die Wirksamkeit der Grenzanlagen erklären lässt. Wenn die Krise von Anfang an durch politische Entscheidungen auf belarussischer und russischer Seite vorangetrieben wurde, dann könnte auch die derzeitige Ruhephase von denselben Faktoren abhängen. Deshalb gebe es keine Gewissheit darüber, wie lange diese Situation anhalten wird.

Die momentan ruhige Lage nach den Migrationswellen seit 2021 sieht auch Kamil Kłysiński, Experte für Belarus, Ukraine und Moldau am Zentrum für Osteuropa-Studien in Warschau, als Beleg für eine aus Minsk und Moskau gesteuerte Operation. Für ihn ist klar, dass der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko angesichts seiner engen Bindung an Russland kein unabhängiger Akteur ist, „geschweige denn der alleinige Urheber dieser Operation“. Sie „wurde zweifellos zwischen den beiden Staaten koordiniert“, so Kłysiński. Putin und Lukaschenko hätten sich mehrfach getroffen und dabei reichlich Gelegenheit zur Abstimmung solcher Maßnahmen gehabt.

Die belarussischen Geheimdienste seien nur regional tätig. Die russischen Dienste dagegen verfügten über größere Kapazitäten und agierten global, so der Experte: „Die Anwerbung von Migranten im Nahen Osten, in Asien und Afrika wäre ohne russische Unterstützung nicht möglich gewesen, ebenso wenig wie deren Transport nach Belarus aus verschiedenen Richtungen. Wir sehen hier die Anwendung von russischem Know-how, das bis in die Jahre 2014 und 2015 zurückreicht, als Migrationsdruck an den Grenzen zu Finnland und Norwegen herrschte. Die Russen haben großes Geschick angewandt, als es darum ging, die Migration aus Syrien anzukurbeln.“

Erpressungsversuch

Darüber hinaus verweist Kłysiński auf die Interessen Lukaschenkos und Wladimir Putins. Letzterer habe die Reaktions- und Widerstandsfähigkeit der NATO und der EU testen wollen, dies zur Vorbereitung für den Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022. „Es war ein Test im Vorfeld einer weitaus ernsteren Bedrohung, nämlich eines konventionellen Krieges.” Außerdem habe Putin das Ziel verfolgt, Ressourcen und Aufmerksamkeit von der Ukraine abzulenken. „Glücklicherweise ist auch das nicht gelungen.“

Lukaschenko andererseits habe den Westen zu Verhandlungen über die harten Sanktionen gegen Belarus zwingen wollen, die nach der Niederschlagung der brutalen Niederschlagung der Proteste gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahl 2020 verhängt worden waren. Die Ruhe jetzt sei auch vor dem Hintergrund von Verhandlungen zwischen Belarus und der US-Regierung zu sehen, in deren Folge die USA einige Sanktionen aufgehoben haben.

Polen wiederum öffnete im November 2025 nach mehreren Jahren seine Grenzübergänge wieder für belarussische Waren. Menschenrechtlerin Chrzanowska sieht dahinter „eine Art Abmachung“ von Regierungschef Tusk mit Lukaschenko. „Unserer Einschätzung nach hat Lukaschenko, nachdem er nun bekommen hat, was er wollte, die Unterstützung dieses Migrationsstroms entlang des polnischen Grenzabschnitts eingestellt.“

Grenzzaun an der polnisch-belarussischen Grenze. Foto: Silvia Stöber
Der 5,5 Meter hohe Grenzzaun erstreckt sich über 186 Kilometer an der polnisch-belarussischen Grenze. Foto: Silvia Stöber

Ausweichrouten nach Lettland und Litauen

Kłysiński geht wie der Grenzschutz davon aus, dass die massiven Grenzanlagen eine Wirkung erzielen. „Nicht jeder ist verzweifelt genug, um sein Leben und seine Gesundheit für eine Zukunft in Europa zu riskieren.“

Dafür kommen jetzt mehr Migranten an die Grenze zu Lettland. Das Grenzgebiet dort ist stark bewaldet, es gibt Sümpfe, Flüsse und keine mit Polen vergleichbaren Sicherheitsmaßnahmen, wie Kłysiński erklärt. Die Führungen in Minsk und Moskau wollten so die Nachbarstaaten gegeneinander ausspielen, außerdem solle der Migrationsdruck aufrechterhalten werden. „Es ist wie eine Maschine, die in Gang gesetzt wurde. Sie muss irgendwo weiterlaufen.“ Auch Finnland und Norwegen könnten nach Einschätzung Kłysińskis wieder in den Fokus geraten.

Flüchtlingshelferin Chrzanowska verweist auf Statistiken des lettischen Grenzschutzes, der im Mai pro Tag um die 100 Grenzübertrittsversuche registriert habe. Viele der Migranten bewegen sich dann nach Litauen und weiter zur polnischen Grenze, wo sie vom Grenzschutz festgenommen werden. Chrzanowska spricht von Schleusernetzwerken: „So funktionieren Migrationsrouten. Selbst wenn eine Route künstlich geschaffen wurde, unterliegt sie längst ihrer eigenen Dynamik.“

Als Konsequenz führte Polen am 7. Juli wieder Grenzkontrollen an der litauischen Grenze ein. Seit Jahresbeginn überstellte Polen im Rahmen des Rückübernahmeverfahrens fast 950 Migranten an Litauen. Im Halbjahr davor waren es lediglich knapp 260 Personen.

„Entmenschlichende Vorgehensweise“

Grenzschützer und Militärs in Polen sagen, Putin und Lukaschenko hätten ihnen paradoxerweise einen Gefallen getan: Sie hätten Polen dazu gezwungen, die Grenzsicherheit zu verbessern, neue Fähigkeiten und neue Verfahren der Kooperation zu entwickeln. Insofern habe man die Bewährungsprobe bestanden.

Kłysiński sagt dazu: Es habe einige Zeit gedauert, bis sich Polen, Litauen und Lettland an die neue Situation angepasst hätten. Diese Verbesserung der Fähigkeiten und der Ausbildung sei jedoch auf Kosten menschlichen Leids geschehen. Das sei leider in jedem Krieg der Fall. „Wir hätten es nicht für möglich gehalten, dass sie in der Lage sind, Menschen, die durch tragische Lebensumstände oder politische Verfolgung getrieben waren, als Waffen einzusetzen. Die Migranten wurden als Kanonenfutter behandelt. Das ist eine völlig entmenschlichende Vorgehensweise.“ Und: Nichts deute darauf hin, dass Belarus und Russland den konventionellen und den hybriden Krieg gegen den Westen aufgeben werden.

Chrzanowska hält den Begriff der „hybriden Kriegsführung“ für überstrapaziert. Sie kritisiert die Regierung von Donald Tusk scharf. Wenn Lukaschenko Menschen zur Destabilisierung Europas einsetze, dann unterscheide sich die rechtswidrige Reaktion der polnischen Regierung darauf nicht von Lukaschenkos Handeln: „Die Stärke eines Staates zeigt sich nicht darin, dass er mit Gewalt gegen Migration vorgeht. Die Stärke eines Staates zeigt sich in seiner Achtung vor dem Recht und den Menschenrechten.“

Redaktion und Faktencheck: Anette Dowideit und Alexej Hock